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Arbeitsschutz und Nachhaltigkeit

Arbeitsschutz und Nachhaltigkeit Teil 3
Der Blick in den Abgrund

In den Teilen 1 und 2 von Arbeitss­chutz und Nach­haltigkeit wurde die zunächst schein­bar unaufhalt­same Inte­gra­tion des Arbeitss­chutzes in die soziale Dimen­sion der betrieblichen Nach­haltigkeit beschrieben – und angesichts manch­er Bedro­hun­gen der nach­halti­gen Entwick­lung durch Glob­al­isierungsef­fek­te auch in Zweifel gestellt. Ins­beson­dere die Sit­u­a­tion Deutsch­lands bedarf hierzu ein­er kri­tis­chen Betra­ch­tung, denn gegen viele der abgründi­gen Fol­gen der Glob­al­isierung hätte man sich frühzeit­ig bess­er wapp­nen können.

Seit den 60er-Jahren des let­zten Jahrhun­derts nimmt eine weltweite Ver­net­zung in Wirtschaft, Poli­tik, Kul­tur, Umwelt und Kom­mu­nika­tion zwis­chen Indi­viduen, Gesellschaften, Insti­tu­tio­nen und Staat­en zu, was heute kurz und präg­nant als Glob­al­isierung beze­ich­net wird.

Was in Zeiten der Globalisierung wieder zerbricht

Mit der glob­alen Ver­net­zung von Wirtschaft und Poli­tik geht ein Struk­tur­wan­del ein­her, der inter­na­tionale Arbeit­steilung und weltweit zunehmende Wet­tbe­werb­sin­ten­sität erzeugt.

  • Der gestiegene Anpas­sungs­druck ver­langt den nationalen Volk­swirtschaften eine ständi­ge Anpas­sung der insti­tu­tionellen Rah­menbe­din­gun­gen ab (z. B. im Steuer­sys­tem), ohne dabei nach­haltige Ziele wie Arbeitss­chutz, Ressourcenscho­nung oder Kli­maschutz zu ver­nach­läs­si­gen (was sich in der Prax­is als schi­er unlös­bar erweist).
  • Er zwingt auch die Unternehmen zu ein­er kon­tinuier­lichen Opti­mierung der Pro­duk­tion­sprozesse und zur Entwick­lung neuer, sicher­heit­stech­nisch kon­former Pro­duk­te unter Berück­sich­ti­gung der Com­pli­ance im betrieblichen Arbeits- und Umweltschutz und fordert von jedem Einzel­nen die beständi­ge Bere­itschaft zur beru­flichen Weiterbildung.

Treiber der Glob­al­isierung waren und sind unter anderem das Bevölkerungswach­s­tum, die Lib­er­al­isierung des Welthandels und ein tech­nis­ch­er Fortschritt, der diese Ver­flech­tung durch immer dichteren tran­skon­ti­nen­tal­en Luftverkehr, wach­sende Con­tain­er­flot­ten und ein ent­fes­seltes Inter­net bis heute beschleunigt.

Was mit der Glob­al­isierung wirtschaftlich­er Unternehmungen wie zum Beispiel Beschaf­fung, Pro­duk­tion, Stan­dort, Mar­ket­ing etc. begann, set­zte sich bald in der Glob­al­isierung der Märk­te fort (Waren­markt, Arbeits­markt, Dien­stleis­tungs­markt, Geld- und Kap­i­tal­markt, Tech­nolo­giemarkt usw.).

Sie haben richtig gele­sen, wenn Sie in dieser Aufzäh­lung verge­blich nach einem glob­alen „Markt“ für Arbeitss­chutz oder Ergonomie gesucht haben.

  • Diesen Markt hat die Glob­al­isierung aus ver­ständlichen Grün­den ausgeblendet.
  • Seine Angle­ichung an die hohen Schutzniveaus der Indus­trielän­der wäre ein­er Glob­al­isierung in der heuti­gen Form hinderlich.

Inzwis­chen wer­den regelmäßig weit­ere Lebens­bere­iche wie zum Beispiel Medi­en, Wis­senschaft oder Recht von der Glob­al­isierung erre­icht und durchdrungen.

