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Ethik des Arbeits­schut­zes

Jenseits von Gesetz, Messinstrument und Betriebsanweisung
Ethik des Arbeits­schut­zes

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Bei unse­rem tägli­chen Bemü­hen, Arbeits­plätze sicher und menschen­ge­recht zu gestal­ten, sind wir während der meis­ten Zeit mit vielen klei­ne­ren und größe­ren konkre­ten Proble­men beschäf­tigt. Auf der Stre­cke bleibt dabei in der Regel eine Reflek­tion und das Gewahr­wer­den des „tiefe­ren Sinns“ unse­rer Arbeit. Deshalb ein Blick über den Teller­rand.

Dr. Gerald Schnei­der

Der Verpflich­tung, Arbeit­neh­mer vor mögli­chen Gefah­ren der Arbeit zu schüt­zen basiert in der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land auf dem Grund­recht auf Leben und körper­li­che Unver­sehrt­heit. Hier­auf hat sich unsere Gesell­schaft im Arti­kel 2, Abs. 2 des Grund­ge­set­zes (GG) verstän­digt und dies wird trotz vieler ausein­an­der stre­ben­der Kräfte in unse­rem Staat von nieman­dem ernst­lich in Frage gestellt. Dabei basiert die Unver­letz­lich­keit der Person auf einer Sonder­stel­lung des Menschen, auf seiner „Würde“. Diese Würde ist unan­tast­bar (Art. 1, Abs. 1 GG) und nur dem Menschen eigen. Die Rechts­wir­kun­gen der EU-Arbeitsschutz-Rahmenrichtlinie 98 /391 EG bzw. des Arbeits­schutz­ge­set­zes können nur grei­fen, weil sie diesem Grund­satz nicht wider­spre­chen.

Des Menschen Würde

Wo kommt aber die Würde her? Das abend­län­di­sche Denken nährt sich aus vielen Strö­mun­gen, unter denen aber die jüdisch-christlichen und griechisch-römischen Tradi­ti­ons­li­nien die mäch­tigs­ten sind. Bereits am Anfang der Bibel wird unmiss­ver­ständ­lich fest­ge­stellt, dass Gott den Menschen zu seinem Abbild schuf. Diese Gottes­bild­schaft begrün­det damit die heraus­ra­gende Stel­lung des Menschen in dieser Welt und damit auch seine Würde. Klare Umgangs­re­geln setzen dieses Würde­kon­zept im Alten Testa­ment in die Tat um. Inter­es­san­ter­weise kommen die Grie­chen bei ähnli­cher Ausgangs­lage zu einem völlig ande­ren Ergeb­nis: Prome­theus schafft den Menschen als Abbild der Götter und die allwis­sende Pallas Athene haucht ihm den Geist ein. Daraus ergibt sich hier aber keine beson­dere Würde des Menschen und die antike Philo­so­phie tut sich mit der Menschen­würde schwer. Aris­to­te­les z. B. vertritt ein Würde­kon­zept, das an Leis­tung für die Gemein­schaft gebun­den ist, das aber nicht als Wert „an sich“ und unab­hän­gig von Verdienst, Anse­hen etc. grund­sätz­lich für alle Menschen gilt. Erst bei Cicero begeg­net uns mit seiner „Digni­tas“ ein Gedanke, der unse­ren Vorstel­lun­gen von Menschen­würde näher kommt.
 
Dies bedeu­tet natür­lich nicht, dass den anti­ken Gesell­schaf­ten ethi­sches, also mora­li­sches Handeln fremd war. Aris­to­te­les prägte den Begriff, aber schon vorher dach­ten die Gelehr­ten darüber nach, wie in welchen Situa­tio­nen zu handeln war. Viele philo­so­phi­sche „Schu­len“ – wie etwa die Stoa – zeig­ten einen hohen ethi­schen Anspruch, und gerade diese Denk­rich­tung unter­schied nicht zwischen den Stän­den oder der Stel­lung von Perso­nen. Dies hatte aber offen­sicht­lich keine Auswir­kun­gen auf die nega­ti­ven Begleit­erschei­nun­gen der Arbeit. Jeden­falls spot­ten römi­sche Schrift­stel­ler über Haltungs­schä­den bei Schnei­dern, berufs­be­ding­ten Augen­krank­hei­ten u. a [1]. Nicht gerade ein Hinweis auf ein hohes ethi­sches Bewusst­sein bzgl. der Arbeit.
 
