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Stressfaktor Berufspendeln

Unternehmen können hohe Risiken mindern
Stressfaktor Berufspendeln

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Berlin – Ham­burg, Augs­burg – München, Nürn­berg – Würzburg: Mil­lio­nen Men­schen nehmen täglich lange Anfahrtswege zur Arbeit in Kauf. Wer jahre­lang pen­delt, hat ein erhöht­es Risiko für Stresserkrankun­gen. Was kann die tägliche Tor­tur erle­ichtern?

Annette Neu­mann

Kinder anziehen, im Ste­hen früh­stück­en und den Verkehrs­funk hören … Mor­gens zählt jede Minute, und welche Strecke Vio­la Bren­del (Name geän­dert) je nach Verkehrslage nimmt, entschei­det darüber, ob sie 45 Minuten oder einein­halb Stun­den von Mies­bach nach München braucht. So wie die Einkauf­slei­t­erin sind täglich über 30 Mil­lio­nen Erwerb­stätige unter­wegs – mit steigen­der Ten­denz. Rund fünf Prozent von ihnen, die soge­nan­nten Fer­n­pendler, fahren mit dem Auto, dem ICE oder Region­alzü­gen min­destens eine Stunde oder länger zur Arbeit.

Eine neuere Entwick­lung ist, Pendler nehmen immer län­gere Streck­en und Fahrtzeit­en in Kauf: Betrug laut Mikrozen­sus des Sta­tis­tis­chen Bun­de­samts die Dis­tanz zwis­chen Haustür und Büro vor zehn Jahren im Schnitt noch rund 20 Kilo­me­ter, gibt es heute immer mehr Pendler, die mehrere Hun­dert Kilo­me­ter zurück­le­gen.

Trotz des Zeitaufwands entschei­den sich viele gegen einen Wohnortwech­sel und für die tägliche Tor­tur. Die Gründe hier­für sind vielfältig. „Die Ver­mei­dung eines Umzugs ist eine wichtige Triebfed­er, sei es weil der Pendler zum Beispiel eine starke Bindung zum Wohnort hat oder im unbezahlbaren München oder Frank­furt nicht wohnen will“, sagt Dr. Heiko Rüger vom Bun­desmin­is­teri­um für Bevölkerungs­forschung. Weit­ere Gründe für das tägliche Treten aufs Gaspedal: Wer beru­flich ambi­tion­iert ist und mehr ver­di­enen will, beg­nügt sich oft­mals nicht mit ein­er Stelle im Umkreis. Gle­ichzeit­ig hem­men befris­tete Arbeitsverträge die Umzugsmo­ti­va­tion.

Und für die wach­sende Zahl der kar­ri­eream­bi­tion­ierten weib­lichen Beruf­stäti­gen ist pen­deln oft­mals die einzige Möglichkeit, um pri­vate Verpflich­tun­gen mit beru­flichen Ambi­tio­nen unter einen Hut zu bekom­men. Pen­deln ist in solchen Fällen ein Kom­pro­miss, damit Kinder im sozialen Umfeld bleiben und die Dop­pelver­di­ener ihrer – meist qual­i­fizierten – Beschäf­ti­gung nachge­hen kön­nen.

Besser reflektieren als schönreden

So nachvol­lziehbar die Motive sind, umso weniger wer­den sie oft­mals hin­ter­fragt. Dr. Rüger: „Ein Fer­n­pen­del-Arrange­ment wird häu­fig über Jahre prak­tiziert. Hat es sich erst ein­mal eingeschlichen, wird es nicht mehr infrage gestellt.“ Die Gefahr dabei: Man leugnet, dass es belas­tend ist beziehungsweise redet es sich schön und ändert die Sit­u­a­tion nicht, obwohl dies vielle­icht möglich wäre. „So wer­den Belas­tun­gen, die lauern, oft­mals unter­schätzt oder ver­drängt“, sagt der Mobil­ität­sex­perte, der den Zusam­men­hang von beru­flich­er Pen­del­mo­bil­ität und Stresser­leben bei Fer­n­pendlern unter­sucht hat und zu fol­gen­dem Schluss kam: Mit der Zunahme der Pen­del­dauer steigt das Stresser­leben deut­lich an.

