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Bedarf an Fachkräften für Arbeitssicherheit

Haben wir genug? Haben wir für die Zukunft die Richtigen?
Bedarf an Fachkräften für Arbeitssicherheit

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Der Fachver­band Psy­cholo­gie für Arbeitssicher­heit und Gesund­heit e.V. (PASiG) fördert die Forschung und Anwen­dung von inter­diszi­plinärem Wis­sen und Erken­nt­nis­sen im Arbeitss­chutz. Die tief­greifend­en Verän­derun­gen in der Arbeitswelt erfordern ein mul­ti­diszi­plinäres Vorge­hen. Vor allem Kom­pe­ten­zen aus der Arbeit­spsy­cholo­gie, Arbeitswissenschaft/Ergonomie, Arbeit­shy­giene und Gesund­heitswis­senschaft sind neben Sicher­heit­stech­nik und Arbeitsmedi­zin erforder­lich. Sie tra­gen dazu bei, sowohl per­sön­lich­es Ver­hal­ten, die Arbeit und ihre Umge­bung, als auch sys­temis­che Prozesse in Unternehmen zu opti­mieren. Mit gemein­samen inter­diszi­plinären Bestre­bun­gen kann die Arbeitswelt bess­er und bedarf­s­gerechter geschützt wer­den und die Gesund­heit im Berufs- und Pri­vatleben gefördert werden.

Die Betreu­ung nach dem Arbeitssicher­heits­ge­setz beruht bis­lang auf zwei Säulen: Betrieb­särzte und Fachkräfte für Arbeitssicher­heit (Sifa). Auf der betrieb­särztlichen Seite beste­ht eine deut­liche Betreu­ungslücke, die sich auf­grund des Man­gels an Arbeitsmedi­zin­ern eher noch ver­schär­fen wird (Barth, Hamach­er, Eick­holt 2014). Was kön­nen Fachkräfte für Arbeitssicher­heit in der Betreu­ung leis­ten und wie muss die Zusam­me­nar­beit mit weit­eren Pro­fes­sio­nen gestal­tet wer­den, um eine wirk­same, qual­i­ta­tiv gute ASiG-Betreu­ung jet­zt und in Zukun­ft zu gewährleisten?

Haben wir genug Fachkräfte für Arbeitssicherheit?

In einem Forschung­spro­jekt für die Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedi­zin wurde unter­sucht, inwieweit das 2016 ver­füg­bare Ange­bot sicher­heit­stech­nis­ch­er Betreu­ung quan­ti­ta­tiv und qual­i­ta­tiv in der Lage bzw. wie es weit­erzuen­twick­eln ist, um den Anforderun­gen der Arbeitswelt heute und in der Zukun­ft gerecht zu wer­den (Barth, Eick­holt, Hamach­er, Schmaud­er 2017). Anhand von Sekundär­analy­sen der ver­füg­baren Dat­en und Szenar­i­otech­niken wur­den die quan­ti­ta­tiv­en und qual­i­ta­tiv­en Betreu­ungs­be­darfe und ‑kapaz­itäten ermit­telt und bew­ertet. Aus der Analyse der Wand­lungstrends mit Ein­fluss auf den betrieblichen Arbeitss­chutz wur­den Anforderun­gen an die Weit­er­en­twick­lung des Kom­pe­ten­zpro­fils der Fachkräfte für Arbeitssicher­heit (Sifa) abgeleit­et und mit den aus Ein­gangsqual­i­fika­tion sowie Aus- und Fort­bil­dung erwart­baren Kom­pe­ten­zen abgeglichen.

Die Zahl der täti­gen bzw. dem Markt zur Ver­fü­gung ste­hen­den Sifas wird bis­lang nicht sys­tem­a­tisch erfasst. Aus­ge­hend von den vali­den Zahlen der aus­ge­bilde­ten Sifas wur­den alle Ein­flussgrößen auf Bedarf und Kapaz­ität ermit­telt und anhand von ver­füg­baren Dat­en abgeschätzt, in je drei Szenar­ien abge­bildet und gegenübergestellt.

