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Knöchelziehen vermeiden

Gutes Raum­klima im Winter

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Zu kalt, zu warm, zu stickig, zu trocken – während der Heiz­pe­ri­ode ist es nicht leicht, die verschie­de­nen Fakto­ren für ein gesun­des Raum­klima rich­tig zu steu­ern. Was dabei zu beach­ten ist, weiß Dr.-Ing. Kers­ten Bux von der Bundes­an­stalt für Arbeits­schutz und Arbeits­me­di­zin.

Petra Jauch

Um es gleich vorweg­zu­neh­men: Auch der ausge­wie­sene Experte für das Fach­ge­biet Klima am Arbeits­platz kann nicht mit einer Ideal­lö­sung für alle aufwar­ten. Der Grund: Es gibt sie nicht. „Studien haben gezeigt, dass man es nicht allen recht machen kann. Selbst wenn der beste Haus­tech­ni­ker das Raum­klima auf dem aktu­el­len Stand von Wissen­schaft und Tech­nik einsteu­ert, beschwe­ren sich immer noch mindes­tens fünf Prozent der Beschäf­tig­ten“, erklärt Bux. Denn nicht nur die Geschmä­cker sind verschie­den, auch das Tempe­ra­tur­emp­fin­den ist indi­vi­du­ell ausge­prägt. „Ein ganz wesent­li­cher Faktor ist die Person selbst, ihre Physio­lo­gie: Mann, Frau, Alter, Gewicht, Konsti­tu­tion – ist womög­lich eine Erkäl­tung im Anflug? All dies spielt für das ther­mi­sche Empfin­den und die persön­li­che Ther­mo­re­gu­la­tion eine Rolle.“ Immer­hin helfe diese Erkennt­nis dabei, das poten­zi­elle Streit­thema Raum­klima etwas zu entschär­fen. „Dieses Wissen führt zu einem gewis­sen Verständ­nis.“

Komple­xes Zusam­men­spiel

Das Raum­klima setzt sich zusam­men aus Luft­tem­pe­ra­tur, Luft­feuchte, Luft­ge­schwin­dig­keit und der Wärme­strah­lung der Umge­bungs­flä­chen. Es ist aber auch eine Frage von Beklei­dung, Akti­vi­tät und Aufent­halts­dauer: Ein gutes Raum­klima lasse sich nicht einfach am Ther­mo­me­ter able­sen, unter­streicht Bux. „Man muss auch berück­sich­ti­gen: Was haben die Menschen an, was tun sie, wie lange befin­den sie sich in dem Raum – den ganzen Tag oder nur kurz­fris­tig?“

Die rich­tige Klei­dung

Wer sich im Winter an seinem Arbeits­platz wohl­füh­len möchte, hat also auch einen Eigen­bei­trag dafür zu leis­ten. „Wir nennen das Verhal­tens­an­pas­sung. Das heißt, man muss durch eige­nes Zutun dafür sorgen, dass man das Klima in Ordnung findet“, sagt Bux. Dies geschieht vor allem durch die rich­tige Klei­dung. Im Winter rät der Fach­mann zum Zwie­bel­scha­len­prin­zip, also möglichst viele dünne Schich­ten über­ein­an­der zu tragen. „Unter­hemd, Hemd, Pull­over und viel­leicht noch ein Sweat­shirt drüber, das lässt sich dann je nach Situa­tion anpas­sen.“ Ein großes Problem seien zudem kalte Füße. Ein empfind­li­ches Einfalls­tor für die Kälte werde dabei leicht über­se­hen: der Über­gang zwischen Schu­hen und Hose. Dieser bleibe bei Socken­trä­gern meist frei und wirke wie ein Korri­dor für die kalte Luft. „Wir spre­chen hier vom Knöchel­zie­hen.“

Stoß­lüf­tung empfoh­len

Aufgrund des unter­schied­li­chen Tempe­ra­tur­emp­fin­dens wird das Lüften leicht zum Zank­ap­fel. Bux empfiehlt im Winter die soge­nannte Stoß­lüf­tung, sprich die Fens­ter kurz, aber komplett zu öffnen. „Es ist einfach gut, wenn frische Luft herein­kommt. Aber bevor die Wände ausküh­len, schließt man die Fens­ter besser wieder.“ Kipp­lüf­ten sei im Winter ungüns­tig – schon allein aus ener­ge­ti­scher Sicht. „Dann fließt stän­dig warme Luft nach drau­ßen und die kalte Luft im Raum staut sich aus physi­ka­li­schen Grün­den unten am Boden. Dort bildet sich dann ein soge­nann­ter Kalt­luft­see und schon sind wir wieder beim Knöchel­zie­hen – sehr ungüns­tig.“

Achtung Zugluft!

