„Es darf im Gespräch keine Verlierer geben!“. Sicherheitsbeauftragter bei Nordzucker -
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Sicherheitsbeauftragter bei Nordzucker

Es darf im Gespräch keine Verlie­rer geben!“

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Lothar Messer­schmidt arbei­tet seit 33 Jahren als Sicher­heits­be­auf­trag­ter bei der Firma Nord­zu­cker – von Septem­ber bis Januar ist Rüben­kam­pa­gne, in den ande­ren Mona­ten des Jahres arbei­tet er in der Instand­hal­tung der gigan­ti­schen Maschi­nen. Lesen Sie, was ihm an seiner Aufgabe so gefällt. Und wie man sie nach seiner Erfah­rung am besten meis­tert.

Chris­toph Fasel

Lothar Messer­schmidt ist ein beson­ne­ner und freund­li­cher Mann, jemand, dem man vertraut. Das hat, so sagt er, sicher­lich nicht zuletzt mit seiner lang­jäh­ri­gen Erfah­rung zu tun – als Mitar­bei­ter in der Anla­gen­tech­nik und der Maschi­nen­füh­rung während der Rüben­kam­pa­gne. Jeder kennt ihn im Werk Uelzen, die Kolle­gen begrüßt er mit einem vertrau­ten Hand­schlag. „Nach insge­samt 36 Jahren im Hause Nord­zu­cker sollte das auch selbst­ver­ständ­lich sein, oder?“, sagt Messer­schmidt lächelnd.

Wie kam er zu Nord­zu­cker?

Eigent­lich bin ich ja ein biss­chen berufs­fremd“, sagt er und erklärt: Nach einer Ausbil­dung als land­wirt­schaft­lich tech­ni­scher Labo­rant in einem Getrei­de­zucht­be­trieb bekam er ein Ange­bot, bei Nord­zu­cker zu arbei­ten „Ich brauchte nicht lange zu über­le­gen und nahm gleich an!“, sagt er. Warum? „Nord­zu­cker ist der attrak­tivste Arbeit­ge­ber in der ganzen Region“, so Lothar Messer­schmidt voller Über­zeu­gung. Und lacht wieder. Heute noch arbei­tet der 61‐Jährige im Vorder­be­triebs­ge­bäude an den über mehrere Etagen gebau­ten beein­dru­cken­den Saftreinigungs‐ und Verdampf­an­la­gen mit Eindick­fil­tern und Wärme­über­tra­gern.

Eine gute Idee vom Green­horn

Messer­schmidts erste Tätig­keit als Berufs­an­fän­ger war, den Kalk­ofen des Werkes selbst­stän­dig zu fahren. Keine einfa­che Aufgabe, das rich­tig zu machen. Und hinzu kam: Eine durch­aus mit Gefah­ren verbun­dene Aufgabe. „Vielen Kolle­gen ist damals nicht so recht bewusst gewe­sen, dass Kohlen­stoff­di­oxid, CO2, aus dem Kalk­ofen austre­ten und gefähr­lich werden kann“, erin­nert sich Messer­schmidt. „In den acht­zi­ger Jahren war das Bewusst­sein für Arbeits­si­cher­heit bei den meis­ten Mitar­bei­tern noch eher gering ausge­prägt. Sie dach­ten einfach nicht daran, dass CO2 gefähr­lich sein könnte.“

Messer­schmidt schlug eine wirkungs­volle Gefah­ren­vor­beu­gung vor: Man könne doch im Kompres­so­ren­raum CO2– Senso­ren instal­lie­ren, die eine even­tu­elle Flutung mit dem Gas anzei­gen. Und wie war die Reak­tion? „Erst haben die Kolle­gen wohl gedacht, der spinnt doch, der junge Bengel!“ erin­nert sich Messer­schmidt. „Aber als sie dann die Vorteile der Senso­ren bemerk­ten und sogleich der Alarm los ging, wenn einmal CO2 im Raum war – waren Sie über­zeugt.“

Arbeits­si­cher­heit als wich­ti­ges Thema

Diese erste Begeg­nung mit dem Thema Sicher­heit bei der Arbeit hat Messer­schmidt nicht mehr losge­las­sen. Auch seine Kolle­gen bemerk­ten, dass der junge Mann pfif­fige Ideen beitrug. „Ich bin dann von meinem dama­li­gen Meis­ter darauf ange­spro­chen worden, ob ich nicht Lust hätte, die Schu­lung zum Sicher­heits­be­auf­trag­ten mitzu­ma­chen. Ich fand die Idee sehr gut. Das hat mir den Impuls gege­ben, mich regel­mä­ßig weiter­zu­bil­den!“

