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Menschenwürdige Arbeit und ökonomisches Wachstum sind keine Gegensätze

Interview mit Dr. Annette Niederfranke (ILO)
„Menschenwürdige Arbeit und ökonomisches Wachstum sind keine Gegensätze“

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„Der Weltfriede kann auf die Dauer nur auf sozialer Gerechtigkeit aufgebaut werden.“ (Präambel der ILO-Verfassung von 1919) Foto: © adekub – stock.adobe.com
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Nach­haltigkeit hat viele Facetten und geht weit über ökol­o­gis­che The­men hin­aus. Sicher­heitsin­ge­nieur sprach mit Dr. Annette Nieder­franke, Direk­torin der Deutsch­land-Repräsen­tanz der Inter­na­tion­al Labour Asso­ci­a­tion, über den Ein­satz der ILO für men­schen­würdi­ge Arbeit, soziale Gerechtigkeit und Nach­haltigkeit ent­lang inter­na­tionaler Liefer­ket­ten (Anm. d. Redak: dieses Inter­view wurde im Anfang März 2020 geführt und in Sicher­heitsin­ge­nieur 4/2020 veröf­fentlicht; die Rel­e­vanz des The­mas hat durch die Coro­na-Pan­demie sog­ar noch zugenommen).

Frau Dr. Nieder­franke, wie definiert die ILO den Begriff Nachhaltigkeit?

Für die ILO ist seit ihrer Grün­dung und von ihrem Grund­man­dat her klar, dass zur Nach­haltigkeit men­schen­würdi­ge Arbeit und soziale Gerechtigkeit weltweit zählen. Dazu gehört der Bere­ich Arbeit, aber auch der Bere­ich der sozialen Absicherung. Die Arbeits­be­din­gun­gen müssen die Men­schen in die Lage ver­set­zen, ihr Leben finanziell zu bewälti­gen, und das ohne die Umwelt zu schädi­gen. Dort greift dann auch die unternehmerische Ver­ant­wor­tung, weil Unternehmen die Jobs schaf­fen. Wir haben einen großen Schw­er­punkt, bei dem es darum geht, Arbeit­splätze vor allem auch in der informellen Wirtschaft – also für immer­hin 61 Prozent der Men­schen weltweit – so zu gestal­ten, dass die ökol­o­gis­che Nach­haltigkeit gewährleis­tet ist, die Arbeits­be­din­gun­gen men­schen­würdig sind und die Men­schen davon leben können.

Stich­wort „weltweit“: Sind aus Ihrer Sicht diese glob­alen Dimen­sio­nen von Wirtschafts- und Arbeit­sprozessen allen Akteuren aus­re­ichend bewusst?

Wir sehen durch die Entwick­lungsziele der Vere­in­ten Natio­nen, dass dieser Bere­ich zunehmend in den Fokus gerät. Die ILO hat seit ihrer Grün­dung 1919 die weltweite Verknüp­fung von Arbeit und die Tat­sache, dass Men­schen ihre Län­der ver­lassen, um in anderen Län­dern zu arbeit­en, im Blick­feld gehabt — früher nan­nte man das Wan­der­ar­beit­er. Was neu hinzugekom­men ist und alles noch brisan­ter macht, ist tat­säch­lich der Punkt, dass viele Pro­duk­tion­sprozesse von Waren, aber auch von Dien­stleis­tun­gen, in glob­alen Ver­ket­tun­gen stat­tfind­en: Alles, was wir anziehen, und viele Dinge, die wir essen, wer­den nicht mehr dort pro­duziert, wo wir leben, son­dern häu­fig in anderen Kon­ti­nen­ten. Das macht die Wertschöp­fungs­ket­ten zu ein­er ganz beson­deren Her­aus­forderung für die Gestal­tung von Nach­haltigkeit – aber eigentlich auch zu einem guten Hebel. Allerd­ings muss man dabei natür­lich Län­der­gren­zen und die Gren­zen von Kon­ti­nen­ten über­winden und die Frage klären, wie man das rechtlich regeln kann. Das ist die Schwierigkeit, vor der wir heute stehen.