An diesem Zustand hat sich im Laufe der Jahr­hun­derte fast nichts geän­dert. Die Gesell­schaf­ten der Antike, des frühen und hohen Mittel­al­ters haben kaum nennens­werte Anstren­gun­gen in Punkto Gleich­be­hand­lung aufgrund einer beson­de­ren Würde aller Menschen im Allge­mei­nen und mit Bezug zur Arbeit im Spezi­el­len gemacht.

Die Anfänge der Moderne

In unse­rem moder­nen Sinne entwi­ckelte sich die philo­so­phi­sche Konstruk­tion der Menschen­würde erst in der begin­nen­den Neuzeit. Im Zeit­al­ter des Huma­nis­mus, der kirch­li­chen Refor­men, der protes­tan­ti­schen Refor­ma­tion und im Zuge der Aufklä­rung entwi­ckeln große Denker eine zuneh­mend komple­xere und tiefere Sicht auf die Frage der Würde aller Menschen. Genannt seien beispiel­haft Thomas Hobbes, John Locke, Samuel Pufen­dorf, Imma­nuel Kant. Dabei kommt es zu einer wich­ti­gen Ergän­zung, denn der Menschen­würde als ideelle Anschau­ung wird der Gedanke eines konkre­ten (und ggf. einklag­ba­ren) allge­mei­nen Menschen­rech­tes an die Seite gestellt.
 
Dabei handelt es sich um ein sog. subjek­ti­ves Recht, d. h. es ist nicht aus einer höhe­ren Instanz begründ­bar. Zumin­dest nicht, wenn man den Gedan­ken­weg der Aufklä­rer im 18. Jahr­hun­dert geht, die hierin ein nicht näher zu defi­nie­ren­des „Natur­recht“ außer­halb theo­lo­gi­scher Begrün­dun­gen sahen, das auf alle Menschen, egal welcher Rasse, welchen Geschlechts, Bildungs­stands, welcher Einkom­mens­ver­hält­nisse, Arbeits­si­tua­tion usw. zutref­fend ist. Nach christ­li­cher Auffas­sung wären aller­dings die allen Menschen zuste­hen­den Rechte durch Gott gege­ben, hätten also einen Urhe­ber.
 
Dass in den anfäng­li­chen Formu­lie­run­gen der Menschen­rechte durch­aus noch die Beto­nung der gött­li­chen Gabe erfolgte, zeigen die ersten Worte der ameri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung von 1776, in der das erste Mal die Menschen­würde als Staats­ziel formu­liert wurde:
„Wir halten diese Wahr­hei­ten für ausge­macht, dass alle Menschen gleich erschaf­fen wurden, dass sie von ihrem Schöp­fer mit gewis­sen unver­äu­ßer­li­chen Rech­ten begabt wurden, worun­ter Leben, Frei­heit und das Stre­ben nach Glück­se­lig­keit sind. Dass zur Versi­che­rung dieser Rechte Regie­run­gen unter den Menschen einge­führt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwil­li­gung der Regier­ten herlei­ten“. [2]
 
Für die reale Praxis spielt aller­dings die Unter­schei­dung zwischen theo­lo­gi­schen und säku­la­ren Begrün­dun­gen keine entschei­dende Rolle. Allein durch die Menschen­rechte und darauf aufbau­ende Spezi­al­re­ge­lun­gen kann die Würde des Menschen als sonst rein intel­lek­tu­el­les Konstrukt konkre­ti­siert und für den einzel­nen Menschen gesi­chert werden.

