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Leitmerkmalmethode - Belastungen einfach ermitteln

Belastungen einfach ermitteln
Die Leitmerkmalmethode

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In der Gefährdungs­beurteilung wer­den die Belas­tun­gen bei der Arbeit erfasst und ermit­telt. Am ein­fach­sten gelingt dies, wenn man sich dabei an Vor­gaben ori­en­tieren kann. Solche Vor­gaben oder anders aus­ge­drückt Leit­merk­male, bietet die Leit­merk­mal­meth­ode (LMM).

Clau­dia M., 50 Jahre, arbeit­et seit vie­len Jahren als Briefzustel­lerin in Köln. Dafür ist sie mit einem Fahrrad unter­wegs, das vorne und hin­ten mit Taschen für die Post­sendun­gen aus­gerüstet ist. Egal, ob die Sonne scheint und es heiß ist, ob es reg­net oder ein eisiger Wind bläst: Die Post muss werk­tags zuver­läs­sig aus­geliefert wer­den. Die Belas­tun­gen, denen Clau­dia an einem Arbeit­stag aus­ge­set­zt ist, sind vielfältig. Beim Sortieren und Ein­laden der Briefe sind ihre Hände und Arme beson­ders gefordert. Wenn sie dann von Haustür zu Haustür unter­wegs ist, spürt sie das Gewicht des voll­be­lade­nen Rads. Manche Abschnitte im Zustell­bezirk haben einen man­gel­haften Straßen­be­lag. Das erschw­ert die Fahrt. An manchen Tagen ist Clau­dia froh, wenn die Arbeit zu Ende ist und sie zu Hause in der Bade­wanne ihre Muskeln entspan­nen und sich aufwär­men kann.

Für Belastungen ausgelegt

Der men­schliche Kör­p­er ist auf kör­per­liche Belas­tun­gen vor­bere­it­et. Bewe­gung ist sog­ar lebenswichtig, damit der Kör­p­er und die Organe gesund funk­tion­ieren kön­nen. Wenn die Belas­tung jedoch zu groß ist oder zu oft wieder­holt wird, spricht man von ein­er Fehlbe­las­tung. Und Fehlbe­las­tun­gen schaden dem Kör­p­er. Sie kön­nen Beschw­er­den oder Erkrankun­gen des Muskel-Skelett-Sys­tems verursachen.

Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn ein Gegen­stand, der zu schw­er ist, ein­ma­lig ange­hoben wird. In diesem Fall kann es passieren, dass man die Fol­gen sofort zum Beispiel als Hex­en­schuss, Leis­ten­bruch, Bän­derz­er­rung oder Muskel­riss spürt. Bei lan­gan­dauern­den Fehlbe­las­tun­gen, die keine unmit­tel­baren Schmerzen oder gesund­heitlichen Fol­gen mit sich brin­gen, kann es Monate oder sog­ar Jahre dauern, bis sich die neg­a­tiv­en Auswirkun­gen bemerk­bar machen.

Leitmerkmalmethode LMM
Die Leit­merk­mal­meth­ode bezieht sich auf sechs physis­che Belas­tungsarten (Quelle: Brucker).

Belastungen ermitteln per Leitmerkmalmethode

Mit der Leit­merk­mal­meth­ode lässt sich ermit­teln, ob die kör­per­lichen Belas­tun­gen bei der Arbeit in einem gesun­den Maß stat­tfind­en oder ob sie als Über- beziehungsweise Fehlbe­las­tun­gen aktuell oder auf Dauer ein Risiko für die Gesund­heit darstellen. Sog­ar der Auswirkungs­grad lässt sich damit berech­nen. Dabei ist es wichtig, dass eine Belas­tung nicht nur an sich, son­dern auch in ihrem Aus­maß bekan­nt ist. Dafür muss man allerd­ings wis­sen, an welchen Stellen und in welchem Umfang es zur Belas­tung kommt.

Im Beispiel der Briefzustel­lerin Clau­dia M. müssen deshalb die einzel­nen Tätigkeit­en, wie zum Beispiel Post sortieren und ein­laden oder Post trans­portieren jew­eils für sich betra­chtet wer­den. Anschließend muss aber auch die Summe der Belas­tun­gen ermit­telt wer­den. Stellt sich bei der Gefährdungs­beurteilung näm­lich her­aus, dass eine bes­timmte Belas­tung den Kör­p­er über­fordert oder alle Belas­tun­gen zusam­men zu groß sind, lassen sich Maß­nah­men gezielt entwick­eln, um die Belas­tung zu ver­ringern oder zu ver­mei­den. Und das ist wichtig, denn: Muskel-Skelett-Erkrankun­gen führen in Deutsch­land die Sta­tis­tik der Arbeit­sun­fähigkeit­stage an.

