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Älterwerden im Beruf: Da geht noch was!

Älterwerden im Beruf
Da geht noch was!

Die Ansicht, dass Beschäftigte ab 50 „zum alten Eisen“ gehören, ist ver­al­tet. Den­noch rin­gen viele Arbeit­nehmer und Arbeit­nehmerin­nen mit der Frage, wie die näch­sten Beruf­s­jahre ausse­hen kön­nten. Weit­er entwick­eln? Stärk­er auf die Gesund­heit acht­en? Am Erre­icht­en fes­thal­ten? Betriebe soll­ten mit diesen Fra­gen eben­so wie die Beschäftigten bewusster umgehen.

Fast die Hälfte der Beschäftigten sorgt sich laut Umfra­gen, ob sie es schaf­fen wer­den, bis zur Rente arbeits­fähig zu bleiben. Die Zahl ist erschreck­end hoch und wirft die Frage auf: Was macht eigentlich langfristige Arbeits­fähigkeit aus? Wovon hängt es ab, ob eine Per­son bis zur Rente im Beruf bleiben kann oder aus gesund­heitlichen Grün­den früher auss­chei­den muss?

Die Arbeitswis­senschaft hat auf diese Fra­gen ein­deutige Antworten gefun­den: Die Arbeit­spsy­cholo­gin Prof. Dr. Frauke Jahn leit­et die Abteilung Forschung und Beratung am Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung (IAG) in Dres­den. In mehreren Pro­jek­ten mit über 100 Teil­nehmenden aus der Pflege- und Baubranche sowie mit Reini­gungskräften und Stahlar­beit­ern hat sie unter­sucht, was die Beruf­stäti­gen ausze­ich­net, die sich auch in beson­ders belas­ten­den Berufen mit 45 plus im Beruf noch fit und gesund fühlen.

Faktoren für gesunde Berufsverläufe

Frauke Jahn fan­den mit ihren Kol­le­gen und Kol­legin­nen zwei zen­trale Ansatzpunk­te für langfristig gesunde Berufsver­läufe: An erster Stelle stand ein großes, per­sön­lich­es Gesund­heits­be­wusst­sein: „Die Beschäftigten, die sich auch mit 45 noch fit fühlten, achteten im All­t­ag auf den Arbeitss­chutz, nutzten beispiel­sweise Hebe­hil­fen, und in ihrer Freizeit erholten sie sich“, erk­lärt die Arbeitspsychologin.

Im Gegen­satz dazu war beispiel­sweise für die Bauar­beit­er, die ab Mitte 40 unter kör­per­lichen Beschw­er­den lit­ten und deren Arbeits­fähigkeit in Gefahr war, typ­isch, dass sie wenig Rück­sicht auf ihre Gesund­heit nah­men. Sie arbeit­eten beispiel­sweise auch am Woch­enende am eige­nen Haus, statt sich zu erholen. Die Bauar­beit­er fan­den Arbeitss­chutz über­durch­schnit­tlich häu­fig lästig und legten keinen beson­deren Wert auf aktive Gesundheitsvorsorge.

Weiterentwicklung und Veränderung halten fit

Als zweit­en wichti­gen Gesund­heits­fak­tor erkan­nte Pro­jek­tlei­t­erin Frauke Jahn die Bere­itschaft, den beru­flichen Lebenslauf immer wieder neu zu justieren. „Der rechtzeit­ige Wech­sel in andere Tätigkeit­en oder in einen neuen Beruf kann eine Alter­na­tive sein“, erk­lärt Jahn. Ältere Beschäftigte, die sich durch gute Gesund­heit ausze­ich­neten, hat­ten sehr häu­fig bere­its früh in ihrer Lauf­bahn Lern­gele­gen­heit­en ergrif­f­en, sich beru­flich weit­er­en­twick­elt und immer wieder verän­dert. Auf diese Weise ver­mieden sie zum einen ein­seit­ige Belas­tun­gen und erschlossen sich zum anderen immer wieder neue Tätigkeit­en, häu­fig sog­ar auch neue Berufsfelder.

