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Nachhaltigkeit und Arbeitsschutz

Einfach und ehrlich anfangen
Nachhaltigkeit und Arbeitsschutz – Eine Geschichte

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Was ist Nach­haltigkeit? Ins­beson­dere, was ist Nach­haltigkeit im Arbeitss­chutz und gehören die Begrif­flichkeit­en über­haupt zusam­men? Ein Ver­such der Annäherung.

Nach­haltiges Han­deln beschäftigt die Men­schen schon sehr lange, allerd­ings oft erst unter dem Druck eines Not­stands oder ein­er bedrohlichen Sit­u­a­tion. Im Fol­gen­den ein paar Beispiele;

  • Nach aktuellen Forschungsergeb­nis­sen herrschte vor rund 3000 Jahren in der Negevwüste im Tim­na-Tal, das im Süden Israels liegt, Hochbe­trieb. In Minen sucht­en die Men­schen nach Kupfer­erz, um es an Ort und Stelle in Öfen zu ver­hüt­ten. Die großen Schlacke­berge zeu­gen heute noch von hoher Pro­duk­tiv­ität. Da es zu dieser Zeit aber noch keine Fil­ter­an­la­gen gab, ist davon auszuge­hen, dass die Arbeit­er und die Umwelt durch die Aus­ga­sun­gen der Öfen Schädi­gun­gen davontrugen.
  • Wis­senschaftlich lassen sich Sied­lungsspuren auf der Osterin­sel cir­ca tausend Jahre zurück­ver­fol­gen. Die gefun­de­nen Werkzeuge deuten auf eine rege Land­wirtschaft hin, die um 1660 zurück­ge­gan­gen ist. Das diese Insel, völ­lig untyp­isch für ihre Region, unbe­waldet war, hat die Ent­deck­er doch erstaunt. Ver­mutet wird, dass die Ent­wal­dung und Über­wirtschaf­tung durch den Men­schen zu diesem Ödland geführt hat.
  • In Japan entwick­elte sich, begin­nend im 16. Jahrhun­dert und sich steigernd im 17. Jahrhun­dert, die Wirtschaft ras­ant. Holz wurde für die Herde und Öfen der Men­schen, Salz- und Hüt­tenin­dus­trie, den Bau von Schif­f­en sowie den Häuser­bau benötigt. Inner­halb kürzester Zeit waren die Wälder fast voll­ständig abge­holzt. Die Abholzung und Inten­sivierung der Land­wirtschaft führte allerd­ings zu gerin­geren Erträ­gen, da die Bauern fast auss­chließlich Dünge- und Fut­ter­mit­tel, die aus den Wäldern stammten, ver­wen­de­ten. Um diese Not abzuwen­den, schufen der dama­lige Shogun und die Daimyos (Fürsten) ein Sys­tem zur mas­siv­en Ver­ringerung des Holzver­brauchs, der zudem stark reg­uliert war. Dieses Forstver­wal­tungssys­tem wurde vor Ort in den Wäldern durch patrouil­lierende Wächter kon­trol­liert, die ille­galer Holzent­nahme mit Waf­fenge­walt ent­ge­gengewirk­ten. Weit­ere Maß­nah­men, die den Druck auf die Ent­wal­dung senken soll­ten, waren die Inten­sivierung der Fis­cherei, was zur Ent­las­tung der Land­wirtschaft führte, und die Verän­derung der Bauart für Gebäude. Diese Maß­nah­men führten zu ein­er Wieder­auf­forstung und Gene­sung der Wälder und der Wirtschaft.
  • In Venedig herrschte im 18. Jahrhun­dert Holznot­stand. Diesem wurde durch rigide Regeln ent­ge­gen gewirkt. Das Ent­nehmen von Holz aus den Stadtwäldern wurde mit dem Tode geah­n­det. Im 19. Jahrhun­dert wurde dies zu ein­er Haft­strafe umgewandelt.
  • Auch in Deutsch­land herrscht seit Jahrhun­derten wach­sende Not an Holz. Viele Ansätze beschäfti­gen sich mit dem Schutz der Wälder wie zum Beispiel die Forstord­nung des Bis­tums Spey­er aus dem Jahr 1442. Der erste Begriff, den man als Nach­haltigkeits­gedanke beze­ich­nen kann, stammt aus einem Ratskan­zler­schreiben der Stadt Reichen­hall von 1661, in dem von einem „ewigen Wald“ gesprochen wird. Aber erst 1713 wird der Begriff „nach­hal­tende Nutzung“ durch Hans Carl von Car­lowitz, Ober­haupt­mann in Kur­sach­sen, in sein­er Veröf­fentlichung „Sylvi­cul­tura Oeco­nom­i­ca“ verwendet.

