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Bedarfsgerecht optimierte Betreuung im Arbeitsschutz durch mehr Professionen

Bedarfsgerecht optimierte Betreuung
Die Nütz­lich­keit der Inte­gra­tion weite­rer Profes­sio­nen

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Foto: © magele-picture – stock.adobe.com
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Die tief­grei­fen­den Verän­de­run­gen in der Arbeits­welt erfor­dern ein multi­dis­zi­pli­nä­res Vorge­hen. Vor allem Kompe­ten­zen in der Arbeits­psy­cho­lo­gie, Arbeitswissenschaft/Ergonomie, Arbeits­hy­giene und Gesund­heits­wis­sen­schaft sind neben Sicher­heits­tech­nik und Arbeits­me­di­zin erfor­der­lich. Sie tragen dazu bei, sowohl persön­li­ches Verhal­ten, die Arbeit und ihre Umge­bung, als auch syste­mi­sche Prozesse in Unter­neh­men zu opti­mie­ren. Mit gemein­sa­men inter­dis­zi­pli­nä­ren Bestre­bun­gen kann die Arbeits­welt besser und bedarfs­ge­rech­ter geschützt werden.

Das Arbeits­si­cher­heits­ge­setz (ASiG) wurde Anfang der 1970er Jahre für eine fach­li­che Unter­stüt­zung der Unter­neh­men im Arbeits­schutz geschaf­fen. Die gemäß ASiG zu bestel­len­den Fach­dis­zi­pli­nen haben zusam­men­ge­fasst die Aufgabe, den Arbeit­ge­ber bei der Sicher­stel­lung von Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit einschließ­lich deren menschen­ge­rech­ter Gestal­tung zu unter­stüt­zen. Die konkre­ten Inhalte und die Erfor­der­lich­keit der Unter­stüt­zung erge­ben sich aus dem Bedarf und den Bedürf­nis­sen des Betrie­bes und der zu bera­ten­den Person, dem Arbeit­ge­ber. Die DGUV Vorschrift 2 führt diesen bedarfs­ori­en­tier­ten Ansatz aus und legt die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung – inklu­sive psychi­scher Fehl­be­las­tun­gen und Bean­spru­chun­gen – zugrunde.

Histo­risch betrach­tet, waren Betriebs­ärzte einer­seits und Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit mit tech­nik­ori­en­tier­ten Eingangs­vor­aus­set­zun­gen (Inge­nieure, Tech­ni­ker, Meis­ter oder äqui­va­lente Quali­fi­ka­tio­nen) ande­rer­seits als beson­ders geeig­net benannt. Viele tech­nisch bedingte Unfälle und tech­ni­sche Lösun­gen sowie das oftmals erst anhand von Krank­hei­ten, Unfall­fol­gen und Sympto­ma­ti­ken erkannte Gefähr­dungs­ge­sche­hen zeigen auf, warum dies eine sinn­volle Entschei­dung war. Beide Profes­sio­nen warfen einen Blick aus verschie­de­nen Diszi­pli­nen auf dasselbe Gesche­hen und die Medi­zi­ner ergänz­ten durch Vorsor­ge­un­ter­su­chun­gen. Weitere Profes­sio­nen wurden durch die Geset­zes­for­mu­lie­rung jedoch weit­ge­hend ausge­schlos­sen.

Status Quo und Hand­lungs­be­darf

Nach­dem über viele Jahre die Unfall­zah­len und Krank­hei­ten auch durch die erfolg­rei­che Bera­tung dieser und ande­rer Akteure im inner­be­trieb­li­chen Tätig­keits­be­reich sanken, treten jetzt jedoch Verschie­bun­gen in den Gefähr­dungs­pro­fi­len auf. Mobi­li­täts­un­fälle sind für mehr als die Hälfte der tödli­chen Unfälle und in Form von Fußmo­bi­li­tät im Betrieb auch für fast 50 Prozent der melde­pflich­ti­gen Unfälle verant­wort­lich. Tech­ni­sche Ursa­chen sind nur für circa zwei Prozent der Arbeits­un­fälle verant­wort­lich und eine nach­träg­li­che Fest­stel­lung in Vorsorge- oder Behand­lungs­un­ter­su­chun­gen ist keinen ausrei­chen­der Präven­ti­ons­nut­zen.