Beispiel eins: Krankenschwester

In der Prax­is erk­lärt man den Unter­schied am besten an Beispie­len. Ein ungün­stiges Beispiel: Jut­ta Klein, 40, ist seit 20 Jahren Kranken­schwest­er. Schon länger spürt sie, dass die Nacht­di­en­ste immer anstren­gen­der für sie wer­den. Durch die kör­per­liche Belas­tung hat sie seit eini­gen Jahren Rück­en­prob­leme. Nach zwei weit­eren Band­scheiben­vor­fällen, rät ihr die Rentenkasse zur Umschu­lung zur Bürokauf­frau. Klein ist unglück­lich mit diesem neuen Beruf. Denn sie liebt die Arbeit mit Men­schen und fühlt sich im Büro nicht wohl.

Beispiel zwei: Industriemechaniker

Ein gün­stiges Beispiel: Gerd Duf­fke begann mit 16 Jahren eine Lehre zum Indus­triemechaniker. Danach mon­tierte er für seinen Arbeit­ge­ber Maschi­nen­straßen in aller Welt. Doch mit Mitte 30 ver­ließ ihn die Lust zu reisen und die kör­per­lich schwere Arbeit ver­lor auch an Reiz. Duf­fke entsch­ied sich, nicht weit­er abzuwarten. Bei seinen älteren Kol­le­gen hat­te er gese­hen, dass viele vorzeit­ig in den Ruh­e­s­tand gin­gen. Das wollte er nicht. Mit 35 Jahren begann der deshalb eine Aus­bil­dung zum staatlich geprüften Maschi­nen­bauer. Damit öffnete sich für ihn die beru­fliche Lauf­bahn zum Aus­bilder der Ser­vice-Tech­niker. Einige Jahre später über­nahm er eine Posi­tion auf der Ebene des Per­sonal­man­age­ments, entwick­elte Pro­gramme für ältere Beschäftigte. Duf­fke hat das in der Prax­is umge­set­zt, was Frauke Jahn allen Beschäftigten rät. Heute, mit 64 Jahren, ist er Per­son­alen­twick­ler bei seinem Arbeitgeber.

Von Arbeitgebern enttäuscht

Duf­fkes Fir­ma ermöglichte diesen gesun­den Berufsver­lauf. Kleins Klinik-Arbeit­ge­ber küm­merte sich nicht darum. „Nur eine Min­der­heit der Unternehmen führt spez­i­fis­che und struk­turi­erte Per­sonal­maß­nah­men durch, die Beschäftigte dabei unter­stützen, auch in höherem Alter weit­er gut im Beruf beste­hen zu kön­nen“, sagt Götz Richter, Ver­ant­wortlich­er für das The­ma „Wan­del der Arbeit“ in der Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedizin.

In Sem­i­naren und Vorträ­gen zum The­ma „Älter­w­er­den im Beruf“ zeigt sich immer wieder: Viele Men­schen jen­seits der 50 sind von ihren Arbeit­ge­bern ent­täuscht. Man ken­nt alle Weit­er­bil­dungsange­bote. Es gibt über­haupt wenig spez­i­fis­che Ange­bote, die Ältere ansprechen. Die Führungskräfte trauen vor allem den Jün­geren Inno­va­tion­skraft zu. Ein­er bringt es auf den Punkt: „Ich füh­le mich nicht wie altes Eisen – aber das Umfeld behan­delt mich so.“

Netzwerke in Unternehmen

In manchen Unternehmen haben deshalb die älteren Arbeit­nehmer und Arbeit­nehmerin­nen Net­zw­erke gegrün­det, die aufk­lären und neue Möglichkeit­en schaf­fen möcht­en. Im Otto-Konz­ern gibt es zum Beispiel das Net­zw­erk „#expe­ri­enced“, im Konz­ern Beiers­dorf das Net­zw­erk „New Gen­er­a­tion 50+“. Zu häu­fig belege man die Gen­er­a­tion 50 plus mit den immer gle­ichen Vorurteilen – zu unflex­i­bel, schlechter motiviert, tech­nisch wenig affin, beschreibt Beiers­dorf-Mitar­beit­er und Net­zw­erk-Ini­tia­tor Peter-Klaus Mikul­la die Sit­u­a­tion. „Halt­bar ist das in der Regel nicht“, weiß der Dis­tri­b­u­tions-Spezial­ist und ergänzt: „An der Auflö­sung solch­er Mythen wollen wir arbeit­en. Jemand mit Erfahrung wün­scht sich Per­spek­tiv­en genau­so wie jün­gere Kol­le­gen und Kolleginnen.“

