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Ideale Begleitung zurück ins Leben

Betroffene beraten Betroffene
Ideale Begleitung zurück ins Leben

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Mut-Mach­er, Weg-Weis­er und Erk­lär­er: Betrof­fene berat­en Betrof­fene. Die Deutsche Geset­zliche Unfal­lver­sicherung (DGUV) fördert dieses „Peer-Coun­sel­ing“ in ihren BG-Kliniken, aber auch während der anschließen­den Reha­bil­i­ta­tion. Pio­niere dieses Konzepts, das ursprünglich in den USA ent­stand, sind Ärzte und amputierte Peers des Unfal­lkranken­haus­es Berlin.

Es war 2009. Sylvia Wehde hat­te eine Unter­schenkel-Ampu­ta­tion hin­ter sich und lag im BG-Unfal­lkranken­haus Berlin (ukb). Was ihr in diesen Tagen durch den Kopf ging? „Ger­ade als Frau denkt man, amputiert sei man nicht mehr voll­w­er­tig. Wird man vom Part­ner noch akzep­tiert? Kann ich je wieder arbeit­en gehen? Welche beru­fliche Per­spek­tive habe ich noch? Wie nimmt das mein Kind auf? Werde ich die Treppe in unserem Haus jemals wieder schaf­fen?“ Nie­mand könne sich vorstellen, wie groß die Verun­sicherung sei. Nie­mand – außer jeman­dem, der das gle­iche durchgemacht hat. Und dieser jemand kam: „Da kam eine Frau in mein Zim­mer, sie hat­te mein Alter und war dop­pel-amputiert. Sie kam here­in, ohne Stützen, freudig und stand voll im Leben. Das allein war für mich Anlass zu denken: Das schaffst du auch!“

Beratung auf Augenhöhe

Sylvia Wehde war eine der ersten, die im ukb durch eine Betrof­fene begleit­et wurde und so großen Auftrieb erfuhr. Mit Unter­stützung ihrer Bera­terin Dag­mar Marth (siehe Inter­view auf Seite 21) hat sie es zurück ins Leben geschafft – beru­flich und pri­vat. Außer­dem hat sie eine Amputierten-Selb­sthil­fe­gruppe in Berlin aufge­baut. Die Lei­t­erin der Prothe­se­nam­bu­lanz Dr. Melis­sa Beirau hat­te den Kon­takt zum Peer – also zur Per­son in ver­gle­ich­bar­er Sit­u­a­tion – ermöglicht. „Die Betrof­fe­nen haben extrem viele Fra­gen, und der Aus­tausch mit anderen Betrof­fe­nen tut ihnen gut. Wir Medi­zin­er und Ther­a­peuten kön­nen dann mit den Patien­ten viel schneller und inten­siv­er arbeit­en – sie treten uns offen­er gegenüber und wis­sen, was sie erwartet“, berichtet die engagierte Fachärztin für Unfallchirurgie und Orthopädie im ukb. „Peers haben eine wichtige Vorbildfunktion.“

„Peer-Counseling“ ausgebaut

Seit 2014 arbeit­et die Deutsche Geset­zliche Unfal­lver­sicherung (DGUV) in der Ini­tia­tive PiK (Peers im Kranken­haus) mit Dr. Beirau und anderen Part­nern im Bere­ich der Ampu­ta­tio­nen zusam­men und baut das „Peer-Coun­sel­ing“, also die Beratung durch Betrof­fene auf Augen­höhe, weit­er aus: auf alle neun BG-Kliniken in Deutsch­land, auf die Zeit nach der Reha­bil­i­ta­tion­sphase und auf weit­ere medi­zinis­che Indika­tio­nen, vor allem Quer­schnittsläh­mungen. Aber auch zum Beispiel bei Blind­heit, Ver­bren­nun­gen, Hörschädi­gun­gen und psy­chis­chen Trau­ma­tisierun­gen kön­nen Peer-Konzepte zum Ein­satz kom­men. Dirk Scholtysik engagiert sich als Refer­at­sleit­er der DGUV dafür. Neben der Beratung in Kliniken, für deren Organ­i­sa­tion in erster Lin­ie die Ärzte zuständig sind, bietet die DGUV das Peer-Coun­sel­ing auch im anschließen­den Reha- und Eingliederung­sprozess an.