Gegen­wär­tig ste­ht je nach Szenario dem Zeitbe­darf an sicher­heit­stech­nis­ch­er Betreu­ung zwis­chen 17,3 und 37,6 Mio. Stun­den pro Jahr eine ver­füg­bare Kapaz­ität zwis­chen 34,8 und 61 Mio. Stun­den pro Jahr gegenüber. Damit kön­nen die gegen­wär­tig ver­füg­baren 52.400 bis 59.700 Fachkräfte für Arbeitssicher­heit den gegen­wär­ti­gen Bedarf deck­en. Eine bun­desweite Betreu­ungslücke ist nicht erkennbar und für die Zukun­ft auf­grund nicht zu erwartender größer­er Bedarfsverän­derun­gen und bei Weit­erbeste­hen des leis­tungs­fähi­gen Kapaz­itätssys­tems nicht zu erwarten.

Haben wir die richtigen Fachkräfte für Arbeitssicherheit?

Schon gegen­wär­tig ist für die sicher­heit­stech­nis­che Betreu­ung ein anspruchsvolles, umfassendes Kom­pe­ten­zpro­fil der Fachkräfte für Arbeitssicher­heit erforder­lich, das aus den aktuellen und zukün­fti­gen Anforderun­gen aus Arbeit und Gesellschaft ableit­et wurde.

Erwart­bare Kom­pe­ten­zen der Sifas zur Erfül­lung dieses anspruchsvollen Pro­fils begrün­den sich aus der vom ASiG bis­lang geforderten tech­nis­chen Ein­gangsqual­i­fika­tion, den unter­schiedlichen Aus­bil­dungs­gän­gen zur Ver­mit­tlung der sicher­heit­stech­nis­chen Fachkunde und der in Anspruch genomme­nen Fort­bil­dung von Sifas. Es gibt bis­lang keine empirischen Dat­en zur tat­säch­lichen Kom­pe­tenzmes­sung bei Sifas.

Der Soll-Ist-Abgle­ich von Kom­pe­ten­zan­forderun­gen und erwart­baren Kom­pe­tenz zeigt, dass die gegen­wär­tig ver­füg­baren Fachkräfte für Arbeitssicher­heit ein­er­seits dur­chaus über umfan­gre­iche Kom­pe­ten­zen zur Bewäl­ti­gung der Rol­lenan­forderun­gen und Auf­gaben ver­fü­gen. Ander­er­seits beste­hen aber auch heute schon erhe­bliche Kom­pe­ten­zde­fizite in bes­timmten Bere­ichen. Diesen soll ab dem Jahr 2019 mit einem weit­er­en­twick­el­ten Aus­bil­dungssys­tem begeg­net wer­den, dessen Pilotierung im April 2019 erfol­gre­ich abgeschlossen wurde.

  • Auf­grund der Defizite der gegen­wär­ti­gen Aus­bil­dung, wie sie seit 2001 bis heute erfol­gt (56 Prozent aller derzeit täti­gen Fachkräfte für Arbeitssicher­heit), ist damit zu rech­nen, dass gegenüber dem aktuellen Kom­pe­ten­zpro­fil Kom­pe­ten­zde­fizite ins­beson­dere bei den hand­lung­sprä­gen­den Fak­toren „Umgang mit anderen“ und „Umgang mit sich selb­st“ beste­hen. Hierzu erfol­gen auch kaum Fortbildungsmaßnahmen.
  • Bei den 44 Prozent der täti­gen Fachkräfte für Arbeitssicher­heit, die die Aus­bil­dung nach den Grundlehrgän­gen A, B, C absolviert haben, ist mit weit­erge­hen­den grundle­gen­den Kom­pe­ten­zde­fiziten zu rech­nen. Durch erfol­gte Anpas­sungsqual­i­fizierung, Fort­bil­dung, informelles Ler­nen im Betrieb und in Net­zw­erken sowie on the job beim prak­tis­chen Tätig­sein wird nur ein begren­zter Teil dieser Defizite aus­geglichen wor­den sein.