Karriere der Arbeit

Die Umset­zung oder Einhal­tung von Rech­ten im Allge­mei­nen und der Menschen­rechte im Spezi­el­len erfor­dert aber eine Über­tra­gung auf die tatsäch­li­che Lebens­si­tua­tion der Menschen. Das gilt auch für den Bereich mensch­li­cher Arbeit, die jedoch über lange Zeit­räume keinen hohen Stel­len­wert besaß, da sie eben nicht von jenen Perso­nen ausge­führt wurde, die ggf. über die Würde des Menschen nach­dach­ten.
 
Viel klarer als alle Beispiele aus der Geschichte zeigt die Wort­her­kunft (Etymo­lo­gie) der Begriffe für Arbeit, welchen Stel­len­wert diese Tätig­keit einmal hatte. Unser Wort „Arbeit“ kommt aus dem althoch­deut­schen Begriff „Arba“ und bezeich­net eigent­lich den Knecht. Ähnlich im Latei­ni­schen, wo Labora (engl. Labour) vom Ursprung her „leiden“ bedeu­tet. Das Altgrie­chi­sche „Ponos“ ist Mühe, Last, Pein, das fran­zö­si­sche Travail geht auf den Begriff für Foltern zurück und das russi­sche „Rabota“, von „Rab“ bezeich­net eigent­lich einen Skla­ven [3]. Arbeit wurde einst nur von Skla­ven, Knech­ten und ande­ren Perso­nen nied­ri­gen Stan­des ausge­führt, während dieje­ni­gen, die etwas zu bestim­men hatten, Staats­ge­schäfte betrie­ben, „edlem“ Kriegs­werk obla­gen – oder philo­so­phier­ten. Warum sollte man sich also ggf. Gedan­ken über die Tätig­keit der Recht­lo­sen, der Leib­ei­ge­nen, von Kriegs­ge­fan­ge­nen etc. machen?
 
Eine Ausnahme stellt das alte Israel dar. Das ist inso­fern wich­tig, da die spätere Wert­schät­zung der Arbeit auch auf christ­li­che Anschau­un­gen zurück­geht, die hier ihre Wurzeln haben. Im Alten Testa­ment finden wir Sätze wie „Lässige Hand macht arm; aber der Flei­ßi­gen Hand macht reich“ oder „Wer sein Land bebaut, wird mit Brot gesät­tigt werden; wer aber nich­ti­gen Dingen nach­jagt, ist unver­stän­dig“ (Sprü­che 10, 4 und 12,11). Diese und ähnli­che Ausdrü­cke erin­nern an unsere eige­nen klei­nen Merk­sätze wie „Morgen­stund hat Gold im Mund“, „Früher Vogel fängt den Wurm“, usw.
 
Den Menschen des Alten Testa­ments war Arbeit kein Makel, ja wahr­schein­lich gera­dezu eine Voraus­set­zung für ein gott­ge­fäl­li­ges Leben: „Ein treuer Mann hat viel Segen; wer aber hastig ist, reich zu werden, wird nicht schuld­los sein“ (Spr. 28, 20). Es verwun­dert deshalb nicht, dass das Alte Testa­ment Rege­lun­gen zum Schutz des arbei­ten­den Menschen, der Knechte und Mägde, enthält (siehe Kasten 1). Die Bedin­gun­gen waren sicher rauer als heute, Arbeit stellte aber keinen rechts­freien Raum dar. Gleich­be­hand­lung vor dem Gesetz und Verant­wor­tun­gen waren klar beschrie­ben. Dage­gen war z. B. nach römi­schem Recht die Verlet­zung oder der Tod eines Skla­ven durch Dritte eine Sach­be­schä­di­gung, die gegen­über dem Besit­zer des Skla­ven (nicht etwa dem Skla­ven) entschä­di­gungs­pflich­tig war.
 