Glob­al­isierung wäre eine Her­aus­forderung für die Reform­fähigkeit unser­er Gesellschaft und eine Chance für tech­nol­o­gis­chen Fortschritt gewe­sen, aber nur dann, wenn – ja, wenn ein Land und eine Gesellschaft darauf auch gut vor­bere­it­et gewe­sen wären.

Deutsch­land war auf die Glob­al­isierung nicht opti­mal vor­bere­it­et, obwohl ger­ade Deutsch­land wesentliche Impulse für die Glob­al­isierung setzte.

Deutschlands Rolle in der Globalisierung

Durch seine Wirtschafts- und Inno­va­tion­skraft sowie seine aktive Rolle im Welthandelssys­tem trug Deutsch­land entschei­dend zur Beschle­u­ni­gung und Inten­sivierung der Glob­al­isierung bei. Seit über 30 Jahren bis heute gehört Deutsch­land zu den drei größten Export- und Import­na­tio­nen weltweit.

Neben Chi­na und den USA stellt Deutsch­land den wichtig­sten Knoten­punkt dieser Art dar.

Obwohl Deutsch­land als ein an der Glob­al­isierung aktiv mit­gestal­tendes Land bere­its früh involviert war, kamen die Ver­suche zur Eindäm­mung neg­a­tiv­er Glob­al­isierungsef­fek­te im eige­nen Land viel zu spät.

Mit­tel­fristig bringt die Strate­gie glob­al verteil­ter Wertschöp­fungs­ket­ten auch Ver­lier­er der sozialen Nach­haltigkeits­di­men­sion im eige­nen Indus­trieland her­vor. Unter dem Druck wach­sender Konkur­renz auf den glob­alen Märk­ten gab es auch in Deutsch­land spür­bare Kon­se­quen­zen auf dem Arbeitsmarkt:

  • Zunächst führten Dereg­ulierungsini­tia­tiv­en unter anderem zur Lockerung des Kündi­gungss­chutzes und zu sehr flex­i­blen Arbeitszeiten.
  • Es ent­stand ein wach­sender Zwang zur Gewin­n­max­imierung durch Kostenreduzierung.
  • Die Unternehmens­beteili­gung an den Sozialkosten auf Kosten der Arbeit­nehmer wurde schrit­tweise zurückgenommen.
  • Die Zunahme von Lei­har­beit, Schein­selb­st­ständigkeit, zusät­zlichen Neben­jobs und ein wach­sender Niedriglohnsek­tor ließen Mil­lio­nen prekär­er Arbeitsver­hält­nisse entste­hen und ermöglicht­en kostens­paren­des Out­sourc­ing bei ver­ringertem Personalbestand.

Ein Großteil bes­timmter Branchen (Elek­tron­ik, Geräte­bau, Tex­til etc.) machte sich auf den Weg in soge­nan­nte Bil­liglohn­län­der. Inter­nal­isierte Umweltkosten wer­den an aus­ländis­chen Stan­dorten auch von Konz­er­nen aus anderen Branchen weit­ge­hend ver­mieden; sie wälzen die exter­nen Kosten ein­fach auf die dor­tige All­ge­mein­heit ab.

Gle­ichzeit­ig ver­liert aber auch der deutsche Staat, weil er im Steuer­wet­tbe­werb mit anderen Staat­en von der Gewin­nver­lagerung von glob­al täti­gen Unternehmen oder deren Flucht in Steueroasen betrof­fen ist:

  • Ein ruinös­er Steuersenkungswet­t­lauf ver­lagert die Haupt­last der Finanzierung öffentlich­er Güter auf den Pro­duk­tions­fak­tor Arbeit.
  • Zusät­zlich ver­sucht der Staat, seine Steuer­aus­fälle durch soge­nan­nte Äquiv­alen­zs­teuern zu kom­pen­sieren, also durch höhere Preise und Gebühren für staatliche Leis­tun­gen, was wiederum zu ein­er steigen­den Abgaben­last der Steuerzahler führt.
  • Während der Real­lohnin­dex zwis­chen 2000 und 2015 um lediglich vier Punk­te stieg, verze­ich­nete der Ver­braucher­preisin­dex in der­sel­ben Zeit einen Zuwachs von 21 Punkten.
  • Gle­ichzeit­ig wer­den staatliche Trans­fer­leis­tun­gen sys­tem­a­tisch zurück­ge­fahren, sodass die Kluft zwis­chen Arm und Reich immer tiefer wird.
  • Die ent­stande­nen Finanzierungslück­en sind wed­er durch weit­ere Steuer­erhöhun­gen für abhängig Beschäftigte noch durch die Pri­vatisierung öffentlich­er Güter schließbar. Der Wohlfahrtsstaat ist ern­sthaft bedroht.

