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Die Bedeutung der Kommunikation für die Sicherheit im Operationssaal

Die Bedeutung der Kommunikation für die Sicherheit im Operationssaal
Roger – and over?

Kommunikation im Operationssaal
Nicht nur die Technik, auch eine funktionierende Kommunikation zwischen den Akteuren ist für das Gelingen einer Operation wichtig. Foto: © New Africa – stock.adobe.com
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In Zeit­en von Covid-19 ste­hen Gesund­heitssys­teme weltweit vor enor­men Her­aus­forderun­gen. Wie kann pro­fes­sionelle und ganzheitliche medi­zinis­che Ver­sorgung und Behand­lung für die Bevölkerung gewährleis­tet wer­den? Wie kann für die opti­male Sicher­heit für Pati­entin­nen und Patien­ten gesorgt wer­den? Der fol­gende Beitrag beschäftigt sich mit der sicher­heit­srel­e­van­ten Bedeu­tung von gelin­gen­der Kom­mu­nika­tion im Operationssaal.

Bei der Ver­sorgung ins­beson­dere schw­er erkrank­ter Pati­entin­nen und Patien­ten wer­den über­wiegend die Kapaz­itäten der Kranken­häuser und die Ver­füg­barkeit mod­ern­er tech­nis­ch­er Geräte disku­tiert. Unter­schätzt wird aber im All­ge­meinen, welche große Rolle eine pro­fes­sionelle Kom­mu­nika­tion inner­halb des Ärzte- und Pflegeteams für die sichere und erfol­gre­iche leben­sret­tende Behand­lung und Gene­sung von Kranken spielt, ins­beson­dere in den Oper­a­tions­abteilun­gen von Krankenhäusern.

Unter­suchun­gen zeigen, dass uner­wün­schte Ereignisse (Fehldiag­nosen, Kom­p­lika­tio­nen bei Oper­a­tio­nen, Schä­den bei Oper­a­tio­nen, auch mit Todes­folge) bei hochkom­plex­en Ein­grif­f­en wie in der Herz- oder Neu­rochirurgie bei zwölf Prozent liegen, 54 Prozent dieser Ereignisse wer­den als ver­mei­d­bar ange­se­hen.1

Nach wie vor – betra­chtet man Dat­en aus Zwis­chen­fal­l­analy­sen der Luft­fahrt als Beispiel – kön­nten möglicher­weise nahezu 80 Prozent aller sicher­heit­skri­tis­chen Fehler durch eine klare Kom­mu­nika­tion in ein­er guten Tea­mat­mo­sphäre auch in Kranken­häusern ver­hin­dert werden.

Die Kom­mu­nika­tion im Team spielt also eine, wenn nicht die entschei­dende Rolle. Sie ist ein wesentlich­er Fak­tor für den Ver­lauf von Schadens­fällen, die neben den per­sön­lichen Fol­gen für alle Beteiligten auch schwere haf­tungsrechtliche Kon­se­quen­zen nach sich ziehen kön­nen. Was kann dies konkret für die Arbeit im Oper­a­tionssaal bedeuten? Welche Aspek­te müssen beachtet wer­den, um ein Max­i­mum an Sicher­heit für die Pati­entin­nen und Patien­ten zu gewährleisten?

Wir wird im Operationssaal kommuniziert?

Zunächst müssen die beson­deren Umstände der Kom­mu­nika­tion im Oper­a­tionssaal in den Blick genom­men wer­den. Diese spielt sich über­wiegend in ein­er sehr kom­plex­en Umge­bung ab, in der unter­schiedlich spezial­isierte ärztliche Beruf­s­grup­pen (Internisten, Anäs­the­sisten, Chirur­gen) Pati­entin­nen und Patien­ten gemein­sam behan­deln, dies zunehmend mit Hil­fe hochtech­nisiert­er Appa­ratemedi­zin. Nicht sel­ten han­delt es sich bei den Betrof­fe­nen um teils sehr schw­er oder auch lebens­bedrohlich Erkrank­te, was die emo­tionale Sit­u­a­tion der Oper­a­teure und deren Teams maßge­blich beeinflusst.

Zudem tre­f­fen im Oper­a­tionssaal Men­schen unter­schiedlichen Alters, Sozial­i­sa­tion und Kul­tur zusam­men: Beispiel­sweise operieren auszu­bildende junge Ärztin­nen und Ärzte, teils aus anderen Län­dern stam­mend, mit älteren und erfahreneren Kol­legin­nen und Kol­le­gen zusam­men, deren Ansprüche an Kom­mu­nika­tion manch­mal unter­schiedlich­er nicht sein können.

