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Umgang mit Gewalt am Arbeitsplatz

Präventionsansatzpunkt: Schwelende Konflikte und Aggressionen
Umgang mit Gewalt am Arbeitsplatz

Gewalt am Arbeitsplatz
Foto: © tiko - stock.adobe.com
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Gewalt tritt in vie­len Erschei­n­ungs­for­men auf. Wer Gewalt ausübt, hat Macht, will sie beweisen oder durch­set­zen. Das Ungle­ichgewicht der Kräfte ist auch ein Aus­lös­er für über­grif­figes Ver­hal­ten am Arbeit­splatz. Bes­timmte Beruf­s­grup­pen sind zudem ver­stärkt mit Gewalt am Arbeit­splatz in Form von Ver­bal­at­tack­en und tätlichen Angrif­f­en von außen kon­fron­tiert. Ein Ansatzpunkt zur Präven­tion sind die Vorstufen von Gewalt: schwe­lende Kon­flik­te und Aggressionen.

Jede Hand­lung, Begeben­heit oder jedes Ver­hal­ten, wodurch eine Per­son bei der Arbeit bedro­ht, schw­er belei­digt, ver­let­zt oder ver­wun­det wird, gilt als Gewalt am Arbeit­splatz, so die Def­i­n­i­tion der Inter­na­tionalen Arbeit­sor­gan­i­sa­tion (ILO) und der Europäis­chen Union (EU). Die ILO stellte zu ihrem 100-jähri­gen Beste­hen im Jahr 2019 den Hand­lungs­be­darf auf diesem Gebi­et her­aus und ver­ab­schiedete dazu ein neues Übereinkom­men. Demzu­folge stellen Gewalt und Beläs­ti­gun­gen in der Arbeitswelt eine Men­schen­rechtsver­let­zung dar, die mit men­schen­würdi­ger Arbeit nicht vere­in­bar ist.

In der Wis­senschaft unter­schei­det man zwis­chen per­son­aler und struk­tureller Gewalt. Struk­turelle Gewalt geht von gesellschaftlichen Bedin­gun­gen aus, unter denen Men­schen leben. Dazu zählen in der Arbeitswelt zum Beispiel per­ma­nen­ter Zeit­druck oder schlechte Arbeitsbedingungen.

In diesem Spezial geht es jedoch auss­chließlich um Gewalt, die von Per­so­n­en aus­ge­ht und die sich auf physis­ch­er (kör­per­lich­er) und/oder psy­chis­ch­er (seel­is­ch­er) Ebene äußert beziehungsweise auswirkt.

Sichtbare und unsichtbare Folgen

Die Fol­gen von kör­per­lich­er Gewalt sind offen­sichtlich: Einen Schlag und einen Schmerzenss­chrei kann man hören. Die Ver­fär­bung der Haut nach ein­er Gewaltver­let­zung ist tage­lang sicht­bar. Anders ist das bei ver­baler Gewalt: Belei­di­gun­gen oder Dro­hun­gen wer­den im Gespräch oder Tele­fonat oft ohne Zeu­gen geäußert. Ihre Auswirkun­gen sind zudem nicht unmit­tel­bar erkennbar. Auch die neuen For­men von Gewalt, die durch die dig­i­tal­en Medi­en hinzugekom­men sind, verur­sachen primär keine kör­per­lichen Schä­den. Seel­is­che Ver­let­zun­gen und Wun­den, die Worte und Bilder verur­sachen kön­nen, sind nicht sichtbar.

Konflikt – Aggression – Gewalt

Im Zusam­men­hang mit Gewalt wer­den häu­fig die Begriffe Aggres­sion oder Kon­flikt benutzt. Wie hän­gen sie zusam­men? Kon­flik­te entste­hen, wenn unter­schiedliche Inter­essen, Bedürfnisse, Ziele oder Wertvorstel­lun­gen aufeinan­dertr­e­f­fen. Kon­flik­te sind Teil des men­schlichen Zusam­men­lebens. Kon­flik­te kön­nen zu Gewalthand­lun­gen führen. Doch nicht der Kon­flikt an sich löst Gewalt aus, son­dern der falsche Umgang damit. Wird ein Kon­flikt „unter den Tep­pich gekehrt“, also ver­drängt, oder wird dazu geschwiegen, schwelt er weit­er. Im „Unter­grund“ machen sich dann Wider­stände und Aggres­sio­nen bre­it. So kann es aus schein­bar „heit­erem Him­mel“ zu einem Gewal­taus­bruch kom­men. Bere­its eine Nichtigkeit kann zum Aus­lös­er wer­den. Deshalb ist es wichtig, Kon­flik­te anzus­prechen, kon­struk­tiv zu bear­beit­en und zu lösen.

Aggres­sion ist eine Vorstufe der Gewalt. Der Begriff kommt aus dem Lateinis­chen und bedeutet „an eine Sache herange­hen“ oder „etwas in Angriff nehmen“. Beim Sport kann man aggres­sives Ver­hal­ten zum Beispiel beim Hand­ball erleben. Hier muss der Drang, ein Tor zu erzie­len, erkennbar sein, da im anderen Falle die geg­ner­ische Mannschaft wegen Zeit­spiel den Ball erhält. Schlägt die Aggres­sion jedoch in Gewalt um, nimmt sie eine Form an, die sozial nicht akzept­abel ist. Beim Hand­ball wird solch ein Ver­hal­ten mit einem Frei­wurf, ein­er gel­ben oder roten Karte oder ein­er Zeit­strafe geahndet.

