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Betriebssicherheit von Gerüsten

Betriebssicherheit von Gerüsten
Arbeiten ohne Risiko!

Kaum eine Baustelle im Hochbau kommt ohne sie aus: Gerüste. Sie wer­den – hof­fentlich – von Fach­fir­men errichtet und ermöglichen sichere Arbeit­splätze für Beschäftigte ver­schieden­er Gew­erke. Den­noch ist das Unfall­risiko hoch, denn für die Arbeits- und Betrieb­ssicher­heit ist auch der Gerüst­nutzer verantwortlich.

In der Ver­gan­gen­heit wurde durch den Geset­zge­ber das Arbeit­en auf Leit­ern regle­men­tiert. Anlass dafür waren über viele Jahre hin­weg kon­stant hohe Unfal­lzahlen. Im Coro­na-Jahr 2020 ereigneten sich in Deutsch­land 20.953 meldepflichtige Leiterun­fälle. In den Jahren zuvor fiel das Unfallgeschehen noch umfan­gre­ich­er aus.

Sicherer als Leitern

Als Alter­na­tive zu Arbeit­splätzen auf Leit­ern wer­den fahrbare Hubar­beits­büh­nen und Gerüste emp­fohlen. Aber auch auf Arbeits‑, Fahr- und Behelf­s­gerüsten ereignen sich Unfälle, einige davon enden sog­ar tödlich. 2020 verun­fall­ten auf deutschen Baustellen ins­ge­samt 5.963 Per­so­n­en auf oder beim Umgang mit Gerüsten, 15 Beschäftigte von ihnen star­ben. Das größte Unfall­risiko beste­ht im Absturz. Das bet­rifft den Gerüst­bau genau­so wie alle anderen Tätigkeiten.

Trotz fachkundi­ger Gerüster­stel­lung ist es oft nicht unge­fährlich, Gerüste zu benutzen. Mit dem Bau­fortschritt ändern sich die Gegeben­heit­en vor Ort und nicht sel­ten wer­den riskante Umbaut­en an ihnen vorgenom­men. Ergänzend kommt hinzu, dass Gerüste meist von Beschäftigten ver­schieden­er Unternehmen genutzt wer­den. So fühlt sich nach sein­er Freiga­be oft nie­mand für den betrieb­ssicheren Zus­tand des Gerüsts ver­ant­wortlich. Daraus resul­tieren kri­tis­che Sit­u­a­tio­nen, das Unfall­risiko steigt. Jed­er Nutzer besitzt von daher eine beson­dere Ver­ant­wor­tung für den dauer­haft sicheren Gerüstzustand.

Inaugenscheinnahme durch Nutzer

Gerüste sind durch den Nutzer vor dem Gebrauch stets zu kon­trol­lieren. Als Gerüst­nutzer wer­den Arbeit­ge­ber beze­ich­net, deren Beschäftigte Gerüste ganz oder teil­weise ver­wen­den. Die Gerüstkon­trolle ist im Wesentlichen eine Sicht- und Funk­tion­skon­trolle, auch „Inau­gen­schein­nahme“ genan­nt. Sie darf nur von qual­i­fizierten Mitar­bei­t­en­den durchge­führt wer­den, beispiel­sweise einem erfahren­den Bauhandw­erk­er mit entsprechen­der Beruf­ser­fahrung. Eine regelmäßige fach­liche Unter­weisung ist oblig­a­torisch. Die Kon­trollper­son sollte zudem schriftlich beauf­tragt sein; die Gerüstkon­trollen sind zu doku­men­tieren. Die Auf­be­wahrungs­fris­ten der Prüf­nach­weise betra­gen drei Monate über die Standzeit des Gerüstes hinaus.

Wer­den Beschäftigte mehrerer Unternehmen auf dem­sel­ben Gerüst tätig, so trägt grund­sät­zlich jed­er Arbeit­ge­ber die Ver­ant­wor­tung zur Gerüstkon­trolle vor dem Gebrauch. Alter­na­tiv kön­nen fachkundi­ge Dritte mit der Inau­gen­schein­nahme beauf­tragt wer­den. Soll­ten Män­gel bere­its vor Arbeits­be­ginn erkennbar sein, dür­fen die geplanten Tätigkeit­en nicht aufgenom­men wer­den. Zeigen sich Sicher­heits­de­fizite während der Gerüst­nutzung, sind die Arbeit­en einzustellen und der Gerüst­bauer zu informieren. Unsichere Gerüste sind zu sper­ren und mit einem Warn­schild (zum Beispiel „Nicht betreten, Gerüst ges­per­rt!“) zu versehen.