Sprach­prob­leme dürften zusät­zlich­er Zünd­stoff und Anlass für Missver­ständ­nisse sein. Hoher Zeit­druck und Leis­tungsverdich­tung, bed­ingt durch den erhe­blichen ökonomis­chen Druck kostengün­stiger Oper­a­tio­nen und des Zeit­plans, den jede Oper­a­tions­abteilung auf­stellt, sor­gen für zusät­zliche Her­aus­forderun­gen an eine gemein­same Abstim­mung über den Ver­lauf ein­er Oper­a­tion. Der indi­vidu­elle Druck auf den Oper­a­teur oder die Oper­a­teurin, der oder die seine beziehungsweise ihre fach­liche Qual­ität bei jed­er Oper­a­tion immer wieder sicht­bar unter Beweis stellen kann und muss, und demzu­folge auch auf das Team, ist häu­fig sehr groß.

Funktionen der Kommunikation im Operationssaal

Welche wichti­gen Funk­tio­nen kann und sollte nun die Kom­mu­nika­tion im Oper­a­tionssaal erfüllen? Vor allem für den pro­fes­sionellen Ablauf von Oper­a­tio­nen und die Sicher­heit der Pati­entin­nen und Patien­ten sind fol­gende Aspek­te von zen­traler Bedeutung:

  • Koor­di­na­tion von Arbeitsvorgän­gen und ‑schrit­ten, falls nicht auf Rou­ti­nen zurück­ge­grif­f­en wer­den kann (Not­fall­man­age­ment),
  • Per­ma­nen­ter und rou­tiniert­er Infor­ma­tion­saus­tausch vor, während, aber auch nach der Oper­a­tion, um die Kon­se­quen­zen von Oper­a­tions­fehlern zu vermeiden,
  • und die oft ver­nach­läs­sigte Bedeu­tung der guten Arbeits- und Tea­mat­mo­sphäre, die jen­seits des konkreten Bezugs auf Oper­a­tio­nen unter anderem auch der Kon­flik­tver­mei­dung und ‑bewäl­ti­gung dient.

Vor welchen Schwierigkeit­en ste­ht die Kom­mu­nika­tion im Oper­a­tionssaal häu­fig und welche Kon­se­quen­zen kann dies haben? Zu nen­nen sind hier zunächst Aspek­te, die zusam­menge­fasst unter Beziehung­sprob­le­men zu beschreiben sind:

  • Vorurteile und ver­fes­tigte Denkmuster und Kon­for­mitäten der zusam­me­nar­bei­t­en­den Grup­pen, die auch häu­fig unter­schiedliche Kom­mu­nika­tion­sstile und ‑muster pfle­gen, sind ein ide­al­er Nährbo­den für Vorurteile, Neid und Konkurrenzdenken.
  • Durch Zeit­druck und falsches Autoritäts­denken wer­den im Vor­feld von Oper­a­tio­nen wichtige Aus­sagen zur möglichen Diag­nose nicht geäußert (kri­tis­che Fra­gen wer­den als Kri­tik am Oper­a­teur gese­hen; dass es um Ver­mei­dung von Schädi­gun­gen des Patien­ten geht, wird übersehen).
  • Während der Oper­a­tion wer­den Hin­weise sowohl von Seit­en des Oper­a­teurs in Rich­tung des Teams als auch von Seit­en des Teams in Rich­tung des Oper­a­teurs überhört.
  • Ver­hal­tens­muster von Oper­a­teuren beziehungsweise Oper­a­teurin­nen, die sehr stark auf „Per­for­mance“ angelegt sind, und die ver­hin­dern, dass über die eige­nen Ver­hal­tensweisen bezüglich Kom­mu­nika­tion nachgedacht wird.

Jen­seits der Beziehung­sprob­leme im Team haben zudem die Umstände ein­er Oper­a­tion häu­fig mas­siv­en Ein­fluss auf die Kom­mu­nika­tion im Operationssaal:

  • Uner­wartet schwierige Oper­a­tio­nen, die durch kle­in­ste Kom­mu­nika­tions­fehler oder andere Unaufmerk­samkeit­en zu schw­er­wiegen­den Kon­se­quen­zen führen können
  • Regelmäßige, aber nicht plan­bare Not­fal­lop­er­a­tio­nen, die das beste Zeit­man­age­ment und die besten Vorsätze zur Kom­mu­nika­tion tor­pedieren können
  • Per­son­al­wech­sel, Belas­tungs­ge­füh­le, Erschöp­fung im Team
  • Fehlende Infor­ma­tio­nen und Ein­weisun­gen zu Sicher­heits­stan­dards im Oper­a­tionssaal, fehlende struk­turi­erte Präventionsmaßnahmen
  • Soziales Pres­tige der behan­del­nden Oper­a­teurin­nen und Oper­a­teure (Ist sie oder er zu langsam? Hat sie oder er es wieder toll „hin­bekom­men“?), die medi­zinis­che Entschei­dun­gen maßge­blich bee­in­flussen können

Die Kommunikation verbessern

Welche Möglichkeit­en haben die Akteure im Oper­a­tionssaal, um die Kom­mu­nika­tion im Team zu verbessern und dadurch für eine größt­mögliche Sicher­heit für die Pati­entin­nen und Patien­ten zu sorgen?

