Schlafstörung noch ein Tabu. „Guter Schlaf muss Chefsache sein“ -
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„Guter Schlaf muss Chefsache sein“

Schlaf­stö­rung noch ein Tabu

Schlafstörung
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Rund 80 Prozent aller deut­schen Arbeit­neh­mer leiden an einer Schlaf­stö­rung. Das beein­träch­tigt die Quali­tät ihrer Arbeit ebenso wie ihre Gesund­heit. Schlaf­spe­zia­list Prof. Dr. med. Ingo Fietze erläu­tert im Inter­view, warum der gute Schlaf von Beschäf­tig­ten mehr Aufmerk­sam­keit bekom­men muss.

Das Inter­view führte Petra Hannen.

Herr Profes­sor Fietze, was bedeu­tet bei Schlaf ‚gut‘ oder ‚ausrei­chend‘ – kann man das allge­mein­gül­tig defi­nie­ren?

Leider ist Schlaf nicht so einfach mess­bar wie beispiels­weise der Blut­druck. Grund­sätz­lich lässt sich sagen: Wenn man erholt aufwacht, hat man gut geschla­fen. Wenn man müde aufwacht, war der Schlaf zu kurz oder zu schlecht – oder beides.

Was macht guten Schlaf denn so wich­tig?

Indi­vi­du­ell ist man nach einer schlech­ten Nacht geis­tig nicht auf der Höhe. Im Job kann das schon zu Proble­men führen: Man ist müde – nicht unbe­dingt schläf­rig, aber unauf­merk­sam. Das gefähr­det einen selbst, unter Umstän­den aber auch andere Beschäf­tigte oder Mitmen­schen, je nach Beruf. Wenn sich dann schlechte Nächte häufen oder der Schlaf über Monate oder gar Jahre gestört ist, wird es unge­sund. Diabe­tes kann die Folge sein, Blut­hoch­druck, Krebs, eine sinkende Lebens­er­war­tung.

Warum wird dem Thema Schlaf dann so wenig Aufmerk­sam­keit gewid­met?

Viel­leicht weil wir in Deutsch­land wohnen und nicht in den USA oder in Japan? Diese mangelnde Aufmerk­sam­keit für das Thema guter Schlaf ist ein Stück weit europa‐ und auch deutsch­land­spe­zi­fisch. Es gibt in Deutsch­land keine wirk­li­che univer­si­täre Schlaf­me­di­zin, bis heute lernen Studie­rende kaum etwas über den Schlaf. Es gibt auch so gut wie keine Schlaf­pra­xen. Dabei ist der schlechte Schlaf nach Adipo­si­tas die zweit­häu­figste Erkran­kung, die es über­haupt gibt.

Der Begriff Erkran­kung klingt in Zusam­men­hang mit schlech­tem Schlaf unge­wohnt …

… und das ist leider Teil des Problems. Der eine schnarcht ein biss­chen, der andere kann nicht schla­fen – klingt lapi­dar, ist aber alles andere als das. Wenn der Schlaf dauer­haft, also etwa vier bis zwölf Wochen lang, nicht erhol­sam ist und man selbst das Gefühl hat, nichts falsch zu machen, sollte man sich profes­sio­nelle Hilfe suchen. Sonst wird schlech­ter Schlaf chro­nisch – mit den erwähn­ten Folgen. Etwa jeder zehnte Deut­sche hat bereits eine behand­lungs­be­dürf­tige Schlaf­stö­rung.

Guter Schlaf – also ausge­ruhte, wache Beschäf­tigte – sollte also aus verschie­dens­ten Grün­den Chef­sa­che sein?

Das sollte es unbe­dingt, aber wahr­schein­lich schla­fen viele Bosse noch zu gut, um sich um das Thema zu kümmern. Wenn ich in Betriebe gehe und Vorträge halte, dann sitzt da aus der Führungs­ebene in der Regel leider niemand. Viel­leicht haben viele noch nicht verstan­den, dass schlech­ter Schlaf der Beschäf­tig­ten nicht nur Einfluss auf
deren Leis­tungs­fä­hig­keit hat, sondern auch auf die Zahl der Krank­heits­tage.

Was können Unter­neh­men denn für den guten Schlaf ihrer Beschäf­tig­ten konkret tun?