Außer­dem wird der Hand­lungsspiel­raum für eine den uner­wün­scht­en Glob­al­isierungsef­fek­ten ent­ge­gen­wirk­ende, nation­al­staatlich aus­gerichtete Wirtschafts- und Sozialpoli­tik mit jedem Tag ohne staatlichen Ein­griff immer geringer.

Der Mensch als wiederentdeckte Ressource im Arbeitssystem

Nach­haltigkeit ist ein Hand­lung­sprinzip zur Ressourcennutzung, bei dem eine dauer­hafte Bedürfnis­be­friedi­gung durch die Bewahrung der natür­lichen Regen­er­a­tions­fähigkeit der beteiligten Sys­teme gewährleis­tet wer­den soll. Das Arbeitssys­tem ist umfassend an dieser Ressourcennutzung beteiligt. Und die Regen­er­a­tions­fähigkeit von Arbeitssys­te­men hängt wiederum von der Ver­füg­barkeit leis­tungs­fähiger und leis­tungs­bere­it­er Men­schen ab. So wurde die Ressource Men­sch seit Beginn der Indus­tri­al­isierung schon immer ein unverzicht­bar­er Schlüs­sel für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens.

Freilich führte dieser Erken­nt­nis­prozess nicht bei allen Arbeit­ge­bern von Anfang an zu angemesse­nen Reak­tio­nen auf die Regen­er­a­tions­bedürftigkeit der beschäftigten Per­so­n­en. Maß­nah­men der Arbeitssicher­heit und des Gesund­heitss­chutzes wur­den erst nach und nach entwick­elt und dann oft nur wider­strebend – unter dem Druck des Geset­zge­bers und der Beruf­sgenossen­schaften – in den Betrieben umgesetzt.

Die Arbeit­ge­ber erkan­nten aber schnell, dass die Rück­sicht auf Unversehrtheit und Regen­er­a­tions­bedürftigkeit von Beschäftigten eine wirk­same Präven­tion gegen teure Fehlzeit­en darstellt. Ziel war dem­nach zunächst die Erhal­tung der Leistungsfähigkeit.

Ab etwa 1974 rück­te im Rah­men der „Human­isierung“ und „men­schen­gerechteren“ Gestal­tung der Arbeitswelt auch die Ermöglichung der Leis­tungser­bringung durch vor allem ergonomis­che Verbesserun­gen des Arbeitssys­tems in den Fokus. Die Maß­nah­men waren baulich-tech­nis­ch­er und organ­isatorisch­er Natur und reicht­en sog­ar bis hinein in die betriebliche Personalpolitik.

Gle­ichzeit­ig ver­schwan­den im Zuge von Ratio­nal­isierungs- und Automa­tisierungss­chrit­ten immer mehr sehr ein­fache oder ein­fache Tätigkeit­en aus den Arbeitssys­te­men. Zurück blieben Arbeit­splätze mit steigen­den Anforderun­gen an die Beschäftigten.

Seit cir­ca 30 Jahren wer­den deutsche Arbeitssys­teme mas­siv von Glob­al­isierungsef­fek­ten bee­in­flusst. Sie standen zunehmend im Wet­tbe­werb mit weltweit verteil­ten Arbeitssys­te­men, die charak­ter­isiert sind durch gerin­gere Lohnkosten, weniger Arbeitss­chutzqual­ität und höhere Umwelt­be­las­tun­gen. Zur Ver­ringerung der Lohnkosten und zur Erhöhung der Pro­duk­tiv­ität wer­den deshalb bis heute entwed­er deutsche Arbeit­splätze ins Aus­land ver­lagert oder bei Betrieb­sstät­ten in Deutsch­land die Stamm­belegschaften weit­er geschrumpft und die wech­sel­hafte Aus­las­tung über bil­ligere Lei­har­beit kom­pen­siert. Diese Entwick­lung ver­let­zt viele Kri­te­rien des nach­halti­gen Wirtschaftens, weil sie unter anderem zu einem weltweit­en Sozial- und Umwelt-Dump­ing beiträgt.