Nachhaltigkeit — was ist das?

Der heutige Begriff „Nach­haltigkeit“ wurde 1987 durch den Burt­land Bericht der Weltkom­mis­sion für Umwelt und Entwick­lung geprägt:

  • Nach­haltig ist eine Entwick­lung, „die den Bedürfnis­sen der heuti­gen Gen­er­a­tion entspricht, ohne die Möglichkeit­en kün­ftiger Gen­er­a­tio­nen zu gefährden, ihre eige­nen Bedürfnisse zu befriedi­gen und ihren Lebensstil zu wählen.“

Daraus entwick­elte sich das Drei-Säulen-Mod­ell zur Nach­haltigkeit. Sein Ursprung ist nicht genau nachzu­vol­lziehen bzw. es beanspruchen viele Väter das Recht auf seine Entwicklung.

Mit dem Buch Silent Spring (Der stumme Früh­ling) aus dem Jahr 1962 ist sicher­lich Rachel Car­son, eine US-amerikanis­che Zoolo­gin, Biolo­gin und Wis­senschaft­sjour­nal­istin, eine der Urmüt­ter dieses Grundgedankens. 1953 schrieb Sie in einem Leser­brief in der Wash­ing­ton Post: „Der wahre Reich­tum der Nation liegt in den Ressourcen der Erde – Boden, Wass­er, Wälder, Min­er­alien und Tier­welt. Um sie für die gegen­wär­ti­gen Bedürfnisse zu nutzen und gle­ichzeit­ig ihre Erhal­tung für zukün­ftige Gen­er­a­tio­nen zu sich­ern, bedarf es eines fein aus­bal­ancierten und kon­tinuier­lichen Pro­gramms, das auf den umfan­gre­ich­sten Forschungsergeb­nis­sen basiert. Ihre Ver­wal­tung ist nicht richtig und kann es nicht sein, eine Frage der Poli­tik. In der lan­gen Tra­di­tion wur­den die für diese Ressourcen ver­ant­wortlichen Agen­turen von Män­nern von beru­flich­er Statur und Erfahrung geleit­et, die die Erken­nt­nisse ihrer Wis­senschaftler ver­standen, respek­tiert und geleit­et haben. … Seit vie­len Jahren arbeit­en die Bürg­er des öffentlichen Geistes im ganzen Land für die Erhal­tung der natür­lichen Ressourcen und erken­nen ihre lebenswichtige Bedeu­tung für die Nation. Anscheinend sollen ihre hart erkämpften Fortschritte aus­gelöscht wer­den, da eine poli­tisch gesin­nte Regierung uns in die dun­klen Zeital­ter der hem­mungslosen Aus­beu­tung und Zer­störung zurück­führt.“ So lange wis­sen wir als Men­schheit schon von diesen Her­aus­forderun­gen — han­deln aber völ­lig konträr.

Auch heute wird nach­haltiges Han­deln (lei­der) vor allem durch Krisen vor­angetrieben, die die Men­schheit betr­e­f­fen. Dies spiegelt sich auch in der Diskus­sion in den Medi­en wieder. Dazu zählen in jüng­ster Zeit Kli­maer­wär­mung, Ver­lust der Bio­di­ver­sität, Kun­st­stoffe in der Umwelt (die Coro­n­akrise lassen wir in diesem Beitrag ein­fach mal raus). Unter dem Ein­druck der eingestürzten Tex­til­fab­rik in Sab­har in Banglade­sch, bei der 1135 Men­schen getötet und 2438 ver­let­zt wur­den, ist auch die Entste­hung des nationalen Aktion­s­plans Wirtschaft und Men­schen­rechte der Bun­desregierung zu sehen. Eigentlich sollte nach­haltiges Han­deln aber proak­tiv sein. Beste­hende Biotope schützen, Ver­schmutzun­gen ver­mei­den, Men­schen ein sozialverträglich­es Einkom­men entricht­en, eine sichere Arbeit­sumge­bung schaf­fen, etc. (siehe auch Sicher­heitsin­ge­nieur 4/2020, Seit­en 16–18).