Glei­ches gilt für den Anstieg der Fehl­zei­ten durch psychi­sche Fehl­be­las­tun­gen. Stress (psycho­men­tale Fehl­be­an­spru­chung), Ablen­kung und die Inter­ak­tio­nen aus Arbeit-Freizeit-Familie-Person gekop­pelt mit orga­ni­sa­tio­na­len Varia­blen decken die meis­ten Ursa­chen ab. Diese Themen sind Kern­kom­pe­ten­zen von Arbeits­psy­cho­lo­gen. Das Gesund­heits­ge­sche­hen hängt stark von Arbeits­zeit­ge­stal­tung und ‑verdich­tung ab, was die Arbeits­wis­sen­schaf­ten inten­siv bear­bei­ten. Schließ­lich sind Aller­gien, Reak­tio­nen auf Schad­stoffe, Mikro­stoffe, Umwelt­ver­schmut­zung usw. sehr viel weiter in den Vorder­grund gerückt als in den 70er Jahren. Hier sind die Kern­kom­pe­ten­zen der Arbeits­hy­gie­ni­ker unab­ding­bar.

Im moder­nen Arbeits­schutz sind viel­fach kommu­ni­ka­tive und moti­va­tio­nale Kompe­ten­zen gegen­über Führungs­kräf­ten und Mitar­bei­ten­den wich­tig und wirk­sam. Dies sind Kern­kom­pe­ten­zen von Pädago­gen und Arbeits­psy­cho­lo­gen. Selbst­re­dend ist jedoch eine 8‑stündige Weiter­bil­dung eines Betriebs­me­di­zi­ners nicht einem 5 bis 7 jähri­gen Studium eines Fach­psy­cho­lo­gen für Sicher­heit und Gesund­heit annä­hernd quali­ta­tiv gleich­wer­tig (umge­kehrt gilt dies genauso). Jedoch fördern inter­dis­zi­pli­näre Weiter­bil­dungs­an­teile das notwen­dige wech­sel­sei­tige Verständ­nis im Arbeits­schutz. Ein bedarfs­ge­rech­ter Arbeits­schutz kann also derzeit nicht so wirk­sam sein, wie wenn die exzel­lent ausge­bil­de­ten weite­ren Profes­sio­nen ihre Exper­tise ergän­zen.

Menschen­ge­rechte, gute Arbeit

Daten aus einer Längs­schnitt­stu­die, an der über circa 10 Jahre mehr als 2000 Sicher­heits­fach­kräfte und mehr als 500 Betriebs­ärzte, Betriebs­räte und Führungs­kräfte teil­nah­men, zeigen auf (Trim­pop et al., 2012), dass insbe­son­dere das Thema psychi­sche Belas­tung von den im ASiG benann­ten Profes­sio­nen nicht mit der erfor­der­li­chen Inten­si­tät und Wirk­sam­keit bear­bei­tet wird. Die menschen­ge­rechte Gestal­tung der Arbeit als wich­ti­ges Wirk­sam­keits­feld weist in der Studie die geringste Berück­sich­ti­gung auf. Die Wirk­sam­keit wird beson­ders gering hinsicht­lich älte­rer Beschäf­tig­ter und der Verein­bar­keit von Fami­lie und Beruf einge­schätzt. Der bishe­rige Weg, solcher­art umfas­sende neue Themen- und Wissens­ge­biete einfach den beiden bisher im ASiG benann­ten Profes­sio­nen „dazu­zu­schrei­ben“, obgleich es dafür fach­lich spezia­li­sierte Profes­sio­nen gibt, ist geschei­tert. Die Akteure selbst schät­zen ihre Kompe­ten­zen deut­lich unter mittel­mä­ßig ein – und es zeigt sich über die fast zehn­jäh­rige Lauf­zeit der Studie, dass der Erfah­rungs­ge­winn in den Betrie­ben in dieser Zeit dazu annä­hernd Null war. Die zu erwar­ten­den weite­ren Verän­de­run­gen mit verstärkter/voranschreitender/sich stetig weiter­ent­wi­ckeln­der Digi­ta­li­sie­rung sind dabei noch nicht einmal berück­sich­tigt.

