1 Monat GRATIS testen, danach für nur 3,90€/Monat!
Startseite » Gesundheitsschutz »

Long- und Post-COVID

Long- und Post-COVID
Der lange Weg zurück

Offiziell gene­sen und doch krank: Zahlre­ich sind die Symp­tome, die auch nach der Akut­phase ein­er COVID-19-Infek­tion auftreten und die Leis­tungs­fähigkeit bis hin zur Arbeit­sun­fähigkeit beein­trächti­gen kön­nen. Eine Reha­bil­i­ta­tions-Maß­nahme kann den Weg zurück ins Arbeit­sleben ebnen. Doch zuerst gilt es, die Symp­tome zu erken­nen, richtig zu diag­nos­tizieren – und Geduld für den Heilungsweg zu haben.

Marlene (als Fig­ur exem­plar­isch erfun­den) war sportlich, ging regelmäßig wan­dern und steck­te voller Taten­drang. Dann kam für die 40-jährige Krankenpflegerin der Ein­schnitt. Die COVID-19-Infek­tion, die bei ihr als Beruf­skrankheit anerkan­nt wurde, ver­lief rel­a­tiv harm­los. Sie lag ein paar Tage mit Fieber im Bett und kon­nte die akute Phase zu Hause über­ste­hen, mit ihrem Hausarzt hat­te sie nur per Tele­fon Kon­takt. Guten Mutes machte sie sich anschließend wieder an die Arbeit. Das ging eine Woche ganz gut – dass sie noch nicht ganz fit war, war schließlich nor­mal. Die zweite Woche war schon schwieriger und in der drit­ten Woche fiel sie nach ihrem Dienst nur noch ins Bett und erkan­nte: Das schaffe ich nicht mehr. Selb­st beim Schieben von Patien­ten­bet­ten oder bei den paar Trep­pen­stufen hin­auf zu ihrer Woh­nung rang sie nach Luft und brauchte eine Pause. Sortierte sie Medika­mente ein, musste sie immer wieder rekon­stru­ieren, welche Tablet­ten jet­zt noch fehlten und sich angestrengt vergewis­sern, dass ihr kein Fehler unter­laufen war.

Behandlungsbedarf bei Long- und Post-COVID enorm

„Kog­ni­tive Ein­schränkun­gen, etwa Gedächt­niss­chwierigkeit­en, ver­min­derte Reak­tions­fähigkeit und Konzen­tra­tionsprob­leme sowie kör­per­liche Schwäche mit Kurzat­migkeit sind ver­bre­it­ete Symp­tome bei Long- und Post-COVID“, weiß Dr. Michael Stegbauer. Er ist Ärztlich­er Direk­tor der beruf­sgenossen­schaftlichen Klinik Bad Reichen­hall, die sich als erste der BG-Kliniken beson­ders auf die Reha­bil­i­ta­tion von Post-COVID-Pati­entin­nen und ‑Patien­ten spezial­isiert hat. Heute gibt es nach sein­er Schätzung wohl ins­ge­samt rund hun­dert Reha­bil­i­ta­tion­skliniken in Deutsch­land, die Betrof­fene aufnehmen. „Der Bedarf ist enorm. Vor­sichti­gen Schätzun­gen zufolge ereilt 10 Prozent, anderen zufolge sog­ar 30 Prozent aller an COVID-19-Infizierten eine mas­sive Ein­schränkung ihrer Gesund­heit nach der akuten Phase – unab­hängig von der Schwere der ursprünglichen Erkrankung.“ Wenn diese gesund­heitlichen Prob­leme länger als drei Monate nach Abschluss der Akut­phase noch auftreten, sprechen Medi­zin­er von Post-COVID.

„Ins­ge­samt sind über 120 ver­schiedene Symp­tome beschrieben“, so Stegbauer. Zu den wichtig­sten gehörten neben der ver­min­derten kog­ni­tiv­en und kör­per­lichen Leis­tungs­fähigkeit auch neu­rol­o­gis­che Prob­leme, die sich in Kopf­schmerzen aus­drück­en kön­nen, Muskel- und Gelenkschmerzen, das Erschöp­fungssyn­drom, Herzprob­leme ver­schieden­er Art sowie der Ver­lust von Geruchs- und Geschmackssinn. Deshalb ist die inter­diszi­plinäre Zusam­me­nar­beit extrem wichtig. Pneu­molo­gen, Kar­di­olo­gen, Neu­rolo­gen, Radi­olo­gen und andere Diszi­plinen arbeit­en hier für eine opti­male Diag­nose und Ther­a­pieen­twick­lung zusammen.

