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Hirndoping am Arbeitsplatz

Kein Managerproblem
Hirn­do­ping am Arbeits­platz

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Der Inter­na­tio­nale Anti-Drogen-Tag, jähr­lich began­gen am 26. Juni, steht für die breite Bekämp­fung von Drogen­miss­brauch und Drogen­han­del. Weni­ger bekannt ist die Verwen­dung von Drogen im Kontext der Arbeit. Zur Aufklä­rung und Sensi­bi­li­sie­rung für das Thema „Hirn­do­ping“ können auch Sicher­heits­be­auf­tragte einen Beitrag leis­ten.

Der Konsum von Drogen bei der Arbeit wird „Hirn­do­ping“ bezie­hungs­weise Neuro­en­han­ce­ment genannt. In dieser Hinsicht gilt es insbe­son­dere leis­tungs­be­reite und stark belas­tete Menschen, die für die Einnahme psycho­ak­ti­ver Substan­zen aufge­schlos­sen sind, aufzu­klä­ren und zu sensi­bi­li­sie­ren. Dabei können Sicher­heits­be­auf­tragte in ihren Unter­neh­men früh­zei­tig unter­stüt­zen.

Leis­tungs­fä­hig­keit stei­gern

Allge­mein versu­chen Beschäf­tigte, ihre geis­tige und soziale Leis­tungs­fä­hig­keit den äuße­ren Anfor­de­run­gen ihrer Arbeits­tä­tig­keit anzu­pas­sen. Ziel ist es, beruf­li­che Stress­si­tua­tio­nen besser bewäl­ti­gen zu können. Die Einnahme leis­tungs­stei­gern­der Substan­zen (Neuro­en­han­cer) wird von vielen Beschäf­tig­ten dafür als ange­mes­se­nes Mittel betrach­tet. Die gewünschte Wirkung von Neuro­en­han­cern auf Gesunde wird dabei stark über­schätzt, während die uner­wünsch­ten Neben­wir­kun­gen oft unter­schätzt werden.

Zuneh­mende Verbrei­tung

Der Gesund­heits­re­port der Deut­schen Ange­stell­ten­kran­ken­kasse (DAK) von 2015 berich­tet, dass in Deutsch­land etwa sieben Prozent der Beschäf­tig­ten schon mindes­tens einmal im Leben Medi­ka­mente ohne medi­zi­ni­schen Grund zur Verbes­se­rung der Leis­tungs­fä­hig­keit einge­nom­men haben. Ein wesent­li­cher Grund dafür, dass Erwerbs­tä­tige noch nicht häufi­ger zu leis­tungs­stei­gern­den Substan­zen grei­fen, ist die Furcht vor Neben­wir­kun­gen. Wenn es in Zukunft gelingt, leis­tungs­ver­bes­sernde Medi­ka­mente mit weni­ger Neben­wir­kun­gen und größe­rer Wirkung bei Gesun­den zu entwi­ckeln, könnte die Akzep­tanz in der Arbeits­welt und damit der Konsum von Neuro­en­han­cern weiter zuneh­men. Die Bekannt­heit von leis­tungs­stei­gern­den Substan­zen bei Erwerbs­tä­ti­gen hat dabei bereits stark zuge­nom­men (von 45 auf 69 Prozent im Vergleich vom DAK Gesund­heits­re­port 2009 zu 2015). Als Bezugs­quelle werden am häufigs­ten ein Rezept vom Arzt ange­ge­ben, aber auch Kolle­gen, Freunde und das Inter­net.

Welche Risi­ko­grup­pen gibt es?

Hirn­do­ping“ am Arbeits­platz ist kein Manag­er­pro­blem. Es sind davon eher Menschen mit einfa­chen, mono­to­nen Tätig­kei­ten, die geringe Anfor­de­run­gen an die Quali­fi­ka­tion stel­len, betrof­fen. Andere Studien beschrei­ben insbe­son­dere Studen­ten als Risi­ko­gruppe (20 Prozent, gefragt nach der Einnahme in den letz­ten 12 Mona­ten). Männer versu­chen eher ihr Leis­tungs­po­ten­zial zu opti­mie­ren und Frauen versu­chen ihre Stim­mung zu verbes­sern. Jüngere grei­fen eher zu Neuro­en­han­cern als Ältere.

Risi­ko­fak­to­ren in der Arbeit

Arbeits­be­las­tun­gen sind neben indi­vi­du­el­ler Anfäl­lig­keit und der priva­ten Situa­tion mögli­che Quel­len für die Moti­va­tion, Medi­ka­mente ohne medi­zi­ni­sche Notwen­dig­keit bezie­hungs­weise ille­gale Substan­zen zur Leis­tungs­stei­ge­rung einzu­neh­men. Wissen­schaft­li­che Studien bele­gen, dass Arbeits­be­din­gun­gen mit engen Vorga­ben und wenig Hand­lungs­spiel­raum „Hirn­do­ping“ am Arbeits­platz begüns­ti­gen können.

Zudem werden unsi­chere Arbeits­plätze, Schicht­ar­beit und Zeit­druck mit der Einnahme von Neuro­en­han­cern in Verbin­dung gebracht. Das Risiko, Neuro­en­han­cer einzu­neh­men, steigt mit der wöchent­li­chen Arbeits­zeit. Leis­tungs­wett­be­werb in Unter­neh­men und ein damit verbun­de­nes Konkur­renz­den­ken zwischen Kolle­gen kann eben­falls Neuro­en­han­ce­ment fördern.