Hatte die Konzen­tra­tion auf Sicher­heits­tech­nik und Arbeits­me­di­zin seit Beginn der Indus­tria­li­sie­rung bis vor rund 40 Jahren noch eine hohe Plau­si­bi­li­tät, so gilt dies nicht mehr im grund­le­gen­den Wandel der Arbeit seit Inkraft­tre­ten des ASiG und in der sich abzeich­nen­den Zukunft in einer dienstleistungs- und digital-global-orientierten Gesell­schaft.

Fach­kräf­te­man­gel

Hinzu kommt eine kriti­sche demo­gra­phi­sche Entwick­lung bei den Betriebs­ärz­ten: Gemäß einer Studie der BAuA (BAuA, 2014), die auf Zahlen der Bundes­ärz­te­kam­mer basiert, waren 2011 bereits 56 Prozent der Betriebs­ärzte über 60 Jahre alt. Die Alters­gruppe der Betriebs­ärzte unter 40 Jahre war mit 2 Prozent hinge­gen sehr gering vertre­ten. Zur flächen­de­cken­den Versor­gung insbe­son­dere der Beschäf­tig­ten in Klein- und Mittel­be­trie­ben fehl­ten bereits 2011 mehr als 4,7 Mio. betriebs­ärzt­li­che Einsatz­stun­den zur voll­stän­di­gen Erfül­lung der Anfor­de­run­gen der DGUV Vorschrift 2. Eine flächen­de­ckende arbeits­me­di­zi­ni­sche Betreu­ung der Betriebe sowie die damit verbun­dene mögli­che Bera­tung zu psychi­schen Belas­tun­gen am Arbeits­platz, die oftmals als Aufgabe neu dazu­kom­men, sind somit aktu­ell nicht gege­ben. Weiter­bil­dungs­be­stre­bun­gen und Verkür­zun­gen der Ausbil­dungs­zeit sowie verstärkte Werbung für die Arbeits­me­di­zin der betriebs­me­di­zi­ni­schen Verbände sind lobens- und unter­stüt­zens­wert – werden aber weder die fehlende Kompe­tenz in den ande­ren Profes­sio­nen ausglei­chen, noch inner­halb der nächs­ten zehn Jahre wirk­sam werden können.

Im Gegen­satz dazu erwei­tert die Gruppe der Sicher­heits­fach­kräfte bereits heute ihr beruf­li­ches Spek­trum enorm. Hier ist Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät deut­lich besser gege­ben, wird aber eben­falls noch von einer anti­quier­ten Gesetz­ge­bung behin­dert. So vertre­ten einige Akteure in den Ländern immer noch die Auffas­sung, dass zum Beispiel ein promo­vier­ter Chemi­ker nicht auto­ma­tisch zur Sifa-Ausbildung zuge­las­sen wird, ein tech­ni­scher Fach­ar­bei­ter jedoch schon. Glei­ches gilt für Physi­ker, Arbeits­wis­sen­schaft­ler, Arbeits­psy­cho­lo­gen usw., die alle ein 5–7 jähri­ges Studium aufwei­sen, was ihnen mindes­tens dieselbe Bera­tungs­kom­pe­tenz ermög­licht, wie einem Inge­nieur, Tech­ni­ker oder Meis­ter. Es gibt keiner­lei nach­voll­zieh­ba­ren sach­li­chen Grund, diese Geset­zes­lage nicht schnells­tens zu ändern und alle geeig­ne­ten Akteure zur Sifa-Ausbildung und Tätig­keit zuzu­las­sen.