Ein großes Thema ist auch die Zugluft. „Zugluft ist etwas Unan­ge­neh­mes und wegen ihrer großen Beläs­ti­gungs­wir­kung gesetz­lich verbo­ten: Laut Arbeits­stät­ten­ver­ord­nung dürfen durch die Lüftung oder Klima­an­lage die Beschäf­tig­ten keinem stören­den Luft­zug ausge­setzt sein.“ Trifft Zugluft auf die Haut, etwa am Nacken oder an der Schul­ter, kommt es zu einer loka­len Unter­küh­lung. „Der Körper regu­liert das, indem er an dieser Stelle die Durch­blu­tung redu­ziert. Das kann dann zu Muskel­ver­span­nun­gen und Schmer­zen führen.“

Wegen dieser Gefahr kann man das Zugluf­t­ri­siko beim Einsatz raum­luft­tech­ni­scher Anla­gen voraus­be­rech­nen. Zugluft sei aber nicht zu verwech­seln mit einem kurzen Luft­stoß: „Wenn zum Beispiel eine Tür geöff­net wird, wehen womög­lich die Blät­ter vom Schreib­tisch. Das ist aber keine Zugluft, das ist Wind.“ Die Grenze für Zugluft ist in einer Tech­ni­schen Regel mit 0,15 Meter pro Sekunde fest­ge­legt. „Das merkt man zunächst gar nicht. Aber wenn so ein Luft­strom konti­nu­ier­lich vorbei­strömt, ist das sehr unan­ge­nehm.“

Problem Trocken­heit

Doch nicht nur die Kälte, auch die Trocken­heit der Luft macht den Beschäf­tig­ten im Winter zu schaf­fen. „Rein recht­lich ist es so: Die winter­be­dingte Situa­tion, dass die Luft trocken wird, muss man akzep­tie­ren“, erklärt Bux. Am Arbeits­platz bestehe somit kein Anspruch auf Luft­be­feuch­tung.

Beim Einsatz tech­ni­scher Hilfs­mit­tel zu diesem Zweck sei zudem eini­ges zu beach­ten: Luft­be­feuch­ter müss­ten zur Raum­größe passen, Verduns­tungs­ge­fäße für Heiz­kör­per hätten nur geringe Wirkung, zudem könn­ten solche Einrich­tun­gen, wenn sie nicht rich­tig gewar­tet werden, hygie­ni­sche Probleme aufwer­fen: „Ein solches Gerät ist ja immer feucht, das heißt, dort können Keime wach­sen.“

Sollen Raum­luft­be­feuch­ter einge­setzt werden, plädiert Bux für ein Gerät mit Güte­sie­gel, erkenn­bar am DGUV Test-Zeichen. „Da kann man davon ausge­hen, dass es in Ordnung ist.“ Der psycho­lo­gi­sche Effekt sei hier oft größer als die mess­bare Wirkung zur Erhö­hung der Luft­feuchte. „Die Beschäf­tig­ten haben aber zumin­dest das Gefühl, dass etwas gegen die trockene Luft getan wird.“

Psycho­lo­gisch wirk­sam

Auch Grün­pflan­zen würden als Feuch­tig­keits­spen­der über­schätzt. „Für ein Büro mit 20 Quadrat­me­tern Grund­flä­che bräuchte man unge­fähr fünf­zehn größere Pflan­zen“, kalku­liert Bux. Und nicht jede Pflanze sei geeig­net: Ein Ficus etwa verdunste zu wenig. Eine weitere Paral­lele zu den tech­ni­schen Luft­be­feuch­tern: Pflan­zen können Hygie­ne­pro­bleme mit sich brin­gen – etwa durch Schim­mel­bil­dung auf der Erde oder die Verbrei­tung von unlieb­sa­men Insek­ten. Unbe­strit­ten ist hinge­gen ihre posi­tive Wirkung auf die Stim­mung.