Ob Men­schen beim Pen­deln Stress empfind­en, hängt zunächst von der Art des Verkehrsmit­tels ab. Obwohl das Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmit­teln als gesün­der und ner­ven­scho­nen­der gilt, sind die Fer­n­pendler, die mit dem Auto unter­wegs sind, nach wie vor in der Überzahl. „Wer immer die gle­iche Strecke fährt, die Fahrtzeit auf­grund von Staus schlecht kalkulieren kann und dadurch ständig unter Druck ste­ht, hat ein erhöht­es Risiko, psy­chisch zu erkranken“, weiß Heiko Ack­er­mann, der als Verkehrspsy­chologe beim PlanB Insti­tut für Verkehrspsy­cholo­gie auch Fer­n­pendler bei Stresserkrankun­gen berät.

Kontrolle oder Kontrollverlust

Von einem weit­eren Fak­tor hängt der Grad der Belas­tung ab: näm­lich von der eige­nen Kon­trolle beziehungsweise dem Kon­trol­lver­lust. Ack­er­mann: „Wer regelmäßig Stau­nachricht­en hört und alter­na­tive Routen aus­pro­biert, um zum Beispiel län­geren Baustellen auszuwe­ichen, kann auf die Fahrt­dauer pos­i­tiv Ein­fluss nehmen. Im Gegen­satz dazu erleben Men­schen einen Kon­trol­lver­lust, wenn sie in über­füll­ten Zugabteilen keinen Sitz­platz find­en oder uner­wartete Ver­spä­tun­gen im öffentlichen Verkehr dazu führen, dass Ter­mine platzen.

Dr. Rüger: „Der Kon­trol­lver­lust geht oft­mals mit einem akuten Zeit­man­gel ein­her, der sich im Laufe des Tages nicht ohne weit­eres wieder auf­holen lässt.“ Der dadurch erzeugte Stress bee­in­flusse auch andere Lebens­bere­iche: „Vor allem beruf­stätige Eltern ger­at­en in Zeit­not, weil sie zum Beispiel ihre Kinder rechtzeit­ig von der Schule abholen müssen. Der Anspruch, bei­den Rollen gerecht wer­den zu wollen, set­zt viele unter Druck.“

Die Experten sind sich einig: Vor allem die Ein­stel­lung zum Pen­deln spielt im Hin­blick auf das Stresser­leben eine Rolle: Ack­er­mann: „Men­schen, die sich beispiel­sweise ihren Traum vom Eigen­heim erfüllen, akzep­tieren das Pen­deln eher als Men­schen, die wegen gerin­geren Mieten auf dem Land die Stadt ver­lassen müssen.“ Und Beruf­s­no­maden, die grund­sät­zlich das Zug­fahren genießen, kön­nen beim Pen­deln eher entspan­nen und nutzen die ‚freie‘ Zeit fürs Lesen und Musik hören. Ack­er­mann: „Insofern wird ein Teil der Freizeit­gestal­tung beim Pen­deln prak­tiziert, was die Entspan­nung fördert.“

Unternehmen unterstützen zu wenig

Trotz der steigen­den Anzahl der Beruf­s­no­maden, hat­ten viele Unternehmen ihre pen­del­nden Mitar­beit­er bish­er zu wenig auf dem Radar. „Langsam set­zt ein Umdenken ein, vor allem bei Fir­men in ländlichen Regio­nen, die dort nicht mehr genü­gend Fachkräfte vorfind­en“, beobachtet Oliv­er Schmitz, Geschäfts­führer der Beruf und Fam­i­lie Ser­vice GmbH: Home-Office-Tage und flex­i­ble Teilzeit­mod­elle, bei denen die wöchentliche Arbeit­szeit auf drei volle anstatt fünf halbe Tage verteilt wer­den kön­nen (Com­pressed Work Weeks), wer­den in vie­len Fir­men zwar mit­tler­weile stärk­er genutzt, aber die Akzep­tanz des mobilen Arbeit­ens sei noch nicht aus­re­ichend gegeben. Daten­schutzbe­denken und auch Nei­dge­füh­le der Kol­le­gen stün­den oft­mals im Weg, um kreative Lösun­gen für den Einzel­nen umzuset­zen.