Betrof­fen sind wiederum vor allem Arbeitssys­teme mit den ein­facheren beziehungsweise leicht automa­tisier­baren Tätigkeit­en, was für die verbleiben­den Arbeit­splätze die Anforderun­gen an die Beschäftigten weit­er erhöht. Wir beobacht­en aktuell zwei logis­che Anschlussprob­leme dieser Entwicklung:

  • Ein­er­seits find­en ger­ing qual­i­fizierte Arbeit­suchende trotz viel­er offen­er Stellen keine Arbeit mehr und wer­den langzeitarbeitslos.
  • Ander­er­seits scheint der Fachkräftemarkt völ­lig leerge­fegt zu sein.

Das machte vor allem qual­i­fizierte und gut eingear­beit­ete Mitar­beit­er mit unternehmensspez­i­fis­ch­er Erfahrung bis heute zu ein­er der wertvoll­sten betrieblichen Ressourcen. Die Kurzarbeit nutzten viele Betriebe in Coro­n­azeit­en auch, um bei wieder wach­sender Kapaz­ität­saus­las­tung von ihrem Stamm­per­son­al zu profitieren.

So scheint es ger­ade die Ressource Men­sch im Arbeitssys­tem zu sein, die in vie­len Unternehmen ger­ade zu ein­er Rückbesin­nung auf den inländis­chen Arbeits­markt führt. Hoch qual­i­fiziertes und leis­tungs­bere­ites Per­son­al wird beson­ders umwor­ben, unter anderem mit

  • rel­a­tiv­er Sicher­heit des Arbeitsplatzes,
  • Vere­in­barkeit von Fam­i­lie und Beruf,
  • angenehmem Betrieb­skli­ma,
  • hohen betrieblichen Arbeitss­chutz- und Gesundheitsfürsorgestandards,
  • indi­vidu­eller Pla­nung ein­er alters­gerecht­en Erwerb­s­bi­ografie mit an
    die Leis­tungs­fähigkeit der jew­eili­gen Lebens­ab­schnitte angepassten Belas­tun­gen und Her­aus­forderun­gen sowie
  • betrieblichen Ange­boten für ein lebenslanges Ler­nen, um neue Her­aus­forderun­gen und Tech­nolo­gien zu bewältigen.

Der demografis­che Wan­del führt ohne­hin dazu, dass Mitar­beit­er immer älter wer­den und immer länger im Unternehmen arbeit­en. Ist diese neue Wertschätzung für die „Ressource Men­sch“ in der deutschen Arbeitswelt auch ein Zeichen wieder­ent­deck­ter Nach­haltigkeit? Oder vielle­icht doch nicht?

Erosionsprozess der nachhaltigen Wirtschaft

„Glob­al“ gese­hen mehrt die voran­schre­i­t­ende Glob­al­isierung im Mit­tel den Wohl­stand der Men­schen auf der Welt. Ohne hier die Gerechtigkeit der Wohl­standsverteilung ver­tieft disku­tieren zu wollen, hier schon eine wichtige Fest­stel­lung: Die Glob­al­isierung ken­nt hin­sichtlich der Wohl­standsverteilung und der Betrof­fen­heit von Glob­al­isierungsef­fek­ten „Gewin­ner“ und „Ver­lier­er“ und es lohnt sich auch für Arbeitss­chützer, diesen Unter­schied sehr genau zu untersuchen.

Im hochen­twick­el­ten Indus­trieland Deutsch­land prof­i­tierten Unternehmen zunächst bis etwa Ende der 80er-Jahre wie in nur weni­gen anderen Län­dern von der Möglichkeit, die Wertschöp­fungs­ket­ten für ihre Pro­duk­te der­art über den Globus zu verteilen, dass durch gerin­gere Her­stel­lungskosten und Steuer­ab­gaben ver­i­ta­ble Gewinnzuwächse erzielt wer­den konnten.

