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Konzeption der Sifa-Ausbildung

Ein Blick aus der Perspektive der Entwickler
Evolution der Sifa-Ausbildung im Zeitraffer

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Sys­temkonzept hat im Auf­trage der DGUV die Sifa-Aus­bil­dung als kom­pe­ten­zori­en­tiertes, web­basiertes blend­ed-learn­ing-Sys­tem aus­gestal­tet. Das Pro­jekt, in dessen Zen­trum die Sifa-Lern­welt ste­ht, ist nun­mehr abgeschlossen. In ein­er Pilotierung haben zwei Kurse erfol­gre­ich die Aus­bil­dung durch­laufen. Die ersten Unfal­lver­sicherungsträger sind mit dem neuen Aus­bil­dungssys­tem ges­tartet. Die anderen wer­den eben­so wie die freien Aus­bil­dungsträger in den Jahren 2020/2021 fol­gen. Doch wie fing alles an?

Seit dem Inkraft­treten des Arbeitssicher­heits­ge­set­zes (ASiG) im Jahr 1973 haben sich die Anforderun­gen an Arbeitss­chutz erhe­blich gewan­delt. Dies spiegelt sich auch in der Entwick­lung der Aus­bil­dungssys­teme wider.

In den Jahren 1975/76 wurde auf Basis des Auf­gabenkat­a­logs § 6 ASiG ein erster Auf­schlag für eine Sifa-Aus­bil­dung mit den Grundlehrgän­gen A, B und C (Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz 1975, 1976, 1977) gemacht. Die didak­tis­che Vor­gabe bestand in all­ge­meinen Lernzie­len und The­men-Zeit­plä­nen. Die Beruf­sgenossen­schaften und freien Aus­bil­dungsträger haben auf dieser Basis sehr unter­schiedliche Präsen­zsem­inare ange­boten. Seit dieser Zeit hat sys­temkonzept die Sifa-Aus­bil­dung immer wieder neu- und weit­er­en­twick­eln kön­nen:

  • Für die öffentlichen Unfal­lver­sicherungsträger wurde bere­its 1977 ein Fern­lehrgang mit ein­er Präsen­zphase entwick­elt. Struk­turi­ert waren die Lek­tio­nen dieses Aus­bil­dungssys­tems durch sys­tem­a­tis­che Vorge­henss­chritte. Grund­lage war ein dif­feren­ziertes Lernzielkonzept.
  • In den 80er und 90er Jahren wurde der Fern­lehrgang kon­tinuier­lich weit­er­en­twick­elt und vor allem durch die Fach­spez­i­fik des öffentlichen Dien­stes ergänzt, später durch eine zweite Präsen­zphase ver­voll­ständigt.
  • In den 90er-Jahren wur­den die bis dahin gülti­gen Aus­bil­dungssys­teme grundle­gend reformiert. Im Auf­trag des Hauptver­ban­des der Beruf­sgenossen­schaften und von BAuA/BMA wurde ein zeit­gemäßes Anforderung­spro­fil „Sifa“ und das cur­ricu­lum­basierte Konzept für eine ein­heitliche Aus­bil­dung erstellt.

Struk­turi­erend für das Cur­ricu­lum waren die Hand­lungss­chritte ein­er Sifa. Inhaltlich wur­den die Arbeitssys­temgestal­tung und die Inte­gra­tion in die Auf­bau- und Ablau­for­gan­i­sa­tion einge­führt. Sozialen und method­is­chen Kom­pe­ten­zen wurde neben dem umfassenden Fach­wis­sen ein deut­lich stärk­er­er Stel­len­wert eingeräumt. Das Lern­sys­tem war als Präsen­zler­nen mit CBT (Com­put­er Based Train­ing) gestütztem Selb­stler­nen organ­isiert.

