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Warum die Zeitumstellung Blödsinn und ungesund ist erklärt Chronobiologe Prof. Roenneberg

Umstrittene Zeitumstellung
Die Uhren lügen uns an

In der Nacht auf den 25. März wer­den in Deutsch­land die Uhren wieder um eine Stunde vorgestellt. Die Zei­tum­stel­lung ist umstrit­ten, das EU-Par­la­ment hat aktuell eine Über­prü­fung gefordert. Eine klare Hal­tung zu dem The­ma hat Chrono­bi­ologe Till Roen­neberg: Die Erfind­ung der Som­mer- und Win­terzeit sei nicht nur ein unsin­niger, son­dern auch ein unge­sun­der Ein­schnitt in unseren Bio­rhyth­mus. Warum, sagt er im Inter­view mit der Zeitschrift Sicherheitsbeauftragter.

 

Das Gespräch führte Petra Jauch.

Herr Roen­neberg, am 25. März wird die Zeit umgestellt…

Es gibt keine Zei­tum­stel­lung. Es gibt auch keine Win­terzeit, denn das ist die nor­male Zonen­zeit. Irgend­je­mand hat mal beschlossen, dass wir ab einem bes­timmten Zeit­punkt im Jahr eine Stunde früher zur Arbeit gehen sollen. Wenn Sie diesen Beschluss so in die Bevölkerung tra­gen wür­den, hät­ten Sie ein Riesen­prob­lem – es wür­den näm­lich alle sagen: „Ihr spinnt!“

Das ist also ein großer Unsinn?

Es ist ein aus­ge­sproch­en­er Unsinn! Wir gehen alle ab Ende März eine Stunde früher zur Arbeit. Dabei müssen wir in der soge­nan­nten Win­terzeit, also der nor­malen Zonen­zeit, auf­grund unser­er mod­er­nen Lebensweise schon viel zu früh in die Arbeit gehen. Damit die Men­schen das nicht so mitkriegen und dage­gen protestieren, stellen wir die Uhren auch noch um.

Die Uhren lügen uns an – und zwar auf zweifache Weise. Die eine ist noch akzept­abel, weil alles andere nicht prak­tik­a­bel wäre, die zweite ist nicht akzept­abel. Die erste ist, dass es in Köln oder in Hei­del­berg eine andere Son­nen­zeit hat als in München oder Prag und trotz­dem zeigt die Uhr dieselbe Zeit. Die zweite ist, dass die Uhr von Ende März bis Ende Okto­ber sieben Uhr mor­gens anzeigt, aber es ist eigentlich sechs. Das heißt, sie lügt um eine ganze Stunde.

Die Uhr ist ein kün­stlich­er, von Men­schen gemachter Tak­t­ge­ber – um sich ver­bre­den zu kön­nen, um Arbeit zu organ­isieren, um sich selb­st zu organ­isieren. Ohne sie geht es nicht mehr.

Wir haben uns auch früher schon verabre­den kön­nen, bevor wir eine Uhr am Arm­band hat­ten – nach Son­nen­zeit. Da haben wir gesagt, wir tre­f­fen uns zu Mit­tag und jed­er wusste, wann das ist.

Das heißt, wir haben uns von den natür­lichen Tak­t­ge­bern entfernt.

Richtig, aber wir haben eine Biolo­gie, die nur auf die natür­lichen Tak­t­ge­ber hört. Ein­schlafen und Aufwachen sind ja keine Rit­uale, son­dern biol­o­gis­che Prozesse. Das sehen Sie auch an den ver­schiede­nen Schlaftypen: Ein Frühtyp schläft abends vor dem span­nend­sten Kri­mi ein – weil ihm das seine Biolo­gie dik­tiert. Jed­er, der einen Weck­er braucht, um aufzuwachen, hat biol­o­gisch gese­hen noch nicht zu Ende geschlafen. Damit wir nach der Zwang­sum­stel­lung aus­re­ichend Schlaf bekom­men, müssten wir eine Stunde früher schlafen, obwohl unsere innere Uhr noch gar nicht so weit ist. Als Folge bekom­men fast alle Men­schen chro­nisch zu wenig Schlaf. Vom gesun­den Schlaf hängt jedoch unsere Gesund­heit ab. Die Som­merzei­tum­stel­lung wird damit langfristig zur teuer­sten Hand­habung in unser­er mod­er­nen Gesellschaft.