Nachhaltigkeit und Arbeitsschutz

Warum gibt es den Arbeitss­chutz? Im Grunde gibt es den Beruf des Sicher­heitsin­ge­nieurs wegen der Wehrun­fähigkeit von jun­gen Män­nern. 1829 schrieb der Gen­er­alleut­nant von Horn an den preußis­chen König: „Indus­triebezirke stellen immer weniger Wehrfähige“ (eine mil­itärische Not­lage). Es gab des­o­late Musterungsergeb­nisse von Rekruten in Indus­triege­bi­eten, die auf Schädi­gun­gen infolge von Kinder­ar­beit in den Fab­riken und unter Tage zurück­zuführen waren. Dies führte dazu, dass 1839 in Preußen das erste Arbeitss­chutzge­setz („Preußis­ches Reg­u­la­tiv“) erlassen wurde. Es regelt, dass Kinder­ar­beit unter neun Jahren ver­boten wird, dass bis zum 15. Leben­s­jahr max­i­mal zehn Stun­den Kinder­ar­beit möglich und Nachtar­beit von 21.00 Uhr bis 5.00 Uhr für Kinder ver­boten ist.

1845 erschien dann die erste Gewer­be­ord­nung für Preußen (GewO). In dieser wur­den die Gewer­be­frei­heit, Unter­stützungskassen, Aus­bil­dungspflicht und der Gesund­heitss­chutz geregelt. Unter anderem wur­den die Gewer­be­treiben­den zur Rück­sicht­nahme auf Gesund­heit, Sit­tlichkeit und Erfordernisse des Schulbe­suchs gegenüber den Beschäftigten verpflichtet. Der § 136 bes­timmte, dass die Ort­spolizeibehörde die Ein­hal­tung überwachen soll. Aus diesem entwick­elte sich dann im Laufe der Zeit die gesamte Geset­zge­bung zum Arbeitss­chutz und der überwachen­den Stellen wie zum Beispiel die Gewerbeaufsicht.

Das Ziel im Arbeitss­chutz in den 80er und 90er Jahren war es, Unfälle zu analysieren, um daraus abzuleit­en, wie zukün­ftig diese Unfälle ver­mieden wer­den kön­nen. Der Nach­haltigkeits­gedanke, also bevor etwas passiert zu han­deln, hat erst­mals das schwedis­chen Zen­tralamt für Straßen­we­sen in Form der „Vision Zero“ beschrieben. Diese Formel hat ihren Weg bis zum Weltkongress für Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit 2011 in Istan­bul gefun­den, bei dem die Delegierten die Wichtigkeit der auf dem Weltkongress 2008 ver­ab­schiede­ten Erk­lärung von Seoul über Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit bekräftigten. Es stellt eine Selb­stverpflich­tung für die Schaf­fung ein­er vor­beu­gen­den Sicher­heit­skul­tur dar. Auf dem Weltkongress 2014 war der Begriff Nach­haltigkeit angekom­men. Das Mot­to des Kon­gress­es war „Vision Zero; Präven­tion nach­haltig gestal­ten“. Er find­et eine Weit­er­en­twick­lung auf dem diesjähri­gen Kongress in Kana­da unter dem Mot­to „Präven­tion im ver­net­zten Zeital­ter – glob­ale Lösun­gen für sichere und gesunde Arbeit für alle“.

Was zeichnet Nachhaltigkeit im Arbeitsschutz aus?

Hin­ter­fra­gen von Hand­lun­gen, Regeln und Organ­i­sa­tio­nen! Ein Beispiel: Die Über­nahme von Gefährdungs­beurteilun­gen oder Check­lis­ten von Drit­ten (Unternehmen, Organ­i­sa­tio­nen, Behör­den oder Beruf­sgenossen­schaften), ohne diese an die betrieblichen Gegeben­heit­en anzu­passen. Auf gut deutsch: Wenn sich Fehler und Irrtümer weitervererben .…