Die Analyse der in den näch­sten zehn Jahre zu erwartenden Verän­derun­gen in Arbeitswelt und Gesellschaft – soweit diese über­haupt klar zu prog­nos­tizieren sind – und der daraus resul­tieren­den Anforderun­gen ver­schär­fen die Prob­lematik. In zehn Jahren wer­den immer noch 70 Prozent der täti­gen Sifas aus diesen Aus­bil­dungssys­te­men stam­men. Eine alleinige tech­nis­che Grund­kom­pe­tenz ist immer weniger hin­re­ichende Grund­lage zur Bewäl­ti­gung der Arbeitss­chutzan­forderun­gen der sich unter dem Ein­fluss der Dig­i­tal­isierung rasch wan­del­nden Arbeitswel­ten. Kom­pe­tenz­zuwächse sind ins­beson­dere bei den sozialen Beratungskom­pe­ten­zen erforder­lich, um die Unternehmen bei der Beherrschung der Wand­lung­sprozesse unter­stützen zu können.

Anforderungen an eine wirksame ASiG-Betreuung

Schlüs­sel zum Erfolg sind die Unter­stützungs- und Beratungskom­pe­ten­zen und die Anschlussfähigkeit an die Führungskräfte und die konkreten betrieblichen Bedarfe unter Beach­tung aller Ein­flussgrößen auf Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit. Eine solch umfassende bedarf­s­gerechte Betreu­ung erfordert die Per­spek­tive auf den betrieblichen Arbeitss­chutz aus ein­er Vielzahl von Pro­fes­sio­nen. Schon heute ler­nen Sifas in der Aus­bil­dung den Blick auf die Dinge aus ein­er Vielzahl von Fachrich­tun­gen. Dies lässt sich unter den derzeit­i­gen Rah­menbe­din­gun­gen (Ein­gangsqual­i­fika­tio­nen, geset­zlich­er Rah­men, berufs­be­glei­t­ende Aus­bil­dung mit begren­ztem Zei­tansatz) aber nicht wie notwendig ver­bre­it­ern und ver­tiefen. Im Hin­blick auf das sehr anspruchsvolle Kom­pe­ten­zpro­fil für Fachkräfte für Arbeitssicher­heit und die erkennbaren Prob­leme, dies in der Bre­ite und gegebe­nen­falls Tiefe umfassend erfüllen zu kön­nen, emp­fiehlt sich zukün­ftig fol­gen­der Weg:

  • Keine weit­ere Aus­dehnung der Kom­pe­ten­zan­forderun­gen an Inge­nieure, Tech­niker, Meis­ter auf Know-how-Felder ander­er Pro­fes­sio­nen; stattdessen Ein­beziehung ander­er Pro­fes­sio­nen, die auf­grund ihrer Aus­gangsqual­i­fika­tion über bessere Grund­la­gen in diesen Feldern ver­fü­gen. Somit wer­den die Kernkom­pe­ten­zen der Fachkraft für Arbeitssicher­heit – um notwendi­ge kom­ple­men­täre Kom­pe­ten­zen ander­er Akteure erweit­ert – vielfältiger wer­den. Dies sollte entsprechend auch für Betrieb­särzte gelten.
  • Es sind ergänzend zu Sifas und Betrieb­särzten ins­beson­dere Pro­fes­sio­nen erforder­lich, die über Kom­pe­ten­zen ver­fü­gen zur Ini­ti­ierung von sozialen Prozessen in Unternehmen sowie zur Organ­i­sa­tions- und Per­son­alen­twick­lung. Benötigt wer­den Beratungsstrate­gien, die auf die Entwick­lung von Unternehmens- und Präven­tion­skul­turen, Man­age­men­tkonzepte, Ini­ti­ierung und Steuerung von kon­tinuier­lichen Verbesserung­sprozessen (KVP) sowie von Change­prozessen zur Bewäl­ti­gung des Wan­dels von Arbeit und Organ­i­sa­tio­nen aus­gerichtet sind.

