Startseite » Sicherheit » Arbeitsschutzorganisation » Verhal­tens­ori­en­tier­ter Arbeits­schutz

Jeder Unfall ist einer zu viel

Verhal­tens­ori­en­tier­ter Arbeits­schutz

Anzeige
Bei Infra­serv Knap­sack, Indus­trie­dienst­leis­ter und Betrei­ber eines großen Chemie­parks in Hürth bei Köln, ist der Arbeits­schutz schon lange kein bloßes Lippen­be­kennt­nis, sondern gelebte Praxis. Doch auch hier konnte der tech­ni­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Arbeits­schutz allein die Unfall­zah­len nicht weiter sinken lassen.

Auf der Suche nach alter­na­ti­ven Heran­ge­hens­wei­sen star­tete das Unter­neh­men daher ein Projekt, das die Einstel­lung der Führungs­kräfte und Mitar­bei­ter zum Thema Sicher­heit in den Fokus rücken sollte. Wie man die Beschäf­tig­ten für den Arbeits­schutz begeis­tert, sie für ein sicher­heits­ori­en­tier­tes Verhal­ten sensi­bi­li­siert und was eine gewisse Pauli­ene damit zu tun hat, davon berich­tet dieser Arti­kel.

Chris­tine Ganss verstärkt seit 2014 das Team Arbeits­si­cher­heit bei Infra­serv Knap­sack. Die Sicher­heits­in­ge­nieu­rin ist nach wie vor beein­druckt, wie wich­tig der Arbeits­schutz für die Unter­neh­mens­füh­rung von Knap­sack ist: „Erst vergan­gene Woche sagte eine der Führungs­kräfte, sollte nur einer unse­rer Mitar­bei­ter nach geta­ner Arbeit abends nicht hundert­pro­zen­tig gesund wieder nach Hause gehen können, sei alles andere bedeu­tungs­los. Arbeits­si­cher­heit, das ist hier nicht nur ein Lippen­be­kennt­nis, sondern steht mit den ökono­mi­schen Zielen gleich­ran­gig ganz weit oben in der Unter­neh­mens­phi­lo­so­phie.“

Brei­tes Aufga­ben­spek­trum

Ganss gehört zu einem Team aus acht Arbeits­schutz­ex­per­ten und Sicher­heits­in­ge­nieu­ren, das nicht nur das eigene Unter­neh­men mit seinen über 1.000 Mitar­bei­tern, sondern als über­be­trieb­li­cher Dienst teil­weise auch die im Chemie­park Knap­sack ange­sie­del­ten Kunden­un­ter­neh­men betreut. Chris­tian Ballion, die leitende Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit, erklärt: „Das Spek­trum unse­rer Aufga­ben ist wahr­haft weit. Vom Arbeits­schutz in den Küchen bis hin zu den in den tech­ni­schen Anla­gen gehört alles zu unse­rem Aufga­ben­feld. Dabei sind wir oft auch für unsere Kunden­un­ter­neh­men im Einsatz.“

Unfälle, zumin­dest solche mit schwe­ren Verlet­zun­gen oder sogar mit Todes­folge, sind in der chemi­schen Indus­trie längst nicht mehr an der Tages­ord­nung: Die Unfall­zah­len konn­ten – insbe­son­dere seit den 70er Jahren – konti­nu­ier­lich gesenkt werden, bis sie vor etwa sechs, sieben Jahren nicht mehr weiter fielen. Der tech­ni­sche, orga­ni­sa­to­ri­sche und persön­li­che Arbeits­schutz (Schutz­aus­rüs­tun­gen) entfal­tete vor allem durch eine effek­tive und kompro­miss­lose Fehler­ur­sa­chen­ana­lyse von Unfäl­len seine volle Wirkung. Ballion erklärt: „Trotz aller ökono­mi­schen Nach­teile durch den Verzug nehmen wir uns die Zeit, die notwen­dig ist, um der Unfall­ur­sa­che genau auf den Grund zu gehen.“ Neben den Team-Mitgliedern der Arbeits­si­cher­heit sind noch die zustän­di­gen Team­lei­ter, Zeugen, Kunden­ver­tre­ter und weitere Führungs­kräfte betei­ligt.