Diese über­nomme­nen Doku­mente von Drit­ten helfen sicher­lich weit­er, erset­zen aber keinen Sachver­stand. Sie sind Mit­tel zum Zweck. Das darf man nie vergessen. Somit sind Men­schen, die solche Doku­mente erstellen, auch immer mögliche Fehlerquellen. In den Doku­menten kön­nen sich immer Fehler oder Unge­nauigkeit­en im Sinn von Zwei­deutigkeit bei Begrif­f­en oder Beschrei­bun­gen und mehr befind­en. Jede blinde Anwen­dung von diesen Doku­menten birgt also die Gefahr, Fehler zu übernehmen und fortzuschreiben. Dass dies sog­ar in das All­ge­mein­wis­sen und Lehrbüch­er Ein­gang find­en kann, zeigt die fehler­hafte Län­ge­nangabe des Rheins. Nach ein­er Mel­dung der Süd­deutschen Zeitung vom 28. März 2010 wurde der Rhein neu ver­messen. Ein Wis­senschaftler, der ein Buch mit dem Schw­er­punkt Ökolo­gie des Rheins als eine der verkehrsre­ich­sten Wasser­straßen der Welt geschrieben hat, fand es her­aus: Der Rhein ist nicht 1.320 km, son­dern 1.230 km lang, also 90 Kilo­me­ter kürz­er. Ursache für die falsche Län­ge­nangabe war wahrschein­lich ein sim­pler Zahlen­dreher in ein­er Veröf­fentlichung um das Jahr 1960. Dieser Fehler ist noch nicht ein­mal inter­na­tionalen Autoritäten wie der Kom­mis­sion für die Hydrolo­gie des Rheinge­bi­ets aufge­fall­en. Er find­et sich sog­ar auf der Tafel an der ver­meintlichen Quelle des Rheins, dem Tomasee im Schweiz­er Kan­ton Graubünden.

Somit ist deut­lich gewor­den, dass jedes Sys­tem der regelmäßi­gen Prü­fung auf Sin­nigkeit und Wirkung bedarf. Nie­mand darf sich scheuen erforder­liche Änderun­gen zur Diskus­sion zu stellen, um Unfälle zu reduzieren bzw. zu ver­hin­dern oder ein sicheres und gesun­des Arbeit­en weit­er zu opti­mieren bzw. möglich zu machen.

Wie entsteht proaktives Handeln im Arbeitsschutz?

Proak­tives Han­deln entste­ht durch Schaf­fung von Bewusst­sein, Erken­nen von per­sön­lichem und wirtschaftlichem Nutzen.

Grund­sät­zlich gibt es viele Möglichkeit­en und Ansätze ein Arbeitssicher­heits­man­age­ment aufzubauen. Welch­es Sys­tem für das Unternehmen geeignet ist, muss jed­er für sich selb­st entschei­den bzw. her­aus­find­en. Inter­na­tion­al ist es der Stan­dard DIN EN ISO 45001 „Arbeitss­chutz­man­age­ment“.

Ein sehr gutes Beispiel, um beste­hende Sys­teme weit­erzuen­twick­eln, ist die Dialog­box der Kam­pagne „kom­m­mit­men­sch“ der Unfal­lka­ssen und Beruf­sgenossen­schaften. Der Dia­log über ver­schiedene betriebliche Hand­lungs­felder schärft bei allen Beteiligten das Ver­ständ­nis, wie sicheres und gesun­des Ver­hal­ten auf einem hohen Niveau funk­tion­ieren kann – für sich selb­st und für andere. Mit den kom­m­mit­men­sch-Dialo­gen steigen eigens zusam­mengestellte Teams in die Diskus­sion ein und erar­beit­en gemein­sam eigene Lösungsansätze.

Über ein 5‑Stufen-Mod­ell von Gebauer, 2017, in Anlehnung an Hud­son 2001 wird die Kom­mu­nika­tion im Unternehmen über Ereignisse angestoßen, bevor etwas geschieht. Dieser Ansatz ist ein­deutig präven­tiv aus­gerichtet. Wer an diesen The­men arbeit­et, ist auch dabei eine wertschätzende Kul­tur aufzubauen, die sich pos­i­tiv auf die soziale Säule der Nach­haltigkeit auswirkt.

Was zeichnet Nachhaltigkeit im Arbeitsschutz aus?

