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Fit in der Schicht

Fit in der Schicht
Mit Regel­mä­ßig­keit der Unre­gel­mä­ßig­keit begeg­nen

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Beim Spezi­al­glas­her­stel­ler Schott arbei­ten viele Beschäf­tigte in Wech­sel­schich­ten mit Früh‑, Spät- und Nacht­diens­ten. Schicht­ar­beit ist wich­tig für den Betrieb, doch sie ist mit zusätz­li­chen gesund­heit­li­chen Risi­ken verbun­den. Ein eigens für Schicht­ar­bei­tende konzi­pier­tes Programm verbes­serte nicht nur das Gesund­heits­be­wusst­sein und Ernäh­rungs­ver­hal­ten, sondern auch das „Wir-Gefühl“.

Es ist Diens­tag, 13:30 Uhr. Stef­fen H. (Name geän­dert) ist seit 5:30 Uhr im Betrieb und hat mit den Kolle­gen aus seiner Schicht Ceran­fel­der für Elek­tro­herde produ­ziert – in der großen Betriebs­halle am Band, an der Schmelze, am Sieb­druck, in der Quali­täts­kon­trolle, beim Verla­den, beim Verpa­cken. Er ist müde, aber seit eini­gen Wochen fährt er am zwei­ten Tag seiner Früh­schicht nicht gleich nach Hause. Der Grund: Er nimmt an einem Programm teil, das ihm spür­bar guttut und ein neues Bewusst­sein für die eigene Gesund­heit schafft. Es heißt „Fit in der Schicht“ und ist spezi­ell auf die Bedürf­nisse der Schicht­ar­bei­ten­den zuge­schnit­ten.

Dass auch elf andere Kolle­gin­nen und Kolle­gen ihr Auto jetzt nicht nach Hause, sondern quer über das Main­zer Werks­ge­lände der Schott AG zu den Kursräu­men des Gesund­heits­ma­nage­ments steu­ern, lässt ihn seinen „inne­ren Schwei­ne­hund“ leicht über­win­den. Über­haupt ist das Klima unter den Kolle­gen viel besser gewor­den, seit­dem sie sich hier regel­mä­ßig tref­fen. Seit sie offen darüber spre­chen, was ihnen an der Schicht­ar­beit Probleme macht, wie schwie­rig es zum Beispiel ist, Freund­schaf­ten zu pfle­gen, in den Schlaf zu finden, das Essver­hal­ten zu struk­tu­rie­ren und den Biorhyth­mus mit dem Schicht­rhyth­mus in Einklang zu brin­gen, sind sie enger zusam­men­ge­wach­sen. Außer­dem verbin­det das gemein­same Zirkel­trai­ning, bei dem sie auch mal gehö­rig über sich selbst lachen. Gleich wird sich Stef­fen H. die Zuta­ten­lis­ten auf Lebens­mit­teln anschauen und über­rascht entde­cken, wie viel Zucker doch in manchen Geträn­ken steckt.

Maßge­schnei­der­tes Programm

Die Schicht­ar­beit ist für Schott wich­tig und die Gesund­heit der Menschen, die Schicht arbei­ten, liegt mir beson­ders am Herzen“, sagt Dr. Margit Emme­rich, leitende Werks­ärz­tin bei Schott und zustän­dig für das betrieb­li­che Gesund­heits­ma­nage­ment. Gemein­sam mit der dama­li­gen Prak­ti­kan­tin und Master­stu­den­tin Julia Reber hat sie das maßge­schnei­derte Programm im Januar 2017 konzi­piert und von Juni bis Septem­ber 2017 in die Tat umge­setzt. Acht Mal trafen sich die jeweils 10 bis 15 Teil­neh­mer der einzel­nen Schich­ten – immer nach dem jeweils zwei­ten Tag ihrer Früh­schicht. Eine Stunde lang ging es dann um Gesund­heit, Ernäh­rung, Entspan­nung, Wissens­an­eig­nung und ganz prak­tisch um Bewe­gung. Dies geschah in Form eines Zirkel­trai­nings in verschie­dens­ten Varia­tio­nen – mal mit Ther­ab­än­dern, mal mit einfa­chen Gerä­ten – aber immer so, dass man die Übun­gen auch ohne Aufwand zuhause durch­füh­ren kann. Wer regel­mä­ßig teil­nahm, bekam die Hälfte der inves­tier­ten Zeit als Arbeits­zeit ange­rech­net. Zu guter Letzt gab es dann noch einen Koch-Nachmittag: Leckere Lasa­gne mit Kohl – statt mit Nudel­plat­ten – oder Karotten-Kartoffelsuppe stan­den da auf dem Spei­se­plan.

