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Ein brisantes Thema, Serie: Teil 1

Chro­nisch Kranke im Klein- und Mittel­be­trieb

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Chro­ni­sche Erkran­kun­gen sind ein tiefer Einschnitt in das Leben und stel­len insbe­son­dere die Teil­habe am Arbeits­le­ben in Frage. Während die meis­ten Groß­be­triebe mit einge­spiel­ter Routine in der betrieb­li­chen Wieder­ein­glie­de­rung Betrof­fe­nen weiter­hin eine Arbeits­per­spek­tive bieten, tun sich kleine und mittel­stän­di­sche Unter­neh­men (KMU) häufig schwer, die vorhan­de­nen Möglich­kei­ten auszu­schöp­fen. Teil eins der neuen Arti­kel­se­rie klärt den Begriff „chro­ni­sche Krank­heit“ und befasst sich mit den recht­li­chen Hinter­grün­den.

Bedenkt man, dass mehr als zwei Drit­tel aller Erwerbs­tä­ti­gen in Betrie­ben mit weni­ger als 250 Beschäf­tig­ten arbei­ten, wird die Brisanz des Themas offen­bar. Im Forschungs­pro­jekt (siehe Kasten auf Seite 34) zeig­ten sich darüber hinaus erheb­li­che Unter­schiede hinsicht­lich der Bran­chen und der darin geleb­ten Arbeits­kul­tu­ren. In klei­nen Pfle­ge­be­trie­ben wird zum Beispiel eher als in ande­ren klei­be­trieb­li­chen Bran­chen offen über Belas­tun­gen und Krank­hei­ten gespro­chen. Hier erscheint der Anteil an Arbeit­ge­bern, die Mitar­bei­ter bei gesund­heit­li­chen Einschrän­kun­gen zu halten versu­chen, höher als in ande­ren Bran­chen.

In allen unter­such­ten Arbeits­kul­tu­ren gibt es einen laten­ten Fach­kräf­te­man­gel. Dennoch entschei­den sich viele Klein­un­ter­neh­mer dafür, kranke Beschäf­tigte zu entlas­sen, weil es an Kennt­nis­sen, Phan­ta­sie und Bereit­schaft für eine andere Arbeits­or­ga­ni­sa­tion und eine andere Aufga­ben­ver­tei­lung mangelt. Ebenso fehlen Infor­ma­tio­nen über Hilfe­stel­lun­gen der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger und des Reha­bi­li­ta­ti­ons­sys­tems oder es herrscht grund­sätz­li­ches Miss­trauen in den büro­kra­ti­schen Appa­rat dieser Hilfe­sys­teme.

Chro­ni­sche Erkran­kun­gen – was heißt das eigent­lich?

Eine einheit­li­che und verbind­li­che Defi­ni­tion von chro­ni­scher Krank­heit gibt es nicht. Das Robert-Koch-Institut, das für die Gesund­heits­be­richt­erstat­tung des Bundes zustän­dig ist, bietet folgende Defi­ni­tion an: „Als chro­ni­sche Krank­hei­ten werden lang andau­ernde Krank­hei­ten bezeich­net, die nicht voll­stän­dig geheilt werden können und eine andau­ernde oder wieder­keh­rend erhöhte Inan­spruch­nahme von Leis­tun­gen des Gesund­heits­sys­tems nach sich ziehen“ (RKI 2014, S. 41). Als „klas­si­sche“ chro­ni­sche Erkran­kun­gen werden Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabe­tes, Krebs und chro­ni­sche Atem­wegs­er­kran­kun­gen ange­se­hen. Als chro­nisch gelten auch Wirbel­säu­len­er­kran­kun­gen, Neuro­der­mi­tis, Aller­gien, Migräne und chro­ni­sche psychi­sche Störun­gen wie rezi­di­vie­rende Depres­sion.

Von Behin­de­rung bedroht

Das Neunte Sozi­al­ge­setz­buch (SGB IX) gibt einige formale Anhalts­punkte, was die Dauer der Krank­heit anbe­langt: Eine Person, bei der zu erwar­ten ist, dass ihr Körper- und Gesund­heits­zu­stand länger als sechs Monate von dem für das Lebens­al­ter typi­schen Zustand abweicht, ist von einer Behin­de­rung im Sinne einer beein­träch­tig­ten Teil­habe an der Gesell­schaft betrof­fen. Wenn alle Anzei­chen dafür spre­chen, dass eine Behin­de­rung zu erwar­ten ist, gilt dieser Zustand als „von Behin­de­rung bedroht“.

Chro­ni­sche Erkran­kun­gen haben die Tendenz, den Zustand einer Behin­de­rung zu errei­chen, wobei nicht allein die medi­zi­ni­sche Diagnose, sondern ganz wesent­lich die persön­li­chen, betrieb­li­chen und sons­ti­gen sozia­len Kontext­fak­to­ren in die Beur­tei­lung einzu­be­zie­hen sind. SGB IX, § 3 spricht expli­zit von chro­ni­scher Krank­heit, die es durch präven­tive Maßnah­men zu verhin­dern gilt. Die Teil­habe am Arbeits­le­ben wird, was die zeit­li­che Dimen­sion betrifft, ab einem Kran­ken­stand von 42 Tagen in den letz­ten 12 Mona­ten als kritisch ange­se­hen, das heißt, hier beginnt das betrieb­li­che Einglie­de­rungs­ma­nage­ment nach SGB IX § 167/2 .