Grund­vo­raus­set­zung zum Gelin­gen ist eine voll­ständi­ge, klare, direk­te, fre­undliche und gle­ich­berechtigte Kom­mu­nika­tion, die durch Ver­trauen und ein angenehmes Arbeit­skli­ma unter­stützt wird. Diese Aspek­te sor­gen für eine höhere Effizienz und weniger Fehler bei den Oper­a­tio­nen. In diesem Sinn ist die Imple­men­tierung von Team­train­ings eine sehr wirk­same Meth­ode, in der kom­mu­nika­tive Fehler im Oper­a­tionssaal analysiert und Wege aufgezeigt wer­den, wie sich die Kom­mu­nika­tion verbessern lässt.

Solche Train­ings kön­nen die Rate uner­wün­schter Ereignisse (zum Beispiel Seit­en­ver­wech­slung oder intra­op­er­a­tiv vergessene Gegen­stände) auf null senken. Gle­ichzeit­ig wer­den so die Schaden­skla­gen reduziert. Vor und nach jed­er einzel­nen Oper­a­tion ist Kom­mu­nika­tion wichtig. Nachbe­sprechun­gen ermöglichen das Verbessern zukün­ftiger Oper­a­tio­nen. Dieser Aus­tausch ist auch wichtig, damit alle Beteiligten sozial emo­tion­al belas­tende Sit­u­a­tio­nen (Entschei­dun­gen über Leben und Tod) aufar­beit­en und bewältigen.

Die Ein­führung von Check­lis­ten verbessert die Kom­mu­nika­tion und reduziert in der Folge Kom­p­lika­tio­nen und Todes­fälle in den Oper­a­tionssälen. Einzige Ein­schränkung: Die ober­sten Führungskräfte müssen hin­ter diesen Maß­nah­men ste­hen und diese unter­stützen beziehungsweise vorantreiben. Wer­den die Check­lis­ten nicht kon­se­quent benutzt, kann dies sog­ar in neg­a­tiv­er Hin­sicht Ein­fluss auf die Tea­mat­mo­sphäre und damit wiederum auf die Fehlerquote der Oper­a­tio­nen haben.

Kommunikation im Operationssaal
Grafik: Deutsche Gesellschaft für Chirurgie e.V.

Bekan­nt und all­ge­mein ver­bre­it­et ist hier vor allem die „Sur­gi­cal Safe­ty Check­list“, bekan­nt auch als „WHO-Check­liste“. Beim Ein­führen dieser Check­liste ist es wichtig, dass alle Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er der bevorste­hen­den Oper­a­tion beteiligt wer­den. Ver­ant­wortlich für die Ein­hal­tung ist der Oper­a­teur. Die Anwen­dung dauert nur wenige Minuten, erfordert allerd­ings ein klares, kurzes Innehal­ten, bei dem alle Beteiligten die entsprechen­den kri­tis­chen, sicher­heit­srel­e­van­ten Punk­te „abar­beit­en“. Es ist Vor­sicht geboten: Sobald ver­sucht wird, die Liste kurz zwis­chen­durch schnell dazwis­chen­zuschieben, ist die präven­tive Wirkung ver­pufft. Fol­gende Vorteile ergeben sich aus der Checkliste:

  • Bewusste Konzen­tra­tion auf die kri­tis­chen Aspek­te der Operation
  • Sichere Iden­ti­fika­tion des Patien­ten (zum Beispiel Anäs­the­sie, Antibiose, Sich­er­stellen des Bild­ma­te­ri­als und des Instrumentariums)
  • Klären des Behand­lungsver­laufs nach der Operation.

Im näch­sten Heft lesen Sie, welche Prob­leme bei der Kom­mu­nika­tion auf Inten­sivs­ta­tio­nen beste­hen und wie diese gelöst wer­den können.

Die Check­liste kann herun­terge­laden wer­den unter www.dgch.de/index.php?id=52


1 Catch­pole K., Mishra A., Han­da A. & McCul­loch P. (2008): Team­work and error in the oper­at­ing room: analy­sis of skills and roles. Ann Surg 247: 699–706.


Autorin: Friederike Inv­ernizzi, M.A.
Redak­teurin, Kom­mu­nika­tion­strainer­in und ‑bera­terin

f.invernizzi@web.de

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