Wichtig ist, dass men­schen­würdi­ge Arbeit und ökonomis­ches Wach­s­tum – so heißt das achte Entwick­lungsziel – keine Gegen­sätze sind, son­dern zusam­menge­hen. Ein sehr zen­traler Punkt ist dabei die Geschlechter­frage. Wir haben in dem Bere­ich von men­schen­würdi­ger Arbeit tat­säch­lich immer noch eine beson­dere Last auf der Gruppe der Frauen, die in höch­stem Maße im informellen Sek­tor tätig sind, also in Bere­ichen wie Kinder­erziehung, Für­sorge, Lebens­mit­tel­erzeu­gung. In diesen Bere­ichen gibt es per se – es ist immer das gle­iche Muster – eine schlechtere Bezahlung, eine schlechtere soziale Absicherung und einen schlechteren Arbeitss­chutz. Daher arbeit­et die ILO auch stark für das fün­fte Entwick­lungsziel, also die Geschlechtergleichstellung.

Gibt es beim Blick auf die inter­na­tionale Arbeit­steilung weit­ere beson­ders wichtige Handlungsfelder?

Es sind mehrere Sachen, auf die wir acht­en müssen. Das eine ist, dass bis­lang sehr häu­fig oder fast auss­chließlich die Unternehmen aus west­lichen Indus­trien­atio­nen den wirtschaftlichen Nutzen der glob­alen Liefer­ket­ten haben, was auch zur Wertschöp­fung und zum Brut­tosozial­pro­dukt in diesen Län­dern beiträgt. Wir müssen erre­ichen, dass die Wertschöp­fung auch in Entwick­lungs- und Schwellen­län­dern stat­tfind­et, also am anderen Ende der Liefer­ket­ten. Dabei geht es unter anderem um eine Ver­lagerung von Geld, denn die Pro­duk­tion ist sehr bil­lig und ein großer Teil der Wertschöp­fung find­et in den Zwis­chen­bere­ichen statt, beispiel­sweise im Han­del. Daher ist es wichtig, die Liefer­ket­ten so zu gestal­ten, dass in den Pro­duk­tion­slän­dern aus­re­ichende Löhne gezahlt wer­den und soziale Absicherung stattfindet.

Wo set­zt die ILO da an?

Kern­man­dat der ILO ist es, inter­na­tionale Arbeit­snor­men zu entwick­eln. Inzwis­chen gibt es etwa 200 mit unter­schiedlichem Verbindlichkeits­grad. Den höch­sten Verbindlichkeits­grad haben acht Kernar­beit­snor­men, die tat­säch­lich im Rang von Men­schen­recht­en ste­hen – sie gel­ten unab­hängig davon, ob einzelne Län­der sie rat­i­fiziert oder in nationales Recht über­set­zt haben. Von diesen Kern­recht­en leit­en sich viele andere Dinge ab im Bere­ich Arbeitss­chutz und Arbeitssicherheit.

In den Län­dern gehen wir so vor, dass wir Regierun­gen bei der nationalen Geset­zge­bung berat­en, gle­ichzeit­ig im Bere­ich der Entwick­lungszusam­me­nar­beit vor Ort Unternehmen und Gew­erkschaften begleit­en und als drit­ten Punkt die wirtschaftliche Entwick­lung der Welt regelmäßig unter­suchen. Damit kön­nen wir immer objek­tiv zeigen, an welchen Stellen Wirtschaft ein­zahlt und an welchen Stellen nicht. Das ist unter anderem in inter­na­tionalen Zusam­men­hän­gen, zum Beispiel im Bere­ich der G20-Staat­en oder der G7-Staat­en, ein ganz wichtiges Instrument.

Kön­nen Sie ein aktuelles Beispiel Ihrer Arbeit schildern?

Ein gutes Beispiel sind die Anrain­er­staat­en von Syrien. Wir vergessen bei unserem Blick auf Europa oft, dass die Staat­en rund um Syrien – Jor­danien, Libanon bis hin zur Türkei, aber auch Irak – von dem Syrienkrieg ganz beson­ders betrof­fen sind. In Libanon und Jor­danien ist jed­er Zweite ein Geflüchteter. Dadurch entste­ht eine beson­dere Notwendigkeit, dort Men­schen in Fer­tigkeit­en und Fähigkeit­en auszu­bilden, men­schen­würdi­ge Arbeit­splätze zu schaf­fen sowie Wirtschaft und Infra­struk­tur zu entwick­eln – nicht nur für Geflüchtete, son­dern auch für die ein­heimis­che Bevölkerung. Die Men­schen haben Arbeit, die Fam­i­lien kön­nen leben und wir haben diese strik­te Tren­nung zwis­chen den Geflüchteten und der ein­heimis­che Bevölkerung nicht. Das ist ein sehr gelun­ge­nes Beispiels dafür, wie man Struk­turen so auf­baut, wie es sein soll.