Analyse der Teil-Tätigkeiten

Die meis­ten Tätigkeit­en set­zen sich aus mehreren Teil-Tätigkeit­en zusam­men. Beruf­skraft­fahrer sitzen im Liefer­wa­gen, heben, tra­gen und/oder bewe­gen Ware – eventuell sog­ar über Trep­pen hin­weg – bis zum Kun­den, gehen zurück zum Fahrzeug und fahren zum näch­sten Kun­den. Wer dage­gen in ein­er Autow­erk­statt den Unter­bo­den eines Fahrzeugs repari­ert, muss in die Grube steigen, über Kopf arbeit­en, Werkzeuge benutzen und sich dann beim näch­sten Fahrzeug über den Motor­raum bück­en. Die Tätigkeit­en Sitzen, Heben, Tra­gen, Gehen, Trep­pen­steigen, Bück­en etc. stellen unter­schiedliche Belas­tun­gen für unter­schiedliche Kör­per­re­gio­nen dar.

Mit der Leit­merk­mal­meth­ode lassen sich diese leicht ermit­teln und doku­men­tieren. Die Meth­ode an sich ist ein­fach anzuwen­den. Voraus­set­zung sind allerd­ings gute Ken­nt­nisse zu einzel­nen Teil-Tätigkeit­en. Nur so ist es möglich, Belas­tun­gen – auch in ihrer Gesamtheit – richtig einzuschätzen.

Mit der Leit­merk­mal­meth­ode lassen sich sechs ver­schiedene physis­che Belas­tungsarten anhand von je drei Form­blät­tern beurteilen (siehe Tabelle). Auch Mis­chbe­las­tun­gen über eine gesamte Arbeitss­chicht lassen sich mit den entsprechen­den Ergänzun­gen bew­erten. Im Beispiel von Clau­dia M. ist die Leit­merk­mal­meth­ode in den Bere­ichen „Kör­per­fort­be­we­gung“ für den Trans­port per Fahrrad, „Manuelle Arbeit­sprozesse“ für die Brief­sortierung sowie eventuell „Heben, Hal­ten und Tra­gen“ anzuwen­den, falls etwa Post­box­en schw­er­er als drei Kilo sind.

Umsetzung der Leitmerkmalmethode

Die Leit­merk­mal­meth­ode erfol­gt in bis zu vier Schrit­ten. Der Risikow­ert, der sich am Ende ergibt, set­zt sich aus den einzel­nen Ein­schätzun­gen zusam­men. Je genauer die Ein­schätzun­gen aus­fall­en, desto genauer ist das Ergebnis.

1. Häufigkeit ermitteln

Im ersten Schritt wird über­prüft, wie häu­fig eine bes­timmte Teil-Tätigkeit aus­ge­führt wird. Zur Ori­en­tierung dient dafür eine Tabelle. Die geschätzte Häu­figkeit wird in der Tabelle automa­tisch einem bes­timmten Zeitwich­tungswert zuge­ord­net. Die Briefzustel­lerin Clau­dia M. aus unserem Beispiel ist pro Arbeit­stag vier Stun­den mit dem Dien­strad unter­wegs. Was laut Tabelle einem Zeitwich­tungswert von 9 entspricht.

2. Weitere Merkmale einschätzen

Nach der Zeitwich­tung wer­den im zweit­en Schritt alle weit­eren Merk­male abge­fragt. Die Merk­male sind in den Form­blät­tern stich­wor­tar­tig, mit ein­fachen Worten beschrieben. In vie­len Fällen ver­an­schaulichen Bilder beziehungsweise Grafiken die Aus­sagen. Für die Ein­schätzung wer­den den Merk­malen tabel­lar­isch Zei­tan­teile, Kraftkat­e­gorien, Bew­er­tungskri­te­rien von gut bis schlecht oder häu­fig bis nie zuge­ord­net. Wer mit ein­er bes­timmten (Teil-)Tätigkeit ver­traut ist, kann mit den Vor­gaben recht genau und schnell eine Ein­schätzung vornehmen.