In diesem Zusam­men­hang wird gerne immer eine Stelle zitiert, die mögli­cher­weise die erste Arbeits­schutz­be­stim­mung ist: „Wenn du ein neues Haus baust, so mache eine Lehne darum auf deinem Dache, auf dass du nicht Blut auf dein Haus ladest, wenn jemand herab­fiele.“ (5. Mose 22.8, Luther­bi­bel 1912)
 
Da die Dächer im vorde­ren Orient und im Mittel­meer­raum häufig als Arbeits­platz genutzt wurden und noch werden, schützt diese Bestim­mung durch­aus vor Unfäl­len bei der Arbeit. Es handelt sich aber um einen allge­mei­nen Perso­nen­schutz, da das Gebot natür­lich auch für die Haus­be­woh­ner und jegli­che Nutzung des Gebäu­des gilt. Wich­ti­ger erscheint mir aber, dass hier eine klare Verant­wort­lich­keit fest­ge­legt wurde: Wer ein Gewerk errich­tet, soll es so ausfüh­ren, dass keine Unfälle passie­ren, weder in der Frei­zeit noch bei der Arbeit. Dadurch wird – modern gespro­chen – erst­mals die Pflicht des Arbeit­ge­bers zu Schutz­maß­nah­men fest­ge­schrie­ben.

Wert der Arbeit

Die hohe Rolle der Arbeit findet sich immer wieder an verschie­de­nen Stel­len der christ­li­chen Tradi­tion. Das berühmte „Ora et Labora“ der mönchi­schen Lebens­welt setzt die (harte) Arbeit auf eine glei­che Ebene wie das Gebet. Da ist kein „drüber“ und „drun­ter“, sondern ein „sowohl als auch“. Letzt­end­lich ist es Luther, der den christ­li­chen Stand­punkt des Wertes der Arbeit erschal­len lässt, wenn er fanfa­ren­ar­tig verkün­det: „…so höre, was deine Arbeit ist: Sie ist die heiligste Sache, durch die Gott erfreut wird und durch die Er den Seinen Segen schen­ken und geben will“ [4]. Arbeit ist hier nicht mehr etwas Nied­ri­ges, sondern „Gottes­dienst mit ande­ren Mitteln“.
 
Diese hier ange­deu­tete theo­lo­gisch begrün­dete Wert­schät­zung der Arbeit setzte sich vor allem in den protes­tan­tisch oder pietis­tisch gesinn­ten Ländern [5] durch. Paral­lel dazu gelan­gen aber auch die philo­so­phi­schen Denker zu der Erkennt­nis, dass Arbeit eine mensch­li­che Daseins- und Berech­ti­gungs­form und eine moral­phi­lo­so­phisch sitt­li­che Pflicht darstellt. Arbeit wird als eine der wich­tigs­ten mensch­li­chen Fakto­ren gewür­digt. Fried­rich Engels gar stellt fest: „Sie ist die erste Grund­be­din­gung alles mensch­li­chen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, dass wir in gewis­sem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaf­fen.“ [5]
 
Das heißt aber nicht unbe­dingt, dass Arbeit immer „schme­cken“ muss, wie ein bekann­tes Zitat von Imma­nuel Kant belegt: „Warum ist die Arbeit die beste Art, sein Leben zu genie­ßen? Weil sie beschwer­li­che (an sich unan­ge­nehme und nur durch den Erfolg ergöt­zende) Beschäf­ti­gung ist und die Ruhe, durch das bloße Verschwin­den einer langen Beschwerde, zur fühl­ba­ren Lust, dem Froh­sinn wird, da sie sonst nichts Genieß­ba­res sein würde.“[7]
 
Die mit der Neuzeit aufkei­mende und sich dann durch­set­zende Hoch­schät­zung der Arbeit lässt sich aber weder aus christ­li­chen Tradi­ti­ons­li­nien noch aus philo­so­phi­schen Syste­men allein erklä­ren, sondern hat ihren wesent­li­chen Grund vor allem in einer völli­gen Neuori­en­tie­rung der gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse. Mit Unter­gang der feuda­len mittel­al­ter­li­chen Struk­tur, dem zuneh­men­den Aufblü­hen der Städte, der Auswei­tung von Hand­werk, Handel und Geld­ver­kehr und nicht zuletzt auch durch die Entde­ckun­gen und Erobe­run­gen in Über­see, hatten sich die alten Konzepte über­lebt.
 