Betrieb­li­cher Unter­stüt­zungs­be­darf und Bera­tungs­kom­pe­ten­zen

Der betrieb­li­che Unter­stüt­zungs­be­darf hat sich mit der Arbeits­welt maßgeb­lich gewan­delt und tut dies weiter:

  • Der tech­ni­sche Wandel, vor allem die Digi­ta­li­sie­rung, verän­dert das Belas­tungs­pro­fil mit einem wach­sen­den Anteil unspe­zi­fi­scher, psychi­scher Belas­tun­gen und Fehl­be­an­spru­chun­gen.
  • Die Zusam­men­set­zung und Struk­tur des Arbeits­kräf­te­kör­pers verän­dern sich im Zuge des demo­gra­phi­schen Wandels durch Alte­rung, Femi­ni­sie­rung, Migra­tion und insge­samt einer zuneh­men­den Diver­si­tät – mit tief­grei­fen­den Folgen für die Belas­tungs­si­tua­tion, Arbeits­pla­nung und Präven­tion. Damit werden unter ande­rem Forde­run­gen nach Verein­bar­keit von Beruf und Fami­lie sowie Inklu­sion an die Betriebe heran­ge­tra­gen.
  • In vielen Beru­fen gehö­ren emotio­nale Belas­tun­gen durch Gewalt und Beläs­ti­gung, stän­di­ges Konflikt­ma­nage­ment oder Rollen­kon­flikte im Kunden­kon­takt sowie wach­sende Ansprü­che und Aufga­ben aus der Gesell­schaft zum grund­stän­di­gen Arbeits­all­tag.
  • Der Faktor „Mensch“ tritt, in Wech­sel­wir­kung mit Tech­nik und Orga­ni­sa­tion, immer mehr in den Vorder­grund des Arbeits- und Gesund­heits­schut­zes mit Themen wie Stress, Gesund­heits­mo­ti­va­tion, Eigen­ver­ant­wor­tung, gesunde Führung, Sicherheits- und Gesund­heits­ma­nage­ment­sys­teme, Präven­ti­ons­kul­tur. Immer mehr Unter­neh­men verzeich­nen auch nega­tive wirt­schaft­li­che Folgen durch Fehl­be­an­spru­chun­gen, schlechte Kommu­ni­ka­tion, fehlen­des Gesund­heits­be­wusst­sein und fehlende Moti­va­tion zu sicherheits- und gesund­heits­be­wuss­tem Verhal­ten.
  • Im Zuge der genann­ten Entwick­lun­gen hat zudem eine auch heute noch fort­schrei­tende räum­li­che, zeit­li­che und soziale Entgren­zung der Erwerbs­ar­beit statt­ge­fun­den verbun­den mit dem Entste­hen neuer Formen abhängig-selbstständiger Arbeit wie „Crowd­work“ und ande­ren soge­nann­ter „Platt­form­ar­bei­ten“. Die Arbeits­schutz­ge­setz­ge­bung wie auch das ASiG müssen sich umfas­send auf alle Beschäf­tig­ten­grup­pen erstre­cken, aber zum Beispiel auch auf ehren­amt­li­che Kräfte sowie Schü­le­rin­nen und Schü­ler.

Daher soll­ten dort von vorne­her­ein die Profes­sio­nen einge­setzt werden, die sich auf diese Themen spezia­li­siert haben. Nach einer ledig­lich kurzen Weiter­bil­dung werden die wesent­li­chen Elemente solcher komple­xen Gefähr­dun­gen oftmals nicht erkannt. Zusam­men­ge­fasst ist heute mehr denn je ein umfas­sen­des und diffe­ren­zier­tes Kompe­tenz­pro­fil zur Unter­stüt­zung und Bera­tung der Betriebe erfor­der­lich, das nicht von Sifas und Betriebs­me­di­zi­nern allein abzu­de­cken ist. Viele Orga­ni­sa­tio­nen machen dies bereits, zum Beispiel:

  • Die fach­li­che Diffe­ren­zie­rung, unter ande­rem in Ergo­no­mie, Arbeits­psy­cho­lo­gie, Gesund­heits­för­de­rung und eben auch Sicher­heits­tech­nik und Arbeits­me­di­zin, ist in großen Betrie­ben selbst­ver­ständ­lich (einschließ­lich der funk­tio­nal gleich­be­rech­tig­ten Zusam­men­ar­beit im BGM).
  • Präven­ti­ons­ab­tei­lun­gen der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung und Arbeits­schutz­be­hör­den sind einschließ­lich ihrer Leitungs­funk­tio­nen heute multi­pro­fes­sio­nell aufge­stellt. Ein Wand­lungs­pro­zess, der in Ländern wie Däne­mark noch erheb­lich weiter voran­ge­schrit­ten ist.
  • Über­be­trieb­li­che Dienste sind inter­dis­zi­pli­när besetzt und bera­ten bedarfs­ge­recht mit den geeig­ne­ten Profes­sio­nen.