Die wirtschaftliche Dimen­sion der Nach­haltigkeit wurde damit kom­fort­a­bel erre­icht. In manchen Unternehmen haben die steigen­den Energiepreise sog­ar ungeah­nte Aktiv­ität für den Umweltschutz aus­gelöst, denn es war hipp, mit Energieeinsparun­gen nicht nur Ressourcen und CO2, son­dern auch noch einen gewis­sen Anteil an Betrieb­skosten zu vermeiden.

Und man leis­tete sich die soziale Nach­haltigkeit sozusagen als Luxus, über den man in Geschäfts­bericht­en noch mehr Gutes über sein Unternehmen kom­mu­nizieren kon­nte als ver­ringerte CO2-Bilanzen oder steigende Gewinne. Lange gehörten also deutsche Unternehmen zu den Gewin­nern der frühen Globalisierung.

Unschw­er lassen sich aber auch gle­ich zwei Hauptver­lier­er der Glob­al­isierung benennen.

  • Ein­er­seits ist dies die Umwelt, speziell die natür­lichen Ressourcen des Plan­eten Erde. Sie wer­den im glob­alen Wet­tbe­werb der mächti­gen Indus­tri­es­taat­en inzwis­chen rück­sicht­s­los aus­ge­beutet – auch in Entwick­lungs- oder Schwellen­län­dern, wo sie später für eine eigene wirtschaftliche Entwick­lung fehlen werden.
  • Ander­er­seits erzeugt der Verkehr für einen ungezügel­ten Welthandel und weltweite Wertschöp­fungs­ket­ten zu Lande, zu Wass­er und in der Luft enorme Men­gen an CO2, welche den Kli­mawan­del weit­er beschleunigen.

Die Glob­al­isierung bedro­ht Kli­ma und Umwelt gle­icher­maßen und punk­tet deshalb nicht auf der ökol­o­gis­chen Skala der Nachhaltigkeit.

Ein Schelm, wer meint, in der Glob­al­isierung käme ein hoher Arbeitss­chutz­s­tan­dard wie der deutsche völ­lig ungeschoren davon.

Die unter Glob­al­isierungs­druck ste­hende betrieblich prak­tizierte Nach­haltigkeit begin­nt allmäh­lich nun auch in Deutsch­land den Arbeitss­chutz­s­tan­dard zu erodieren:

  • Mit Andeu­tun­gen eines möglichen Stan­dortwech­sels wirken vor allem größere Unternehmen sehr erfol­gre­ich auf Aus­nah­men hin, die ihnen höhere Investi­tio­nen für Brand­schutz oder Arbeitss­chutz ers­paren, solange sie den Anschein erweck­en, die entsprechen­den Risiken trotz­dem zu beherrschen.
  • Der Kos­ten­druck in den Betrieben wächst – nach Coro­n­azeit­en sog­ar mehr als vorher. Unternehmen erzeu­gen ihrer­seits wieder Druck auch auf die Regelset­zer für den Bere­ich Arbeitss­chutz und hof­fen auf ent­las­tende Kor­rek­turen, wie sie auch im Rah­men früher­er Dereg­ulierungskam­pag­nen wirkungsvoll durchge­set­zt wurden.
  • Schon seit Jahren ver­lieren die Kon­trollbe­suche der Auf­sichts­be­hör­den an Zahl, Umfang und Qualität.
  • Bere­its seit Jahren zeich­net sich in Deutsch­land bei der nach DGUV Vorschrift 2 geforderten arbeitsmedi­zinis­chen Betreu­ung ein Man­gel an ver­füg­baren Arbeitsmedi­zin­ern ab. Eine Änderung der Vorschrift oder die notwendi­ge Ver­bre­iterung der betrieblich ein­set­zbaren Exper­tise für die neuen Her­aus­forderun­gen im Arbeitss­chutz auf weit­ere Beruf­s­grup­pen sind aber bis heute nicht erfol­gt. Entste­hende Defizite im Arbeitss­chutz wer­den dabei stillschweigend in Kauf genommen.
  • Immer mehr Schiffe deutsch­er Reed­er wer­den aus­ge­flag­gt. Warum? Außer­halb Deutsch­lands und Europas gilt anderes Recht. Die cir­ca 20 Offiziere und Mannschaften eines Con­tain­er­schiffs, welch­es nicht unter deutsch­er Flagge fährt, unter­liegen nicht dem mod­er­nen deutschen Seear­beits­ge­setz, son­dern hin­sichtlich des Arbeitss­chutzes an Bord in der Regel der deut­lich schwächeren Mar­itime Labour Con­ven­tion (kurz: MLC) der ILO.

