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Elektrotechnik im Umfeld der Arbeitssicherheit, Verantwortung, Organisation und Delegation

Verantwortung, Organisation und Delegation
Elektrotechnik im Umfeld der Arbeitssicherheit

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Bezugnehmend auf den Beitrag in Sicher­heitsin­ge­nieur 10/2019 ist der Arbeit­ge­ber auch dafür ver­ant­wortlich, im Bere­ich der Elek­trotech­nik eine geeignete Organ­i­sa­tion zu schaf­fen und fach­lich Ver­ant­wortliche, ins­beson­dere die Ver­ant­wortlichen Elek­tro­fachkräfte passend in die betrieblichen Struk­turen einzu­binden. Der nach­fol­gende Beitrag zeigt aus­gewählte Schnittstellen auf, welche aus Sicht der Führungskräfte sowie Fachkräfte für Arbeitssicher­heit hin­sichtlich der elek­trotech­nis­chen Vorgänge im Unternehmen entschei­dend sind.

Der Arbeit­ge­ber und seine von ihm beauf­tragten Führungskräfte sind verpflichtet, in eigen­er Ver­ant­wor­tung und mith­il­fe entsprechen­der Fachkunde die erforder­lichen Maß­nah­men des Arbeitss­chutzes umzuset­zen. Im Bere­ich der Elek­trotech­nik bed­ingt die erforder­liche Fachkunde zumeist eine Pflicht­enüber­tra­gung der elek­trotech­nisch rel­e­van­ten Ver­ant­wor­tung im Arbeitss­chutz auf eine Ver­ant­wortliche Elek­tro­fachkraft (VEFK)1 bzw. einen Anla­gen­be­treiber2 (Elek­trotech­nik), sofern der Arbeit­ge­ber oder seine Führungskraft fach­lich und/oder zeitlich nicht in der Lage sind. Je nach Umfang des elek­trotech­nis­chen Bere­ichs bzw. der elek­trotech­nis­chen Auf­gaben eines Unternehmens ergibt sich neben der diszi­pli­nar­ischen Ebene, ähn­lich den zwei Seit­en ein­er Medaille, auch eine fach­liche Führungsstruktur.

Eine „geeignete Organ­i­sa­tion“ gemäß § 3 Arbeitss­chutzge­setz (Arb­SchG), bei der die Maß­nah­men des Arbeitss­chutzes auch im Bere­ich der Elek­trotech­nik passend in die betrieblichen Führungsstruk­turen einge­bun­den sind, kann dem­nach nur beste­hen, wenn wichtige Schnittstellen zum Elek­trobere­ich nachvol­lziehbar geregelt sind. Eine beson­dere Rolle nimmt dabei auch die Fachkraft für Arbeitssicher­heit ein, die in ihrer Beratungs‑, Unter­stützungs- und Kon­troll­funk­tion eine wichtige koor­dinierende Posi­tion innehat.

In der Prax­is fehlt es der Ver­ant­wortlichen Elek­tro­fachkraft häu­fig an Akzep­tanz oder Infor­ma­tion bei der täglichen Auf­gaben­er­fül­lung. Da es eine Frei­del­e­ga­tion von Ver­ant­wor­tung seit­ens des Arbeit­ge­bers bzw. der Führungskräfte nicht gibt, sind die nach­fol­gen­den Ker­naspek­te und Schnittstellen von großer Bedeutung.

Betreiberverantwortung im Bereich der Elektrotechnik

Im ein­schlägi­gen Regel­w­erk ist der Begriff Betreiber(-verantwortung) ein weitläu­figer Begriff mit vie­len Facetten. Bere­its das Fehlen ein­er geset­zlichen Def­i­n­i­tion und der damit durch den Geset­zge­ber impliz­it unter­stell­ten Ein­deutigkeit des Begriffs3 führt in der Prax­is meist zu ein­er Pauschal­isierung der Ver­ant­wortlichkeit und der ver­schiede­nen Betreiberpflicht­en, die beispiel­sweise in der VDI 3810 „Betreiben und Instand­hal­ten von Gebäu­den und gebäude­tech­nis­chen Anla­gen“ anschaulich dargestellt sind (Abbil­dung 2 – Betreiberpflicht­en VDI 3810). Dass in ein­er Del­e­ga­tion­sstruk­tur die Geschäfts­führung bzw. der Vor­stand immer der „ober­ste Betreiber“ bleibt, ste­ht außer Frage.