Zunächst könnte jeder Betrieb eine Umfrage unter der Beleg­schaft machen, wie viele sich tags­über müde fühlen und in der Pause lieber ein Nicker­chen machen würden, als den fünf­ten Kaffee zu trin­ken. Ein Berli­ner Unter­neh­men hat mal eine Liste mit zehn mögli­chen gesund­heits­för­dern­den Maßnah­men zur Abstim­mung gestellt. Gewon­nen hat zwar ein besse­res Ange­bot in der Kantine. Aber schon an zwei­ter Stelle kam der Ruhe­raum. Wenn mehr Betriebe ihre Beschäf­tig­ten anony­mi­siert befra­gen würden, am besten flächen­de­ckend, würde das Bedürf­nis nach Schlaf und Ausru­hen sehr häufig deut­lich werden.

Übri­gens sollte das Thema Ruhe­raum beson­ders für Unter­neh­men mit vielen Büro­ar­beits­plät­zen auf der Agenda ganz oben stehen. Niemand kann acht Stun­den konzen­triert am Bild­schirm arbei­ten. Alle vier Stun­den lässt die Aufmerk­sam­keit deut­lich nach, leich­tere Schwä­chen gibt es sogar alle 90 Minu­ten. Wenn ich zudem auch noch schlecht geschla­fen habe, werde ich dann müde. Als guter Arbeit­ge­ber weiß ich das und ermög­li­che es daher meinen Leuten, sich bei Bedarf zwischen­durch eine Weile aufs Ohr zu legen.

Ist in vielen Betrie­ben viel­leicht der Blick­win­kel auf das Thema Schlaf zu eng? Oft wird dabei ja nur an Schicht­ar­beit gedacht.

Dabei muss Schicht­ar­beit an sich nicht mal das größte Problem sein. Wich­tig ist die Art der Tätig­keit. Die körper­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit beispiels­weise kann man oft auch nach wenig Schlaf noch gut abru­fen. Wenn acht Stun­den lang geis­tige Fitness gefor­dert ist, sieht das schon anders aus. Und zum Drama wird das Thema über­all dort, wo Müdig­keit und Einschla­fen einfach nicht vorkom­men dürfen – bei Zugfüh­rern beispiels­weise oder in Leit­zen­tra­len. Aus meiner Sicht gibt es noch viel zu wenige Empfeh­lun­gen, wie sich in diesen Berei­chen Arbeits‐ und Ruhe­pha­sen besser gestal­ten lassen. Gleich­zei­tig werden leicht umsetz­bare Verbes­se­rungs­mög­lich­kei­ten oft über­se­hen, zum Beispiel wenn die Schicht­pla­nung keiner­lei Rück­sicht auf Lerchen und Eulen nimmt und den Lang­schlä­fer zur Früh­schicht einteilt. Außer­dem gibt es noch zu viele dunkle Arbeits­plätze – dabei macht Hellig­keit wach, ebenso wie Licht mit hohem Blau­an­teil.

Wen sehen Sie außer den Unter­neh­men noch in der Pflicht?

Poli­tik und Kran­ken­kas­sen. Denn die schlaf­me­di­zi­ni­sche Versor­gung ist grot­ten­schlecht, der Schlaf­ge­störte wird allein gelas­sen. Ich hoffe daher, dass mein neues Buch „Die über­mü­dete Gesell­schaft“ nicht nur Betrof­fene lesen, sondern auch Schlaf­ge­sunde – vor allem Verant­wort­li­che und Entschei­dungs­trä­ger. Der Schlaf wird immer schlech­ter, gleich­zei­tig tut sich bei der Versor­gung gar nichts und Präven­tion findet nicht statt. Bei Präven­tion geht es immer nur um Fitness und Ernäh­rung, Schlaf spielt keine Rolle. Man traut sich ja kaum zu sagen, dass man nicht schla­fen kann, womög­lich seit Wochen, dass man deswe­gen fix und fertig ist – und das gehört entta­bui­siert.

Daher habe ich auch zum ersten Mal ein Kapi­tel zum Thema Schlaf bei Kindern und Jugend­li­chen geschrie­ben. Denn es ist ein Drama, wenn Sie schon mit 18 eine Schlaf­stö­rung entwi­ckeln und nicht erst mit 50. Natür­lich ist die Behand­lung von Schlaf­stö­run­gen teuer – aber unbe­han­delt kosten sie erst recht viel Geld.