Für die öffentlichen Unfal­lver­sicherungsträger hat sys­temkonzept auf Basis des Cur­ricu­lums einen neugestal­teten Fern­lehrgang als Blend­ed-Learn­ing-Sys­tem mit dem Selb­stler­nen über Lek­tio­nen, damit verknüpften Sem­i­naren und der Bear­beitung von prak­tis­chen Auf­gaben im Betrieb entwick­elt. Bei­de Aus­bil­dungssys­teme sind 2001 an den Start gegan­gen und laufen bei den meis­ten Aus­bil­dungsträgern bis heute. In den 2000er Jahren wurde durch eine laufende Qual­itätssicherung das Cur­ricu­lum weit­er­en­twick­elt: Fach­lich-inhaltliche Erweiterun­gen betrafen vor allem das Arbeitss­chutz­man­age­ment, die Inte­gra­tion der Gesund­heits­förderung, die sozialen Beziehun­gen im Unternehmen und die stärkere Berück­sich­ti­gung der Leis­tungsvo­raus­set­zun­gen ver­schieden­er Per­so­n­en­grup­pen.

Mit der Grün­dung der DGUV wurde der Beschluss gefasst, das Sifa-Aus­bil­dungssys­tem erneut – vor allem didak­tisch – weit­erzuen­twick­eln. Von der Arbeits­gruppe Aus- und Weit­er­bil­dung (AAW) der DGUV wurde ein kom­pe­ten­zori­en­tiertes Aus­bil­dungsmod­el erar­beit­et. Mit der Umset­zung des Mod­ells in ein web­basiertes Blend­ed-Learn­ing-Sys­tem wurde sys­temkonzept 2016 beauf­tragt. Begleit­et wurde das Vorhaben von ein­er Pro­jek­t­gruppe der Unfal­lver­sicherungsträger.

Das Kompetenzprofil

Zu Beginn der Umset­zung stand die Ausar­beitung eines Kom­pe­ten­zpro­fils, das die Sifas befähi­gen soll, die aktuellen Her­aus­forderun­gen gut zu bewälti­gen und eine wirk­same Unter­stützungsleis­tung in den Unternehmen zu Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit zu erbrin­gen (Abb. 1). Der Betrieb als soziales Sys­tem rückt in den Mit­telpunkt der Unter­stützungs- und Beratungstätigkeit. Das erfordert ein umfassendes Kom­pe­ten­zpro­fil weit über die Fachkom­pe­tenz hin­aus.

Das Kom­pe­ten­zpro­fil wurde über den Kom­pe­ten­zat­las „Kode“ von Erpen­beck und Heyse (2007) für die Belange der Fachkräfte für Arbeitssicher­heit (Sifa) konkretisiert. Es ist durch die im Aus­bil­dungsmod­ell angelegten vier gle­ich­w­er­ti­gen Dimen­sio­nen dargestellt. Neben Wis­sen und method­is­chen Fer­tigkeit­en (Know-How) sind Hal­tung, soziale Kom­pe­ten­zen (Umgang mit anderen) und Selb­stkom­pe­tenz (Umgang mit sich selb­st) für ein wirk­sames Han­deln die hand­lung­sprä­gen­den Fak­toren. Das Kom­pe­ten­zpro­fil beschreibt 13 Kom­pe­ten­zen mit Teilkom­pe­ten­zen in ihren Sifa-spez­i­fis­chen Aus­prä­gun­gen. Das voll­ständi­ge Kom­pe­ten­zpro­fil ist über die DGUV ver­füg­bar.

Der Kompetenzerwerb in der weiterentwickelten Sifa-Ausbildung

Unter Kom­pe­tenz wird die Fähigkeit zur erfol­gre­ichen Bewäl­ti­gung kom­plex­er Anforderun­gen in spez­i­fis­chen Sit­u­a­tio­nen ver­standen (Strauch, A./Jütten, S./Mania, E. 2009). Das neue Aus­bil­dungskonzept wird dementsprechend durch das „Ler­nen an Hand­lungssi­t­u­a­tio­nen“ struk­turi­ert. Für die Entwick­lung war die Auswahl und Aus­gestal­tung der Hand­lungssi­t­u­a­tio­nen entschei­dend. Jede Hand­lungssi­t­u­a­tion muss so beschaf­fen sein, dass sie die Kom­pe­ten­zen­twick­lung in allen Bere­ichen ermöglicht, unter­stützt und fördert:

  • Das Aneignen des für die Sifa-Tätigkeit erforder­lichen Know-hows (repräsen­tiert in Wis­sens­bausteinen und Mini-Inputs) und der Fähigkeit­en im Umgang mit anderen und Umgang mit sich selb­st.
  • Das Einüben der Fähigkeit­en anhand von Beispiel­si­t­u­a­tio­nen (Arbeitssi­t­u­a­tio­nen, Organ­i­sa­tion­ssi­t­u­a­tio­nen).
  • Das Anwen­den in der eige­nen betrieblichen Prax­is.
  • Das Reflek­tieren über die eigene Kom­pe­ten­zen­twick­lung und die eige­nen Hand­lungs­be­din­gun­gen.