Fol­gende Merk­male sind unter anderem je nach Belas­tungsart zu beurteilen:

  • Last­gewicht; wie etwa beim Heben, Tra­gen, Schieben oder Ziehen,
  • Las­tauf­nah­mebe­din­gun­gen; zum Beispiel ein- oder bei­d­händig, über Kopf oder vom Boden,
  • Kör­per­hal­tun­gen; zum Beispiel aufrecht, ver­dreht, gebeugt, sitzend, hock­end oder kniend,
  • Kör­per­be­we­gung; wie Rumpfver­drehung oder ‑seit­nei­gung,
  • Kör­per­fort­be­we­gung; wie etwa gehen, steigen, kriechen oder klettern,
  • Bewe­gungsmöglichkeit beziehungsweise ‑ein­schränkun­gen,
  • Belas­tung einzel­ner Kör­perteile und Gelenke wie Fin­ger, Schul­tern oder Knie,
  • Arbeit­sor­gan­i­sa­tion; zum Beispiel die Häu­figkeit von Belastungswechseln,
  • Greif­be­din­gun­gen; etwa von Werkzeu­gen oder Maschinen,
  • Kraftausübung beziehungsweise ‑über­tra­gung; wie etwa beim Arbeit­en mit Werkzeu­gen oder Maschinen,
  • Beschaf­fen­heit des Unter­grunds beziehungsweise Fahrwegs; wie zum Beispiel eben, glatt, stark ver­schmutzt oder grob gepflastert,
  • Aus­führungs­be­din­gun­gen; beispiel­sweise bei Nässe, Vibra­tio­nen oder hoher geistiger Konzentration.

Ist die Zuord­nung erfol­gt, lässt sich in der jew­eili­gen Tabelle ein weit­er­er Wich­tungswert able­sen. In unserem Fall­beispiel mit der Zustel­lerin Clau­dia M. sind bei der Leit­merk­mal­meth­ode Kör­per­fort­be­we­gung unter anderem die Merk­male „Fahren mit Muskelkraft“ hin­sichtlich des Tem­pos und des zu bewe­gen­den Last­gewichts einzuschätzen sowie der Zus­tand der Fahrwege und das Klima.

3. Risikowert berechnen

Im drit­ten Schritt erfol­gt die math­e­ma­tis­che Berech­nung. Das errech­nete Ergeb­nis stellt den Risikow­ert dar. Dafür wer­den die einzel­nen Werte in ein Schema einge­tra­gen, zusam­mengezählt und mit dem Wert der Zeitwich­tung mul­ti­pliziert. Bei den Bere­ichen, bei denen Las­ten eine Rolle spie­len, gibt es bei der Leit­merk­mal­meth­ode noch einen zusät­zlichen Mul­ti­p­lika­tions­fak­tor von 1,3 für weib­liche Mitarbeiter.

Wur­den die (Teil-)Tätigkeiten kor­rekt eingeschätzt und stellen sie keine Über- oder Fehlbe­las­tung dar, lässt sich in
ein­er Über­sicht auf einen Blick erken­nen: Hier ist alles im „grü­nen Bere­ich“, die Belas­tung­shöhe ist ger­ing und es sind keine Maß­nah­men notwendig.

4. Maßnahmen einleiten

Liegt der Risikow­ert im mit­tleren gel­ben Bere­ich, ist ein weit­er­er, viert­er Schritt notwendig. So soll­ten zum Beispiel Maß­nah­men für ver­min­dert belast­bare Per­so­n­en über­legt wer­den. Gemeint sind damit unter anderem Beschäftigte, die älter als 40 oder jünger als 21 Jahre oder die durch Erkrankun­gen leis­tungs­ge­mindert sind.

Ein Ergeb­nis im roten Bere­ich weist darauf hin, dass eine kör­per­liche Über­beanspruchung und aus­geprägte gesund­heitliche Beschw­er­den oder gar Erkrankun­gen bere­its wahrschein­lich sind. Hier herrscht umge­hend Hand­lungs­be­darf, sprich die Arbeit ist anders zu gestal­ten. Außer­dem ist zu über­prüfen, ob weit­ere (Präventions-)Maßnahmen erforder­lich sind.

Fehleinschätzungen gehen zulasten der Gesundheit

Gefährlich wird es, wenn kör­per­liche Belas­tun­gen zu ger­ing bew­ertet wer­den. Denn dadurch wird die Gesund­heit der Beschäftigten aufs Spiel geset­zt. Falsche Ein­schätzun­gen ver­hin­dern die Möglichkeit, Arbeits­be­din­gun­gen so zu verbessern, dass alle dauer­haft gesund arbeit­en können.


Foto: privat

Autorin: Bet­ti­na Brucker

Fachjour­nal­istin


Mehr zum Thema

Die neuen Leit­merk­mal­meth­o­d­en zu sechs ver­schiede­nen Belas­tungsarten kön­nen auf der Inter­net­seite der Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedi­zin (BAuA) unter www.baua.de kosten­los herun­terge­laden wer­den. Für die Zukun­ft ist eine dig­i­tale Ver­sion geplant.

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