Nur gele­gent­li­che Ausbrü­che

Die Arbeits­un­fä­hig­keit kann frei­lich nicht allei­ni­ger Maßstab der Bewer­tung sein. Es gibt viele chro­ni­sche Erkran­kun­gen in einem lang­jäh­rig larvie­ren­den Stadium mit gele­gent­li­chen star­ken Ausbrü­chen. Solche Erkran­kun­gen führen nur zu bestimm­ten Zeiten zur Arbeits­un­fä­hig­keit. Mehr als ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung leidet an einer oder mehre­ren chro­ni­schen Erkran­kun­gen, bei den über 50-Jährigen steigt dieser Anteil auf über 50 Prozent (BMAS 2018).

Die Epide­mio­lo­gie schätzt, dass etwa ein Drit­tel aller chro­ni­schen Erkran­kun­gen arbeits­be­dingt ist. Arbeits­be­dingt heißt nicht: allein verur­sa­chend; arbeits­be­dingt heißt: Es handelt sich um einen, aber epide­mio­lo­gisch klar fest­mach­ba­ren Faktor unter mehre­ren. Dies kann auch bedeu­ten: Die Arbeits­welt bietet nicht mehr wie bisher einen sozia­len Raum, in dem die Beschäf­tig­ten auch nicht zweck­ge­bun­den kommu­ni­zie­ren können, sprich „mal Luft holen können“, sondern nimmt ihnen – im Gegen­teil – „die Luft zum Atmen“.

Lebens­ent­wurf durch­kreuzt

Chro­ni­sche Krank­hei­ten grei­fen tief in die Biogra­phie eines Menschen ein. „Wenn eine schwere chro­ni­sche Krank­heit in das Leben eines Menschen einbricht, dann wird die Person der Gegen­wart zwangs­läu­fig von der Person der Vergan­gen­heit getrennt, und alle Bilder, die er von sich für die Zukunft hatte, werden beein­träch­tigt oder sogar zerstört“ (Corbin/Strauss 2010, S. 63). Dies betrifft in der Erwerbs­ge­sell­schaft vor allen Dingen die Arbeits­bio­gra­phie. Chro­ni­sche Krank­hei­ten durch­kreu­zen den Lebens­ent­wurf hinsicht­lich Beruf und beruf­li­cher Entwick­lung, Einkom­men, Lebens­stan­dard, und damit zusam­men­hän­gend: Part­ner­schaft und Fami­li­en­pla­nung.

Krisen­haf­ter Zustand

Wenn Körper und Geist nicht mehr so funk­tio­nie­ren, wie sie sollen, gera­ten Menschen in einen krisen­haf­ten Zustand. Die Betrof­fe­nen müssen sich mit dem schwie­ri­gen, frem­den oder rätsel­haf­ten Körper neu arran­gie­ren. Der Kranke ist gefor­dert, sein Selbst­kon­zept zu über­den­ken, zu über­ar­bei­ten und gege­be­nen­falls neu zu gestal­ten. Hier­bei sind die persön­li­chen, sozia­len und betrieb­li­chen Kontexte von einer kaum zu über­schät­zen­den Bedeu­tung. Das Gesagte gilt umso mehr für psychi­sche Erkran­kun­gen: Hier ist die geis­tige Leis­tungs­fä­hig­keit unmit­tel­bar betrof­fen. Insge­samt wissen wir, dass sich Körper (Soma) und Seele (Psyche) im Guten wie im Schlech­ten sehr stark gegen­sei­tig beein­flus­sen. Das heißt beispiels­weise: Auch körper­lich Erkrankte brau­chen psycho­lo­gi­sche Hilfe.

Präven­tion vor Reha

Die norma­ti­ven Vorga­ben hinsicht­lich der Möglich­kei­ten und Gren­zen, bei chro­ni­scher Krank­heit am Arbeits­le­ben teil­zu­ha­ben, sind in den Sozi­al­ge­setz­bü­chern SGB VI und SGB IX gere­gelt, wobei hier insbe­son­dere die Deut­sche Renten­ver­si­che­rung (DRV) in der Pflicht steht. Durch das Präven­ti­ons­ge­setz 2015 und das Bundes­teil­ha­be­ge­setz 2017 sind viele Bestim­mun­gen in den Sozi­al­ge­setz­bü­chern präzi­siert und ausge­wei­tet worden. SGB VI, § 14 bietet allen, bei denen sich Anzei­chen für eine drohende chro­ni­sche Erkran­kung zeigen, Präven­ti­ons­maß­nah­men an, so zum Beispiel psycho­so­ma­ti­sche Sprech­stun­den, Präven­ti­ons­wo­chen in ambu­lan­ten oder statio­nä­ren Reha-Einrichtungen und thera­peu­ti­sche Beglei­tun­gen, die auch auf das Arbeits­le­ben und die jewei­li­gen konkre­ten Arbeits­be­din­gun­gen bezo­gen sind. Es gilt das Prin­zip: Präven­tion vor Reha.