Feste Essens­zei­ten einhal­ten

Doch es ist nicht nur wich­tig, was, sondern auch, wann etwas auf den Tisch kommt. „Der Unre­gel­mä­ßig­keit der Schicht muss man mit Regel­mä­ßig­keit begeg­nen“, sagt Reber. Sie empfiehlt trotz Schicht­ar­beit feste Essens­zei­ten, und zwar tags­über. „Die Nacht zum Tag zu machen wäre hier die falsche Entschei­dung“, sagt sie. Mit einer Abwei­chung von einer oder zwei Stun­den passe 14 Uhr als Zeit für das Mittag­essen nach der Früh- genauso wie nach der Nacht- oder vor der Spät­schicht. Wer auch während der Nacht­schicht etwas essen wolle, für den sei die Zeit zwischen 0 und 1 Uhr ideal, denn um 3 Uhr fahre der Körper mit seinen Akti­vi­tä­ten komplett runter. Aber nur etwas Leich­tes: eine Suppe, ein Joghurt. Und am Morgen danach? „Über das Früh­stück nach der Nacht­schicht haben wir am längs­ten disku­tiert“, erzählt Reber. Möglich ist hier noch eine kleine Mahl­zeit, etwa ein klei­nes Müsli oder Jogurt mit Obst. Genauso gut könne man das Früh­stück jedoch ausfal­len lassen, bevor man ins Bett geht und an diesem Tag nur zwei Mahl­zei­ten einneh­men.

Für das Projekt werben

Der größte Aufwand sei, so berich­ten die Orga­ni­sa­to­ren, die Teil­neh­men­den zu rekru­tie­ren. Da reich­ten Flyer nicht aus. Viele Gesprä­che seien im Vorfeld nötig gewe­sen – eine zeit­in­ten­sive Ange­le­gen­heit. „Vor allem die Unter­stüt­zung des Produk­ti­ons­lei­ters und seiner Schicht­lei­ter ist sehr wich­tig. Sie müssen hinter dem Projekt stehen und auch dafür werben“, erklärt Emme­rich.

Stef­fen H. hat schon viel Neues erfah­ren und bewer­tet jetzt manches anders. Wie viele seiner Kolle­gen hatte er oft das Gefühl, sein Leben bestehe nur aus Arbeit, weil er alle Akti­vi­tä­ten um die Arbeits­zei­ten herum­grup­pie­ren muss. Inzwi­schen hat er es zu schät­zen gelernt, dass er nach der Nacht­schicht – anders als andere Arbeit­neh­mer – nach­mit­tags seine Kinder erle­ben und vom Kinder­gar­ten abho­len kann. Auch die gemein­sa­men Shop­ping­tou­ren mit seiner Frau sind nun nicht mehr so selbst­ver­ständ­lich. Oder, dass er im Winter auch mal bei Tages­licht Dinge unter­neh­men kann. Außer­dem verzich­tet er jetzt oft auf Soft­drinks und isst während der Nacht­schicht nur mehr etwas Klei­nes.

Fort­set­zung sinn­voll

Die Entspan­nungs­übun­gen findet er hinge­gen weni­ger passend. Ob er weiter­hin regel­mä­ßig Sport trei­ben wird? „Ich fühle mich jetzt schon gesün­der“, sagt er zufrie­den. Dass er auch ohne die Gruppe die Diszi­plin für Sport aufbrin­gen wird, bezwei­felt er. Die festen Sport­an­ge­bote der Schott AG kann er bislang wegen seiner Arbeits­zei­ten nicht wahr­neh­men. Doch eine Lösung ist bereits in Sicht: Zusam­men mit dem haus­ei­ge­nen Physio­the­ra­peu­ten plant die Abtei­lung Medi­zin und Präven­tion aktu­ell an Schicht­ar­beit ange­passte Sport­pro­gramme.

Berna­dett Groß


Fit in der Schicht“

  • SCHOTT ist ein inter­na­tio­nal führen­der Tech­no­lo­gie­kon­zern auf den Gebie­ten Spezi­al­glas und Glas­ke­ra­mik. Das Unter­neh­men beschäf­tigt über 15.500 Mitar­bei­ter welt­weit.
  • Das Präven­ti­ons­pro­gramm „Fit in der Schicht“ ist spezi­ell für Schicht­ar­bei­tende konzi­piert.
  • An dem Projekt nahmen 2017 fünf Grup­pen mit insge­samt mehr als 50 Mitar­bei­tern verschie­de­ner Schich­ten eines Produk­ti­ons­be­triebs am Haupt­sitz in Mainz teil.
  • Jede der acht Kurs­stun­den verbin­det die Themen Bewe­gung, Ernäh­rung und Work-Life-Balance in Theo­rie und Praxis. Den Abschluss bildet ein Koch-Workshop.
  • Fit in der Schicht“ erhielt 2018 den Präven­ti­ons­preis der VGB in der Kate­go­rie „Betrieb­li­che Gesund­heits­för­de­rung und Gesund­heits­ma­nage­ment“.
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