Bei vie­len deutschen Unternehmen, selb­st bei KMU, sind die Liefer­ket­ten inter­na­tion­al. Was kön­nen die Unternehmen tun, um sich für men­schen­würdi­ge Arbeit und soziale Gerechtigkeit ent­lang der Liefer­ket­ten einzusetzen?

Viele Unternehmen fra­gen sich: Kann ich die Liefer­kette über­haupt überblick­en, und wie weit reicht meine Ver­ant­wor­tung? Es fehlt an Trans­parenz und Kon­trollmöglichkeit­en. Daher hat die ILO einen beson­deren Schw­er­punkt in der Beratung auch von mit­tel­ständis­chen Unternehmen und unter­stützen sie mit konkreten Instru­menten. Aber die Poli­tik darf die Unternehmen damit nicht allein lassen. Die Über­prü­fung von Stan­dards vor Ort muss in der Hand der Staat­en liegen. In Banglade­sch beispiel­sweise fahren die Inspek­toren mit Motor­rädern umher und tauchen unangekündigt in kleinen Unternehmen oder auch in Hin­ter­höfen auf, wo Tex­tilien gefärbt wer­den. Dort kon­trol­lieren sie, ob die Stan­dards einge­hal­ten wer­den oder ob dort Kinder arbeit­en oder Men­schen ungeschützt mit gefährlichen Sub­stanzen hantieren.

Wir empfehlen Unternehmen immer, sich die Län­der, in die ihre Liefer­ket­ten reichen, genau anzuse­hen: Wur­den unsere Kernar­beit­snor­men in nationales Recht umge­wan­delt? Gibt es ein beste­hen­des Inspek­tion­ssys­tem? Wir haben einen eige­nen Helpdesk, an das sich vor­rangig mit­tel­ständis­che Unternehmen richt­en kön­nen. Und wir haben ein großes eigenes Pro­gramm namens SCORE, das expliz­it darauf angelegt ist, mit Unternehmen zusam­men Wege zur Über­prü­fung von Stan­dards zu finden.

Ist die Qual­i­fizierung im Bere­ich Arbeitss­chutz und Arbeitssicher­heit für die ILO auch ein Thema?

Die großen Unternehmen leg­en häu­fig ihre Stan­dards ent­lang der Liefer­kette bis in das Pro­duk­tion­s­land hinein, manche bauen auch Weit­er­bil­dungs- oder Train­ingszen­tren auf. Das kön­nen kleine Unternehmen oft nicht. Daher set­zt sich die ILO dafür ein, dass in den Län­dern entsprechende Ein­rich­tun­gen entste­hen, die sowohl für den Mit­tel­stand geöffnet sind, der in der Liefer­kette pro­duziert, als auch – und das ist das wichtig­ste – für die kleinen Unternehmen vor Ort. In solchen Train­ingszen­tren kön­nen wir Arbeit­er, die zum Teil nicht lesen und schreiben kön­nen, direkt unter­stützen und ihnen beispiel­sweise zeigen, wie man Schutz­masken anlegt, sich vor Sonne schützt und vieles mehr. Dafür hat die ILO Son­der­pro­gramme wie etwa den „Vision Zero Fund“, der zum Ziel hat, dass es keinen tödlichen oder ver­let­zen­den Arbeit­sun­fall geben darf. Dabei gehen wir auch auf Bere­iche ein, die ein großes Unternehmen gar nicht im Blick haben kann. Grund­sät­zlich ist unser Ziel, Struk­turen zu schaf­fen, die Bestand haben – also dass wir als ILO nach der Anschubphase in den Län­dern zwar noch präsent sind, aber nicht als die Motoren, son­dern eher als Ansprechpartner.

2019 ist die ILO 100 Jahre alt gewor­den. Was treibt die Organ­i­sa­tion im Moment beson­ders um?

