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Pausenkultur im Paulinenkrankenhaus

Regel­mä­ßig auftan­ken stärkt die Gesund­heit

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In vielen Kran­ken­häu­sern können Pfle­ge­kräfte oftmals keine unge­störte Arbeits­pause nehmen. Das führt zu gesund­heit­li­chen Belas­tun­gen bis hin zu krank­heits­be­ding­ten Ausfäl­len. Das Berli­ner Pauli­nen­kran­ken­haus wurde aktiv und räumte der betrieb­li­chen Gesund­heits­för­de­rung ihrer Pfle­ge­kräfte höchste Prio­ri­tät ein. Die heute gelebte Pausen­kul­tur hat zur Gesund­erhal­tung und Moti­va­tion der Beschäf­tig­ten beigetra­gen.

Kran­ken­häu­ser legen viel Wert auf die Gesund­heit ihrer Mitar­bei­ter. Das sollte man meinen. Dennoch scheuen sich viele, in eine syste­ma­ti­sche Gesund­heits­för­de­rung zu inves­tie­ren. Neben Kosten und Aufwand unter­schät­zen die Verant­wort­li­chen häufig das Risiko, das mangelnde Gesund­heits­prä­ven­tion für die Beschäf­tig­ten birgt. Anders im Paulinen-Krankenhaus in Berlin: Die Verant­wort­li­chen haben erkannt, dass sie auf ihre größte Berufs­gruppe beson­ders ange­wie­sen sind: „Tech­no­lo­gisch gese­hen sind wir zwar ein sehr gut ausge­stat­te­tes Unter­neh­men, das einen guten Ruf in der Haupt­stadt hat. Trotz­dem sind die Bewer­ber­zah­len in den vergan­ge­nen Jahren zurück­ge­gan­gen, und vor diesem Hinter­grund ist der Kran­ken­stand mit sechs Prozent unter den Pfle­ge­kräf­ten zu hoch“, sagt die stell­ver­tre­tende Pfle­ge­dienst­lei­te­rin Ute Hennig. Um diese wich­tige Ziel­gruppe bis zum Renten­al­ter gesund und leis­tungs­fä­hig zu halten, wurde vor rund drei Jahren inner­halb eines Führungs­coa­chings gemein­sam mit allen Stati­ons­lei­tun­gen beschlos­sen, in deren Gesund­heits­för­de­rung zu inves­tie­ren.

Hohes Bewusst­sein für Gesund­heit schaf­fen

Mit dem Beschluss der Kran­ken­haus­lei­tung fiel 2014 der Start­schuss für das Projekt, das mit exter­ner Unter­stüt­zung reali­siert wurde: Dr. Irene Preußner-Moritz, Gesund­heits­coach und Inha­be­rin der Berli­ner Unter­neh­mens­be­ra­tung SMEO Consult GmbH, wurde für die folgen­den zwei Jahre mit der Durch­füh­rung gesund­heits­för­dern­der Maßnah­men für insge­samt 170 Pfle­ge­kräfte beauf­tragt. Zunächst galt es, ein Bewusst­sein für das Thema zu schaf­fen: Die pfle­ge­ri­schen Mitar­bei­ter wurden unter ande­rem auf Betriebs­ver­samm­lun­gen ausführ­lich über das Vorha­ben infor­miert. Paral­lel dazu wurde zur Projekt­steue­rung und Planung der ersten Schritte eine Steue­rungs­gruppe gegrün­det, bestehend aus sieben Stati­ons­lei­tun­gen, zwei Betriebs­rats­mit­glie­dern und der Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit. „Wir haben in der Runde Erwar­tun­gen disku­tiert, wie wir bestehende Ressour­cen möglichst sinn­voll nutzen können. Auch haben wir erste Ziele und Maßnah­men fest­ge­legt, wie durch Arbeits­schutz­maß­nah­men Belas­tun­gen verrin­gert und die Selbst­ver­ant­wor­tung der Pfle­ge­kräfte gestärkt werden kann“, sagt Detlef Besang, der als Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit die externe BGM-Beraterin bei der Umset­zung des Projekts und der inter­nen Kommu­ni­ka­tion gesund­heits­för­der­li­cher Maßnah­men unter­stützt hat.