Leistungsfähigkeit schwankt

Ein wichtiger Bestandteil der Ther­a­pie ist das kör­per­liche Train­ing­spro­gramm – Gle­ichgewicht­sübun­gen, ther­a­peutis­ches Wan­dern, Nordic Walk­ing – immer entsprechend der indi­vidu­ellen Möglichkeit­en. „Auf­fäl­lig ist, dass die Leis­tungs­fähigkeit bei den meis­ten Patien­ten und Pati­entin­nen extrem schwank­end ist: An einem Tag funk­tion­iert vieles, am anderen geht dann ganz wenig. Darauf muss man sich ein­stellen.“ Auch die Ther­a­peuten mussten das erst ler­nen: „Anfänglich starteten wir mit einem zu inten­siv­en Pro­gramm – das hat­te jedoch deut­liche Ein­brüche zur Folge.“

Auch Psy­chi­ater und Psy­cholo­gen sind mit im Boot. „Die psy­chol­o­gis­che Betreu­ung ist für viele extrem wichtig, auch über die Reha hin­aus“, sagt Stegbauer. Vor allem die ursprünglich Schw­er­erkrank­ten, aber auch leichter Erkrank­te oder solche, durch deren Über­tra­gung zum Beispiel Ange­hörige ums Leben kamen, lit­ten oft am post­trau­ma­tis­chem Belas­tungssyn­drom und bräucht­en unbe­d­ingt eine psy­cho­so­ma­tis­che Mitbetreuung.

Hinweise auf Post-COVID

„Vorge­set­zte oder Sicher­heits­beauf­tragte, die von der COVID-19-Erkrankung eines Mitar­bei­t­en­den wis­sen, soll­ten ein Auge darauf haben, ob sich Verän­derun­gen zeigen. Wenn etwa Vergesslichkeit, Unkonzen­tri­ertheit oder leichte Ermüd­barkeit deut­lich wer­den, wenn die Per­son über Kopf­schmerzen oder Atem­not klagt, wenn sie öfter Pausen braucht und nicht mehr leis­tungs­fähig ist – dann soll­ten sie, auch aus Für­sorge­grün­den, die Per­son darauf ansprechen“, emp­fiehlt Stegbauer. Dies gelte auch, wenn der Arbeit­nehmende nach der akuten Phase häu­figer krankheits­be­d­ingt fehle.

Dann könne sich der oder die Betrof­fene ide­al­er­weise an den betrieb­särztlichen Dienst wen­den, sofern es einen solchen in der Fir­ma oder Organ­i­sa­tion gibt. Anson­sten sei die erste Anlauf­stelle bei Ver­dacht auf Post-COVID-19 immer der Hausarzt, der die Befunde der ver­schiede­nen Fachärzte koor­dinieren und zusam­men­führen muss. Auch drei bis sechs Monate nach der akuten Erkrankung ist bei unklaren Symp­tomen dieser Schritt sinnvoll.

COVID-19 als Berufskrankheit und Arbeitsunfall

Wie bei Mar­lene, unser­er erfun­de­nen Pati­entin, wer­den COVID-19 und dessen Folge-Beschw­er­den bei vie­len Beschäftigten aus dem Gesund­heits­bere­ich als Beruf­skrankheit anerkan­nt – wenn sie sich nach­weis­lich oder wahrschein­lich bei der Arbeit angesteckt haben. Doch auch Ange­hörige ander­er Berufe kön­nen in den BG-Kliniken lan­den – etwa solche mit viel Kun­denkon­takt, wie etwa Bankangestellte – oder Men­schen, die sich nach­weis­lich bei der Arbeit durch Kol­le­gen oder beim gemein­schaftlichen Trans­port angesteckt haben. COVID-19 kann auch hier unter bes­timmten Voraus­set­zun­gen als Beruf­skrankheit oder als Arbeit­sun­fall eingestuft wer­den (siehe neben­ste­hen­den Kas­ten). Für diese Gruppe haben die BG-Kliniken einen eige­nen Post-COVID-Check entwick­elt – ein aufwändi­ges Diag­nose-Ver­fahren, für das die Pati­entin­nen und Patien­ten bis zu zehn Tage sta­tionär unter­sucht werden.