Deutliche negative Signale

Hinzu kommt, dass die Belas­tun­gen von den Unternehmen häu­fig verkan­nt wer­den. Dabei gibt es leicht erkennbare Sig­nale, die darauf hin­deuten: Wenn ein Mitar­beit­er wieder­holt zu spät kommt, mor­gens wichtige Meet­ings ver­passt oder regelmäßig gehet­zt und gestresst erscheint, kann dies damit zusam­men­hän­gen, dass er einen lan­gen Anfahrtsweg zu bewälti­gen hat, der ihn nicht sel­ten mit unvorherse­hbaren Ereignis­sen und Stress­si­t­u­a­tio­nen kon­fron­tiert.

In solchen Fällen hil­ft es, mit dem Betrof­fe­nen ein Gespräch über die Belas­tun­gen zu führen. Gemein­sam kön­nen Möglichkeit­en zur Anpas­sung der jew­eili­gen Arbeitsabläufe gek­lärt und Lösun­gen entwick­elt wer­den, um die indi­vidu­ellen Belas­tun­gen zu reduzieren. Zum Beispiel kann es sin­nvoll sein, Team­meet­ings nicht in die Rand­bere­iche, also früh­mor­gens oder spät­nach­mit­tags zu leg­en, wenn Pendler unter­wegs sind. Auch kön­nen Erwartun­gen zur Erre­ich­barkeit im Team kom­mu­niziert und ein­deutige Regeln einge­führt wer­den, um keinen Druck in Rich­tung ständi­ge Ver­füg­barkeit aufzubauen. Wer darüber hin­aus mit den Kol­legin­nen und Kol­le­gen klare Ter­mine und Dead­lines vere­in­bart, kann Pendler eben­falls ent­las­ten.

Grund­sät­zlich gilt es, Führungskräfte und Kol­le­gen für die Sit­u­a­tion der Pendler zu sen­si­bil­isieren und das The­ma Stress­be­wäl­ti­gung für diese Ziel­gruppe in das Betriebliche Gesund­heits­man­age­ment aufzunehmen. Dies wäre nach Ansicht von Dr. Rüger ein wichtiger Schritt mit dem Sig­nal: „Wir wertschätzen auch die Mitar­beit­er, die Anstren­gun­gen auf sich nehmen, um jeden Tag für uns zu arbeit­en.“


Was Unternehmen tun können

Galt pen­deln früher als indi­vidu­elles Prob­lem der Betr­e­f­fend­en, sind die Gestal­tungsspiel­räume in den Fir­men gewach­sen. Unter anderem gibt es fol­gende Unter­stützungsmöglichkeit­en:

  • Beschäftigten Spiel­raum bei der Arbeit­szeit­gestal­tung ein­räu­men, zum Beispiel durch kürzere und län­gere Arbeit­stage oder „Com­pressed Work Weeks“ – laut „DGB-Index Gute Arbeit“ kön­nen derzeit 41 Prozent der Arbeit­nehmer nicht über Lage und Dauer ihrer Arbeit­szeit mitentschei­den.
  • Flex­i­ble Arbeits­for­men (zum Beispiel Home­of­fice) anbi­eten.
  • Mobile Arbeit­szeit­en erfassen und vergüten, sodass die Zielvor­gaben in der vere­in­barten Arbeit­szeit erre­ich­bar sind.
  • Fahrtzeit als Arbeit­szeit anerken­nen, wenn in dieser gear­beit­et wird.
  • Das The­ma „Stresspräven­tion und ‑bewäl­ti­gung bei Pendlern“ mit entsprechen­den Ange­boten ins Betriebliche Gesund­heits­man­age­ment inte­gri­eren.
  • Die Sit­u­a­tion der Pendler im Unternehmen kom­mu­nizieren und vor allem Führungskräfte dafür sen­si­bil­isieren.
  • Erwartun­gen zur Erre­ich­barkeit klären und Schutz vor ständi­ger Ver­füg­barkeit gewährleis­ten.
  • Die Selb­stor­gan­i­sa­tion der Pendler durch klare Ter­min­vere­in­barun­gen und Dead­lines unter­stützen.
  • Durch ein fir­menin­ternes Pendler­por­tal Fahrge­mein­schaften fördern, zum Beispiel mit Unter­stützung von www.pendlerportal.de.

Autorin:

Annette Neu­mann

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