Spätestens ab hier sind aber die speziellen Betreiberpflicht­en, von denen der Bere­ich Elek­trotech­nik zunächst nur eine Facette darstellt, inklu­sive der entsprechen­den Rol­len­verteilun­gen meist unzure­ichend geregelt. In der Prax­is gibt es einige Beispiele, die deut­lich machen, dass mit der schriftlichen Beauf­tra­gung der Ver­ant­wortlichen Elek­tro­fachkraft gemäß VDE 1000-10 Abs. 5.3 die The­matik „Betreiberver­ant­wor­tung im Bere­ich der Elek­trotech­nik“ nicht automa­tisch umge­set­zt ist. Beispiel­sweise die stich­proben­hafte Kon­trolle von Prüf­pro­tokollen bei Kranan­la­gen, Roll­toren oder raum­luft­tech­nis­chen Anla­gen bringt meist nur mech­a­nis­che Prüfin­halte bzw. UVV-Prüf­grund­la­gen zum Vorschein. Ursäch­lich für das Fehlen von elek­trotech­nis­chen Prüf­pro­tokollen oder auch man­gel­haften, messtech­nis­chen Prüf­pro­tokollen ist häu­fig ein organ­isatorisches Defiz­it. Da vor­ge­nan­nte Arbeitsmittel/Anlagen über eine elek­trotech­nis­che Aus­rüs­tung ver­fü­gen, ist eine Prü­fung der elek­trischen Schutz­maß­nah­men erforder­lich. Auf die Frage, wer der Betreiber der betr­e­f­fend­en Anla­gen ist, wird häu­fig mit „Das ist der Geschäftsführer/Standortleiter/Produktionsleiter“ geant­wortet. Der genan­nte Per­so­n­enkreis ist zwar let­ztlich für den Gesamt­prozess ver­ant­wortlich, den­noch muss, vor dem Kon­text des ein­schlägi­gen Regel­w­erks inklu­sive der elek­trotech­nis­chen Anforderun­gen, die Pflicht­enüber­tra­gung auf eine „geeignete Per­son“ erfol­gen, sofern der „(Gesamt-) Betreiber“ nicht über die erforder­lichen fach­lichen und zeitlichen Ressourcen im Bere­ich der Elek­trotech­nik ver­fügt. Eine solche Per­son, mit der Unternehmerver­ant­wor­tung für den sicheren Betrieb und den ord­nungs­gemäßen Zus­tand der elek­trischen Anla­gen, wird in der VDE 0105–100:2015–10 Abs. 3.1 in Form des „Anla­gen­be­treibers“ gefordert. Auch wenn die Begrif­flichkeit als solch­es keinen Unter­schied zum Begriff des „Betreibers“ ver­muten lässt, geht es inhaltlich hier um eine Teil­ver­ant­wor­tung für den Betrieb der elek­trischen Anla­gen bzw. Anla­gen, die elek­trotech­nis­che Aus­rüs­tun­gen und Betrieb­smit­tel bein­hal­ten. Mit anderen Worten muss der für den Gesamt­prozess, d. h. Hydraulik, Pneu­matik, Mechanik, Elek­trotech­nik, Qual­itätssicherung etc. ver­ant­wortliche Betreiber sich ein­er geeigneten Per­son, hier zumeist in Per­son­alu­nion mit der Ver­ant­wortlichen Elek­tro­fachkraft, bedi­enen, wenn es um die elek­trotech­nis­che Betreiberver­ant­wor­tung geht. Nur auf diese Weise kann sichergestellt wer­den, dass die elek­trotech­nis­chen Anforderun­gen begin­nend mit der Pla­nung, Errich­tung sowie Inbe­trieb­nahme inklu­sive Probe­be­trieb bis hin zur Phase des Betriebs tragfähig umge­set­zt wer­den können.