Zunehmend wer­den durch ISO Man­age­mentver­fahren zer­ti­fiziert, die auf eine glob­ale Niv­el­lierung von Stan­dards abzie­len. Umso beden­klich­er wird, dass bei der Zer­ti­fizierung von Arbeitss­chutz­man­age­mentsys­te­men nach ISO 45001 in Zukun­ft zum Beispiel nicht mehr alle ILO-Vor­gaben erfüllt wer­den müssen.

Diese Ero­sion muss gestoppt wer­den, bevor es zu spät für eine Kor­rek­tur ist.

Der Mensch als vergessene Ressource in prekärer Beschäftigung

Wie oben gezeigt, führt der Ein­fluss der inter­na­tionalen Öff­nung der Kap­i­tal- und Arbeitsmärk­te haupt­säch­lich in weniger inno­v­a­tiv­en und weniger tech­nol­o­gisch anspruchsvollen Arbeitssys­te­men zum Ungle­ichgewicht an Qual­i­fika­tion­sstruk­turen und Vergütungsregelungen.

Unter­suchen wir, was dort mit der Ressource Men­sch passiert.

  • Wo find­en wir die „nicht mehr gebraucht­en“ Men­schen aus solchen ver­loren gegan­genen Arbeitssys­te­men wieder?
  • Und wo taucht die ver­schwun­dene Arbeit aus diesen Arbeitssystemen
    wieder auf, falls sie heute nicht kom­plett durch Auto­mat­en oder Robot­er erledigt wird?

Die Antworten find­en wir in ein­er von uns weit­ge­hend aus­ge­blende­ten Schattenwelt.

Der informelle Sek­tor der deutschen Volk­swirtschaft beste­ht aus ein­er legalen Schat­ten­wirtschaft (im Gegen­satz zur ille­galen wie zum Beispiel Schwarzarbeit). Dazu gehören unter anderem ein­fache Dien­stleis­tun­gen wie Schuh­putzer, Eisverkäufer oder Scheiben­reiniger an Ampeln, aber auch weite Teile der Hau­sangestell­ten, Ern­te­helfer, Heimar­beit­er und Mikroun­ternehmer mit weniger als fünf Mitarbeitern.

Für die Betrof­fe­nen ist Arbeit im informellen Sek­tor mit unsicheren Einkom­mensper­spek­tiv­en, der Nicht­mit­glied­schaft in sozialen Ver­sicherungssys­te­men und einem gerin­gen Lohn­niveau ver­bun­den. Ihr Anteil an der arbei­t­en­den Bevölkerung beträgt

  • in Lateinameri­ka und Nordafri­ka etwa 50 Prozent,
  • in eini­gen Län­dern Asiens und fast im gesamten Sub-Sahara-Afri­ka mehr als 70 Prozent und
  • in OECD-Län­dern bis zu 15 Prozent.

Es ist kein Geheim­nis, dass einige der aus Kosten­grün­den aus Deutsch­land in solche Teile der Welt aus­ge­lagerten ein­fachen Tätigkeit­en dort im Bere­ich informeller Sek­toren unter sehr schlecht­en Arbeits- und Sicher­heits­be­din­gun­gen unter anderem auch von Kindern abgear­beit­et werden.

Über­all gehören viele, die im informellen Sek­tor arbeit­en, zum soge­nan­nten Prekari­at. Prekari­at beze­ich­net eine soziale Grup­pierung, die durch Unsicher­heit im Hin­blick auf die Art der Erwerb­stätigkeit ihrer Mit­glieder gekennze­ich­net ist.

Nach Def­i­n­i­tion der Inter­na­tionalen Arbeit­sor­gan­i­sa­tion (IAO/ILO) liegt eine prekäre Beschäf­ti­gung dann vor, wenn durch den Erwerb

  • nur geringe Sicher­heit des Arbeit­splatzes sowie
  • wenig Ein­fluss auf die konkrete Aus­gestal­tung der Arbeitssi­t­u­a­tion gewährt wird,
  • der arbeit­srechtliche Schutz lediglich par­tiell gegeben ist und
  • die Chan­cen auf eine materielle Exis­ten­zsicherung durch die betr­e­f­fende Arbeit eher schlecht sind.