Für eine wirk­same und qual­i­ta­tiv hochw­er­tige Betreu­ung sind fol­gende Aspek­te von beson­der­er Bedeutung:

  • Eine pro­fes­sion­sun­ab­hängige und ‑über­greifende Ermit­tlung des konkreten Unter­stützungs­be­darfs, der strikt auf die betrieblichen Prob­lem­stel­lun­gen aus­gerichtet ist und nicht auf das was die jew­eili­gen Akteure immer schon getan haben oder eben gut kön­nen. Für eine solche Bedarf­ser­mit­tlung sind neue Instru­mente und Konzepte zu entwick­eln. Ziel der Bedarf­ser­mit­tlung ist ein­er­seits die Klärung wozu Unter­stützung benötigt wird. Ander­er­seits ist das Ziel die Entwick­lung von pass­ge­nauen Gestal­tungslö­sun­gen, zu der jede Pro­fes­sion das beiträgt, was sie aus ihren jew­eili­gen Kernkom­pe­ten­zen leis­ten kann.
  • Eine solche Bedarf­sori­en­tierung erfordert eine Gefügeleis­tung „aus einem Guss“. Das Zusam­men­wirken von mehreren Pro­fes­sio­nen benötigt ein wirk­sames Koop­er­a­tions­man­age­ment. Eine bloße Koor­di­na­tion im Sinne der Abstim­mung, wer macht was, ist zu wenig. Ziel ist es, eine Gefügeleis­tung zu etablieren, die aus­ge­hend vom konkreten Bedarf die Aktiv­itäten der Pro­fes­sio­nen so steuert, dass sie entsprechend konkreter gemein­samer Ziele die Unternehmen ineinan­der­greifend unter­stützen, pass­ge­naue Gestal­tungslö­sun­gen zu entwick­eln und umzuset­zen. Hierzu sind eine inter­diszi­plinäre Kom­mu­nika­tion (Ver­ständi­gung auf das Prob­lem und seine Behand­lung, aus unter­schiedlichen Per­spek­tiv­en miteinan­der reden, Ver­ständi­gen auf Ziele) und Koop­er­a­tion (gemein­sames Han­deln) der Arbeitss­chutzex­perten notwendig. Koop­er­a­tion ver­langt eine het­er­ar­chis­che Ver­net­zung der Unter­stützungsak­teure: Führung und Man­age­ment von Koop­er­a­tion soll betriebs- und fall­be­zo­gen im Betrieb von den Akteuren über­nom­men wer­den, die jew­eils über die besten Kom­pe­ten­zen hierzu verfügen.

Lit­er­atur

  • Barth, Ch.; Hamach­er, W.; Eick­holt, C. (2014): Arbeitsmedi­zinis­ch­er Betreu­ungs­be­darf in Deutsch­land. BAuA-Forschung­spro­jekt F 2326. Dortmund/Berlin/Dresden
  • Barth C., Eick­holt, C., Hamach­er, W., Schmaud­er, M. (2017). Bedarf an Fachkräften für Arbeitssicher­heit in Deutsch­land. Dortmund/Berlin/Dresden: Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedizin.
Abb. 1: Bilanzierung der quan­ti­ta­tiv­en Bedarfs- und Kapaz­itätsszenar­ien für Fachkräfte für Arbeitssicher­heit (Barth, Eick­holt, Hamach­er, Schmaud­er 2017)
Abb. 2: Aktuelles Kom­pe­ten­zpro­fil für Fachkräfte für Arbeitssicher­heit (Barth, Eick­holt, Hamach­er, Schmaud­er 2017, S. 97)
Abb. 3: Bedarf­sori­en­tierung und Koop­er­a­tion in der ASiG Betreuung

Foto: privat

Autor: Wern­er Hamacher
Sys­temkonzept, Köln

E‑Mail: werner.hamacher@
systemkonzept.de


Literatur

  • Barth, Ch.; Hamach­er, W.; Eick­holt, C. (2014): Arbeitsmedi­zinis­ch­er Betreu­ungs­be­darf in Deutsch­land. BAuA-Forschung­spro­jekt F 2326. Dortmund/Berlin/Dresden
  • Barth C., Eick­holt, C., Hamach­er, W., Schmaud­er, M. (2017). Bedarf an Fachkräften für Arbeitssicher­heit in Deutsch­land. Dortmund/Berlin/Dresden: Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedizin.
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