Das gute Miteinan­der, die soziale Ver­ant­wor­tung. Dass psy­chis­che Belas­tun­gen der Mitar­beit­er ansteigen, zeigen schon seit langem alle bish­er durchge­führten Stu­di­en. Auch hier sind die Erken­nt­nisse nicht von jüng­ster Zeit, selb­st wenn das viele glaube. 1857 veröf­fentlichte der pol­nis­che Wis­senschaftler Jas­trze­bows­ki in der Zeitschrift „Natur und Indus­trie“ unter dem Titel „Grun­driss der Ergonomie oder die Wis­senschaft von der Arbeit basierend auf den Wahrheit­en aus der Wis­senschaft von der Natur“ fol­gen­den kurz ger­afften Inhalt:

  • „Die Bedeu­tung des Ein­satzes unser­er Leben­skräfte (…) wird für uns zum antreiben­den Moment, uns mit einem wis­senschaftlichen Ansatz zum Prob­lem der Arbeit zu beschäfti­gen … und sog­ar zu ihrer (der Arbeit) Erk­lärung eine geson­derte Lehre zu betreiben (…) damit wir aus diesem Leben die besten Früchte, bei der ger­ing­sten Anstren­gung mit der höch­sten Befriedi­gung für das eigene und das all­ge­meine Wohl ern­ten und dabei anderen und dem eige­nen Gewis­sen gegenüber gerecht verfahren.“

Die Jahreszahl der Veröf­fentlichung und der Text muss zweimal gele­sen wer­den, so unglaublich erscheint dieser Inhalt. Welch tief­sin­ni­gen Erken­nt­nisse, die seit ein­er so lan­gen Zeit brach liegen.

Wir arbeit­en seit damals aber gar nicht oder nur in geringem Aus­maß an der sozialen Säule der Nach­haltigkeit. Dass neben dem sozialverträglichen Einkom­men die Werkzeuge wie das Gesund­heits­man­age­ment, das Arbeitss­chutz­man­age­ment, die Entwick­lung (Schu­lung und Aus­bil­dung) von Führungskräften, das Train­ing von Mitar­beit­er, die Mitar­beit­erge­spräche und alle anderen noch möglichen Ele­menten dazu dienen, dieser Ver­ant­wor­tung Rech­nung zu tra­gen, wis­sen wir schon lange. Lei­der ist der Ein­satz dieser Meth­o­d­en und die entsprechen­den Ben­e­fits aber erst durch die demographis­che Entwick­lung (auch hier wieder eine Not­lage) von vie­len als ein echter Vorteil für das Unternehmen ent­deckt und umge­set­zt werden.

Was zeich­net Nach­haltigkeit im Arbeitss­chutz aus? Denken über die Werk­store hin­aus. Nach­haltige Beschaf­fung, bei der alle Aspek­te der Ökonomie, Ökolo­gie und Soziales beachtet wer­den als Bestandteil des Arbeitsschutzes?

Was erzeugt der Konsum/Bedarf an Gütern, der über die nach­halti­gen Gren­zen hin­aus­ge­ht? Neben dem unwieder­bringlichen Raub­bau an Rohstof­fen, Ver­ringerung der Bio­di­ver­sität vor allem den Kli­mawan­del. Dies führt schon jet­zt zu soge­nan­nten Dis­as­ter Dis­placed Peo­ple. Diese sind durch den Kli­mawan­del betrof­fen (Trinkwasserk­nap­pheit, Bedin­gun­gen, die zu heiß und zu trock­en, oder zu kalt und zu nass sind, um Nahrungsmit­tel anzubauen) – wenn auch gegebe­nen­falls nur zeitweise – und ver­lassen ihren bish­eri­gen Leben­sraum, um woan­ders zu über­leben. 2016 sprach das AIDF-Glob­al-Dis­as­ter-Relief-Sum­mit von weltweit 65,6 Mil­lio­nen betrof­fe­nen Men­schen. Wenn wir auf die Hitzewelle vom Dezem­ber 2019 in Aus­tralien sehen, ist zu erah­nen, was dies für die Zukun­ft bedeuten wird.

Was heißt das für die Beschaffung?

Das Richtige nur ein­mal beschaf­fen. Ein schwäbis­ches Sprich­wort sagt: „Wer bil­lig kauft, kauft zweimal.“

