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Faszien: Nichts bewegt sich ohne sie

Vom Maus-Arm bis zu Fußproblemen
Faszien: Nichts bewegt sich ohne sie

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Was ist dran an den Faszien? Der Hype in der Fit­ness-Indus­trie ist abge­flaut. Faszien-Rollen zum mech­a­nis­chen Aktivieren der Gewebeschicht­en, zeitweise in jedem Dis­counter zu haben, ger­at­en zu Hause im Schrank in Vergessen­heit. Alles nur viel Wind um nichts? Nicht ganz, denn nach dem Fit­ness-Rum­mel inter­essieren sich nun Arbeitsmedi­zin­er, Betriebe und PSA-Her­steller für das lange ver­nach­läs­sigte Bindegewebe.

Auch wenn extreme Trends naturgemäß wieder abflauen, ist das, was dahin­ter­steckt, deshalb noch lange nicht „out“. Faszien sind genau­so aktuell wie 2007, als sich erst­mals ein hochkarätiger wis­senschaftlich­er Kongress mit ihnen beschäftigte und sie daraufhin das öffentliche Bewusst­sein eroberten. Dass sie als Teil des Bewe­gungsap­pa­rates eben­so Beach­tung ver­di­enen wie beispiel­sweise die Muskeln, lautet das Cre­do der Fach­leute. Und so rück­en sie zunehmend auch in den Fokus von Betrieben, Arbeitsmedi­zin und angren­zen­den Bereichen.

Dehnen und strecken

Sich dehnen und streck­en, elastisch hüpfen, Arme und Beine weit schwin­gen, die Gelenke in allen möglichen Vari­a­tio­nen rotieren und bewe­gen, mal tief in die Hocke gehen, und das am besten auch bei der Arbeit, in der Mit­tagspause, zwis­chen den Tätigkeit­en – das emp­fiehlt der Human­bi­ologe Dr. Robert Schleip. Denn diese Bewe­gun­gen – das Dehnen und elastis­che Schwin­gen in alle Rich­tun­gen – tun den Faszien gut und beu­gen Erkrankun­gen vor. Schleips Forschung­steam an der Uni­ver­sität Ulm hat wesentlichen Anteil daran, dass der Begriff „Faszien“ heute zum all­ge­meinen Wortschatz gehört.

Was sind Faszien?

Dass es Faszien gibt, ist nichts Neues. Die milchi­gen, halb­trans­par­enten Bindegeweb­ss­chicht­en sind meist nur zwis­chen einem hal­ben und drei Mil­lime­tern dick und durchziehen wie ein Net­zw­erk den ganzen Kör­p­er bis zu den Zehen- und Fin­ger­spitzen. Nicht nur Muskeln, son­dern sog­ar die einzel­nen Muskelfasern und auch alle Organe sind von ihnen umhüllt. Sie sta­bil­isieren den Kör­p­er, sor­gen dafür, dass Organe und Muskeln an ihrem Platz bleiben, hal­ten alles zusam­men. Sie verbinden – ver­wen­det man den heute erweit­erten Faszien-Begriff – auch die Muskeln mit den Knochen. Sie sor­gen für die Elas­tiz­ität des Kör­pers und sind bei jed­er noch so kleinen Bewe­gung beteiligt. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die Muskeln zu trainieren, son­dern auch die Faszien fit zu hal­ten, die auf andere Reize als Muskeln reagieren und ein anderes Anpas­sung­stem­po haben. Denn diese Schicht­en, die im gesun­den Zus­tand dafür sor­gen, dass bei ein­er Bewe­gung Muskeln und Gewebeschicht­en rei­bungs­los aneinan­der vor­bei­gleit­en, kön­nen auch verkleben, sich ver­filzen, verdick­en und verhärten.

Risiko Wiederholungstat

Beispiel „Maus-Arm“, auch RSI-Syn­drom genan­nt: Wer mehr als 20.000 Mal pro Woche eine bes­timmte Bewe­gung aus­führt, hat deut­lich erhöhte Chan­cen, an den beteiligten Kör­per­re­gio­nen zu erkranken, so Schleip. Zumin­d­est, wenn es nicht aus­re­ichend Regen­er­a­tionsphasen gibt. Tausende Mausklicks am Tag kön­nen in den betrof­fe­nen Gebi­eten an Handge­lenk, Arm, Ellen­bo­gen und Schul­ter entzündliche Reak­tio­nen aus­lösen. Die Ner­ven­zellen in den Faszien senden entsprechende Sig­nale ans Gehirn, die als Schmerz wahrgenom­men wer­den. Und: Die faszialen Mem­brane um die Muskeln verkleben. Druck­mas­sage kann diese Gewebe wieder lösen. Bei Ver­suchen an Rat­ten kon­nte man all dies nach­weisen, die Über­tra­gung auf den Men­schen liegt nahe.