Diese vier Merk­male gel­ten auch in Deutsch­land für die große Zahl der Arbeit­nehmerüber­las­sun­gen, die deswe­gen zum Prekari­at gerech­net wer­den und deren Anzahl wegen des zunehmenden Drucks zum Out­sourc­ing ten­den­ziell steigend ist.

Unter sicher­er, gesun­der und ergonomis­ch­er Arbeit ver­ste­hen wir offen­sichtlich etwas anderes als die Arbeit im informellen Sek­tor oder prekäre Arbeit.

Fazit

Ein Streifzug durch die Über­lap­pungs­bere­iche des nach­halti­gen Wirtschaftens und des Arbeitss­chutzes fördert zum Teil bekan­nte, aber auch über­raschende neue gemein­same Zielset­zun­gen, wech­sel­seit­ig anwend­bare method­is­che Ansätze und viel Poten­zial für Syn­ergieef­fek­te zutage.

Die neue Wertschätzung für die „Ressource Men­sch“ gilt jedoch nur für diejeni­gen Men­schen, die auf­grund ihrer Aus­bil­dung, Qual­i­fika­tion und Arbeit­shis­to­rie einen hin­re­ichend betrieblichen Mehrw­ert versprechen.

Das wiederum rel­a­tiviert diese Wertschätzung auch als Zeichen wieder­ent­deck­ter Nach­haltigkeit, denn die anderen, die „huma­nen Rest­bestände“ auf dem Arbeits­markt, wer­den als weniger qual­i­fizierte Men­schen in prekäre Arbeit oder in den informellen Sek­tor abge­drängt beziehungsweise lebenslang aus Arbeitssys­te­men aus­geschlossen und dem poli­tis­chen Wohlwollen sozialer Sys­teme überlassen.

Eine Frage, die nur poli­tisch beant­wortet wer­den kann: Will Deutsch­land auf diese Weise mit sicher­er, gesun­der und ergonomis­ch­er Arbeit für immer weniger Men­schen zukun­ftssich­er wirtschaften, wenn dies nur auf Kosten ein­er großen und wach­senden Gruppe arbeits­fähiger und arbeitswilliger Men­schen erre­icht wird, die davon sys­tem­a­tisch aus­geschlossen bleibt und vom Staat ali­men­tiert wer­den muss?

Es entste­ht der Ein­druck, dass im let­zteren Bere­ich auch die The­men Arbeitssicher­heit und Gesund­heitss­chutz erodieren, an prak­tis­ch­er Bedeu­tung ver­lieren und allen­falls noch durch for­male Arte­fak­te wie vorzeig­bare Funk­tionäre oder Organ­i­sa­tions­doku­mente repräsen­tiert werden.

In diesem legalen „Schat­ten­bere­ich“ geht es auch weniger um allmäh­lich aus­ge­baute nach­haltige Entwick­lung als um den täglichen Exis­ten­zkampf von Fir­men und Individuen.

Dies ist jeden­falls kein nach­haltiger Weg in die Zukun­ft. Nach­haltigkeit hat drei Dimensionen:

  • Es gibt also keine hin­re­ichende betriebliche Nach­haltigkeit ohne Arbeitsschutz.
  • Und es gibt ohne betriebliche Nach­haltigkeit auch keine Com­pli­ance im Arbeitsschutz.

Vielle­icht benöti­gen unsere Unternehmen und Betriebe tat­säch­lich eine andere, nach­haltigere Kenn­zahl für den erwirtschafteten Mehrw­ert, die es erlaubt, auch die anteili­gen, kom­ple­men­tär und gle­ichzeit­ig zum wirtschaftlichen Erfolg zer­störten Qual­itäten in Gesellschaft und Staat mit in die Bew­er­tung betrieblich­er Nach­haltigkeit einzubeziehen.


Foto: EGNATON e.V.

Autor: Dr. rer. nat. Peter Neurieder

Geschäfts­führer Euro­pean Asso­ci­a­tion for Sus­tain­able Lab­o­ra­to­ries – EGNATON e.V.,

peter.neurieder@egnaton.com

www.egnaton.com

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