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Vision Zero in der Abfallwirtschaft

Nachhaltige Kulturveränderung
Vision Zero in der Abfallwirtschaft

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Foto: © Tobias Arhelger – stock.adobe.com
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Die aktuelle Diskus­sion über die Vision Zero Strate­gie bee­in­flusst nach­haltig die Ein­stel­lung zu Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit in allen Branchen. In einem Bere­ich wie der Abfall­wirtschaft mit ein­er über dem Durch­schnitt liegen­den Rate von Arbeit­sun­fällen und Beruf­skrankheit­en gibt es ein hohes Poten­zial, mit dem Ansatz der Vision Zero zu ein­er deut­lichen Reduk­tion oder zu ein­er völ­li­gen Abschaf­fung bes­timmter Unfälle und Beruf­skrankheit­en zu kom­men.

Die Ziele der Vision Zero sind für jeden ein­fach zu ver­ste­hen: Nie­mand soll bei der Arbeit ern­sthaft zu Schaden kom­men. Dies gilt sowohl für schwere oder sog­ar tödliche Unfälle bis hin zu gefährlichen Beruf­skrankheit­en wie Kreb­serkrankun­gen durch Gefahrstoffe.

Was ist neu am Ansatz der Vision Zero?

Eine Welt ohne tödliche Arbeit­sun­fälle und schwere Beruf­skrankheit­en ist möglich, wenn man davon aus­ge­ht, dass Arbeit­sun­fälle und Beruf­skrankheit­en nicht schick­sal­haft ein­treten, son­dern in jedem Fall prinzip­iell und immer ver­mei­d­bar sind. Mit dieser Grun­de­in­stel­lung eröffnete der Präsi­dent der Sek­tion für Präven­tion im Trans­portwe­sen der Inter­na­tionalen Vere­ini­gung für Soziale Sicher­heit (IVSS), Janne Rei­ni, das Europäis­che Arbeitss­chutz-Sym­po­sium Vision Zero in der Abfal­l­entsorgung am 23./24. Okto­ber bei der BG Verkehr in Ham­burg.

Mit der genan­nten Grun­de­in­stel­lung wird deut­lich, dass mit der Vision Zero nicht nur ein Ein­hal­ten von Geset­zen und Regeln gemeint ist, son­dern ein neuer Denkansatz, der proak­tiv und ganzheitlich ist. Die weltweite Kam­pagne www.visionzero.global zeigt dies seit ihrem Beginn auf dem 21. Weltkongress für Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit 2017 in Sin­ga­pur sehr anschaulich auf. Die Vision Zero erset­zt natür­lich nicht die Arbeitss­chutzge­set­zge­bung oder soll eine Art schöne neue Par­al­lel­welt schaf­fen. Im Gegen­teil: Die Vision Zero unter­stützt nach­haltig vorhan­dene Geset­ze und Regeln, indem sie pos­i­tiv ver­stärk­end zu ein­er Men­tal­itätsverän­derung beiträgt.

Der Ansatz der Vision Zero zeigt Unternehmen einen Weg auf, wie diese endlich damit aufhören kön­nen „den Arbeitss­chutz zu ver­wal­ten“, wie ein Red­ner des Sym­po­siums betonte. Dieser Weg begin­nt bei tech­nis­chen Fra­gen, berück­sichtigt organ­isatorische Aspek­te, betont die wichtige Rolle der Unternehmensführung und endet mit der Her­aus­bil­dung ein­er Arbeitss­chutzkul­tur, die sich stetig weit­er­en­twick­elt. Dieser Weg erlaubt es Unternehmen Vision Zero umzuset­zen und trägt defin­i­tiv zum wirtschaftlichen Erfolg dieser Unternehmen bei.

Das ist ein Unter­schied zur klas­sis­chen Rasen­mäher-Meth­ode, die man ger­ade für Zielvor­gaben immer noch im Arbeitss­chutz vorfind­et. Also nicht: Reduk­tion der Unfal­lzahlen um 25 Prozent inner­halb der näch­sten fünf Jahre, son­dern: Ziel muss es für Unternehmen und Unfal­lver­sicherungsträger sein, ein bes­timmtes ern­stes Unfallgeschehen möglichst schnell mit allen ver­füg­baren Mit­teln gezielt und merk­lich zu reduzieren oder nahezu kom­plett ver­schwinden zu lassen. Bes­timmte beson­ders schwere Unfälle wer­den so bei kon­se­quenter Umset­zung der Vision Zero in naher Zukun­ft nach und nach voll­ständig der Ver­gan­gen­heit ange­hören.