Inwiefern ist dies so gravierend?

Unsere biol­o­gis­che Uhr wohnt in ihrer eige­nen Zeit­zone, die von Men­sch zu Men­sch ver­schieden sein kann. Auf Grund von Licht­man­gel am Tag und zu viel Licht in der Nacht ist unsere biol­o­gis­che Zeit gegenüber der sozialen Zeit bere­its vor der Som­merzei­tum­stel­lung zu spät dran. Durch sie wird dann dieser Unter­schied um eine weit­ere Stunde ver­größert. Jede Stunde Unter­schied zwis­chen Innen- und Außen­zeit erhöht die Chance, dass wir krank wer­den. Das Risiko für alle Stof­fwech­selkrankheit­en, wie Dia­betes und Fet­tleibigkeit, wird höher. Wir haben ver­mehrt Konzen­tra­tionsprob­leme, neigen mehr zu Depres­sion und entwick­eln Schlafprobleme.

Wie kön­nen wir bess­er damit klarkommen?

Empfehlun­gen geben ist nicht wirk­lich im Sinne der Gesund­heit, da diese ver­hin­dern, dass sich etwas ändert. Die Leute müssen aufwachen und sich dafür ein­set­zen, dass dieser Unsinn aufhört.

Natür­lich kann man Betrof­fe­nen rat­en, sich so viel Draußen­licht wie möglich nach Son­nenauf­gang auszuset­zen und sich so wenig Licht, vor allen Din­gen so wenig Blaulicht wie möglich, nach Son­nenun­ter­gang. Das heißt, keine herkömm­lichen Fernse­her, Com­put­er oder Tablets mehr, kein Weißlicht mehr, son­dern nur noch orange Lichtquellen. Wir müssten zurück zu den Zeit­en vor dem elek­trischen Licht, so wie wir es beim Zel­ten erleben. Ich halte diese Lebensweise im 21. Jahrhun­dert nicht mehr für möglich, daher müssen wir andere Wege gehen.

Unsere Gesellschaft möchte für 24 Stun­den am Tag als Glob­al Play­er unter­wegs sein und führt hierzu sog­ar Schichtar­beit ein. Den­noch sollen die meis­ten von uns zu ein­er bes­timmten Zeit gemein­sam zur Arbeit erscheinen – von diesem Prinzip müssen wir uns ver­ab­schieden. Wir müssen alle Arbeit­szeit­en flexibilisieren.

Als Arbeit­ge­ber halte ich meine Mitar­beit­er dazu an, keinen Weck­er zu benutzen, son­dern dann ins Insti­tut zu kom­men, wenn sie von alleine aufgewacht sind. Das ist nicht reines Wohlwollen, son­dern Ego­is­mus. Ich möchte von meinen Mitar­beit­ern Arbeit in ihrer besten Tageszeit nach ein­er opti­malen Nacht. Damit erhöhe ich die Pro­duk­tiv­ität und senke den Kranken­stand, das sollte im Sinne aller Arbeit­ge­ber sein!

Prob­lema­tis­che Arbeit­szeit­en haben vor allem die Schichtar­beit­er: Gibt es hier Verbesserungsansätze?

Wir haben in der Stahlin­dus­trie ein ganz ein­fach­es Exper­i­ment gemacht. Wir haben das Schicht­sys­tem genom­men, wie es in dem Unternehmen existierte, die Schichtzeit­en, die Anzahl der Leute, die in den Schicht­en sein mussten. Und haben dann die Belegschaft chrono­typ­isiert, das heißt, wir haben bes­timmt, wo ihre Innen­zeit liegt, ihre indi­vidu­elle biol­o­gis­che Zeit­zone. Und dann haben wir die Belegschaft neu eingeteilt, so dass extreme Frühtypen keine Nachtschicht mehr machen müssen und diese extremen Spät­typen keine Frühschicht.