Interne Ressour­cen nutzen

2014 führte die Unter­neh­mens­be­ra­te­rin insge­samt vier Work­shops auf allen Statio­nen zur Arbeits­si­tua­ti­ons­ana­lyse durch: Mit abtei­lungs­über­grei­fen­den Pflegekräfte-Teams erör­terte sie gesund­heits­be­las­tende Fakto­ren sowie vorhan­dene Ressour­cen. „Das Workshop-Format ist ein effi­zi­en­tes Verfah­ren, das auf eine schnelle Umset­zung zielt.“ ‚Was macht Euch die Arbeit schwer?‚ und ‚was würde zu Eurem Wohl­be­fin­den beitra­gen?‚ Die Pfle­ge­kräfte wurden in die Lage versetzt, eigene Belas­tun­gen zu hinter­fra­gen. Bei der Analyse kam heraus: Das Einsprin­gen für fehlende Kolle­gin­nen und die Über­nahme von Aufga­ben junger Ärzte setzte viele Pfle­ge­kräfte perma­nent unter Zeit­druck. Hinzu kommen die körper­lich anstren­gende Arbeit im Schicht­dienst und das insge­samt als zu hoch empfun­dene Arbeits­auf­kom­men. Auch Pausen wurden gar nicht bis unre­gel­mä­ßig gemacht, was insge­samt zur Erschöp­fung und laten­ter Unzu­frie­den­heit führte. Als Ressour­cen hoben die Pfle­ge­kräfte unter ande­rem die Team­zu­sam­men­ar­beit, das Versor­gen der Pati­en­ten sowie die gute Ausstat­tung der Klinik hervor.

Im Folgen­den entwi­ckel­ten die Pfle­ge­kräfte eigene Lösungs­vor­schläge. Umge­setzt wurde zum Beispiel der Vorschlag, einen Sprin­ger vor allem für den Nach­dienst einzu­set­zen, der Pfle­ge­kräfte während der Pausen vertritt. Ebenso werden heute Pati­en­ten und deren Ange­hö­rige mittels eines Info­blat­tes und eines Aushangs über den Tages­ab­lauf der Statio­nen und die Pausen­zei­ten infor­miert. Weitere vorge­schla­gene Maßnah­men, die durch den Arbeits­schutz­aus­schuss verbind­lich fest­ge­legt wurden, waren: die Einrich­tung eines Pausen­raums, die Orga­ni­sa­tion von abtei­lungs­über­grei­fen­den Pausen­teams und ein kosten­freies Shiatsu-Angebot, das während der Pausen oder außer­halb der Arbeits­zeit genutzt werden kann.

Kein schlech­tes Gewis­sen bei Pausen

Die äuße­ren Bedin­gun­gen für Pausen zu schaf­fen, war der erste und rela­tiv einfa­che Schritt. Die Pfle­ge­kräfte dazu zu moti­vie­ren, diese tatsäch­lich auch zu machen, war eine harte Nuss, die es zu knacken galt. Im Herbst 2014 wurden im Rahmen des Pausen­pro­jekts kleine Arbeits­grup­pen gebil­det, damit sich die Pfle­ge­kräfte mit ihrer Einstel­lung zur Arbeit und den „inne­ren Hürden“ ausein­an­der­set­zen. In den Arbeits­grup­pen gab es einen Austausch darüber, was die Pfle­gen­den daran hindert, Pausen zu machen, wie sie mit der Unter­stüt­zung der Stati­ons­lei­tung dafür sorgen können, sich besser zu erho­len und ihrer eige­nen „Veraus­ga­bungs­ten­denz“ entge­gen­zu­wir­ken. Auch Leit­sätze des posi­ti­ven Denkens und Übun­gen zur Gelas­sen­heit für den Alltag wurden trai­niert. Irene Preußner-Moritz: „Bei vielen Teil­neh­mern setzte sich die Erkennt­nis durch: Wenn ich die Arbeits­ver­dich­tung durch regel­mä­ßige Erho­lung unter­bre­che, arbeite ich effi­zi­en­ter, konzen­trier­ter und mache weni­ger Fehler. Und wenn ich in der Pause bin, brau­che ich kein schlech­tes Gewis­sen haben und meine Arbeit wird trotz­dem wert­ge­schätzt.“

Im Verlauf des Projekts mach­ten die Projekt­ver­ant­wort­li­chen die Erfah­rung: Das Bewusst­sein für notwen­dige Erho­lungs­pau­sen und einen gesun­den Egois­mus musste sich insbe­son­dere bei den sehr enga­gier­ten Leis­tungs­trä­gern erst entwi­ckeln. Es galt, den „inne­ren Schwei­ne­hund“ zu über­win­den. Wir kümmern uns nicht nur um unsere Pati­en­ten, sondern auch um uns selbst und dafür sind wir selbst verant­wort­lich – das war eine wich­tige Erkennt­nis aus den Selbstpflege-Workshops, die die BGM-Expertin mit den Pfle­ge­kräf­ten durch­führte. Die Teil­neh­me­rin­nen reflek­tier­ten darüber, welche Aufga­ben wirk­lich notwen­dig sind, was wegge­las­sen werden könnte und was es braucht, um sich auf das Wesent­li­che zu fokus­sie­ren.

Unge­sunde Routi­nen aufge­ben

War die Kultur im Pauli­nen­kran­ken­haus vor vielen Jahren vieler­orts von einer „durchhalten-bis-zur-Rente- Einstel­lung“ geprägt, hat sich heute ein neues Verständ­nis für Gesund­heit entwi­ckelt. Durch die Sprin­ger­re­ge­lung wurde im Nacht­dienst eine deut­li­che Entlas­tung spür­bar. Dass der Kran­ken­stand unter den Pfle­ge­kräf­ten deut­lich gesenkt werden­konnte, ist heute auch auf einen besse­ren Umgang mit den eige­nen Ressour­cen zurück­zu­füh­ren: „In einer wert­schät­zen­den Atmo­sphäre hat die Unter­neh­mens­be­ra­te­rin die Pfle­ge­kräfte dazu ermu­tigt, ihre eige­nen Knack­punkte zu reflek­tie­ren. So konn­ten wir uns bereits in einem frühen Projekt­sta­dium auf die Themen fokus­sie­ren, die rele­vant waren und für die wir gute Lösun­gen gefun­den haben“, sagt die Pfle­ge­dienst­lei­te­rin.