Leidens­ge­rech­ter Arbeits­platz

Für den betrieb­li­chen Umgang mit länge­ren krank­heits­be­ding­ten Arbeits­un­fä­hig­kei­ten ist insbe­son­dere § 167/2 SGB IX rele­vant. Im Rahmen des betrieb­li­chen Einglie­de­rungs­ma­nage­ments (BEM) soll im Betrieb für gene­sende und gege­be­nen­falls gesund­heit­lich einge­schränkte Beschäf­tigte eine auf deren Möglich­kei­ten zuge­schnit­tene Arbeit gefun­den werden. Dabei ist das BEM eng mit der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung nach ArbSchG §§ 4 und 5 zu verzah­nen. Ausdrück­lich heißt es im Gesetz, dass „spezi­elle Gefah­ren für beson­ders schutz­be­dürf­tige Beschäf­tig­ten­grup­pen“, wozu chro­nisch Kranke unzwei­fel­haft gehö­ren, zu berück­sich­ti­gen sind (ArbSchG, § 4, Satz 6). Dies bedeu­tet, dass der Arbeits­platz für jene leidens­ge­recht zu gestal­ten ist. Darauf weist auch die gemein­same Empfeh­lung der Bundes­ar­beits­ge­mein­schaft für Reha­bi­li­ta­tion ausdrück­lich hin (BAR 2014).

Strenge Schwei­ge­pflicht

Die im BEM enthal­te­nen Vorge­hens­wei­sen sind an die medi­zin­recht­lich gebo­tene Schwei­ge­pflicht gebun­den. Demge­mäß haben allein die Pati­en­ten zu entschei­den, ob Diagno­sen und Befunde weiter­ge­ge­ben werden. Ohne Einwil­li­gung darf der Arbeit­ge­ber derar­tige Infor­ma­tio­nen nicht erhal­ten und sich auch nicht über Dritte beschaf­fen, unbe­nom­men seines Rech­tes, Anhalts­punkte für die Prognose der Arbeits­un­fä­hig­keit zu erfah­ren. Diagno­sen und Befunde darf gemäß Arbeitsmedizin-Vorsorge-Verordnung der Betriebs­arzt, wenn er diese erhält, nicht ohne die infor­mierte Erlaub­nis der Betrof­fe­nen weiter­ge­ben.


Foto: Hien

Autor: Dr. Wolf­gang Hien

Forschungs­büro für Arbeit, Gesund­heit und Biogra­phie


Lite­ra­tur

  • Robert Koch Insti­tut (RKI 2014): Chro­ni­sches Krank­sein. Fakten­blatt zu GEDA 2012: Ergeb­nisse der Studie „Gesund­heit in Deutsch­land aktu­ell 2012“
  • Bundes­mi­nis­te­rium für Arbeit und Sozia­les (BMAS 2018): Erhalt der Beschäf­ti­gungs­fä­hig­keit. Arbeits­me­di­zi­ni­sche Empfeh­lung
  • Juliet M. Corbin / Anselm L. Strauss (2010): Weiter­le­ben lernen. Verlauf und Bewäl­ti­gung chro­ni­scher Krank­heit. Bern: Huber.
  • Bundes­ar­beits­ge­mein­schaft für Reha­bi­li­ta­tion (BAR 2014): Gemein­same Empfeh­lung Reha-Prozess

Das laufende Forschungs­pro­jekt

Die neue Arti­kel­se­rie fasst Ergeb­nisse eines von der Hans-Böckler-Stiftung geför­der­ten Forschungs­pro­jek­tes zusam­men. Unter­sucht wurden mehrere Arbeits­kul­tu­ren im Hinblick auf ihren Umgang mit gesund­heit­lich einge­schränk­ten Beschäf­tig­ten, darun­ter die ambu­lante Pflege, das Hand­werk und das Gast­ge­werbe. Das Projekt „Neue Alli­an­zen für gute Arbeit mit beding­ter Gesund­heit – nach­hal­tige Beschäf­ti­gungs­si­che­rung durch Koope­ra­tion betrieb­li­cher und außer­be­trieb­li­cher Akteure“ wird an der Humboldt-Universität zu Berlin am Insti­tut für Reha­bi­li­ta­ti­ons­wis­sen­schaf­ten unter der Leitung von Prof.i.R. Dr. Ernst von Kardorff durch­ge­führt. Mehr Infor­ma­tio­nen zu den Forschungs­in­hal­ten und ‑zielen gibt es im Inter­net unter www.boeckler.de  > Forschung > Forschungs­ver­bünde > Erhalt der Beschäf­ti­gungs­fä­hig­keit

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