Wir beschäfti­gen uns sehr mit dem The­ma Zukun­ft der Arbeit: Welche Arbeit­splätze fall­en weg, welche Teile in Pro­duk­tions­ket­ten laufen Gefahr wegz­u­fall­en, weil Arbeit­en automa­tisiert wer­den? Hinzu kom­men neue Felder wie die Plat­tform Econ­o­my. Da ist zum Beispiel die Frage, wie man das eigentlich greifen und kon­trol­lieren kann und wer ver­ant­wortlich ist. Zudem ver­suchen wir sehr deut­lich darauf hinzuweisen, dass wir hochin­dus­tri­al­isierte Natio­nen oder Regio­nen auf der Welt haben aber auch Regio­nen, wo es ganz anders aussieht. Diese Gle­ichzeit­igkeit darf man nicht aus dem Blick ver­lieren. Die Grun­didee der ILO ist, dass der Welt­friede nur dann wirk­lich erhal­ten bleiben kann, wenn wir soziale Gerechtigkeit haben. Und diese soziale Gerechtigkeit endet eben nicht an den Toren Europas, son­dern muss weit gedacht wer­den. Dazu gehören dann aber auch konkrete Maß­nah­men, damit Men­schen sich­er und exis­ten­zsich­ernd arbeit­en kön­nen, damit ihre Arbeit­splätze nach­haltig gestal­tet sind – für die Men­schen selb­st, aber eben tat­säch­lich auch für die Umwelt. Ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt, den wir auch als ILO immer wieder nach vorne holen müssen.

Die Fra­gen stellte Petra Hannen.


Die Inter­na­tionale Arbeit­sor­gan­i­sa­tion (ILO)

Die ILO wurde 1919 gegrün­det und ist damit die älteste Son­deror­gan­i­sa­tion der Vere­in­ten Natio­nen. Schw­er­punk­te ihrer Arbeit sind die For­mulierung und Durch­set­zung inter­na­tionaler Arbeits- und Sozial­nor­men. Ins­beson­dere geht es dabei um die Kernar­beit­snor­men wie beispiel­sweise die Besei­t­i­gung von Zwangsar­beit und Kinder­ar­beit, das Recht auf Vere­ini­gungs­frei­heit und Kollek­tivhand­lun­gen, das Ver­bot von Diskri­m­inierung in Beschäf­ti­gung und Beruf sowie die Gle­ich­heit des Ent­gelts. Diese Kernar­beit­snor­men sind als „qual­i­ta­tive Sozial­stan­dards“ inter­na­tion­al anerkan­nt und haben den Charak­ter von uni­versellen Men­schen­recht­en. Zu den Zie­len der ILO gehören aber auch eine soziale und faire Gestal­tung der Glob­al­isierung sowie die Schaf­fung von men­schen­würdi­ger Arbeit als eine zen­trale Voraus­set­zung für die Armuts­bekämp­fung. Damit gehören auch Arbeitss­chutz und Arbeitssicher­heit zu den Schw­er­punk­ten der ILO.

Die 187 Mit­gliedsstaat­en sind über eine drei­gliedrige Struk­tur in der ILO vertreten: mit ihren Regierun­gen, aber auch mit ihren Gew­erkschaften und Arbeit­ge­berver­bän­den. Für Unternehmen und betriebliche Inter­essensvertre­tun­gen, die vor konkreten prak­tis­chen Fra­gen ste­hen, sowie für Arbeit­ge­berver­bände und Gew­erkschaften bietet die ILO ein Helpdesk an mit Ser­viceange­boten, Daten­banken und weit­eren Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen, die für die betriebliche Prax­is rel­e­vant sind.

https://www.ilo.org/berlin/sozialpartner/lang–de/index.htm


Dr. Annette Niederfranke
Foto: © ILO

Dr. Annette Nieder­franke leit­et seit 2014 als Direk­torin der ILO die Repräsen­tanz in Deutsch­land. Zuvor war sie als Staatssekretärin im Bun­desmin­is­teri­um für Arbeit und Soziales (BMAS) sowie in anderen Führungspo­si­tio­nen des BMAS und des Bun­desmin­is­teri­ums für Fam­i­lie, Senioren, Frauen und Jugend tätig. Sie arbeit­et und pub­liziert zum demographis­chen und tech­nol­o­gis­chen Wan­del, zu geschlechtsspez­i­fis­chen Fra­gen, Arbeitsmi­gra­tion, Arbeits- und Sozial­stan­dards, fairen Liefer­ket­ten und zur Zukun­ft der Arbeit.

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