Für die nach­hal­tige Veran­ke­rung einer Präven­ti­ons­kul­tur war nicht nur die konse­quente Umset­zung verein­bar­ter Maßnah­men, sondern auch der Einbe­zug weite­rer Berufs­grup­pen entschei­dend. Detlef Boesang: „Das sehr posi­tive Feed­back der Pfle­ge­kräfte zum spür­ba­ren Effekt der Pausen hat einen Schnee­ball­ef­fekt ausge­löst. Auch Ärzte und Verwal­tungs­mit­ar­bei­ter haben gute Pausen­re­ge­lun­gen getrof­fen. Heute werden weni­ger dieje­ni­gen aner­kannt, die sich total veraus­ga­ben, sondern viel­mehr die, die auf sich achten und ihre wich­ti­gen Erho­lungs­mo­mente einfor­dern. Davon profi­tie­ren nicht nur die Mitar­bei­te­rin­nen, sondern auch unsere Pati­en­ten.“


Foto: privat

Autorin:
Annette Neumann

freie Jour­na­lis­tin, Berlin


Erfolgs­fak­to­ren des Projekts

Die Kran­ken­haus­lei­tung, die sich gemein­sam mit ärzt­li­cher Leitung, Verwal­tung und Pflege für das Projekt entschie­den hat, hat den Nutzen erkannt und stand von Anfang an hinter dem Vorha­ben, ein brei­tes Ange­bot an gesund­heits­för­dern­den Maßnah­men für die größte Berufs­gruppe einzu­füh­ren.

  • Finan­zi­elle Mittel stan­den zur Verfü­gung, um eine profes­sio­nelle Beglei­tung durch eine erfah­rene Gesund­heits­ma­nage­ment­be­ra­tung zu ermög­li­chen.
  • Die Beleg­schaft wurde früh­zei­tig in den Verän­de­rungs­pro­zess einbe­zo­gen und umfas­send über die Maßnah­men infor­miert.
  • Der Pfle­ge­dienst­lei­tung ist es gelun­gen, die Stati­ons­lei­tun­gen von Beginn an für das Projekt zu über­zeu­gen, so dass die breite Betei­li­gung des Leitungs­teams auch zu einer Stär­kung der Führungs­rolle führte.
  • Die Umset­zung fest­ge­leg­ter Arbeits­schutz­maß­nah­men wie der Einsatz des Sprin­gers zur Pausen­ab­lö­sung im Nacht­dienst wurde bei regel­mä­ßi­gen Arbeits­platz­be­ge­hun­gen über­prüft.
  • Die in der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung doku­men­tier­ten Miss­stände, zum Beispiel hoher Geräusch­pe­gel, wurden aus dem Weg geräumt.
  • Bewusst­sein für die Sinn­haf­tig­keit einer Pausen­kul­tur, feste Pausen­zei­ten und eine breite Akzep­tanz unter den Pfle­ge­kräf­ten und den ande­ren Berufs­grup­pen wurden erreicht.
  • Die Selbst­pflege ist ein wich­ti­ger Bestand­teil des (Arbeits-) lebens der Leis­tungs­trä­ger im Schicht­dienst und trägt wesent­lich zum Wohl­be­fin­den am Arbeits­platz bei.

Das Berli­ner Pauli­nen­kran­ken­haus im Portrait

Im Pauli­nen­kran­ken­haus mit insge­samt sechs Statio­nen und 148 Betten werden jähr­lich fast 3000 Pati­en­ten statio­när behan­delt. In der Klinik kommen verschie­dene diagnos­ti­sche Verfah­ren zur Anwen­dung, zum Beispiel Echo­kar­dio­gra­fie, EKG, Rönt­gen und Compu­ter­to­mo­gra­fie, Lungen­funk­ti­ons­tests und verschie­dene endo­sko­pi­sche Verfah­ren. Die Klinik genießt bei Bewer­bern, zuneh­mend auch aus dem Ausland, einen guten Ruf. Auslän­di­sche Pfle­ge­kräfte, unter ande­rem aus Bosnien und Alba­nien, werden beim Aner­ken­nungs­ver­fah­ren unter­stützt und erhal­ten nach bestan­de­ner Prüfung einen festen Arbeits­ver­trag.


Wir kümmern uns nicht nur um unsere Pati­en­ten, sondern auch um uns selbst und dafür sind wir selbst verant­wort­lich.


Foto: privat

Autorin: Annette Neumann

freie Jour­na­lis­tin, Berlin

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