„In der Klinik geht es um die erste Ver­ar­beitung des Erleb­niss­es, und um die unmit­tel­bare Frage: Was kann ich zukün­ftig noch? Es geht ums Mut-Machen, um pos­i­tive Hil­festel­lung und Per­spek­tiv­en“, sagt Scholtysik. „Zuhause ist die Sit­u­a­tion noch ein­mal anders, man erlebt die eige­nen Gren­zen wieder neu, in Bezug auf die Fam­i­lie, das soziale Umfeld und später natür­lich den Beruf. Den Men­schen, die wir in der geset­zlichen Unfal­lver­sicherung betreuen, möcht­en wir eine Peer-Beratung über den klin­is­chen Bere­ich hin­aus anbi­eten.“ So hat die DGUV eine Peer-Daten­bank in Form ein­er Land­karte aufge­baut, in der bun­desweit 250 Peers gelis­tet sind, auf die die Reha-Berater der DGUV zurück­greifen und – immer mit Ein­ver­ständ­nis der Betrof­fe­nen – Peers ver­mit­teln können.

Wichtig: Auswahl und Fortbildung der Peers

„Wir acht­en darauf“, so Scholtysik, „dass Peer und Betrof­fen­er zueinan­der passen, sowohl in Bezug auf die Ver­let­zung oder Erkrankung als auch hin­sichtlich der Lebenssi­t­u­a­tion.“ Eine große Bedeu­tung, da sind sich alle Experten einig, kommt der richti­gen Auswahl und Fort­bil­dung der Peers zu: Sie haben ihre eigene Krankheits­geschichte ver­ar­beit­et, ste­hen fest im Leben und sind gut auf die Auf­gabe vor­bere­it­et. Die DGUV kooperiert zudem mit anderen Organ­i­sa­tio­nen, ver­mit­telt unter anderem Peers der Förderge­mein­schaft der Quer­schnitts­gelähmten, und auch hier gilt: Eine Erstschu­lung ist uner­lässlich. Seit sieben Jahren find­et ein­mal pro Jahr im ukb eine Fort­bil­dung der Ini­tia­tive PiK für Peers, aber auch für Reha-Man­ag­er mit regelmäßig über 100 Teil­nehmern statt. Dabei geht es beispiel­sweise um motivierende Gesprächs­führung, um den Umgang mit Emo­tio­nen und Gren­zen und darum, dass Rechts­ber­atung, medi­zinis­che Beratung oder Wer­bung für bes­timmte Prothe­sen- beziehungsweise Hil­f­s­mit­tel­her­steller in einem Peer-Gespräch keinen Platz haben. Die DGUV führt zudem regelmäßig auch Schu­lungssem­inare über ihre Hochschulen durch.

Jede Person reagiert anders

Die Peers arbeit­en ehre­namtlich, erhal­ten eine Aufwand­sentschädi­gung und entschei­den mit dem Patien­ten, ob es ein oder mehrere Tre­f­fen gibt – mitunter auch in lan­gen Zeitab­stän­den. Jede Per­son reagiere anders und manche fie­len erst län­gere Zeit nach dem Kranken­haus- und Reha-Aufen­thalt in ein Loch, wenn ihnen bes­timmte Ein­schränkun­gen deut­lich­er bewusst wür­den. Erst dann öffneten sie sich für den Aus­tausch mit einem anderen Betrof­fe­nen. Deshalb wün­scht sich Dr. Beirau, dass alle Reha-Man­ag­er der DGUV um den Nutzen der Peer-Beratung wis­sen und den Betrof­fe­nen zu ihrer Zeit dann ein Peer-Coun­sel­ing anbi­eten und vermitteln.