Osteopa­then und Phys­io­ther­a­peuten kön­nen solche Störun­gen im Bindegewebe längst ertas­ten. Schon seit Jahrzehn­ten bear­beit­en sie ver­härtete und verklebte Faszien mit den Hän­den oder mit Rollen. Mit dem hochau­flösenden Ultra­schall wur­den die Faszien auch für die medi­zinis­che Wis­senschaft inter­es­sant, denn nun kann man sie im leben­den Organ­is­mus sicht­bar machen, messen und unter­suchen. Dass dieses Bindegewebe sich verän­dern und schmerzaus­lösende Sig­nale senden kann – all das ist nun empirisch und damit in der Sprache der west­lichen Medi­zin nachzuweisen.

Risiko Sicherheitsschuhe

Nicht nur zu viel, son­dern auch zu wenig Bewe­gung schadet den Faszien. Dass oft an der Fuß­sohle die Gewebe verkleben und dies dann zu weit­eren Prob­le­men führt, liege an unser­er unnatür­lichen, bewe­gungsar­men Lebensweise. Beson­ders gefährdet sind laut Schleip Per­so­n­en, die von Berufs wegen starre Sicher­heitss­chuhe tra­gen müssen. Eine Schuh­fir­ma habe deshalb aktuell für eine Pilot­studie Sicher­heitss­chuhe mit einem innen­liegen­den Band entwick­elt, das die Füße ein wenig von der Sohle abhebe. In jedem Fall sei Bar­fuß-Laufen für jed­er­mann pos­i­tiv, sofern dem Kör­p­er Gele­gen­heit gegeben wird, sich aus­re­ichend langsam daran zu gewöh­nen. Schleip emp­fiehlt, die let­zten Minuten eines Spazier­gangs oder ein­er Jog­ging-Strecke bar­fuß oder bar­fuß-ähn­lich hin­ter sich zu brin­gen – und die Bar­fuß-Zeit dann langsam zu steigern.

Risiko Heben – oder Sitzen

Beispiel Rück­en­schmerzen: An Beschw­er­den im Rück­en kön­nen sowohl Über- als auch Unter­be­las­tung schuld sein. Also nicht nur Heben und Tra­gen, son­dern auch täglich stun­den­langes Sitzen ist Ursache von Rück­en­schmerzen. Fast immer sind dabei Verkle­bun­gen der Faszien zu beobacht­en. „Ob die Verkle­bung der Faszien selb­st den Schmerz verur­sacht oder eine zusät­zliche Folge der Über­las­tung beziehungsweise man­gel­nden Bewe­gung darstellt, das kön­nen wir im Einzelfall oft noch nicht ein­deutig abgren­zen“, räumt Dr. Schleip ein. Wohl bekan­nt ist hinge­gen, wie man eine Verkle­bung behan­delt. Wichtig dabei: Die Art der Ther­a­pie hängt davon ab, ob eine Über- oder Unter­forderung des Gewebes die Ursache der Störung ist.

Bei ein­er einge­trete­nen – oder auch zu erwartenden – Über­be­las­tung kann man Verkle­bun­gen mit Bindegewebs-Druck­mas­sagen durch einen Fach­mann lösen und vor­beu­gen, oder – unter fachkundi­ger Anleitung – mith­il­fe von Faszien­rollen oder ähn­lichen Hil­f­s­mit­teln zur Selb­st­mas­sage. Wie ein Bär an einem Baum könne man eine Faszien­rolle, ein Nudel­holz oder auch ein­fach zwei Ten­nis­bälle, die in einem Sock­en mit ein­er Mull­binde dazwis­chen zu einem sta­bilen „Knochen“ ver­knotet wer­den, zwis­chen Rück­en und Wand klem­men, sich daran anschmiegen, ver­härtete Stellen auf­spüren und dort mit san­ften Bewe­gun­gen eine „Wohl-Weh“-Dehnung auslösen.

Druck vorsichtig dosieren

Auch die Rück­en­streck­er im Nack­en rechts und links der Hal­swirbel­säule könne man mith­il­fe des „Knochens“ dehnen. Da die Faszien des Rück­ens auch über die Rück­seite der Beine ver­laufen, sollte man diese Region eben­so bear­beit­en wie den Rück­en selb­st. Doch Vor­sicht: Nicht zu viel Druck auf ein­mal, nicht gle­ich mit dem Kör­pergewicht arbeit­en. Und: Men­schen mit schwachem Bindegewebe soll­ten die Unter­beine nur nach fachkundi­ger Anleitung „rollen“.

Wer sich nicht bewegt, verklebt

Bei Verkle­bun­gen durch Unter­forderung des Gewebes sei dage­gen die Rolle nicht das richtige Mit­tel. Hier sind gym­nas­tis­che, schwin­gende Bewe­gun­gen ange­sagt: Sich räkeln, dehnen und streck­en wie ein Kind, sich an etwas ent­lang hangeln oder san­ft hüpfen. „Wer sich nicht bewegt, der verklebt“, sagt Schleip und rät auch dazu, die Gelenke in alle von der Anatomie her möglichen Rich­tun­gen zu bewe­gen. Ger­ade die Schul­ter biete viele Möglichkeiten.