Hierzu ein Beispiel zu „beson­deren“ Maschi­nen im Unternehmen, den Kaf­feemaschi­nen bzw. ‑auto­mat­en und anderen „Kleingeräten“. Aber: Lohnt sich hier über­haupt eine solche Betra­ch­tung im Sinne des Arbeitss­chutzes und der Nach­haltigkeit? Die Antwort kann nur „Ja“ heißen. In vie­len Unternehmen wer­den diese Geräte miss­bräuch­lich als „Maschi­nen“ einge­set­zt, obwohl sie eigentlich für den haushalt­süblichen Gebrauch gedacht sind. Einige wenige Beispiele hier­für sind Mix­er in Ver­such­sküchen, in Test­la­boren, Brotschnei­de­maschi­nen auf Märk­ten, an Grill­stän­den usw. Es liegt ein ständi­ger, andauern­der Ein­satz dieser Geräte vor. Warum sind diese Anwen­dun­gen so kri­tisch? Es ist die Dauer und Schwere des Ein­satzes. Ein Blick in die Bedi­enungsan­leitung trägt hier oft zum Ver­ständ­nis bei. Dort find­en sich die Infor­ma­tio­nen für die emp­foh­lene Betrieb­s­dauer ein­er solchen „Mas­chine“. Die Erfahrung zeigt, dass es sich meis­tens um sehr kurze Zeiträume han­delt – je gün­stiger das Gerät aus dem Dis­counter, desto kürz­er auch oft die emp­foh­lene Ein­satzzeit (zum Teil nicht mehr als 5 bis 15 Minuten). Daraus ist ein­deutig zu erken­nen, dass solche „Maschi­nen“ nicht für den rauen (Dauer-)Betrieb in Unternehmen geeignet sind. Sie sind eine poten­zielle Gefahr, ins­beson­dere für die Bran­dentste­hung. Was hat das mit Kaf­feemaschi­nen bzw. ‑auto­mat­en zu tun? Diese sind häu­fig in Abteilun­gen aufgestellt, im Dauere­in­satz und stam­men nicht allzu sel­ten aus Altbestän­den von rühri­gen Mitar­beit­ern. Der Unternehmer weiß sel­ten, wie alt diese Maschi­nen sind und welche Qual­ität sie haben. An eini­gen Kaf­feeau­to­mat­en liegt oft nach dem Auss­chal­ten weit­er der Strom in diesen an und wirkt auf die Bauteile ein (Erwär­mung, Alterung etc.). Wie groß kann dann ein Ver­trauen in eine kleine Leucht­diode selb­st im Pri­vathaushalt sein? Viele Brand­filme ver­an­schaulichen sehr gut, welche Fol­gen dieses Ver­trauen haben kann.

In Betrieben wer­den Kaf­feeau­to­mat­en sich selb­st über­lassen – und auch vergessen. Nach dem Kaf­fee­brühen wird der Steck­er nicht gezo­gen usw. Was muss dann eigentlich die Kon­se­quenz sein? Das Ver­bot, pri­vate „Alt­geräte“ in das Unternehmen einzubrin­gen. Der Kauf von Maschi­nen, die auf den betrieblichen Bedarf abges­timmt sind und zum Beispiel 20-mal Kaf­fee­brühen pro Tag lock­er auf Dauer aushal­ten. Es muss eine Ein­gang­sprü­fung erfol­gen, da auch gute Geräte beim Trans­port einen Schaden erlei­den kön­nen. Regelmäßige Prü­fung und Wartung ermöglichen das Erken­nen von Män­geln sowie die Sich­er­stel­lung eines störungs­freien Betriebs. Dem Argu­ment des zu hohen Aufwands für eine Neben­säch­lichkeit wie „Kaf­feekochen“ kön­nen die Erfahrun­gen und Berichte von örtlichen Feuer­wehren ent­ge­genge­set­zt wer­den. Durch das Abwen­den von Brand- und Per­so­n­en­schä­den und gegebe­nen­falls daraus resul­tieren­den Umweltschä­den (Löschwass­er, Bran­drauche) sowie die län­gere Nutzungs­dauer (Halt­barkeit) und gerin­gere Wiederbeschaf­fungs­fre­quenz der Artikel kann von nach­haltiger Beschaf­fung gesprochen wer­den. Dies gilt natür­lich auch für die Beschaf­fung von allen anderen Hil­f­s­mit­teln für den Arbeitsschutz.

Die Sicht der Nachhaltigkeit auf die Beschaffung von PSA

Die per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung (PSA) ist nach den tech­nis­chen und organ­isatorischen Maß­nah­men das let­zte Boll­w­erk, um den Mitar­beit­er vor berufs­be­d­ingten Gefahren zu schützen. Also muss er auf diese ver­trauen kön­nen. PSA, die nicht schützt, sorgt für eine Schein­sicher­heit und miss­braucht das Ver­trauen der Mitar­beit­er in die Organ­i­sa­tion. Das heißt, der erste Schritt der nach­halti­gen Beschaf­fung von PSA ist die Auss­chöp­fung dauer­hafter tech­nis­ch­er Lösun­gen, um den Ein­satz von PSA zu min­imieren durch zum Beispiel Sub­sti­tu­tion von Gefahrstof­fen, Senkung des Lärm­pegels etc. Der zweite Schritt ist die Beschaf­fung der richti­gen PSA für die Tätigkeit, um diese nicht erneut erwer­ben zu müssen, da diese zum Beispiel