Es folgte zunächst die übli­che mehr­tä­gige Schu­lung „Arbeits­si­cher­heit“ bei der Berufs­ge­nos­sen­schaft – seit­dem kommen regel­mä­ßig Fort­bil­dun­gen in Sicher­heits­fra­gen, darun­ter Themen zu PSA und weitere Quali­fi­ka­tio­nen hinzu. So etwa als Sach­kun­di­ger beim Gerüst­bau. „Aber das brau­chen wir heute im Betrieb nicht mehr – denn die Gerüste bauen wir nicht mehr selbst auf!“

Selbst­be­stimm­tes Arbei­ten moti­viert

Was faszi­niert Messer­schmidt bei seiner Arbeit für Nord­zu­cker am meis­ten? Die Antwort kommt spon­tan und schnell: „Sehen Sie, hier gibt es eine große Abwechs­lung. Denn wir fahren hier keinen ganz­jäh­ri­gen einsei­ti­gen Schicht­be­trieb!“ Das liegt an der Beson­der­heit der Zucker­pro­duk­tion: Im Herbst beginnt die Kampa­gne – das Verar­bei­ten der frisch geern­te­ten Zucker­rü­ben. „Es freut mich immer, wenn die Kampa­gne wieder anfängt, nach­dem wir die Anla­gen auf Vorder­mann gebracht haben!“, erklärt Messer­schmidt und fährt fort: „Ich freue mich aber nach der Kampa­gne auch wieder auf die Instand­hal­tungs­phase.“

Der Meis­ter ist eher ein Coach

Wie läuft das ab? „Alle Ideen zur Verbes­se­rung, die uns während der Kampa­gne in den Sinn kommen, werden von uns als Team mit der tech­ni­schen Leitung disku­tiert und Verbes­se­run­gen dann auch verwirk­licht. Das macht die Arbeit jedes Jahr wieder inter­es­sant und span­nend.“

Ein wich­ti­ger Faktor für die Zufrie­den­heit sei vor allem die Team‐Orientierung bei Nord­zu­cker. „Das ist eine tolle Sache: Wir orga­ni­sie­ren als Team unsere Aufga­ben selbst­be­stimmt – das gibt uns viel Verant­wor­tung und macht Spaß. Der zustän­dige Meis­ter ist für uns eher ein Coach, er gibt die Richt­schnur vor und kontrol­liert die Arbeits­er­geb­nisse.“ Auch hier ist Lothar Messer­schmidt als Grup­pen­spre­cher bei der Orga­ni­sa­tion der Aufga­ben und der Verbes­se­rung der Arbeits­ab­läufe stets vorne mit dabei.

Kommu­ni­ka­tion ohne Sieger

Wie geht er vor im Gespräch, um den Kolle­gen die Ideen der Arbeits­si­cher­heit nahe zu brin­gen? Oder auch, wenn er ein Macht­wort spre­chen muss, wenn elemen­tare Sicher­heits­re­geln nicht einge­hal­ten werden? Messer­schmidt lächelt und erklärt sein Betriebs­ge­heim­nis der Kommu­ni­ka­tion: „Das ist an und für sich schon mein Natu­rell, auf Menschen zuzu­ge­hen. Ich habe keine Berüh­rungs­ängste. Ich kann mit den Kolle­gen ganz sach­lich darüber spre­chen, wenn es Probleme geben sollte.

Seine Erfah­rung lautet: Es darf in der Kommu­ni­ka­tion über Sicher­heits­fra­gen keine persön­li­chen Belei­di­gun­gen geben. Wenn PSA nicht getra­gen wird, versucht Messer­schmidt so zu kommu­ni­zie­ren, „dass beide Gesprächs­part­ner am Ende gewon­nen haben. Das darf man nicht von oben herab machen, das ist ganz wich­tig!“ erklärt er. „Ich gehe da sehr diplo­ma­tisch heran, denn ich möchte gerne, dass der Kollege mit dem, was ich sage, gut umge­hen kann. Wer von oben herab schul­meis­tert, wird wohl wenig Erfolg mit seinen Botschaf­ten haben.“

Und wie ist das mit der Auto­ri­tät?

