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Martl Jung

Nachgefragt
Martl Jung

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Foto: privat
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Im Som­mer am Sand­strand sind sich viele Men­schen einig: Bar­fußge­hen macht Spaß und ist gesund. Kon­se­quente Bar­fußge­her, die dies auch im unwegsamen Gelände und bei käl­teren Tem­per­a­turen prak­tizieren, sind hinge­gen sel­ten. Ein­er, der das Bar­fußlaufen gle­ich­sam auf die Spitze getrieben hat, ist Martl Jung: Mit sein­er Alpenüber­querung set­zte er einen neuen Maßstab beim Barfußwandern.

Herr Jung, was macht das Bar­fußge­hen für Sie so attrak­tiv: Hat es etwas mit Entschle­u­ni­gung und einem beson­ders inten­siv­en Natur­erleb­nis zu tun?

Defin­i­tiv. In unser­er heuti­gen Gesellschaft dreht sich das Leben oft viel zu schnell und die Seele hat kaum eine Chance, uns zu fol­gen. Hinzu kommt die immer weit­er um sich greifende Vol­lka­sko­men­tal­ität, die Ver­lagerung der Ver­ant­wor­tung für das eigene Tun auf andere. Ungeschützt in direk­tem Kon­takt zur Erde, also ohne dop­pel­ten Boden unter­wegs zu sein, lehrt vor allem zwei Dinge: Nach­haltigkeit und Acht­samkeit. Man hat nur sein eines Paar Füße dabei – und die sind ver­let­zlich. Sie nehmen aber auch viele Sin­ne­sein­drücke auf,

die man in Schuhen gar nicht haben kann. Diese Bere­icherung in der Wahrnehmung erfordert aber, sorgsam mit seinen Füßen umzuge­hen. Anstren­gend fand ich ger­ade auf der lan­gen Alpenüber­querung die per­ma­nente Konzen­tra­tion. Bei jedem Schritt über 32 Tage, über 567 Kilo­me­ter und 34.000 Höhen­meter musste ich acht­sam sein. Bei jedem einzel­nen Schritt. Und das strengt unge­mein an. Aber son­st hätte ich die Tour nicht geschafft.

„Kind, zieh was an die Füße!“ Diese für­sor­gliche Auf­forderung begleit­et viele Men­schen beim Her­anwach­sen. Zumin­d­est bei Kälte gel­ten bloße Füße als Gesund­heit­srisiko – ein Irrtum?

Bar­fußge­hen ist mit vie­len Vorurteilen belastet. Natür­lich holt man sich schneller eine Erkäl­tung, wenn die Kälte von unten den Kör­p­er hin­aufkriecht und so die Immunab­wehr schwächt. Aber grund­sät­zlich erkäl­tet man sich durch Viren – und die kom­men nicht durch die Füße. Viel gefährde­ter ist man dort, wo sich viele kränkel­nde Men­schen aufhal­ten, zum Beispiel im täglichen Berufsverkehr in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Wer viel bar­fuß läuft, hat eine dicke Leder­haut, mehr Muskeln im Fuß und vor allem eine wesentlich bessere Durch­blu­tung, nicht nur in den Füßen. Daher kühlt man nicht so schnell aus und ist auch bei Tem­per­a­turen bis zum Gefrier­punkt gut ohne Schuhe unter­wegs – ohne sich eine Erkäl­tung einz­u­fan­gen. Wichtig ist dabei, den Oberkör­p­er warm zu hal­ten. Die inneren Organe dür­fen nicht auskühlen. Sie sind es auch, die eine per­ma­nent hohe „Betrieb­stem­per­atur“ brauchen, damit sie über­haupt funk­tion­ieren kön­nen. Die Extrem­itäten kön­nen ruhig käl­ter sein, solange der Kreis­lauf genü­gend Energie nachliefert.