  • nicht für die Tätigkeit geeignet ist (falsche PSA),
  • nicht in der richti­gen Größe vorhan­den ist (z. B. eine Schutzanzugs­größe für alle)
  • nicht durch den Anwen­der akzep­tiert wird bzw. er stark bei der Tätigkeit eingeschränkt ist (Anwen­derkom­fort; Erhöhung der Gefährdung durch z. B. schlechte Sicht, stark ver­ringerte Greif­sicher­heit etc.)
  • selb­st für den Anwen­der gefährlich ist (Aller­gene in Hand­schuhen; Aus­dün­stun­gen von Lösemit­teln etc.)
  • eine fälschliche Kennze­ich­nung besitzen, gün­stig sind und falsche Sicher­heit bieten

Erneute Beschaf­fung bedeutet immer erneuter Ver­brauch von Ressourcen. Aber auch die Frage nach dem möglichen Entsorgungsweg nach Gebrauch (ther­misch, wiederver­w­erten etc.) kann einen Beitrag zur Reduzierung leisten.

Gute und zusam­men mit dem Anwen­der aus­ge­suchte PSA hat auch etwas mit Wertschätzung (soziale Säule!) zu tun. Angepasste optis­che Sehhil­fen führen oft dazu, dass Mitar­beit­er bericht­en: „Bin mit der Brille nach­hause gegan­gen.“ Das beste Sig­nal, dass die PSA wirkt, angewen­det wird, Ressourcen geschont und Unfälle ver­mieden wer­den. Ein Beitrag zu allen drei Säulen.

Ein weit­er­er Schritt ist die Frage: „Wo wird die PSA hergestellt?“ Hier endet die – im Sinne der Nach­haltigkeit – Ver­ant­wor­tung des Käufers und des Verkäufers nicht am Werk­stor bzw. beim Großhändler. Fra­gen im Sinn der Nach­haltigkeit sind:

  • Wer hat sie gefertigt?
  • Wo wurde sie gefertigt?
  • Unter welchen Bedin­gun­gen wurde sie gefer­tigt (gibt es vor Ort Arbeits‑, Brand- und Umweltschutz, etc.)?
  • Wer­den sozial verträgliche Löhne bezahlt?
  • Leben die Arbeit­er nicht kaserniert (ver­sklavt)?
  • Wer­den Frauen nicht sex­uell genötigt?
  • Gibt es keine Kinder­ar­beit nach den vor Ort gel­tenden geset­zlichen Vorgaben?
  • Wie sieht die Liefer­kette aus und wie geht es den dort Beteiligten (sozial verträgliche Löhne etc.)?
  • Gibt es ein Nachhaltigkeitsmanagement?
  • Gibt es Ziele zur CO2-Neutralität?
  • ….

Dies ist eine nicht abgeschlossene Liste, sie ist eine kleine Anre­gung. Und ja, es ist schwierig diese Fra­gen zu stellen und auch beant­wortet zu bekom­men, wenn die Liefer­kette lang ist. Aber wegse­hen ist in der heuti­gen Zeit keine akzept­able Alter­na­tive. Aller Anfang ist schw­er, aber um es mit Her­mann Hesse aus dem Gedicht Stufen zu sagen: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hil­ft, zu leben.

Es gilt sich auf den Weg zu machen mit den bekan­nten Werkzeu­gen wie dem Code of Con­duct oder der Wesentlichkeits­ma­trix, um mit zum Beispiel den Haupt­grup­pen der Rohstoffe/PSA etc. zu beginnen.

Fazit

Arbeitss­chutz ist ein Teil der sozialen Säule der Nach­haltigkeit. In sich selb­st enthält er aber auch alle drei Säulen der Nach­haltigkeit, die es bei sein­er Umset­zung zu beacht­en gilt.

Lit­er­atur und Quellen


Foto: Alfred Rit­ter GmbH & Co. KG

Autor: Georg Hoffmann

Leit­er Arbeitssicher­heit und Nachhaltigkeitsmanagement,

Alfred Rit­ter GmbH & Co. KG

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