Außer­dem gewann die Arbeit auch dadurch an Bedeu­tung, dass sie in einem gewis­sen Grade Standes- und Rang­un­ter­schiede aufzu­he­ben vermochte. Sie durch­drang zunächst in den Städ­ten des Spät­mit­tel­al­ters und der Renais­sance, später im Rahmen der indus­tri­el­len Revo­lu­tion und des Früh- und Hoch­ka­pi­ta­lis­mus alle Gesell­schafts­be­rei­che, machte die einen reich und führte – auf der Kehr­seite – die ande­ren ins Elend.
 
Insbe­son­dere das 19. Jahr­hun­dert ist durch einen tiefen Riss zwischen Anspruch und Wirk­lich­keit gekenn­zeich­net. Während auf der einen Seite hehre Ideale die Menschen­würde hoch­hiel­ten, kam es auf der ande­ren Seite z. B. in den Indus­trie­re­gio­nen von England, Frank­reich, Deutsch­land zu menschen­un­wür­digs­ten Arbeits­be­din­gun­gen. Dem Inter­es­sier­ten sei an dieser Stelle die Lektüre des Romans „Germi­nal“ von Emile Zola oder der Bericht „Die Lage der arbei­ten­den Klasse in England“ von Fried­rich Engels empfoh­len.
 
In dieser Lage entstan­den die ersten Arbeits­schutz­re­ge­lun­gen, wie z. B. die preu­ßi­sche Gewer­be­ord­nung, die Grün­dung der Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten usw. Dabei stan­den aller­dings meist keine ethi­schen, sondern natio­nale oder wirt­schaft­li­che Motive im Vorder­grund. Als im März 1839 mit dem Preu­ßi­schen Regu­la­tiv die Kinder­ar­beit verbo­ten und Jugend­li­chen­ar­beit einge­schränkt wurde, stan­den nicht der Geist von John Locke oder Jean-Jaques Rous­seau Pate, sondern schlicht die Fest­stel­lung, dass die jungen Erwach­se­nen nicht mehr zum Mili­tär­dienst taug­ten.
 
Erst nach einem langen Prozess gelang der Anschluss der Arbeits­welt an die ethi­schen Forde­run­gen der Menschen­würde und der Menschen­rechte. In der (aus sich heraus nicht rechts­bin­den­den) Erklä­rung der Menschen­rechte als auch im Inter­na­tio­na­len Pakt über wirt­schaft­li­che, soziale und kultu­relle Rechte von 1966 wurden die Aspekte der Arbeits­welt und des Arbeits­schut­zes aufge­nom­men.
 
Dieser so genannte UN-Sozialpakt wurde von fast allen Staa­ten der Erde rati­fi­ziert und stellt dementspre­chend eine bindende Rechts­quelle dar. Spätes­tens seit diesem Zeit­punkt sind sichere und gesunde Arbeits­plätze als Teil der Menschen­rechte inter­na­tio­nal kodi­fi­ziert. Die wich­tigs­ten stich­wort­ar­ti­gen Hinweise, was in dem inter­na­tio­na­len Pakt zum Thema Arbeit gere­gelt ist, finden Sie im Kasten 2.

Selbst­be­sin­nung

Was heißt das jetzt für uns? Sollen wir Arbeits­schutz­ak­teure alle zu „Berufs­ethi­kern“ werden? Sicher nicht. Ethik ist die Philo­so­phie vom rich­ti­gen Handeln und Wollen, was aller­dings „rich­tig“ ist, muss bestimmt werden und kann sich im Rahmen gesell­schaft­li­cher Entwick­lun­gen verän­dern.
 
Erst im Kontext einer Werte­dis­kus­sion bekommt Ethik und ethi­sches Handeln seinen Sinn. Diese Werte sind für unsere moderne und globale Gesell­schaft in dem Konzept der Menschen­würde und der Formu­lie­rung der Menschen­rechte fest­ge­legt und in den wesent­li­chen Eckpunk­ten in unsere Verfas­sung einge­flos­sen. Ethi­sches Handeln findet also immer dann statt, wenn in irgend­ei­ner Weise diesen Werten Genüge getan wird bzw. dazu beigetra­gen wird. Hierzu gehört es ganz klar auch, Menschen vor allen Gefah­ren durch die Arbeit so weit es geht zu schüt­zen. Das ist der „prak­ti­sche“ Teil der Ethik, denn was nützt es, über Menschen­rechte und Ethik zu philo­so­phie­ren, dem aber keine Taten folgen zu lassen?
 