Erst die Kultur, dann die Technik

Es erfordert einen Men­tal­itätswech­sel der Führungskräfte und der Mitar­beit­er, basierend auf dem Glauben, dass jed­er Unfall und jede Krankheit am Arbeit­splatz Ursachen hat und daher tat­säch­lich ver­hin­dert wer­den kann. Ein beson­deres Augen­merk richtet sich auf Todes­fälle und schwere Ver­let­zun­gen. Um Unternehmen und Führungskräfte bei der erfol­gre­ichen Umset­zung von Vision Zero zu unter­stützen, wur­den sieben klare und ein­fache „Gold­ene Regeln“ entwick­elt (siehe Kas­ten unten).

Hier­bei ist keine Rei­hen­folge gemeint. Jedoch ist ein ganzheitlich­es Vorge­hen anhand aller Regeln am wirkungsvoll­sten. Jedem Unternehmen ist es selb­st über­lassen, ob alle Regeln gle­ich­w­er­tig unter­legt wer­den, oder ob je nach Unfallschw­er­punk­ten zunächst nur ein Teil des ganzen Kanons in den Vorder­grund gestellt wird. Es zeigt sich, dass ger­ade die Qual­i­fizierung von Mitar­beit­ern und kon­se­quente Unter­weisun­gen die Ein­stel­lung zu Sicher­heit und Gesund­heit nach­haltig pos­i­tiv verän­dern. Dies gilt umso mehr, wenn sich die Führungsebene eines Unternehmens gemäß der Regel 1 deut­lich zu ihrer Ver­ant­wor­tung beken­nt. Als weit­eres Beispiel ver­birgt sich hin­ter Regel 2 nichts anderes als die Gefährdungs­beurteilung, die ohne­hin gemacht wer­den muss. Für den Bere­ich der Abfall­wirtschaft lässt sich erken­nen, dass in den vie­len Bere­ichen mit schw­er­er kör­per­lich­er Arbeit immer mehr inno­v­a­tive Tech­nik (Regel 5) zum Ein­satz kom­men muss. Diese wird unter­stützt durch die Möglichkeit­en der Dig­i­tal­isierung.

Die Vision Zero Strategie in der Abfallwirtschaft: Probleme und Lösungen

Das Risikoob­ser­va­to­ri­um beim Insti­tut für Arbeitss­chutz der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung (IFA) iden­ti­fiziert Entwick­lun­gen, die für die Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit in den näch­sten fünf Jahren beson­ders wichtig sein wer­den. Dies geschieht mit­tels ein­er sys­tem­a­tis­chen Befra­gung von Präven­tions­fach­leuten der Unfal­lver­sicherungsträger. Unter den Entwick­lun­gen für die Abfall­wirtschaft find­en sich unter anderem Schimmelsporen/Biostoffe und Gerüche, Muskel-Skelett-Belas­tun­gen, Kom­plex­ität von Men­sch-Mas­chine-Schnittstellen sowie autonome Fahrzeuge. Weit­ere Ansatzpunk­te der Vision Zero sind schwere Unfälle beim Rück­wärts­fahren und schwere Unfälle an Bal­len­pressen.

Biostoffe

Schim­melpilze, Viren und Fein­stäube sind seit mehr als 20 Jahren als Gesund­heits­ge­fährdung von Abfall­w­erk­ern in der Diskus­sion. Biostoffe in der Abfall­wirtschaft kön­nen Irri­ta­tio­nen, Allergien, Infek­tio­nen und chro­nis­che Bronchitis/COPD verur­sachen. Technische/organisatorische Vorschläge zur Verbesserung der Sit­u­a­tion sind in der TRBA 213 „Abfall­samm­lung: Schutz­maß­nah­men“ definiert. Inzwis­chen gibt es Lösun­gen beste­hend aus einem Luftvorhang mit Blass­chienen, welch­er die ange­saugte Außen­luft in das Heck­teil hinein­bläst und somit dem Ausströ­men von Bioaerosolen ent­ge­gen­wirkt sowie ein­er aktiv­en Absaugung. Diese erzeugt einen Unter­druck im Heck­teil und bewirkt, dass sich immer eine Luft­strö­mung von außen in das Heck­teil hinein ergibt und die Beschäftigten saubere Atem­luft bekom­men.