Beschaffungsprozess

Neben ein­er klaren Rol­len­verteilung gilt es auch beim Prozess der Beschaf­fung von Arbeitsmit­teln, Maschi­nen und Anla­gen mit elek­trotech­nis­chen Kom­po­nen­ten einige Hür­den zu über­winden. Nicht zulet­zt mit der Nov­el­lierung der Betrieb­ssicher­heitsverord­nung (Betr­SichV) 2015 wird dem The­ma Beschaf­fung ein beson­der­er Stel­len­wert in der Arbeitss­chut­zor­gan­i­sa­tion beigemessen. Unter anderem nach Betr­SichV i.V.m. der BekBS4 1113 „Beschaf­fung von Arbeitsmit­teln“ haben der Arbeit­ge­ber sowie seine Führungskräfte auf Grund­lage der Gefährdungs­beurteilung nur solche Arbeitsmit­tel, Maschi­nen und Anla­gen zu beschaf­fen, bei denen bei bes­tim­mungs­gemäßer Ver­wen­dung, Sicher­heit und Gesund­heitss­chutz aus­ge­ht. Insofern müssen bere­its im Zuge der Beschaf­fung die bes­tim­mungs­gemäße Ver­wen­dung und die Geeignetheit für die Arbeit­sauf­gabe hin­ter­fragt wer­den. Im All­t­ag endet dies im Zuge der Inbe­trieb­nahme meist mit fehlen­den messtech­nis­chen Prüf­pro­tokollen, Schalt­plä­nen, ver­al­teten Kon­for­mität­serk­lärun­gen und nicht vorhan­de­nen Gefährdungs­beurteilun­gen inkl. der Fes­tle­gung von Prüf­frist, Prü­fart und Prü­fum­fang gemäß § 3 Abs. 6 Betr­SichV5. Auch hier wird die für die Elek­trosicher­heit in Ver­ant­wor­tung ste­hende Per­son, namentlich die Ver­ant­wortliche Elektrofachkraft/der Anla­gen­be­treiber (Elek­trotech­nik), meist im Beschaf­fung­sprozess und während der Inbe­trieb­nahme nicht passend einge­bun­den. Die zuvor erwäh­n­ten Män­gel kön­nen nur abgestellt wer­den, wenn Führungskräfte, Fachkräfte für Arbeitssicher­heit und die elek­trotech­nisch ver­ant­wortlichen Per­so­n­en für klare Ver­hält­nisse sor­gen und Schnittstellen untere­inan­der geregelt wer­den. Die Anwen­dung von Spez­i­fika­tio­nen und Abnah­me­pro­tokollen durch fachkundi­ge Per­so­n­en im Bere­ich der Elek­trotech­nik, vor dem Hin­ter­grund der Betreiberver­ant­wor­tung, ist damit unab­d­ing­bar geworden.