Die Peers kennen die Prozesse

Dass es nicht immer nur um psy­chosoziale Aspek­te geht, davon kann der Berlin­er David Kolbe bericht­en. Der 38-jährige Fam­i­lien­vater, der vor acht Jahren bei einem Wege-Unfall mit seinem Motor­rad lebens­ge­fährlich ver­let­zt wurde, berät heute als Peer – eben­falls bei Ampu­ta­tio­nen. „Der Erfahrungsaus­tausch ist Gold wert. Ich kann die Angst vor der Ampu­ta­tion nehmen, wenn sie noch bevorste­ht. Wir machen nicht nur Mut, son­dern geben auch Wis­sen weit­er, das man sich son­st müh­sam zusam­men­su­chen müsste. Etwa, wie es mit dem Aut­o­fahren weit­erge­hen kann oder wie die Prothe­sen-Anpas­sung abläuft. Wir ken­nen die Prozesse, die Bürokratie, haben einiges an Know-how. Und ich kann zeigen, was an Sport möglich ist: Ich fahre Fahrrad, springe Fallschirm, klet­tere, mache Inline-Skat­ing. Aber für die Erst­ber­atung ist das nichts“, schränkt er ein.

Weiterarbeiten mit Handicap

Als Mit-Inhab­er ein­er Elek­trofir­ma könne er selb­st trotz Ampu­ta­tion weit­er­ar­beit­en – freilich mit Aufla­gen, was den Arbeitss­chutz ange­ht. „Ich darf beispiel­sweise nicht mehr auf Leit­ern klet­tern.“ Aus sein­er Erfahrung als Peer-Berater wün­scht er sich für andere Betrof­fene mehr Trans­parenz und Klar­text in den Betrieben darüber, was trotz Hand­i­cap gemacht wer­den darf und was nicht, und gibt ein Beispiel: Ein Bekan­nter mit ein­er Unter­schenkel-Ampu­ta­tion kann seine Bürotätigkeit natür­lich weit­er­führen. Doch manch­mal stecke die Tücke im Detail: Darf er auf den Hock­er steigen, um Akten aus einem hohen Schrank zu holen? Hier sei es wichtig, dass jede mögliche Tätigkeit erfasst und mit ein­er klaren Anweisung verse­hen sei.


Foto: privat

Autorin: Bernadett Groß

Freie Jour­nal­istin


Peer-Counseling

Der Begriff Peer-Coun­sel­ing stammt aus dem Englis­chen und meint ein Gespräch mit einem Betrof­fe­nen auf Augen­höhe. Ein Peer ist eine gle­ichgestellte Per­son, Coun­sel­ing bedeutet Beratung.

  • Die Ini­tia­tive „PiK – Peers im Kranken­haus“ basiert auf ein­er Koop­er­a­tion aus Unfal­lkranken­haus Berlin, Deutsch­er Geset­zlich­er Unfal­lver­sicherung DGUV, Bun­desver­band für Men­schen mit Arm- und Beinam­pu­ta­tion und AOK. Schirmherr von PiK ist der deutsche Arzt und Kabaret­tist Eckart von Hirschhausen. 2019 erhielt PiK mit der Kurt-Alphons-Jochheim-Medaille die höch­ste Ausze­ich­nung der Deutschen Vere­ini­gung für Rehabilitation.
  • Die Deutsche Geset­zliche Unfal­lver­sicherung (DGUV) unter­stützt Peer-Coun­sel­ing auch nach der klin­is­chen Phase. Hier ist der jew­eilige Reha-Man­ag­er der Ansprech­part­ner und Vermittler.
  • Im Übereinkom­men der Vere­in­ten Natio­nen über die Rechte von Men­schen mit Behin­derun­gen und im davon abgeleit­eten Bun­desteil­habege­setz ist eine solche unab­hängige Teil­habe-Beratung als Ziel for­muliert. Laut des neun­ten Buchs des Sozialge­set­zbuch­es ist der Beratung von Betrof­fe­nen für Betrof­fene ein Vor­rang in der Förderung einzuräumen.
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