Muskel-Skelett-Belas­tun­gen

Die Frage ist: Ver­min­dern die derzeit schon erhältlichen Exoskelette die poten­ziellen Muskel-Skelett Belas­tun­gen bei der Abfall­samm­lung?

Detail­lierte Risiko­analy­sen in der Abfall­samm­lung nach der Key Indi­ca­tor Method (KIM) bele­gen in der Tat eine hohe Muskel-Skelett-Belas­tung der Beschäftigten. Die jüng­ste Entwick­lung bei den Exoskelet­ten lässt hof­fen, diese deut­lich reduzieren zu kön­nen. Das Flämis­che Insti­tut für Logis­tik (VIL) führt eine Labor- und Feld­studie über die aktuellen, mod­er­nen Exoskelette durch, bei der mehrere Mod­elle erprobt wer­den. Die Ergeb­nisse sind vielver­sprechend, ins­beson­dere für Hochrisiko-Arbeit­er mit schon vorhan­de­nen Rück­en­prob­le­men. Die wichtig­ste Schlussfol­gerung der Studie ist derzeit allerd­ings, dass sich Exoskelette in der Entwick­lungsphase befind­en und weit­ere Anpas­sun­gen benöti­gen, bevor sie reg­ulär an den Arbeit­splätzen der Abfall­samm­lung einge­set­zt wer­den kön­nen.

Rück­wärts­fahren

Jedes Jahr gibt es sehr schwere und tödliche Unfälle, an denen ein rück­wärts­fahren­des Abfall­sam­melfahrzeug beteiligt ist. Der übliche Unfall­her­gang ist wie fol­gt: Das Fahrzeug befand sich im Ein­satz und wurde rück­wärts­ge­fahren. Dabei liefen Passanten/Kollegen in den nicht ein­se­hbaren Bere­ich hin­ter das Fahrzeug und wur­den über­rollt oder einge­quetscht. Bei den meis­ten Unfällen fuhr das Fahrzeug ohne eine ein­weisende Per­son rück­wärts. Alle diese Unfälle hät­ten wohl mit pro­fes­sioneller Ein­weisung oder einem wirk­samen Rück­fahras­sis­ten­zsys­tem ver­mieden wer­den kön­nen.

Wie bei vie­len anderen Risiken auch, ver­spricht die Kom­bi­na­tion von Maß­nah­men der Ver­hält­nis­präven­tion und der Ver­hal­tenspräven­tion den größten Erfolg. Schon bei der Pla­nung von Abfall­sam­mel­touren soll gemäß DGUV-Regel 114–601 darauf geachtet wer­den, dass die Kraft­fahrer gar nicht erst rück­wärts­fahren müssen.

Maß­nah­men der Ver­hält­nis­präven­tion:

  • Geschwindigkeit des Rück­wärts­fahrens tech­nisch am besten auf 8 km/h beschränken.
  • Neubeschaf­fung von Abfall­sam­melfahrzeu­gen nur mit geeignetem Fahreras­sis­ten­zsys­tem zur Absicherung der Rück­wärts­fahrt.
  • Die zurück­zule­gende Strecke soll nicht länger als 150 m sein.

Maß­nah­men der Ver­hal­tenspräven­tion:

  • Zum sicher­heits­gerecht­en Ein­weisen qual­i­fizieren.
  • Jede Rück­wärts­fahrt muss durch einen Ein­weis­er abgesichert wer­den.
  • Ein­weisen kon­trol­lieren und kon­se­quent durch­set­zen.
  • Sieht der Fahrer den Ein­weis­er nicht mehr, ist das Fahrzeug sofort zu stop­pen. Weit­er­fahrt erst dann, wenn der Sichtkon­takt wieder­hergestellt ist.

Rück­fahras­sis­ten­zsys­teme kön­nen eine sehr wirk­same Verbesserung brin­gen. Anbi­eter gibt es mit­tler­weile viele. Die Beschaf­fer solch­er Sys­teme ste­hen dann vor der Frage, welche Min­destanforderun­gen ein geeignetes und zuver­läs­siges Rück­fahras­sis­ten­zsys­tem erfüllen muss. Hier­bei sind zwei Prinzip­i­en im Ein­satz denkbar:

  • Lediglich umfassende sicht­bare Überwachung des rück­wär­ti­gen Raumes und War­nung des Fahrers bei Hin­dernissen oder Per­so­n­en im Weg oder auch
  • Überwachung mit automa­tis­chem Brem­se­in­griff in die Fahrbe­we­gung.