Das gilt für Arbeit­ge­ber, die in der Verant­wor­tung für ihre Arbeit­neh­mer stehen. Das gilt aber auch für Spezia­lis­ten, die dem Arbeit­ge­ber helfen, diese ethi­schen Forde­run­gen umzu­set­zen. Ethi­sche Normen (wie z. B. die Menschen­würde) defi­nie­ren nämlich nicht nur Rechte, sondern auch Pflich­ten. Bereits Kant hat klar gesagt, dass ethi­sches Handeln dann seinen höchs­ten Wert erhält, wenn es als Pflicht, also unab­hän­gig von Sympa­thie, persön­li­chen Einstel­lun­gen, Situa­tion usw. ausge­übt wird.
 
Dabei spielt es aller­dings nur eine unter­ge­ord­nete Rolle, ob die Ergeb­nisse wirk­lich dem Ange­streb­ten entspre­chen, denn nicht alles ist steu­er­bar oder erreich­bar. Ethisch handeln wir nach Kant bereits dann, wenn unser Wollen auf das Gute ausge­rich­tet ist: „Es ist über­all nichts in der Welt, ja über­haupt auch außer dersel­ben zu denken möglich, was ohne Einschrän­kung für gut könnte gehal­ten werden, als allein ein guter Wille“ (Grund­le­gung zur Meta­phy­sik der Sitten). Ethik ist also weni­ger eine Frage des Ergeb­nis­ses unse­res Handelns als viel­mehr eine Einstel­lung, eine Grund­hal­tung, ein Charak­ter­zug oder doch wenigs­tens ein Bemü­hen.

Fazit

Im Lichte dieses Werte­kon­sen­ses ist die Verwei­ge­rung von Schutz­maß­nah­men oder das „Nicht-Ernst-Nehmen“ des Arbeits­schut­zes zutiefst unmo­ra­lisch, stellt eben kein „Kava­liers­de­likt“ dar und kann daher auch nicht tole­riert werden. Über­all und welt­weit: Es ist auch unmo­ra­lisch, im eige­nen Land zwar die höchs­ten Arbeits­schutz­stan­dards zu haben, große Teile der Produk­tion aber in ande­ren Ländern durch zum Beispiel Kinder­ar­beit bei eben nicht menschen­wür­di­gen Arbeits­be­din­gun­gen ferti­gen zu lassen.
 
Deshalb soll­ten wir Arbeits­schutz­ex­per­ten uns klar machen, in welchem Rahmen wir unsere Arbeit tun. Wir arbei­ten nicht für den Gesetz­ge­ber, wir arbei­ten auch nicht für unse­ren jewei­li­gen Arbeit­ge­ber oder Kunden, sondern wir arbei­ten für die Menschen. Unsere tägli­che Arbeit, so klein und unschein­bar sie schei­nen mag, ist eben diese prak­ti­sche Ethik, die Menschen­würde in konkrete Schritte umsetzt. Aus dieser Perspek­tive betrachte ich meine Arbeit als eine Aufgabe, die weit über den „Brot­job“ hinaus­reicht. Aber nicht immer machen wir uns das gegen­wär­tig. Daher wünsche ich uns allen, dass wir im Neuen Jahr in der tägli­chen konkre­ten Arbeit und in dem gele­gent­li­chen „Wust“ an Anfor­de­run­gen nicht diesen weiten Blick verlie­ren und dass wir den Mut aufbrin­gen dies bei Bedarf auch auszu­drü­cken.
 