Betrieb­li­che Präven­tion

Ein grund­le­gen­der Ansatz für die Präven­tion im Unter­neh­men ist die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung und hier insbe­son­dere die Beur­tei­lung der psychi­schen Belas­tun­gen. Diese betrach­tet unter ande­rem genau die Belas­tungs­fak­to­ren, die die Einnahme von Neuro­en­han­cern fördern. Trotz derzeit gerin­ger Verbrei­tung in Deutsch­land ist es wich­tig, insbe­son­dere Risi­ko­grup­pen mit hoher Bean­spru­chung und hoher Leis­tungs­be­reit­schaft über die gerin­gen Wirkun­gen von Neuro­en­han­cern auf Gesunde und über die Neben­wir­kun­gen und Folgen insbe­son­dere bei Lang­zeit­ein­nahme aufzu­klä­ren.

Stabi­li­sa­to­ren und Risi­ken

Arbeits­auf­ga­ben und Hand­lungs­spiel­räume, die Mitar­bei­ter fordern, aber nicht über­for­dern, eine gute Arbeits­zeit­ge­stal­tung, ausrei­chend Erho­lung, Rück­mel­dung zur Arbeit und die Unter­stüt­zung durch Kolle­gen und Vorge­setzte wirken Neuro­en­han­ce­ment entge­gen. Hohes Enga­ge­ment, fehlende Quali­fi­ka­tio­nen, die Neigung zu Perfek­tio­nis­mus und hohe Belas­tun­gen in der Fami­lie können auf indi­vi­du­el­ler Ebene zu hoher Bean­spru­chung führen.

Hier sollte durch die Sicher­heits­be­auf­trag­ten als Kolle­gen und die Führungs­kraft im Rahmen der Fürsor­ge­pflicht früh­zei­tig das Gespräch gesucht und mögli­che Lösungs­an­sätze bespro­chen werden.

Ansatz für Sicher­heits­be­auf­tragte

Der Praxis-Check der DGUV Infor­ma­tion 211–042 empfiehlt Sicher­heits­be­auf­trag­ten zum Thema Sucht (Alko­hol, Drogen, Medi­ka­mente): „Sicher­heits­be­auf­tragte infor­mie­ren sich am besten zu konkre­ten Betriebs­ver­ein­ba­run­gen zum Thema Umgang mit Substanz­miss­brauch im eige­nen Unter­neh­men und zu den Rege­lun­gen, die für die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung fest­ge­legt wurden. Sicher­heits­be­auf­tragte kennen aufgrund ihrer Tätig­keit vor Ort die Beschäf­tig­ten und können Verän­de­run­gen bei Kolle­gen oft früh­zei­tig wahr­neh­men und unter­stüt­zen.“

Lite­ra­tur­hin­weise:

  • DAK Gesund­heits­re­port 2009 und 2015
  • DGUV Infor­ma­tion 211–042
  • Dietz, Pavel. et al. (2013). Rando­mi­zed Response Esti­ma­tes für the 12-Month preva­lence of Cognitive-Enhancing Drug Use in Univer­sity Students. Psycho­phar­ma­co­the­rapy. 44–50.
  • Robert Koch-Institut (2011). Studie zum Konsum leis­tungs­be­ein­flus­sen­der Mittel in Alltag und Frei­zeit (KOLIBRI). Berlin.
  • Sauter, A. & Gerlin­ger, K. (2012). Der phar­ma­ko­lo­gisch verbes­serte Mensch. Leis­tungs­stei­gernde Mittel als gesell­schaft­li­che Heraus­for­de­rung. Berlin: Büro für Tech­nik­fol­gen­ab­schät­zung beim Deut­schen Bundes­tag.

Foto: IAG Floß

Autorin: Prof. Dr. Frauke Jahn

Leite­rin Abtei­lung Forschung und Bera­tung Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung


Weiter­füh­rende Infor­ma­tio­nen

Der Text basiert auf einer Lite­ra­tur­re­cher­che der Initia­tive Gesund­heit und Arbeit (iga), die in einer kurzen Broschüre darge­stellt ist (Marlen Cosmar und Frauke Jahn, 2016). Die Broschüre kann bestellt oder herun­ter­ge­la­den werden unter www.iga-info.de


Was genau ist „Hirn­do­ping“?

Unter Neuro­en­han­ce­ment bezie­hungs­weise „Hirn­do­ping“ wird allge­mein die Einnahme von verschrei­bungs­pflich­ti­gen oder ille­ga­len Substan­zen (Neuro­en­han­cern) zur geis­ti­gen Leis­tungs­stei­ge­rung verstan­den.

Folgende Grup­pen von Substan­zen werden als Neuro­en­han­cer genutzt:

  • Psycho­sti­mu­lan­zien
  • Anti­de­men­tiva
  • Anti­de­pres­siva
  • Beta­blo­cker

Sie werden einge­nom­men zur:

  • Verbes­se­rung der geis­ti­gen Leis­tungs­fä­hig­keit (zum Beispiel Aufmerk­sam­keit, Konzen­tra­tion, Wach­heit)
  • zur Stim­mungs­auf­hel­lung (Befin­den, Moti­va­tion)
  • zur Reduk­tion von Ängs­ten (zum Beispiel Nervo­si­tät, Lampen­fie­ber)

Mögli­che Auswir­kun­gen des Konsums:

  • Neben­wir­kun­gen und gesund­heit­li­che Risi­ken
  • teil­weise lebens­be­droh­lich
  • hohes (psychi­sches) Abhän­gig­keits­po­ten­zial
  • erhöh­tes Unfall­ri­siko
  • Persön­lich­keits­än­de­run­gen, Leis­tungs­ein­bu­ßen
  • soziale und finan­zi­elle Probleme bis hin zu Konflik­ten mit dem Gesetz
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