Gefährdungsbeurteilung und Unterweisung

Der Ein­satz von Beschäftigten im Bere­ich der Elek­trotech­nik ist an eine entsprechende Fachkunde, bezo­gen auf das jew­eilige Arbeits­ge­bi­et, gebun­den. Auf Basis von Gefährdungs­beurteilun­gen für Tätigkeit­en bzw. Arbeit­splätze müssen der Arbeit­ge­ber und seine Führungskräfte für eine Beurteilung der Arbeits­be­din­gun­gen sor­gen und präven­tive Schutz­maß­nah­men nach dem TOP6 ‑Prinzip, ein­schließlich der Kon­trolle auf Wirk­samkeit, ergreifen. Erfahrungs­gemäß wer­den tätigkeits­be­zo­gene Gefährdungs­beurteilun­gen fed­er­führend von der Fachkraft für Arbeitssicher­heit erstellt, die wiederum nicht in allen Fachge­bi­eten über die erforder­liche Fachkunde ver­fü­gen kann. An diesem Punkt ist entschei­dend, dass die VEFK, die für die Gefährdungs­beurteilung im Elek­trobere­ich ver­ant­wortlich ist, frühzeit­ig in diesen Prozess einge­bun­den wird. Auf Basis der aus den Gefährdungs­beurteilun­gen resul­tieren­den Anweisun­gen muss weit­er­führend auch die Unter­weisung der Beschäftigten im Bere­ich der Elek­trotech­nik organ­isiert sein. Dass hierzu min­destens jährliche Unter­weisun­gen7 im ein­schlägi­gen Regel­w­erk gefordert sind, ist ein offenes Geheim­nis. In der Prax­is herrscht jedoch nicht sel­ten Unken­nt­nis darüber, dass die „all­ge­meine Sicher­heit­sun­ter­weisung“ noch nicht automa­tisch den Erhalt der Fachkunde im Bere­ich der Elek­trotech­nik abdeckt. Dabei ist es von enormer Bedeu­tung, dass ein Konzept für Unter­weisungs- und Schu­lungs­maß­nah­men existiert, bei welchem auch die Schnittstelle zwis­chen Führungskräften und der Fachkraft für Arbeitssicher­heit auf der einen Seite und der VEFK auf der anderen Seite geregelt ist. Nur auf diese Weise lassen sich Syn­ergien nutzen und Unter­weisun­gen respek­tive Schu­lungs­maß­nah­men im Bere­ich der Elek­trotech­nik sin­nvoll gestal­ten. Die Ver­ant­wortliche Elek­tro­fachkraft ist dem­nach auch für die Fes­tle­gung der elek­trotech­nis­chen Unter­weisungs- und/oder Schu­lungsin­halte verantwortlich.

Fazit

Eine „Rechtssichere Organ­i­sa­tion im Bere­ich der Elek­trotech­nik“ kann nur dann aufge­baut und erhal­ten wer­den, wenn diszi­pli­nar­ische und fach­liche Ver­ant­wortlichkeit­en eng miteinan­der zusam­me­nar­beit­en und Schnittstellen ein­deutig geregelt sind. Der Arbeit­ge­ber hat dabei die ober­ste Ver­ant­wor­tung und für eine lebendi­ge Organ­i­sa­tion­sstruk­tur zu sor­gen. Die Fachkraft für Arbeitssicher­heit hat in diesem Spielfeld eine wichtige Beratungs- und Kontrollaufgabe.

 

  • 1 Gem. § 13 Arbeitss­chutzge­setz (ArbSchG)/ § 13 DGUV Vorschrift 1 „Grund­sätze der Präven­tion“, § 49 Energiewirtschaft­ge­setz (EnWG) i. V. m. VDE 1000-10:2009–10 „Anforderun­gen an die im Bere­ich der Elek­trotech­nik täti­gen Personen“

2 Gem. § 13 Arbeitss­chutzge­setz (ArbSchG)/ § 13 DGUV Vorschrift 1, § 49 EnWG i. V. m. VDE 0105–100:2015–10 „Betrieb von elek­trischen Anlagen“

  • 3 Siehe Bun­desver­wal­tungs­gericht (BVer­wG) 3 C 47.02
  • 4 BekBS = Bekan­nt­machung zur Betriebssicherheit
  • 5 In Verbindung mit der Tech­nis­chen Regel für Betrieb­ssicher­heit TRBS 1111
  • 6 TOP = Technische‑, Organisatorische‑, Per­so­n­en­be­zo­gene Maßnahmen.
  • 7 Siehe u. a. § 4 DGUV Vorschrift 1, § 12 Arb­SchG, § 12 BetrSichV

Foto: © TFranzen
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Hart­mut Hardt
(VDI)

Recht­san­walt

info@ra-hardt.de

www.ra-hardt.de


Foto: © Mebe­do Con­sult­ing GmbH
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Dipl.-Ing. (FH)
René Reth­feldt (VDI)

BDSH e.V. geprüfter Sachver­ständi­ger Elektrotechnik
Mebe­do Con­sult­ing GmbH

rethfeldt@mebedo.de

www.mebedo.de

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