Auch kleinste Verlet­zun­gen im Blick

Darüber hinaus geht es nicht nur um die Ursa­chen, sondern vor allem auch darum, wie man diesen Unfall hätte verhin­dern können. Mögli­che Unfall­ur­sa­chen werden bestimmt und so schnell wie möglich und nötig besei­tigt. Ballion meint: „Daher ist es wich­tig, auch Beinah-Unfälle zeit­nah zu melden oder selbst kleinste Verlet­zun­gen nicht unter den Teppich zu kehren. Anstelle einer einfa­chen klei­nen Schnitt­wunde hätte bei demsel­ben Vorfall auch etwas viel Schlim­me­res passie­ren können.“ Um alle Vorfälle iden­ti­fi­zie­ren, doku­men­tie­ren und ihren Ursa­chen nach­ge­hen zu können, müss­ten die Mitar­bei­ter begrei­fen, dass sie diese ohne Angst oder Scheu den Vorge­setz­ten melden können. „Bei der Fehler­ur­sa­chen­ana­lyse geht es nicht um eine Schuld­zu­wei­sung. Selbst wenn der Unfall aufgrund eines Fehlers des jewei­li­gen Mitar­bei­ters verur­sacht wurde, geht es uns einzig und allein darum, wie dieser in Zukunft verhin­dert werden kann.“ Arbeits­un­fälle und Beinahe-Unfälle werden doku­men­tiert und die Ergeb­nisse der Unfall­ana­ly­sen an die Mitar­bei­ter mittels E‑Mail, Safety-Boards und im Rahmen von Sicher­heits­ge­sprä­chen kommu­ni­ziert.

Kopf und Herz errei­chen

Trotz dieses hohen Arbeitsschutz-Standards im Unter­neh­men began­nen vor eini­gen Jahren die bis dato fallen­den Unfall­zah­len zu stagnie­ren. Für die Unter­neh­mens­füh­rung und die Arbeits­schutz­ex­per­ten im Betrieb gab es nur eine Schluss­fol­ge­rung, so Ballion: „Mit den bewähr­ten Maßnah­men konn­ten wir die Unfall­zah­len einfach nicht weiter senken. Darüber hinaus­ge­hende Verbes­se­run­gen ließen sich, da waren wir sicher, nur noch durch Maßnah­men errei­chen, die an der Moti­va­tion und dem Verhal­ten unse­rer Beschäf­tig­ten anset­zen.“ 2014 fiel deshalb der Start­schuss für „BBS“, Abkür­zung für das engli­sche „Beha­viour Based Safety“ (verhal­tens­ba­sierte oder verhal­tens­ori­en­tierte Sicher­heit). Mit diesem Konzept sollte jeder einzelne Mitar­bei­ter ange­spro­chen werden, sein eige­nes Verhal­ten in puncto Arbeits­si­cher­heit zu über­prü­fen und noch einmal verstärkt auf die Sicher­heit der Kolle­gen zu achten. „Dabei woll­ten und wollen wir nicht beleh­ren, sondern insbe­son­dere durch eine emotio­nale Anspra­che sowohl Kopf als auch Herz der Menschen errei­chen“, meint Chris­tine Ganss.

Externe Unter­stüt­zung

Als exter­nen Bera­ter zog Infra­serv Knap­sack die HRP Heinze Gruppe hinzu. Das Bera­tungs­un­ter­neh­men über­zeugte mit dem soge­nann­ten „Heinze-Prozess“, bei dem verhal­tens­ori­en­tier­ter Arbeits­schutz in folgen­den vier Stufen umge­setzt wird:

  • Fest­stel­lung des Ist-Zustands des Arbeits­schut­zes im Unter­neh­men
  • Fest­le­gung von Zielen
  • Umset­zung der Ziele vor allem mittels Gruppen-Schulungen, Work­shops und Semi­na­ren sowie anschlie­ßen­der Nach­schu­lun­gen und Einzel­schu­lun­gen in einer „Veran­ke­rungs­phase“
  • auf dem Erreich­ten aufbau­ende Zusatz­an­ge­bote zum Arbeits­schutz

Ganss kommen­tiert: „Mit dem Heinze-Prozess wird ein durch­dach­tes Konzept nicht einfach einem Unter­neh­men über­ge­stülpt, sondern man schaut, wie das Unter­neh­men bereits aufge­stellt ist und kann basie­rend darauf die beson­de­ren Bedin­gun­gen vor Ort nutzen, um das Konzept wirkungs­voll zu veran­kern.“