Neben Sicher­heits­tech­nik und Arbeits­me­di­zin sind vor allem Kompe­ten­zen in der Arbeits­psy­cho­lo­gie, Arbeitswissenschaft/Ergonomie, Arbeits­hy­giene und Gesund­heits­wis­sen­schaft erfor­der­lich. Damit kämen als Ergän­zung mehrere Tausend poten­ti­el­ler Kandi­da­ten hinzu, die Bedarfs­lü­cken mit spezi­fi­schen Kompe­ten­zen schlie­ßen könn­ten, ohne die bestehen­den Struk­tu­ren und Berufs­fel­der zu gefähr­den.

Quali­fi­ka­tion der Arbeits­psy­cho­lo­gin­nen und ‑psycho­lo­gen

Arbeits­psy­cho­lo­gin­nen und Arbeits­psy­cho­lo­gen erbrin­gen schon heute in brei­tem Umfang wich­tige Bera­tungs­leis­tun­gen im Sinne des moder­nen Arbeits­schut­zes und brau­chen hierzu einen recht­lich abge­si­cher­ten Hand­lungs­rah­men, wie eine Veran­ke­rung in einem über­ar­bei­te­ten ASiG sowie in der grund- und betriebs­spe­zi­fi­schen Betreu­ung gemäß DGUV-Vorschrift 2. Die Einbe­zie­hung in die Bera­tung der Grund­be­treu­ung bietet sich an, da die oben ange­spro­che­nen Themen und Problem­stel­lun­gen der moder­nen Arbeits­schutz­be­ra­tung schon Teil der Grund­be­treu­ung sind, beispiels­weise augen­schein­lich in der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen sowie in der Verhaltens- und Verhält­nis­prä­ven­tion. Genau diese Themen gehö­ren zu den Kern­ge­bie­ten der Ausbil­dung von Arbeits- und Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gen. Diese besit­zen zum Beispiel folgende Kompe­ten­zen, welche sie einbrin­gen können:

  • Gefähr­dungs­be­zo­gen: Einbe­zie­hung der psychi­schen Belas­tun­gen in die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung, Umgang mit Fehl­be­las­tun­gen, Anfor­de­rungs­ge­stal­tung, Metho­den­kennt­nisse bezüg­lich Inter­ven­tio­nen, Evalua­tio­nen für wirk­same, evidenz­ba­sierte Bera­tung.
  • Orga­ni­sa­ti­ons­be­zo­gen: Orga­ni­sa­ti­ons­for­men und ‑analy­sen sowie
    ‑entwick­lungs­me­tho­den, Unter­stüt­zung bei der Schaf­fung einer geeig­ne­ten Orga­ni­sa­tion und der Inte­gra­tion in die Führungs­tä­tig­keit.
  • Tech­nik­be­zo­gen: Gestal­tung der Mensch-Maschine-Schnittstelle unter den Aspek­ten kogni­ti­ver Gren­zen.
  • Perso­nen­be­zo­gen: Motivations- und Voli­ti­ons­kon­zepte1, unter Ande­rem für die Bera­tung von Führungs­kräf­ten und Beschäf­tig­ten zur Moti­va­tion, zu sicherheits- und gesund­heits­ge­rech­tem Verhal­ten, allge­mein verhal­tens­be­zo­gene Analyse- und Maßnah­men­kennt­nisse, die in der Unter­su­chung von Ereig­nis­sen (zum Beispiel Unfäl­len) und bei der Erar­bei­tung von Verbes­se­rungs­vor­schlä­gen notwen­dig sind.
  • Koope­ra­tion und Kommu­ni­ka­tion: Kennt­nisse und Kompe­ten­zen zum Team­ver­hal­ten (zum Beispiel Sicher­heits­zir­kel, inter­kul­tu­relle Zusam­men­ar­beit), Verbes­se­rung von Team­ar­beit, Konflikt­be­wäl­ti­gung, bis hin zur Mitge­stal­tung von Präven­ti­ons­kul­tur.
  • Quali­täts­be­zo­gen: Mit einem Weiter­bil­dungs­an­satz der Deut­schen Gesell­schaft für Psycho­lo­gie (DGPS) zum Fach­psy­cho­lo­gen Arbeit, Sicher­heit und Gesund­heit wird ein lebens­lan­ger Quali­täts­si­che­rungs­pro­zess voran­ge­trie­ben, der insbe­son­dere die praxis­be­zo­ge­nen Elemente im inter­dis­zi­pli­nä­ren Prozess der Bera­tung ergänzt.