Die Prüf­stelle des Fach­bere­ichs Verkehr und Land­schaft der DGUV hat mit maßge­blich­er Unter­stützung durch das Insti­tut für Arbeitss­chutz (DGUV-IFA) einen Prüf­grund­satz GS-VL-40 für Rück­fahras­sis­ten­zsys­teme erar­beit­et, der den Stand der Sicher­heit­stech­nik berück­sichtigt und darstellt.

Bal­len­pressen

In Recy­cling­be­trieben wer­den die wiederver­w­ert­baren Mate­ri­alien nach Sorten getren­nt und zum Trans­port zum Ver­ar­beitungs­be­trieb zu Ballen gepresst. Arbeit­sun­fälle an Kanal­bal­len­pressen ver­laufen oft tödlich. Mitar­beit­er ger­at­en in den Pressen­schacht, wer­den hand­lung­sun­fähig und kön­nen den Pressvor­gang nicht mehr stop­pen. Berührungs­los wirk­ende Sicher­heit­sein­rich­tun­gen sind die Lösung: Ein mit RFID arbei­t­en­des Per­so­n­en­schutzsys­tem basierend auf einem kleinen Transpon­der, der von der zu schützen­den Per­son getra­gen wird, bewirkt die nach­haltige Abschal­tung ein­er Bal­len­presse, sobald die Per­son in die Gefahren­zone ein­tritt. Spez­i­fika­tio­nen hierzu find­en sich in der europäis­chen Norm DIN EN 61496–1 „Sicher­heit von Maschi­nen – Berührungs­los wirk­ende Schutzein­rich­tun­gen – Teil 1: All­ge­meine Anforderun­gen und Prü­fun­gen“ und in der Norm DIN EN 16252. „Maschi­nen zum Verdicht­en von Abfällen oder recy­cle­baren Mate­ri­alien – Hor­i­zon­tal arbei­t­ende Bal­len­pressen – Sicher­heit­san­forderun­gen“.

Fazit

Der gedankliche Ansatz der Vision Zero einge­bet­tet in eine Kul­tur der Präven­tion und mit den neuen tech­nis­chen Möglichkeit­en, die die Dig­i­tal­isierung bietet, eröffnet einen realen Weg in eine Arbeitswelt der Abfall­wirtschaft ohne schwere und tödliche Unfälle. Ger­ade in dieser Branche gibt es noch viele Arbeit­splätze mit soge­nan­nter „basic work“, die mit kör­per­lichen Belas­tun­gen und Unfall­ge­fahren ver­bun­den ist. Die Tech­nik, die Men­schen an diesen Arbeit­splätzen fast zu 100 Prozent schützen kann, ist teil­weise schon vorhan­den oder ste­ht an der Schwelle zu Real­isierung. Die Assis­ten­zsys­teme zum sicheren Rück­wärts­fahren, die Transpon­der­sys­teme zum Schutz vor tödlichen Unfällen mit Bal­len­pressen, Exoskelette zum Unter­stützen bei schw­erem Heben und Tra­gen oder auch emis­sion­s­ge­minderte oder emis­sions­freie Schüt­tun­gen an Abfall­sam­melfahrzeu­gen wer­den dem­nächst Real­ität oder sind es schon jet­zt. Sie müssen von den Unternehmen nur noch beschafft und einge­set­zt wer­den.


Foto: BG Verkehr

Autor:

Dr. Chris­t­ian Fel­ten

Gen­er­alsekretär Inter­na­tionale Sek­tion für Präven­tion im
Trans­portwe­sen der IVSS

 


Sieben goldene Regeln zur Umsetzung der Vision Zero

  1. Leben Sie Führung – zeigen Sie Flagge!
  2. Gefahr erkan­nt – Gefahr geban­nt!
  3. Ziele definieren – Pro­gramm auf­stellen!
  4. Gut organ­isiert – mit Sys­tem!
  5. Maschi­nen, Tech­nik, Anla­gen – sich­er und gesund!
  6. Wis­sen schafft Sicher­heit!
  7. In Men­schen investieren – Motivieren durch Beteili­gung!

 

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