Für einen solch umfassenden Kom­pe­ten­z­er­werb wur­den zwölf Hand­lungssi­t­u­a­tio­nen entwick­elt, die die kom­plex­en Anforderun­gen der Sifa-Tätigkeit angemessen enthal­ten (Abb. 2).

Die Sifa-Lernwelt

Aus­ge­hend von den dem Aus­bil­dungsmod­ell zugrunde liegen­den Konzepten sys­temisch-kon­struk­tivis­tis­ch­er Didak­tik (Reich 2008, Arnold 2012) sind die angewen­de­ten Grund­prinzip­i­en:

  • selb­st­ges­teuertes,
  • pro­duk­tiv-kon­stru­ieren­des,
  • sit­u­a­tiv auf die Hand­lungssi­t­u­a­tio­nen aus der Prax­is aus­gerichtetes,
  • koop­er­a­tives und kol­lab­o­ra­tives sowie
  • emo­tionales Ler­nen.

Das Ler­nen erfol­gt in aufeinan­der bezo­ge­nen Lernarrange­ments im Selb­stor­gan­isierten Ler­nen (SOL), in Sem­i­nar­si­t­u­a­tio­nen und im prak­tis­chen Han­deln im eige­nen Betrieb. Kern des Lernarrange­ments ist ein ILIAS (Inte­gri­ertes Lern‑, Infor­ma­tions- und Arbeit­sko­op­er­a­tions-Sys­tem; eine freie Soft­ware zum Betreiben von Lern­plat­tfor­men) basiert­er Kurs – die Sifa-Lern­welt (Abb. 3). Sie enthält alle Ele­mente des Lernarrange­ments. Mit­telpunkt ist der „Park der Hand­lungssi­t­u­a­tio­nen“, über den alle Lern­prozesse ges­teuert wer­den. Hier sind auch alle Arbeit­saufträge enthal­ten. Alle Arbeit­sergeb­nisse wer­den auf die Plat­tform hochge­laden und ste­hen dem Kurs dort zur Ver­fü­gung. Die Bib­lio­thek enthält den notwendi­gen Wis­senspool in Form von Wis­sens­bausteinen und Mini-Inputs (Filme, WBTs etc). Die Werkzeughalle ergänzt das Wis­sen um das erforder­liche Meth­o­d­en­in­ven­tar. Der Aus­tausch erfol­gt über die Lounge. Für die Lern­phasen des Aneignens und Einübens ste­ht das Unternehmen „BeiSpiel“ zur Ver­fü­gung.

Hohen Stel­len­wert für die Kom­pe­ten­zen­twick­lung haben die Selb­stre­flex­ion in Lern­blogs, Port­fo­lios sowie struk­turi­erten Selb­st- und Fremd­be­w­er­tun­gen in der Kom­pe­tenzmes­sung. Für alle Lernse­quen­zen sind spez­i­fis­che Erwartung­shor­i­zonte for­muliert, die die Ler­nen­den erre­ichen müssen. Das gilt auch für die fünf Lern­er­fol­gskon­trollen, die über die Aus­bil­dung verteilt zu absolvieren sind. Das Beste­hen aller LEKs ist Voraus­set­zung für das Zer­ti­fikat über die Fachkunde.

Nah bei den Lernenden sein

Alle Lern­prozesse wer­den von Lern­be­gleit­ern unter­stützt – im Sem­i­nar sowie im SOL und im Prak­tikum. Ihre Auf­gabe beste­ht expliz­it nicht in der Wis­sensver­mit­tlung, son­dern der Unter­stützung des Lern­prozess­es. Für die Lern­be­gleit­er wurde eben­falls ein Kom­pe­ten­zpro­fil entwick­elt, das Grund­lage für deren Kom­pe­ten­zen­twick­lung ist. Eine entsprechende Qual­i­fizierung zum Lern­be­gleit­er ist unab­d­ing­bare Voraus­set­zung für die Auf­nahme der Tätigkeit.