Psycho­lo­gie im Spiel ist auch beim Thema Einfluss­nahme. Beschäf­tigte in klei­ne­ren Büro­räu­men gestal­ten das Raum­klima bis zu einem gewis­sen Grad selbst – sie können lüften oder die Heizung aufdre­hen und die Wirkung unmit­tel­bar spüren. Diese soge­nannte „wahr­ge­nom­mene Kontroll­mög­lich­keit“ sei gut für das Wohl­be­fin­den, bestä­tigt Bux: „Nicht Einfluss nehmen zu können ist ein Stres­sor.“ Beschäf­tigte in Groß­raum­bü­ros oder Produk­ti­ons­hal­len müssen aller­dings mit den vorge­ge­be­nen Bedin­gun­gen zurecht­kom­men.

Beschwer­den aufgrei­fen

Beschwer­den über das Klima soll­ten immer ernst genom­men werden, unter­streicht Bux. Dabei seien auch die Sicher­heits­be­auf­trag­ten gefragt: „Sie soll­ten mit offe­nen Augen herum­ge­hen, Beschwer­den aufneh­men und versu­chen, deren Ursa­chen zu finden.“ Denn oftmals könn­ten schon kleine Ände­run­gen Abhilfe schaf­fen. Wenn keine Lösung gefun­den wird, rät er zu einem runden Tisch mit Arbeitgeber- und Arbeit­neh­mer­ver­tre­tern, Betriebs­arzt und Sicher­heits­fach­kraft.

Nicht zuletzt könn­ten die Betriebe auf externe Unter­stüt­zung zurück­grei­fen. „Ich verweise hier auf die Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten. Dort gibt es hilf­rei­che Broschü­ren sowie Klima-Fachleute, die messen und bera­ten können.“ Das Raum­klima sei in jedem Fall ein wich­ti­ger Faktor bei der Arbeit: Laut BIBB/BAuA-Erwerbstätigenumfrage sei circa ein Vier­tel aller Beschäf­tig­ten von Hitze, Kälte, Nässe oder Zugluft betrof­fen und wiederum die Hälfte von ihnen dadurch belas­tet. „Das ist ganz klar ein Thema in den Betrie­ben, keine Rand­er­schei­nung.“

Weiter­füh­rende Lite­ra­tur

BAuA Publi­ka­tion „ Gesun­des Klima und Wohl­be­fin­den am Arbeits­platz“

BAuA Publi­ka­tion „Ther­mi­sche Behag­lich­keit während der Heiz­pe­ri­ode“

DGUV Infor­ma­tion 215–510 „Beur­tei­lung des Raum­kli­mas“

DGUV Infor­ma­tion 215–520 „Klima im Büro“


Gesetz­li­che Rege­lun­gen

  • Klima­ti­sche Fakto­ren sind Bestand­teil der obli­ga­to­ri­schen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung nach § 3 der Arbeits­stät­ten­ver­ord­nung (ArbStättV)
  • ASR A3.5 Raum­tem­pe­ra­tur
    (GMBl 2010, S. 751)
  • ASR A3.6 Lüftung (GMBl 2012, S. 92)

Weitere Infor­ma­tio­nen


Winter-Knigge

  • Tempe­ra­tur: Je nach Art der Tätig­keit gelten für die Raum­tem­pe­ra­tur andere Richt­werte. Im Büro sollte die Tempe­ra­tur mindes­tens 20 °C betra­gen. Als opti­mal bezie­hungs­weise behag­lich gilt der Mittel­wert 22 °C +/- 2 °C.
  • Lüften: drei Minu­ten Stoß­lüf­ten pro Stunde, vorzugs­weise in den Pausen
  • Klei­dung: nach dem Zwie­bel­scha­len­prin­zip viele dünne Schich­ten über­ein­an­der tragen, Strümpfe helfen gegen Knöchel­zie­hen
  • Haut­pflege: indi­vi­du­ell geeig­nete Haut­pfle­ge­mit­tel bewah­ren Gesicht und Hände vor dem Austrock­nen
  • Trin­ken: empfoh­le­ner Richt­wert zwei Liter pro Tag
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