Pauli­ene: Schutz­wäch­te­rin des Betrie­bes

Um diesem spezi­fi­schen Ansatz auch symbo­lisch Ausdruck zu verlei­hen, wurde das Projekt „Wir – selbst­ver­ständ­lich sicher mit Pauli­e­n­ep­lus“ genannt. Pauli­ene, früher Paulin­chen, ist bereits seit vielen Jahren ein Symbol für den Arbeits­schutz im Chemie­park. Ganss erklärt den histo­ri­schen Bezug: „Auf den Schorn­stei­nen der Carbid­öfen am Stand­ort Knap­sack waren Fackeln ange­bracht. Eine dieser Fackeln wurde damals von den Arbei­tern Paulin­chen genannt und war für sie eine Art Schutz­wäch­te­rin des Werkes. Daraus ist im Laufe der Zeit der Name Pauli­ene als Symbol für die Sicher­heit im Chemie­park gewor­den. Und das Plus steht dafür, dass das Thema Arbeits­schutz bei Knap­sack für alle Mitar­bei­ter offen ist, um eigene Maßnah­men zur Verbes­se­rung des Arbeits­schut­zes vorzu­schla­gen und damit das Gesamt­pa­ket Arbeits­schutz noch viel­fäl­ti­ger zu machen.“

Die Einfüh­rungs­phase

Wie sah nun die Einfüh­rungs­phase der neuen Arbeits­schutz­ziele genau aus? Ganss erzählt: „Ziel war es, allen Beschäf­tig­ten zu zeigen, dass die Führungs­kräfte hundert­pro­zen­tig zu siche­rem Verhal­ten stehen und dass durch deren Begeis­te­rung für die Sache der Funke auch auf die Mitar­bei­ter über­springt.“ Dazu nahmen alle Hier­ar­chie­ebe­nen und Sonder­funk­ti­ons­trä­ger (Sicher­heits­fach­kräfte, Sicher­heits­be­auf­tragte, Betriebs­räte et cetera) an einem emotio­na­len Tages­work­shop zum verhal­tens­ori­en­tier­ten Arbeits­schutz teil. Die aus den verschie­den Unter­neh­mens­tei­len gebil­de­ten Klein­grup­pen wurden durch externe Trai­ner und beglei­tende Führungs­kräfte dabei unter­stützt, ihr Verhal­ten und ihre Einstel­lung zum siche­ren Verhal­ten im Arbeits­schutz zu verbes­sern.

Ballion und Ganss sind vom Erfolg des Projekts über­zeugt. Doch beide sind sich auch der Anstren­gun­gen bewusst, die es braucht, um das Thema Arbeits­schutz fest in allen Köpfen zu veran­kern. Konti­nu­ier­lich müsse man nach­jus­tie­ren, damit die Entwick­lung in die rich­tige Rich­tung geht. Wöchent­lich sitze man daher zusam­men, um den aktu­el­len Status quo mit den Zielen abzu­glei­chen.

Chris­tian Ballion unter­streicht: „Dabei müssen alle an einem Strang ziehen. Das Mitein­an­der bestimmt im Arbeits­schutz über Erfolg und Nicht­er­folg. Pausen­los müssen wir uns fragen, wo wir nach­steu­ern und besser werden müssen.“ Dem kann Chris­tine Ganss nur zustim­men: „Aus einem Projekt muss ein konti­nu­ier­li­cher Wand­lungs­pro­zess werden. Wir haben nur den einen Versuch. Aber wenn ich mich an die vor Begeis­te­rung leuch­ten­den Augen der Semi­nar­teil­neh­mer während der Einfüh­rungs­phase erin­nere, habe ich keinen Zwei­fel, dass es funk­tio­nie­ren wird.“


Autor: Dr. Joerg Hensiek

Fach­au­tor und freier Jour­na­list

Foto: privat

Infra­Serv GmbH & Co. KG Knap­sack KG

Die Infra­Serv GmbH & Co. Knap­sack KG ist als Dienst­leis­ter für die Planung, den Bau und Betrieb von Anla­gen eine trei­bende Kraft in der Prozess­in­dus­trie. Zudem betreibt die Infra­Serv Knap­sack den Chemie­park Knap­sack in Hürth. Im Jahr 2017 erzielte Infra­Serv Knap­sack zusam­men mit ihrer Toch­ter­ge­sell­schaft Infra­Serv Knap­sack OnSite Engi­nee­ring GmbH einen Umsatz von rund 201 Millio­nen Euro.

Anzeige

News­let­ter

Jetzt unse­ren News­let­ter abon­nie­ren

Meistgelesen

Jobs

Sicher­heits­be­auf­trag­ter

Titelbild Sicherheitsbeauftragter 9
Ausgabe
9.2019
ABO

Sicher­heits­in­ge­nieur

Titelbild Sicherheitsingenieur 9
Ausgabe
9.2019
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de