Inhaltliche Weiterentwicklungen

  • Aus­bau der Berater­rolle: nicht auss­chließlich der Fach­ex­perte in allen Fachge­bi­eten des Arbeitss­chutzes, son­dern auch die Begleitung von Prozessen, damit gute Entschei­dun­gen zur Verbesserung der Arbeits­be­din­gun­gen und der geeigneten Organ­i­sa­tion getrof­fen wer­den.
  • Umfassende Betra­ch­tung der Arbeits­be­din­gun­gen: Alle Ein­wirkun­gen auf Gesund­heit und Sicher­heit bei der Arbeit als Gegen­stand von Analyse und Gestal­tung, z.B. Gefährdun­gen, Belas­tun­gen und gesund­heitliche Ressourcen. Denn die Tech­nik ist mit­tler­weile nicht mehr alleiniger Mit­telpunkt des Arbeitss­chutzes.
  • Arbeitssys­teme umfassend gestal­ten: bessere Arbeits­be­din­gun­gen einge­bet­tet in die betrieblichen Gestal­tungsziele für die Arbeitssys­teme und Anwen­den von Gestal­tung­sprinzip­i­en
  • Arbeitss­chutz­man­age­ment und Präven­tion­skul­tur als miteinan­der ver­bun­dene Gestal­tungs­felder für Sicher­heit und Gesund­heit

Fazit

Ein weit­eres Kapi­tel der Sifa-Aus­bil­dung ist aufgeschla­gen. Das weit­er­en­twick­elte Aus­bil­dungssys­tem wirkt den in der Sifa-Langzeit­studie nachgewiese­nen Defiziten für eine wirk­same Sifa-Tätigkeit ent­ge­gen und zielt auf den betrieblichen Nutzen. Das Rol­len­be­wusst­sein wird deut­lich geschärft und reflek­tiert­er. Die Beratungs­fähigkeit ist durchgängig in der Aus­bil­dung präsent. Die Sifa-Aus­bil­dung ist pass­fähig zu den aktuellen Her­aus­forderun­gen in Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft gewor­den. Die dig­i­tale Trans­for­ma­tion wird es mit ihren hohen Wand­lungs­geschwindigkeit­en erforder­lich machen, das Kom­pe­ten­zpro­fil weit­er zu schär­fen und das Aus­bil­dungssys­tem laufend weit­erzuen­twick­eln. Die Evo­lu­tion bleibt im Gange.

Lit­er­atur

  • Arnold R. (2012): Wie man lehrt, ohne zu belehren. Hei­del­berg: Carl-Auer
  • Eick­holt C., Hamach­er, W., Rier­ing, G., Wegen­er, A., Schröder, M., Reitz,R. (2017), Kom­pe­ten­zpro­fil der Fachkraft für Arbeitssicher­heit. DGUV
  • Erpen­beck, J. (2007): KODE®– Kom­pe­tenz-Diag­nos­tik und ‑Entwick­lung. In: Erpen­beck J., Rosen­stiel, L. von: Hand­buch Kom­pe­tenzmes­sung. Stuttgart: Schäf­fer-Poeschel Ver­lag. S. 489ff.
  • Heyse,V. (2007): KODE®X–Kompetenz-Explorer. In: Erpen­beck J., Rosen­stiel, L. von: Hand­buch Kom­pe­tenzmes­sung. Stuttgart: Schäf­fer-Poeschel Ver­lag. S. 504ff.
  • Reich, K. (2008): Kon­struk­tivis­tis­che Didak­tik. Wein­heim, Basel: BeltzVer­lag

Foto: © sys­temkonzept

Autor:

Wern­er Hamach­er

Geschäfts­führer sys­temkonzept – Gesellschaft für Sys­tem­forschung und Konzepten­twick­lung

E‑Mail: werner.hamacher@systemkonzept.de


Foto: © sys­temkonzept
Foto: © sys­temkonzept
Foto: © sys­temkonzept

Autorin­nen:
Claris­sa Eick­holt

Anja Winkel­mann
Gabriele Rier­ing

sys­temkonzept GmbH

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