Kennzeichnung und Lastklassen

Gerüste müssen gekennze­ich­net sein und eine Gebrauch­san­leitung („Plan für den Gebrauch“) besitzen. Kennze­ich­nung und Gebrauch­san­leitung sind vom Errichter unver­lier­bar und vor Wit­terung geschützt am Gerüstzu­gang anzubrin­gen. Bei der Inau­gen­schein­nahme ist die Gerüstkennze­ich­nung zu beacht­en. Sie gibt unter anderem Auskun­ft darüber, ob die Kon­struk­tion für die geplanten Arbeit­en über­haupt geeignet ist.

Deut­lich wird dies am Beispiel der Lastk­lassen, welche die zuläs­si­gen Verkehrslas­ten beschreiben. Die Pro­duk­t­norm für Arbeits­gerüste nen­nt sechs Lastk­lassen. Gerüste der Lastk­lasse 1 (0,75 kN/m2) sind nur für Inspek­tion­sar­beit­en geeignet. Auf Gerüsten der Lastk­lasse 2 (1,50 kN/m2) darf gear­beit­et, jedoch kein Mate­r­i­al gelagert wer­den. Gerüste der Lastk­lasse 3 sind zum Beispiel für maschinelle Putz- und Stuckar­beit­en geeignet, sofern die Belas­tung die Verkehrslast von 2,0 kN/m2 nicht über­schre­it­et. Die Gerüstk­lassen 4, 5 und 6 erlauben größere Verkehrslas­ten und wer­den einge­set­zt für Mau­r­erar­beit­en, Bewehrungsar­beit­en und der­gle­ichen. Auch hier sind die Nor­men­vor­gaben einzuhalten.

Die Höchst­werte in Tabelle 1 beziehen sich auf den einzel­nen Gerüstab­schnitt, der aus einem oder mehreren übere­inan­der­liegen­den Gerüst­feldern beste­ht. Aber Achtung: Bei übere­inan­der­liegen­den Gerüst­feldern darf die Summe der tat­säch­lichen Einzel­las­ten nicht größer sein als die vorgegebene Lastklasse!

Tabelle 1: Verkehrslas­ten für Arbeitsgerüste

Alle Beschäftigten sind zudem in der sicheren Gerüst­nutzung zu unter­weisen. Ver­ant­wortlich hier­für ist der jew­eilige Arbeit­ge­ber. Grund­lage der Mitar­bei­t­er­in­for­ma­tion ist die Gebrauch­san­leitung des Gerüster­stellers, die meist in Form von Bildze­ichen ver­fasst und vor Ort zur Ver­fü­gung gestellt wird. Durch die Gebrauch­san­leitung wird die bes­tim­mungs­gemäße Ver­wen­dung in ein­er ver­ständlichen Weise beschrieben.

Standsicherheit von Gerüsten

Gerüste benöti­gen einen sicheren Stand. Hier­für wer­den sie am Bauw­erk ver­ankert. Zusät­zlich ist ein tragfähiger Unter­grund notwendig. Die Fußspin­deln von Gerüsten sind mit Lastverteil­ern wie zum Beispiel sta­bilen Holzbohlen zu unter­bauen. Das gilt neben natür­lichen, das heißt nicht verdichteten Böden, genau­so für asphaltierte und gepflasterte Flächen. Ver­ankerung und Unter­bau sind gründlich zu inspizieren. Art und Anzahl der erforder­lichen Ver­ankerun­gen ergeben sich aus dem Mon­tage­plan der Gerüstbaufirma.

Der Gerüst­nutzer kann die Ver­ankerung nur bed­ingt beurteilen. Trotz­dem ist ein­fach erkennbar, ob Gerüs­tanker vorhan­den und über alle Gerüst­la­gen gle­ich­mäßig verteilt sind. Als Ver­ankerungs­grund eignen sich beson­ders Stahlbe­ton und Mauer­w­erk. Um Abplatzun­gen zu ver­mei­den, sollte ein Rand­ab­stand von etwa zwanzig Zen­time­tern einge­hal­ten wer­den. Keine sicheren Befes­ti­gungsmöglichkeit­en sind Schneefang­git­ter, Blitz­ableit­er oder Fall­rohre. Zur Ver­ankerung sind Ringösen­schrauben geeignet, nicht jedoch Rödel­draht und Zur­rgurte. Gerüste mit Pla­nen oder Net­zen besitzen eine größere Win­dan­griffs­fläche, was bei der Ver­ankerung berück­sichtigt wer­den muss. Zusät­zliche Las­ten und Kräfte sind zu ver­mei­den, da sie die Stand­sicher­heit des Gerüstes gefährden.