Lite­ra­tur
  • 1. Nach einem Vorle­sungs­skript der Univer­si­tät Pader­born, WS 2002 / 2003; Inter­net: http://groups.uni-paderborn.de/medama/Kapitel/Article_geschichte_des_arbeitsschutzes.pdf
  • 2. Zitiert nach Wiki­pe­dia: Stich­wort „Ameri­ka­ni­sche Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung“
  • 3. Nach einem Vortrag von Prof. Dr. D. Winde­muth (IAG Dres­den) bei der BAD – Exper­ten­ta­gung „Die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung: Einfluss­fak­tor für wirt­schaft­li­chen Erfolg, Bonn, 4. 5. 2010
  • 4. Zitiert nach Barth, H.-M., Die Theo­lo­gie Martin Luthers. Güters­loh, 2009, S 439
  • 5. Max Weber: Die protes­tan­ti­sche Ethik und der „Geist“ des Kapi­ta­lis­mus. Archiv für Sozi­al­wis­sen­schaft und Sozi­al­po­li­tik 20 (1904), 1 – 54 und 21 (1905). 1– 110
  • 6. Dialek­tik der Natur, Dietz-Verlag Berlin 1962, S 444
  • 7. Kant, Anthro­po­lo­gie, I,2,60Es soll einer­lei Recht unter euch sein, dem Fremd­ling wie dem Einhei­mi­schen; denn ich bin der HERR, euer Gott (3. Mose, 24,22).

 

Theo­lo­gisch begrün­dete „Arbeit­neh­mer­rechte“ im Alten Testa­ment:

  • So du einen hebräi­schen Knecht kaufst, der soll dir sechs Jahre dienen; im sieben­ten Jahr soll er frei ausge­hen umsonst (2. Mose 21,2)
  • Wer seinen Knecht oder seine Magd schlägt mit einem Stabe, dass sie ster­ben unter seinen Händen, der soll darum gestraft werden (2. Mose 21,20)
  • Wenn jemand seinen Knecht oder seine Magd in ein Auge schlägt und verderbt es, der soll sie frei loslas­sen um das Auge. Desglei­chen, wenn er seinem Knecht oder seiner Magd einen Zahn ausschlägt, soll er sie frei loslas­sen um den Zahn. (2. Mose 21, 26+27)
  • Es soll des Tage­löh­ners Lohn nicht bei dir blei­ben bis an den Morgen (3. Mose 19,13)
  • Aber am sieben­ten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun noch dein Sohn noch deine Toch­ter noch dein Knecht noch deine Magd noch dein Ochse noch dein Esel noch all dein Vieh noch dein Fremd­ling, der in deinen Toren ist, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhe wie du. (5. Mose 5,14)
  • Bei reli­giö­sen Festen: …und sollst fröh­lich sein auf deinem Fest, du und dein Sohn, deine Toch­ter, dein Knecht, deine Magd, der Levit, der Fremd­ling, der Waise und die Witwe, die in deinem Tor sind. (5. Mose 16, 11 +14)

 

 

 

Säku­lar begrün­dete Arbeit­neh­mer­rechte nach dem UN-Sozialpakt von 1966

  • Recht auf Arbeit allge­mein (Arti­kel 6 (1))
  • Ange­mes­se­ner Lohn, glei­ches Entgelt für gleich­wer­tige Arbeit (Art. 7 (a i))
  • Keine ungüns­ti­ge­ren Arbeits­be­din­gun­gen für Frauen und glei­ches Entgelt bei glei­cher Arbeit (Art. 7 (a i)
  • Sichere und gesunde Arbeits­be­din­gun­gen (Art. 7 (b))
  • Verbes­se­rung alle Aspekte der Arbeits­hy­giene (Art. 12 (b))
  • Vorbeu­gung, Behand­lung und Bekämp­fung von Berufs­krank­hei­ten (Art. 12 ©)
  • Arbeits­pau­sen, Begren­zung der Arbeits­zeit, bezahl­ter Urlaub und gesetz­li­che Feier­tage (Art. 7 (d))
  • Bezahl­ter Mutter­schafts­ur­laub (Art. 10 (2))
  • Streik­recht allge­mein (Art. 8 (1d))
Autor:
Dr. Gerald Schnei­der
B A D Gesund­heits­vor­sorge und Sicher­heits­tech­nik GmbH
 
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