Weitere Infor­ma­tio­nen zum Thema Schlaf

  • Der Bundes­ver­band für Schlaf­apnoe und Schlaf­stö­run­gen Deutsch­land e.V. stellt für Selbst­tests Online‐Fragebögen des Schlaf­me­di­zi­ni­schen Zentrums der Ruhr­land­kli­nik Essen zur Verfü­gung. Die Tests können sofort ausge­wer­tet und die Ergeb­nisse ausge­druckt werden.
    www.bsd-selbsthilfe.de Medi­zi­ni­sche Infor­ma­tio­nen Online‐Fragebögen
  • Umfas­sende Infor­ma­tio­nen zum Thema Schlaf hat die DAK auf ihrer Inter­net­seite „Besser schla­fen: Was Sie über eine erhol­same Nacht­ruhe wissen soll­ten“ zusam­men­ge­stellt. Inter­es­sierte finden hier Wissens­wer­tes über Schlaf­stö­run­gen, Schlaf‐Tipps (siehe Kasten oben) und die passen­den Medi­ka­mente.
    www.dak.de Gesund­heit Schlaf

Sechs Tipps für eine erhol­same Nacht

Schon kleine Verän­de­run­gen an der Schlaf­um­ge­bung und an den abend­li­chen Gewohn­hei­ten können mitun­ter viel bewir­ken. Dazu gibt die DAK folgende Tipps:

  • Rich­ti­ges Klima

Im Schlaf­zim­mer sollte es leise, dunkel und nicht zu kalt sein. Ideal ist eine Tempe­ra­tur von etwa 18 Grad. Bei Bedarf können licht­dichte Vorhänge vor uner­wünsch­tem Sonnen­ein­fall bezie­hungs­weise Ohrstöp­sel gegen Lärm einge­setzt werden. Fern­se­her, Compu­ter oder Handy am Bett sind tabu!

  • Passen­des Bett­zeug

Bei der idea­len Matratze sinken Becken und Schul­tern in der Seiten­lage leicht ein, sodass die Wirbel­säule waage­recht liegt. Eine dünne Sommer‐ und eine dicke Winter­de­cke sorgen für gutes Schlaf­klima zu jeder Jahres­zeit. Hausstaub‐Allergiker soll­ten einen wasch­ba­ren Matrat­zen­über­zug sowie wasch­bare Bett­de­cken und Kopf­kis­sen verwen­den.

  • Verdau­li­che Mahl­zeit

Die letzte Mahl­zeit des Tages sollte etwa vier Stun­den vor dem Zubett­ge­hen einge­nom­men werden. Zu empfeh­len ist leicht verdau­li­che Kost, wie zum Beispiel mage­res Fleisch, Nudeln, Reis oder gegar­tes Gemüse.

  • Koffein und Alko­hol meiden

Wer Schlaf­pro­bleme hat, sollte nach 15 Uhr auf koffe­in­hal­tige Getränke wie Kaffee oder Cola verzich­ten und am späten Abend keinen Alko­hol trin­ken: Dieser kann zwar beim Einschla­fen helfen, bringt jedoch Tiefschlaf‐ und Traum­pha­sen durch­ein­an­der. Zudem fördert Alko­hol das Schnar­chen.

  • Rituale zum Abschal­ten

Rituale helfen, den Tag inner­lich zu been­den – so zum Beispiel eine kurze abend­li­che Dusche, der Wech­sel aus der Büro‐ zur Frei­zeit­klei­dung, ein kurzer Spazier­gang oder eine Yoga‐Einheit.

  • Tablet­ten

Schlaf­ta­blet­ten soll­ten nur in Abspra­che mit dem Arzt einge­nom­men werden. Eine scho­nende Alter­na­tive sind Baldrian‐Präparate. Gene­rell hilft ein gutes Stress‐ und Zeit­ma­nage­ment, gelas­se­ner durch den Tag zu kommen und
somit besser zu schla­fen.


Prof. Dr. med. Ingo Fietze

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Foto: © ILLING & VOSSBECK FOTOGRAFIE

Prof. Dr. med. Ingo Fietze, gebo­ren 1960, ist Spezia­list für Schlaf­me­di­zin und Leiter des Inter­dis­zi­pli­nä­ren Schlaf­me­di­zi­ni­schen Zentrums der Charité Berlin. Darüber hinaus ist er unter ande­rem Vorsit­zen­der der Deut­schen Stif­tung Schlaf und Autor der Bücher „Der Schlaf­quo­ti­ent“ (Hoff­mann & Campe 2006), „Über guten und schlech­ten Schlaf“ (Kein & Aber 2015) und des jüngst in Neuauf­lage erschie­ne­nen „Die über­mü­dete Gesell­schaft – Wie Schlaf­man­gel uns alle krank macht“ (Rowohlt 2018).

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