Lernfähigkeit nimmt nicht ab

Aufk­lärung tut tat­säch­lich not. Denn die Ansicht, dass Beschäftigte mit dem Alter leis­tungss­chwäch­er wer­den und insofern für das Unternehmen an Wert ver­lieren, ist längst wider­legt. Natür­lich gibt es Alterung­sprozesse: Die Reak­tion­s­geschwindigkeit nimmt ab, eben­so das Lern­tem­po und das Kurzzeitgedächt­nis. Für Men­schen jen­seits der 50 sind aus diesen Grün­den Nachtschicht­en in der Regel beson­ders anstren­gend. Jedoch nehmen wed­er Lern­fähigkeit an sich noch Konzen­tra­tions­fähigkeit bis zum Rentenal­ter ab. Ältere brauchen ein­fach nur ein paar mehr Pausen zwis­chen den Arbeit­sein­heit­en. Und sie ler­nen sehr viel leichter und lieber, wenn der Lern­stoff direkt an das beste­hende Wis­sen anknüpft. Ler­nen nur um des Ler­nens willen, inter­essiert tat­säch­lich weniger. Aber dies ist in der Regel im Unternehmen ja auch nicht gefragt. Es geht um anwend­bares Wissen.

Stärken von älteren Beschäftigten

Der große Vorteil der erfahre­nen Beschäftigten – der vieles wett macht, was die Biolo­gie an Alterung­sprozessen vorgibt – ist indes: Ältere machen in der Regel weniger Fehler als Jün­gere. Sie kön­nen auf­grund ihrer Erfahrung sehr gut Wichtiges von Unwichtigem unter­schei­den. Und sowohl kom­plexe Arbeit­en als auch kom­plexe Beziehun­gen und das Sprechen über die Arbeit meis­tern sie häu­fig mit großer Souveränität.

Hier bringt ihnen die langjährige Erfahrung Vorteile. Zum anderen blühen manche Gedächt­n­is­funk­tio­nen erst mit den Jahren richtig auf, wie die Seat­tle Lon­gi­tu­di­nal Study zeigt. Sie unter­sucht seit 1956 die kog­ni­tive Entwick­lung Erwach­sen­er: Wortschatz, räum­lich­es Vorstel­lungsver­mö­gen und das Erken­nen von Geset­zmäßigkeit­en funk­tion­ieren mit Ende 50 bess­er als mit 25. In Pro­jek­t­pla­nung, Konzepten­twick­lung und häu­fig auch im Kun­denkon­takt sind ältere Beschäftigte deshalb oft­mals die Idealbesetzung.

Potenziale nicht verkümmern lassen

Bleibt die Frage, wie man Beschäftigte dazu motiviert, solch mod­erne Lebensläufe zu gestal­ten und sich mutig Neues zuzu­trauen. Natür­lich hat der Einzelne hier Ver­ant­wor­tung. Die per­sön­liche Gesund­heitsvor­sorge ist beispiel­sweise eine wichtige Säule für langfristige Arbeits­fähigkeit. Aber dem Unternehmen kommt eine Schlüs­sel­po­si­tion zu, denn es geht auch darum, den Men­schen attrak­tive Möglichkeit­en zu bieten. Der Wirtschaft­spsy­chologe Jür­gen Deller von der Leuphana Uni­ver­sität Lüneb­urg beze­ich­net deshalb die Arbeits­be­din­gun­gen als die wichtig­ste Stellschraube, damit Beschäftigte gesund und motiviert bis zur Rente kom­men. Er hat den „Lat­er Life Work Index“ entwick­elt, einen Online-Frage­bo­gen, der alle Facetten rund um alters­gerechte Arbeit und demografiefre­undliche Unternehmen­skul­tur abfragt. Laut seinen Erken­nt­nis­sen zer­stören viele Fir­men vor allem unwissentlich das Poten­zial ihrer Belegschaft. Schlicht, indem sie nichts tun, alles beim Alten lassen. „Das Betrieb­span­el des Insti­tuts für Arbeits­markt- und Berufs­forschung zeigt hinge­gen, dass Fir­men, die altersspez­i­fis­che Per­sonal­maß­nah­men ein­führen, mit ein­er altern­den Belegschaft pro­duk­tiv­er wer­den als sie vorher waren“, so Deller. Das verdeut­licht: Ein Umdenken lohnt sich. Und zwar für alle Beschäftigten.