Die muss man sich mit der Zeit erwer­ben. „Als junger Mensch war es sicher­lich noch ein biss­chen schwie­ri­ger, sich Gehör bei den erfah­re­nen Kolle­gen zu verschaf­fen“, erin­nert sich Messer­schmidt, „die dach­ten wohl oft: Der ist erst so kurz hier und kommt dann mit lauter neumo­di­schen Sachen an.“ Doch mit diesem Miss­trauen wuchs seine Moti­va­tion, die Arbeits­si­cher­heit als Thema voran­zu­brin­gen. Schafft er es heute, bei allen Gehör zu finden? Messer­schmidt denkt nach: „Bei fast allen schon!“

Und wie ist das mit den weni­gen harten Nüssen, von denen fast jeder Sicher­heits­be­auf­tragte in seinem Betrieb zu erzäh­len weiß? Die gibt es natür­lich immer mal wieder – Kolle­gen, die unver­bes­ser­lich und bera­tungs­re­sis­tent sind. Mit denen ist Messer­schmidt zu deren eige­ner Sicher­heit konse­quent: „Erst gibt es das verständ­nis­volle Gespräch, dann die nach­drück­li­che Ermah­nung – und dann, wenn sich die Gefähr­dung nicht ändert, eine klare Ansage von der Führungs­kraft. Diese Eska­la­tion ist wich­tig und muss einge­hal­ten werden!“, sagt Messer­schmidt.

Denn auch er hat schon einmal erlebt, wie ein offen­sicht­lich sehr hart­lei­bi­ger Kollege durch eige­nes Fehl­ver­hal­ten zum Unfall­op­fer wurde. „Der Kollege war ziem­lich spezi­ell. Er hat zum Beispiel immer wieder, allen Empfeh­lun­gen zum Trotz, mit einem Luft­schrau­ber die Nuss durchrol­len lassen. Dabei gibt es bekannt­lich die Regel, dass Finger nichts an drehen­den Teilen zu suchen haben. Kaum hatte ich ihn zum drit­ten Male darauf ange­spro­chen, hat sich der Mitar­bei­ter ernst­haft verletzt: Hand an der Nuss, der Stift schert ab, Finger gebro­chen…“

Beharr­lich­keit bringt ans Ziel

Auch dieses Beispiel zeigt, dass Schu­lun­gen, Hinweise und Merk­blät­ter allein nicht ausrei­chen, um die Vision „Null Unfälle“, wie sie Nord­zu­cker verfolgt, zu errei­chen. Dafür sind gerade die Persön­lich­keit und die Beharr­lich­keit eines Sicher­heits­be­auf­trag­ten entschei­dende Erfolgs­fak­to­ren: „Man muss einfach hart­nä­ckig blei­ben“, sagt Messer­schmidt „Manch­mal ist es schwer, einen Menschen zu bewuss­tem und siche­ren Handeln zu brin­gen. Aber letzt­lich schafft man es doch.“

Wie schätzt der Sicher­heits­be­auf­tragte seine Rolle für den Betrieb ein? „Ich glaube, solch eine Rolle ist wich­tig für uns alle im Team“, sagt Messer­schmidt. „Denn wenn wir unsere Aufgabe rich­tig erfül­len, können wir eine Art Schutz­en­gel sein. In Betriebs­rou­ti­nen schlei­fen sich, über­all wo gear­bei­tet wird, ganz häufig Gefah­ren­mo­mente ein – und das können wir allein schon durch unsere Erin­ne­rungs­funk­tion verhin­dern!“


Steck­brief

  • Lothar Messer­schmidt
  • 61 Jahre
  • Maschi­nen­füh­rer und Instand­hal­tungs­ex­perte im Schicht­dienst
  • Bran­che: Nahrungs­mit­tel­in­dus­trie
  • Sicher­heits­be­auf­trag­ter seit 1984

Nord­zu­cker

Der Nord­zu­cker Konzern mit Haupt­sitz in Braun­schweig ist
einer der führen­den Zucker­her­stel­ler in Europa und produ­ziert darüber hinaus Bioetha­nol sowie Futter­mit­tel aus Zucker­rü­ben.

  • rund 3.200 Mitar­bei­ter an 18 Produktions‐ und Raffi­na­ti­ons­stät­ten
  • Werk Uelzen: rund 310 Beschäf­tigte
  • www.nordzucker.de

Wer von oben herab schul­meis­tert, wird wenig Erfolg haben“


Vielen Kolle­gen war die Gefahr damals nicht bewusst“


Wenn wir unsere Aufgabe rich­tig erfül­len, können wir eine Art Schutz­en­gel sein“

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