Anpas­sung von ASiG und DGUV Vorschrift 2

Alle Beschäf­tig­ten müssen umfas­send vor den Gesund­heits­ge­fah­ren und Fehl­be­las­tun­gen bei der Arbeit geschützt werden. Daher sollte das ASiG und die DGUV Vorschrift 2 so ange­passt werden, dass mehr Profes­sio­nen Zugang haben – und nicht einem vermeint­li­chen Berufs­stand­schutz die verbes­serte Betreu­ung geop­fert wird. Dazu gehört natür­lich auch eine (berufs- und) lebens­lange Weiter­qua­li­fi­zie­rung aller Akteure, was derzeit im ASiG eben­falls nicht zwin­gend gefor­dert ist. Wohin­ge­gen die Fach­ver­bände dies für ihre Zerti­fi­zie­run­gen bereits seit Langem verlan­gen.

Fazit

  1. Das Arbeits­si­cher­heits­ge­setz berück­sich­tigt die Gefähr­dun­gen der moder­nen Arbeits­welt und Präven­ti­ons­not­wen­dig­kei­ten unzu­läng­lich und sollte ange­passt werden.
  2. Die Profes­sio­nen Betriebs­ärzte und Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit sind ange­sichts der sich ändern­den Anfor­de­run­gen teil­weise unzu­läng­lich ausge­bil­det. Und zusätz­lich herrscht ein sehr großer Mangel an Betriebs­ärz­ten.
  3. Neue Profes­sio­nen soll­ten in ihre Ausbil­dung Sicher­heit und Gesund­heit inte­grie­ren und stär­ker präven­ti­ons­ori­en­tiert aus- und weiter­bil­den.
  4. Die Aufsichts­or­gane soll­ten eine Quali­täts­si­che­rung der Akteure mit einem beson­de­ren Fokus der Kompe­tenz für KMU sicher­stel­len.
  5. Mobi­li­tät ist eines der notwen­di­gen Hand­lungs­fel­der und sollte deut­lich mehr in Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen und ganz­heit­li­chen Inter­ven­ti­ons­an­sät­zen berück­sich­tigt werden.

Nur mit gemein­sa­men und inter­dis­zi­pli­nä­ren Bestre­bun­gen kann die Arbeits­welt besser und bedarfs­ge­rech­ter gestal­tet und die Gesund­heit (beruf­lich und privat) geför­dert werden.

1 Voli­tion: die bewusste, willent­li­che Umset­zung von Zielen und Moti­ven in Resul­tate durch ziel­ge­rich­tete Steue­rung von Gedan­ken, Emotio­nen, Moti­ven und Hand­lun­gen. Dieser Prozess der Selbst­steue­rung erfor­dert die Über­win­dung von inne­ren und äuße­ren Wider­stän­den wie zum Beispiel Unlust­ge­füh­len oder Ablen­kun­gen durch Willens­kraft.


Mobi­li­tät als Beispiel des notwen­di­gen Wandels

Der Unfall­rück­gang der Arbeits­un­fäl­len zeigt sich fast gar nicht bei Mobi­li­täts­un­fäl­len. Eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung der Mobi­li­tät in Orga­ni­sa­tio­nen, von Schu­len bis zum Groß­be­trieb, findet nur selten statt. Sie geht auch nur unter Einbe­zie­hung der Mitarbeiter/innen, da kein Vorge­setz­ter oder die Abtei­lung Arbeits­si­cher­heit die Gefähr­dun­gen kennen kann, die situa­tiv bei der Ausübung der Berufs­tä­tig­keit im Verkehr auftau­chen.