Stellen sich die „Nach­we­hen“ der Coro­na-Erkrankung als gravierend her­aus, kommt eine Reha­bil­i­ta­tion­s­maß­nahme in Betra­cht. Ist die Infek­tion nicht als arbeits­be­d­ingt anerkan­nt, tritt dabei – anders als in Mar­lenes Fall – die Renten­ver­sicherung in Aktion. Doch auch nach ein­er Reha-Maß­nahme ist in der Regel nicht gle­ich alles in But­ter, weshalb die Nach­sorge eine große Rolle spielt. Ist die Beruf­sgenossen­schaft zuständig, küm­mert sich beispiel­sweise der beauf­tragte Reha-Man­ag­er um die ambu­lante Weiterbetreuung.

Rückkehr ins Arbeitsleben

Die Chan­cen, dass die Betrof­fe­nen ins Arbeit­sleben zurück­kehren kön­nen, ste­hen let­ztlich gut. Wom­öglich gelingt dies nicht sofort, son­dern erst nach mehreren Monat­en oder nach einem Jahr, und wahrschein­lich mit ein­er stufen­weisen Wiedere­ingliederung, so Stegbauer. Und nicht immer kann man naht­los anknüpfen und weit­er­ma­chen wie zuvor: Nachtschicht komme für manche Beschäftigte nicht mehr in Frage, bei anderen ist die Umwand­lung ihrer Vol­lzeit- in eine Teilzeit-Stelle nötig. In etwa zehn Prozent der Post-COVID-Fälle rech­net Stegbauer mit ein­er dauer­haften Arbeitsunfähigkeit.

„Weib­lich­es Geschlecht und Übergewicht kristallisieren sich als Risiko­fak­toren für das Post-COVID-19-Syn­drom her­aus“, sagt Stegbauer. Der Impf­s­ta­tus scheine, genau­so wie die Schwere der COVID-19-Erkrankung, keine Rolle zu spie­len – aber valide Stu­di­en gäbe es dazu noch nicht. Und auch bei Omikron erwartet der Medi­zin­er keine Unter­schiede zur Delta-Vari­ante, was die Spät­fol­gen bet­rifft. „Ich denke, da kommt noch ein großes sozialpoli­tis­ches The­ma auf uns zu“, prog­nos­tiziert der Ärztliche Direktor.

Deshalb seine Mah­nung: „Die beste vor­beu­gende Maß­nahme gegen Post-COVID-19 ist, eine Infek­tion zu ver­mei­den: durch Impfen und durch Ein­hal­tung der bekan­nten Regeln wie Maske tra­gen, Lüften, Abstand hal­ten – und dies beson­ders auch in den Pausenräumen!


Foto: privat

Autorin:
Bernadett Groß
Freie Journalistin


Linktipps

  • Krisen-Coach­ing für Ver­ant­wortliche: Für ihre beson­ders von der Pan­demie betrof­fe­nen Ver­sicherten bietet die Betrieb­sgenossen­schaft für Gesund­heits­di­enst und Wohlfahrt­spflege Krisen-Coach­ing für Führungskräfte und Ver­ant­wor­tungstra­gende an. Weit­ere Infor­ma­tio­nen unter www.bgw-online.de The­men Gesund im Betrieb Psy­che und Gesund­heit Krisen-Coach­ing per Video oder Telefon
  • Umfassend und fach­lich fundiert über COVID 19 und mögliche Langzeit­fol­gen der Viruserkrankung informiert die Bun­deszen­trale für gesund­heitliche Aufk­lärung auf der Web­site „Infek­tion­ss­chutz“: www.informationsschutz.de Basis­in­for­ma­tio­nen Long COVID: Langzeit­fol­gen von COVID-19.
  • Für Betrof­fene oder Inter­essierte ste­ht auf der Web­site der Arbeits­ge­mein­schaft der Wis­senschaftlichen Medi­zinis­chen Fachge­sellschaften (AWMF) die Patien­ten­leitlin­ie „Post-COVID/­Long-COVID“ zum Down­load bere­it: www.awmf.org Leitlin­ien (Such­be­griff Post-COVID)