Arbeits- und Betriebssicherheit

Der Gerüstzu­gang erfol­gt über sichere Auf­stiegsmöglichkeit­en. Aufzüge und Trep­pen­türme sind gegenüber Leit­ern zu bevorzu­gen. Innen­liegende Leit­ergänge sind bis zu ein­er Auf­stiegshöhe von fünf Metern zuläs­sig. Das gilt auch für Arbeit­en an Ein­fam­i­lien­häusern, sofern umfan­gre­iche Hand­trans­porte unterbleiben. Auf Anlegeleit­ern von außen sollte verzichtet wer­den. Geeignete, sichere Zugänge zu den Gerüstebe­nen sind min­destens alle fün­fzig Meter vorzuse­hen. Wer­den Leit­er­auf­stiege genutzt, ist die soge­nan­nte „Drei-Punkt-Meth­ode“ zu beacht­en: Ein Fuß und zwei Hände oder zwei Füße und eine Hand haben immer gle­ichzeit­ig Kon­takt zur Leit­er! Durch­stiegsklap­pen von Gerüst­belä­gen sind zur Ver­mei­dung von Abstürzen nach jed­er Benutzung kon­se­quent zu schließen.

Quelle: Tis­chen­dorf

Beson­deres Augen­merk ist auf den Seit­en­schutz des Gerüstes zu leg­en. Dieser muss in allen Arbeit­sebe­nen vorhan­den sein. Er ist stets dre­it­eilig auszu­bilden, beste­hend aus Bor­d­brett, Zwis­chen­holm und Gelän­der­holm. Erforder­lich ist der voll­ständi­ge Seit­en­schutz zu allen Seit­en hin, jedoch mit fol­gen­den Ausnahmen:

  • Beträgt der Abstand des Gerüst­be­lages zum Bauw­erk höch­stens 30 Zen­time­ter, kann innen­liegend auf den Seit­en­schutz verzichtet werden.
  • Ein Bor­d­brett ist nicht erforder­lich bei innen­liegen­den Leit­ergän­gen, wenn sie nur als ver­tikaler Verkehr­sweg genutzt werden.

Holz- und Alu­mini­um­bohlen von Gerüsten dür­fen nicht wip­pen, auswe­ichen oder abheben, etwa bei starkem Wind. Oft ist der Belag in den Eck­bere­ichen nicht voll­flächig aus­ge­führt, wodurch ein erhe­blich­es Absturzrisiko beste­ht. Wer­den Baustoffe oder Ähn­lich­es auf dem Gerüst­be­lag abgelegt oder gelagert, muss ein Verkehr­sweg für Per­so­n­en von min­destens zwanzig Zen­time­tern erhal­ten bleiben.

Fachkundig erstellen, sicher nutzen

Arbeits- und Schutzgerüste sind auf vie­len Baustellen unverzicht­bar. Die Sicher­heit von Gerüsten wird gewährleis­tet durch den fachkundi­gen Auf­bau (Gerüster­steller) und die bes­tim­mungs­gemäße Ver­wen­dung durch den Gerüst­nutzer. Wenn sich möglichst viele Beschäftigte aktiv am Erhalt der Betrieb­ssicher­heit beteili­gen, lassen sich Arbeit­sun­fälle erfol­gre­ich ver­hin­dern. Eigen­ständi­ge Verän­derun­gen vorzunehmen, ist gefährlich – das sollte jed­er Beschäftigte wis­sen. Nicht zulet­zt deshalb sind regelmäßige Sicherun­ter­weisun­gen sin­nvoll und geset­zlich vorgeschrieben.


Foto: Dägling

Autor: Markus Tischendorf
Beruf­sgenossen­schaft Energie Tex­til Elek­tro Medi­enerzeug­nisse (BG ETEM)


Literatur

  • Betrieb­ssicher­heitsverord­nung (Betr­SichV)
  • TRBS 2121 Teil 1: Gefährdung von Beschäftigten durch Absturz bei der Ver­wen­dung von Gerüsten
  • TRBS 2121 Teil 2: Gefährdung von Beschäftigten bei der Ver­wen­dung von Leitern
  • DGUV-Pub­lika­tion „Sta­tis­tik – Arbeit­sun­fallgeschehen 2020“, https://publikationen.dguv.de
  • DIN EN 12811–1: Tem­poräre Kon­struk­tio­nen für Bauw­erke, Arbeits­gerüste: Leis­tungsan­forderun­gen, Entwurf, Kon­struk­tion und Bemessung
  • Fachregeln für den Gerüst­bau (FRG‑1), Bun­desin­nung Gerüst­bau, Köln 2019, erhältlich unter www.geruestbauhandwerk.de/fachliteratur
  • Baustein-Merkheft 408 „Gerüst­bau“ (07/2021) der BG BAU, zu find­en unter www.bgbau.de/medien-center
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