Das Ergeb­nis dieser ein­fachen Umstel­lung war, dass die Schichtar­beit­er eine Stunde pro Arbeit­stag länger geschlafen haben – das sind fünf Stun­den pro Woche. Darüber hin­aus mussten sie auch eine Stunde weniger von ihrer Freizeit für Nach­schlafen opfern. Die Lösung liegt nicht im Zwin­gen, son­dern im Lassen.

Wenn das so gut funk­tion­iert, müsste die Indus­trie doch ein großes Inter­esse an solchen Lösun­gen haben.

Das hat sie auch zunehmend. Aber Sie müssen bedenken, dass Sys­teme sehr träge sind. Wie in der Evo­lu­tion müssen neue Ideen lange kämpfen, bis sie sich durch­set­zen. Es hat etwas gedauert, bis ich einge­se­hen habe, dass das gut ist – denn es kann nicht sein, dass irgen­dein Pro­fes­sor von irgen­dein­er Uni­ver­sität etwas äußert und die Gesellschaft set­zt es sogle­ich um.

Es gibt noch ein Stich­wort: Kün­stlich erzeugtes biol­o­gisch wirk­sames Licht. Wie ste­hen Sie dazu?

Die innere Uhr hört am meis­ten auf Blaulicht: Licht mit vie­len Blauan­teilen ist für die innere Uhr Tag. In Räu­men haben wir Licht mit 200 bis 400 Lux, draußen an reg­ner­ischen Tagen gibt es 10.000, an schö­nen Tagen über 100.000 Lux, das ist ein Riese­nun­ter­schied. Diese Werte kön­nen wir in Räu­men nicht erre­ichen. Aber ich kann spek­tral dafür sor­gen, dass am Arbeit­splatz – nicht in ein­er Schichtar­beit­er­fab­rik, da ist ein Ein­griff wesentlich kom­pliziert­er – also in einem Büro, in dem tagsüber gear­beit­et wird, kann ich das Sig­nal, das wir der inneren Uhr geben müssen, ver­stärken, indem ich Blauan­teile von Son­nenauf­gang bis ‑unter­gang gebe und keine Blauan­teile nach Sonnenuntergang.

Diese Art Licht gibt es bere­its auf dem Markt. Viele Unternehmen führen zudem flex­i­ble Arbeit­szeit­en ein – natür­lich auch, um Mitar­beit­er zu binden. Aber die Rich­tung stimmt, oder?

Ich sehe da schon Bewe­gung. Doch derzeit ist es noch eher so: Es gibt in manchen Betrieben einen Zwang, bes­timmte Stiefel zu tra­gen, säur­ere­sistente oder elek­trisch nicht leit­fähige oder solche mit Stahlkap­pen. Diese Schuhe muss der Arbeit­ge­ber zur Ver­fü­gung stellen. Das derzeit­ige biol­o­gis­che Zeit­man­age­ment beachtet die indi­vidu­ellen Notwendigkeit­en nicht, so als ob der Arbeit­ge­ber Arbeitsstiefel nur in ein­er Größe zur Ver­fü­gung stellt und sich hin­ter­her wun­dert, dass viele nicht mehr gut arbeit­en kön­nen, weil sie vor Blasen an den Füßen kaum laufen können.

Es bleibt also noch einiges zu tun. Vie­len Dank für das Gespräch!


Prof. Dr. Till Roenneberg

Till Roen­neberg (geboren 1953) ist Pro­fes­sor für Chrono­bi­olo­gie und stel­lvertreten­er Direk­tor am Insti­tut für Medi­zinis­che Psy­cholo­gie an der Lud­wig-Max­i­m­il­ians-Uni­ver­sität München. Er studierte Biolo­gie an der Uni­ver­sität München und dem Uni­ver­si­ty Col­lege Lon­don und arbeit­ete mehrere Jahre an der Har­vard Uni­ver­si­ty. Roen­nebergs Haupt­forschungs­ge­bi­et ist die Funk­tion der „inneren Uhr“ beim Men­schen und deren Ein­fluss auf Schlaf, Aktiv­ität, Leis­tungs­fähigkeit und Lernen.

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