Anerkennung als Berufskrankheit oder Arbeitsunfall

  • Beruf­skrankheit

COVID-19 kann bei Per­so­n­en als Beruf­skrankheit anerkan­nt wer­den, wenn sie als Folge ihrer Tätigkeit im Gesund­heits­di­enst, in der Wohlfahrt­spflege (zum Beispiel Behin­derten­werk­stät­ten oder Kinder­hil­fe) oder in einem Labor mit dem Coro­n­avirus SARS-CoV­‑2 infiziert wur­den und klin­is­che Symp­tome aufwiesen. Gle­ich­es gilt für Men­schen, die bei ihrer ver­sicherten Tätigkeit in einem beson­deren Maß der Infek­tion­s­ge­fahr aus­ge­set­zt waren, wie etwa Friseure. Treten erst später Gesund­heitss­chä­den auf, die als Folge der Infek­tion anzuse­hen sind, kann eine Beruf­skrankheit ab diesem Zeit­punkt anerkan­nt werden.

  • Arbeit­sun­fall

Liegen bei ein­er Infek­tion mit dem Coro­na-Virus SARS-CoV­‑2 keine Voraus­set­zun­gen ein­er Beruf­skrankheit vor, kann sie den­noch als Arbeit­sun­fall gel­ten: Die Infek­tion muss auf die ver­sicherte Tätigkeit zurück­zuführen sein, bei der nach­weis­lich entwed­er ein inten­siv­er Kon­takt zu ein­er infek­tiösen Per­son stattge­fun­den hat oder bei der es im Umfeld eine größere Anzahl infek­tiös­er Per­so­n­en gegeben hat. Dabei spie­len Art und Dauer des Kon­tak­ts, die räum­liche Sit­u­a­tion und andere Fak­toren eine Rolle. Hat eine Infek­tion auf dem Weg zur Arbeit oder auf dem Heimweg stattge­fun­den (etwa bei Fahrge­mein­schaften oder Grup­pen­be­förderung), kann auch ein Arbeit­sun­fall vor­liegen. In eng begren­zten Aus­nah­me­fällen kann sog­ar eine Infek­tion in Kan­ti­nen oder in Gemein­schaft­sun­terkün­ften als Arbeit­sun­fall anerkan­nt werden.

www.dguv.de


Long COVID / Post COVID

Die Begriffe Long COVID und Post COVID – eigentlich Long-COVID-Syn­drom und Post-COVID-Syn­drom (englisch long = lang; lateinisch post = nach) – haben sich in den let­zten Monat­en etabliert. Bei­de beze­ich­nen Beschw­er­den durch eine SARS-CoV-2-Infektion,

  • die über die akute Krankheit­sphase hin­aus entwed­er fort­dauern oder
  • die erst nach der akuten Phase aufge­treten sind, aber auf die Infek­tion zurück­ge­führt wer­den, oder
  • die zwar von ein­er Vor­erkrankung her­rühren, aber durch die Infek­tion (auch) nach der akuten Phase ver­schlim­mert sind.

Long COVID beze­ich­net dabei immer die Beschw­er­den, die später als vier Wochen nach der Infek­tion, Post COVID immer jene, die ab der zwölften Woche nach der ursprünglichen Infek­tion existieren. Die Beze­ich­nung Long COVID wird dabei noch nicht ein­heitlich ver­wen­det: Für die einen endet Long COVID mit Ende der elften Woche und wird dann durch Post COVID abgelöst; für die anderen beze­ich­net Long COVID die entsprechen­den Beschw­er­den nach der vierten Woche ohne zeitlich­es Ende – und ist somit ein Über­be­griff, der Post COVID mit einschließt.

Veranstaltungsreihe
Veranstaltungsreihe PSA erleben
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 9
Ausgabe
9.2022
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 9
Ausgabe
9.2022
ABO

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de