Hype in der Fitness-Sparte

Dass sich nach dem Faszien-Kongress 2007 die Fit­ness-Sparte auf das The­ma stürzte und die Bedeu­tung der Faszien über­trieb, hat­te zu kri­tis­ch­er Dis­tanz bei eini­gen Fach­leuten geführt. Schleip: „Die Faszien sind, anders als manche an kurzfristigem Gewinn Inter­essierte glauben machen woll­ten, nicht das Wichtig­ste für die Gesund­heit. Aber mit ihnen haben wir nun einen Mosaik­stein in unserem Bild vom Kör­p­er, wo lange ein blind­er Fleck war.“

Arbeitswelt hellhörig geworden

In jedem Fall weckt die Bedeu­tung der Faszien mit­tler­weile auch in der Arbeitswelt und bei Insti­tu­tio­nen aus dem Reha-Bere­ich Inter­esse. Dies zeigt laut Schleip etwa ein neues Förder­pro­jekt der Beruf­sgenossen­schaft Nahrung und Gast­gewerbe namens „Kom­pe­tenzzen­trum für inter­diszi­plinäre Präven­tion“: An den Uni­ver­sitäten Jena, Mün­ster und Ulm wer­den darin die Faszien als Schw­er­punkt der Rück­enge­sund­heit am Arbeit­splatz erforscht. Oder das Insti­tut für Reha­bil­i­ta­tion­s­medi­zinis­che Forschung an der Uni­ver­sität Ulm, das an ein­er langfristi­gen Zusam­me­nar­beit mit dem Faszien-Team um Dr. Schleip inter­essiert ist.

Erwachsenenfreundliche Spielplätze im Betrieb

Der Ulmer Forsch­er hofft, dass sich daraus eine weit­ere Förderung der Faszien-Gesund­heit ergibt. Ihm gefällt die Vorstel­lung von erwach­se­nen­fre­undlichen Spielplätzen zum Faszien-Train­ing in Betrieben und im öffentlichen Raum. Der Bochumer Sportwissenschaftler Robert Hei­duk ver­folge sie gemein­sam mit dem Ulmer Team und erste Ideen seien schon geboren – etwa tongebende Druck­knöpfe auf ein­er Treppe. Wenn man darauf hüpft, entste­hen Melo­di­en – jede Woche eine andere. Oder Eck­en in Kan­ti­nen und Cafe­te­rien, wo man zu Spring­seil- und Gum­mitwist-Hüpfen, zum Ent­lang­hangeln an ein­er Stange und weit­eren Bewe­gun­gen in einem Klet­ter­garten spielerisch ver­führt wird.

Ans­porn für den guten Umgang mit Faszien kön­nten in Zukun­ft auch Apps schaf­fen, die zum Beispiel beim Joggen die Elas­tiz­ität der aus­ge­führten Bewe­gun­gen messen – und damit die gesunde Beteili­gung der Faszien.


Störungsbehandlung

  • Behand­lung von Störun­gen durch Über­las­tung (auch präven­tiv): myofasziale Mas­sage, Druck­be­hand­lung mit Faszienrollen
  • Behand­lung von Störun­gen bei Unter­be­we­gung: Dehnen, Streck­en, elastis­che, gym­nas­tis­che Bewe­gun­gen, vari­anten­re­iche Bewe­gun­gen der Gelenke

Faszien …

  • beste­hen aus Pro­teinen und elastis­chen Fasern, die in ver­schiedene Rich­tun­gen miteinan­der ver­woben sind und so dünne Schicht­en bilden. In ihnen gibt es ver­schiedene Zellen, zum Beispiel Bindegewebs- und Ner­ven­zellen. Auch Wass­er ist in die Faszien eingelagert.
  • umhüllen und stützen Organe, Muskeln, Gelenke und sta­bil­isieren den gesamten Körper.
  • sor­gen für Elas­tiz­ität und Geschmei­digkeit, dafür, dass nebeneinan­der­liegende antag­o­nis­tis­che Muskeln rei­bungsarm aneinan­der ent­lang­gleit­en können.
  • trans­portieren Abfall­stoffe und machen Bak­te­rien und Zell­trüm­mer unschädlich, sind also für die Immunab­wehr wichtig.
  • reagieren auf Stress, indem sie sich bei län­geren Peri­o­den emo­tionaler Anspan­nung verdick­en und versteifen.
  • sind ein Fak­tor bei der Selb­st­wahrnehmung des Kör­pers, von sein­er Bewe­gung und Lage im Raum.
  • kön­nen bei Über- und Unter­be­las­tung verkleben und Sig­nale aussenden, die als Schmerz wahrgenom­men werden.
  • sind erst seit weni­gen Jahren durch hochau­flösende Ultra­schall­geräte im leben­den Organ­is­mus sicht­bar und erforschbar und damit der Wis­senschaft zugänglich.

    Foto: Ate­lier Raffler

    Autorin: Bernadett Groß

    Freie Jour­nal­istin

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