Gewalt in der Arbeitswelt

Die Gewalt­bere­itschaft in der Gesellschaft hat in jün­ger­er Zeit zugenom­men. Das hat auch Auswirkun­gen auf die Arbeitswelt. Laut Sta­tis­tiken der Unfal­lver­sicherungsträger treten ver­mehrt aggres­sive Hand­lun­gen als Unfal­lur­sache auf. So ist die Zahl der Gewal­tun­fälle bei der Arbeit von 2011 bis 2016 um 22 Prozent gestiegen. 2016 wur­den 10.432 Arbeit­sun­fälle durch Ein­wirkung von psy­chis­ch­er oder physis­ch­er Gewalt gemeldet. Das waren 1,4 Prozent aller meldepflichti­gen Unfälle. Und das sind nur die Fälle, die mehr als drei Tage Arbeit­sun­fähigkeit nach sich ziehen. Die Zahl der nicht meldepflichti­gen Gewal­tereignisse ist wesentlich höher.

Gewalt am Arbeitsplatz: Gefährdete Berufssparten

Laut der Europäis­chen Agen­tur für Sicher­heit und Gesund­heitss­chutz am Arbeit­splatz (EU-OSHA) müssen über 57 Prozent der Beschäftigten in der Europäis­chen Union (EU) mit schwieri­gen Per­so­n­en umge­hen. Jed­er zehnte ist bei der Arbeit physis­ch­er oder psy­chis­ch­er Gewalt ausgesetzt.

Betrof­fen von Gewal­tat­tack­en, oft ver­bun­den mit kör­per­lich­er Gewalt, sind beson­ders Pflegekräfte – vor allem in psy­chi­a­trischen Kliniken –, Mitar­beit­er im öffentlichen Trans­portwe­sen, Kassier­er, Polizis­ten und Sicher­heitsper­son­al, zunehmend aber auch Ret­tungssan­itäter. Zugenom­men haben die Über­fälle in Spiel­hallen eben­so wie die Angriffe auf Mitar­beit­er in Sozial‑, Aus­län­der- oder Jus­tizbe­hör­den. Selb­st in Call-Cen­tern trifft unhöflich­es und belei­di­gen­des Ver­hal­ten die Mitar­beit­er oft heftig.

Nicht nur der Kon­takt mit schwieri­gen Klien­ten, Krim­inellen oder Dro­gen­ab­hängi­gen erhöht das Sicher­heit­srisiko. Auch wer alleine oder nachts arbeit­et, ist ver­stärkt gefährdet. Und Mob­bing-Attack­en, sex­uelle Beläs­ti­gun­gen sowie aggres­sives Ver­hal­ten von Kol­le­gen oder Vorge­set­zten gibt es in allen Branchen und auf allen Ebenen.

Neue Formen von Gewalt

Mit Nutzung des Com­put­ers und Handys haben sich neue For­men von Gewalt entwick­elt. Von „Cyber­bul­ly­ing“ spricht man, wenn in SMS, E‑Mails oder in Cha­t­rooms Per­so­n­en ver­leumdet, bedro­ht oder belästigt wer­den. Cyber­bul­ly­ing ist also eine dig­i­tale Form von Mob­bing. Mit „Snuff­ing“ beze­ich­net man Sit­u­a­tio­nen, in denen vor laufend­er Kam­era Men­schen grausam ver­let­zt oder getötet wer­den. Die Videos wer­den anschließend im Inter­net ver­bre­it­et und Unbeteiligte dadurch „gezwun­gen“, sie anzuschauen. Beim „Shit­storm“ han­delt es sich laut Duden um einen „Sturm der Entrüs­tung in einem Kom­mu­nika­tion­s­medi­um des Inter­nets, der zum Teil mit belei­di­gen­den Äußerun­gen ein­herge­ht“. Die ver­balen Angriffe wer­den häu­fig anonym oder unter einem Pseu­do­nym durchge­führt. Geht ein Shit­storm viral, wie es in der dig­i­tal­en Welt heißt, kann eine Per­son bis zu Tausenden Has­s­botschaften erhalten.


Definition der WHO

Die Welt­ge­sund­heit­sor­gan­i­sa­tion WHO definiert Gewalt in dem Bericht „Gewalt und Gesund­heit“ (2002) fol­gen­der­maßen: „Gewalt ist der tat­säch­liche oder ange­dro­hte absichtliche Gebrauch von physis­ch­er oder psy­chol­o­gis­ch­er Kraft oder Macht, die gegen die eigene oder eine andere Per­son, gegen
eine Gruppe oder Gemein­schaft gerichtet ist und die tat­säch­lich oder mit hoher Wahrschein­lichkeit zu Ver­let­zun­gen, Tod, psy­chis­chen Schä­den, Fehlen­twick­lung oder Depri­va­tion führt.“


Foto: privat

Autorin: Bet­ti­na Brucker

Freie Autorin und Journalistin

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