Hinzu kommt, dass das Führungs­ver­hal­ten, die Orga­ni­sa­tion und auch perso­nale Fakto­ren (zum Beispiel Ablen­kung oder Stress­emp­fin­den), eine perso­nen­ori­en­tierte Analyse der Fehl­be­an­spru­chun­gen und Gefähr­dun­gen zwin­gend erfor­der­lich machen. Dies alles wird in den meis­ten Betrie­ben genauso unzu­rei­chend umge­setzt, wie die Analyse psychi­scher Gefähr­dun­gen. Diesem Mangel wirkt das von DVR, DGUV, AUVA geför­derte Projekt GUROM (www.gurom.de) entge­gen. Hier werden seit vielen Jahren von der FSU Jena alle mobi­len Gefähr­dun­gen adap­tiv und inter­ak­tiv auf ihre tech­ni­schen, orga­ni­sa­to­ri­schen, perso­na­len und situa­ti­ven (TOPS) Kompo­nen­ten unter­sucht. Die dazu notwen­di­gen Module reichen von Schul­we­gen, Dienst­we­gen allge­mein, Wege­un­fäl­len, über Gabel­stap­ler, LKW, Sonder­fahr­zeuge, Rettungs­dienste bis hin zum Stol­pern, zur Zwei­rad­mo­bi­li­tät und zu Mobi­li­täts­ma­nage­ment­sys­te­men. Pass­ge­nau werden aus der Inter­ven­ti­ons­da­ten­bank mit mehr als 1000 Verkehrs­si­cher­heits­maß­nah­men die ausge­sucht und an die Betriebe vermit­telt, die zur Gefähr­dung passen und möglichst mit einem Quali­täts­sie­gel des DVR verse­hen sind. Einige Berfus­ge­nos­sen­schaf­ten betten die Analyse in ihre Vision Zero ein. Die Daten zeigen, dass in sehr vielen Unfall­si­tua­tio­nen, sowohl betrieb­li­che als auch private Belas­tun­gen und Ablen­kungs­fak­to­ren hinzu­ka­men, so dass Inter­ven­tio­nen ganz­heit­lich gestal­tet werden soll­ten. Gerade im Bereich der Fahrer­as­sis­tenz und des auto­ma­ti­sier­tes Fahrens zeigt die psycho­lo­gi­sche Forschung uner­war­tete Effekte die bewei­sen, dass Verhal­tens­an­pas­sung, oder Risi­ko­kom­pen­sa­tion, perma­nent statt­fin­det!

Hier besteht ein sehr hoher Forschungs- und vor allem Wissens­ver­mitt­lungs­be­darf, so dass Unfall­ver­hü­tung zukünf­tig in solchen Orga­ni­sa­tio­nen besser statt­fin­det. Erneut können und soll­ten psycho­lo­gi­sche und tech­ni­sche sowie orga­ni­sa­tio­nale Akteure zusam­men­ar­bei­ten, um einen umfas­sen­den Schutz bieten zu können.


PASIG e.V.

Der inter­dis­zi­pli­när orga­ni­sierte Fach­ver­band Psycho­lo­gie für Arbeits­si­cher­heit und Gesund­heit e.V. (PASiG) bündelt die Inter­es­sen von Arbeits‑, Organisations- und Verkehrs­psy­cho­lo­gen (keine Thera­peu­ten). PASiG fördert die Forschung und Anwen­dung von Erkennt­nis­sen zur Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit. Jede Profes­sion kann Mitglied werden und durch die Mitwir­kung in Exper­ten­krei­sen an allen Erkennt­nis­sen parti­zi­pie­ren. Weitere Infor­ma­tio­nen unter: www.FV-PASiG.de


Foto: © FSU jena

Autor: Prof. Dr. Rüdi­ger Trim­pop

Weitere Infor­ma­tio­nen über: Rein­hard R. Lenz, Insti­tut Input GmbH, ehren­amt­li­che Presse- und Öffent­lich­keits­ar­beit für PASiG e.V.

E‑Mail: reinhard.lenz@institut-input.de

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