Foto: © Bea­ta Lange

Autorin: Car­o­la Kleinschmidt

Diplom­bi­olo­gin, Autorin, zer­ti­fizierte Trainerin


Die Voreinstellung beeinflusst die Leistung

Im Jahr 2015 zeigte ein Exper­i­ment von Psy­chologin­nen der Deutschen Sporthochschule Köln, wie sehr die Vorurteile rund um das Altern die Poten­ziale der Älteren block­ieren: Die Forscherin­nen bat­en 40 Lager­ar­beit­er, die älter als 50 Jahre waren, vor ein­er Auf­gabe eine Art Wörter­puz­zle zu lösen. Im Puz­zle der einen Gruppe fan­den sich viele pos­i­tive Altersstereo­type wie weise, aktiv oder erfahren, im Puz­zle der anderen Gruppe neg­a­tive Stereo­type wie langsam oder gebrech­lich. In der Auf­gabe soll­ten nun bei­de Grup­pen möglichst flott die Inhalte von Paketen mit ein­er Pack­liste über­prüfen. Das Ergeb­nis: Die Gruppe, die vorher pos­i­tive Zuweisun­gen ans Alter gele­sen hat­te, pack­te mess­bar schneller als die Ver­gle­ichs­gruppe mit dem neg­a­tiv­en Wörter­puz­zle. Die Erk­lärung der Psy­chologin­nen: Worte aktivieren ganze Ner­ven­net­ze im Gehirn. Und diese „Vor­e­in­stel­lung“ unser­er Gedanken – auch Prim­ing genan­nt – wirkt sich stark auf unser Selb­stver­trauen und let­ztlich auch auf die tat­säch­liche Leis­tung aus. Faz­it der Forscherin­nen: In ein­er Arbeit­sumge­bung, die älteren Men­schen viel zutraut, steigt ver­mut­lich die Leistungskraft.


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Foto: © Gajus — stock.adobe.com

Berufliche Veränderung: So gelingt es

Arbeit­spsy­cholo­gin Frauke Jahn hat aus ihren Stu­di­en einige Eck­punk­te her­aus­gear­beit­et, die das Gelin­gen gesun­der Berufsver­läufe fördern:

  • Eigenini­tia­tive: Beschäftigte soll­ten selb­st die Augen nach Entwick­lungsmöglichkeit­en aufhal­ten, ihre Inter­essen immer wieder neu justieren.
  • Per­sön­liche Flex­i­bil­ität: Wer sich verän­dert, muss sich auch für Neues öffnen.
  • Lern­chan­cen: Ler­nen als Lebenselix­i­er zu begreifen, macht vieles leichter.
  • Zusatzqual­i­fika­tio­nen: Wenn sich die Möglichkeit bietet, sollte man sich um Zer­ti­fikate für seine beru­fliche Entwick­lung kümmern.
  • Akzep­tieren vorüberge­hen­der Nachteile: Eine gewisse Frus­tra­tionstol­er­anz ist unverzicht­bar. Ger­ade bei größeren Wech­seln kann sog­ar eine Gehalt­sein­buße möglich sein.
  • Unter­stützung im Unternehmen: Führungsper­so­n­en und Per­son­aler soll­ten Beschäftigte in Verän­derun­gen unter­stützen. Betrieb­särzte soll­ten ein offenes Ohr und Auge für mögliche Beschw­er­den durch ein­seit­ige Dauer­be­las­tung haben.
  • Unter­stützung durch Fam­i­lie und Fre­unde: Die Fam­i­lie ist eine wichtige Kraftquelle in Zeit­en des Wandels.

Tipps und Anregungen

  • Broschüre: Prax­is­tipps für das Arbeit­sleben „Neue Wege bis 67 – in der Pro­duk­tion bis zur Rente / in der Dien­stleis­tung bis zur Rente“ unter www.hk24.de (Such­wort „Neue Wege bis 67“)
  • Fach­buch: Hans-Georg Will­mann „Durch­starten mit 50 plus“, Cam­pus 2018
  • Online-Kurs: „Beru­fliche Entwick­lung für ältere Beschäftigte“ unter www.dein-gutes-jahr.de/online-kurse/aus-dem-vollen-schoepfen
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