In tiefem Schnee bei deut­lichen Minus­graden trage ich auch Schuhe. Auf gestreuten Wegen ist das auch rat­sam, denn Salz senkt die Tem­per­atur zusät­zlich und das Schnee-Salz-Gemisch leit­et die Wärme viel bess­er, wodurch man schneller auskühlt.

Was war das ein­schnei­den­ste Erleb­nis bei Ihrer vier­wöchi­gen Alpenüberquerung?

Die Alpenüber­querung von München nach Verona war sich­er meine härteste Tour. Vor Ver­let­zun­gen schützen kon­nte ich mich nur durch Aufmerk­samkeit und Erfahrung. Es kommt vor allem darauf an, seine Geschwindigkeit dem Unter­grund, den Gegeben­heit­en anzu­passen: Man darf nicht mehr „Pro­fil“ ablaufen als nachwach­sen kann. Klingt logisch, ist aber nicht immer leicht einzuschätzen. Ein­schnei­dende Erleb­nisse hat­te ich viele, vor allem in den vie­len Nächt­en, die ich unter freiem Him­mel in den Bergen ver­bracht habe. Mal waren es Kühe, mal ein Gewit­ter oder ein Betrunk­en­er. Am meis­ten beein­druckt hat mich aber die Erken­nt­nis, dass die Tour wirk­lich mach­bar war und meis­tens sog­ar viel mehr Spaß gemacht hat als mit Schuhen.

Auch auf Ihren Fer­n­reisen oder beim Fotografieren unter schwieri­gen Bedin­gun­gen – etwa beim Drachen­fliegen – gehen Sie bewusst an Ihre Gren­zen. Wann gilt für Sie per­sön­lich „bis hier hin und nicht weiter“?

Bei Aben­teuern, wenn Sie das so for­mulieren wollen, ist es immer wichtig zu wis­sen, was man tut. Ger­ade Aktio­nen wie die Alpenüber­querung, bei der ich nicht ein­mal Notschuhe dabei­hat­te, bedür­fen genauer Vor­bere­itung. Die Gren­zen müssen erst ein­mal aus­gelotet wer­den, schließlich kon­nte ich nie­man­den fra­gen, der jemals eine Bar­fuß­tour in dieser Dimen­sion unter­nom­men hat. Kleinere Touren, die wie Mach­barkeitsstu­di­en die Gren­zen absteck­en, sind Voraus­set­zung bei Pro­jek­ten, von denen man nicht wis­sen kann, ob sie real­isier­bar sind.

Dabei lernt man auch, dass viele Schranken nur im Kopf existieren. Diese zu über­winden – ohne dabei blauäugig zu agieren – ist eine Tak­tik, mit der man im Leben auch auf anderen Ebe­nen viel erre­ichen kann. Ich habe ein­mal ein Zitat aufgeschnappt, das mich immer wieder daran erin­nert, dass vieles möglich ist, wenn man vorurteils­frei an Pro­jek­te herange­ht: „Alle sagten, das geht nicht. Dann kam ein­er, der wusste das nicht und hat´s gemacht.“ Ich starte ein Pro­jekt aber erst, wenn ich mir sich­er bin, dass es auch klappt. Die Rah­menbe­din­gun­gen dafür abzuk­lopfen ist ein großer Teil der Tour.


Steckbrief

  • geboren 1967 in Garmisch-Partenkirchen
  • Aben­teur­er, Bar­fußge­her und Fotograf
  • aus­ge­bilde­ter Tirol­er Bergwanderführer
  • über­querte 2009 auf bloßen Füßen die Alpen
  • ist als Fotograf auf action­re­iche Sport­fo­tografie, Por­traits und Natur­fo­tografie spezialisiert
  • erläutert im Buch „O Sohle mio. Bar­fuß durchs Leben und über die Alpen“ seine Lei­den­schaft für das Barfußgehen
  • ver­mit­telt in Live-Reporta­gen eine authen­tis­che Vorstel­lung von seinen
    Reisen oder Wanderungen
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