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„Sorge tragen für das Wohl der Kollegen“

Vor Ort bei der Rheinland Raffinerie
„Sorge tragen für das Wohl der Kollegen“

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Ob sich die Beschäftigten eine beson­dere PSA wün­schen oder sich Gefährdun­gen in ein­er Anlage auf­tun – Bian­ca Bauer hat stets offene Augen und Ohren für ihre Mit­men­schen und ihre Umge­bung. Mit großem Engage­ment set­zt sie sich bei der Rhein­land Raf­finer­ie für den Schutz ihrer Kol­legin­nen und Kol­le­gen ein.

Chris­tine Lendt

Es waren nur wenige Mil­lime­ter, doch diese hät­ten zu einem Sturz führen kön­nen: „An ein­er Treppe im Anla­gen­bere­ich stand eine Aufkan­tung so weit über, dass sie zu ein­er Stolper­falle hätte wer­den kön­nen“, berichtet Bian­ca Bauer. „Zum Glück hat ein Kol­lege das bemerkt und mich darauf aufmerk­sam gemacht.“

Sofort meldete die Sicher­heits­beauf­tragte die Gefährdung an den Schicht­führer, der wiederum die zuständi­gen Fachgew­erke beauf­tragte, diese bald­möglichst zu beheben. „Damit sich inzwis­chen nie­mand ver­let­zen kon­nte, haben wir die Stelle gle­ich abges­per­rt“ erzählt Bian­ca Bauer. „Solche Dinge klären wir in Zusam­me­nar­beit auf dem kurzen Dienst­weg. Ich muss nicht immer gle­ich eine Sicher­heit­skraft miteinbeziehen.“

Versierte Kollegen werden stets gesucht

Die 32-Jährige arbeit­et als Oper­a­tor im Werk Süd der zur Shell Deutsch­land Oil GmbH gehören­den Rhein­land Raf­finer­ie. Dort ist sie konkret für den Bere­ich der Olefin-Anlage zuständig, küm­mert sich unter anderem um das Mon­i­tor­ing der Prozess­pa­ra­me­ter und die Organ­i­sa­tion von Instand­hal­tungsar­beit­en. Seit 2014 hat sie zusät­zlich die Auf­gaben ein­er Sicher­heits­beauf­tragten über­nom­men, wie bere­its bei ihrem vorheri­gen Arbeit­ge­ber. „Weil mir der Arbeitss­chutz am Herzen liegt, bin ich auf unseren Lin­ien­man­ag­er zuge­gan­gen und habe ihn gefragt, ob bei uns am Stan­dort noch Sicher­heits­beauf­tragte gesucht wer­den. Er meinte: ‚Ver­sierte Kol­le­gen kön­nen wir immer gebrauchen‘ – und hat mich dann auch bestellt.“

Vor allem chemis­che, ther­mis­che und mech­a­nis­che Gefährdun­gen kön­nen in den Anla­gen­bere­ichen auftreten. „Hier gehen wir natür­lich nach dem geset­zlich vorgeschriebe­nen STOPV-Prinzip – Sub­sti­tu­tion sowie tech­nis­che, organ­isatorische, per­sön­liche und ver­hal­tens­be­zo­gene Schutz­maß­nah­men – vor, wonach tech­nis­che Schutz­maß­nah­men ober­ste Pri­or­ität haben, gefol­gt von organ­isatorischen Maß­nah­men. Erst wenn dies alles nicht mach­bar ist, set­zen wir Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung ein“, sagt Bian­ca Bauer. Sie arbeit­et dabei eng mit den bei­den Sicher­heits­fachkräften zusam­men, die für ihren Bere­ich zuständig sind.

Nor­maler­weise sind die heißen oder tiefkalten Flächen der Anla­gen isoliert, sodass nichts passieren kann. Heikel wird es, wenn bei Wartungsar­beit­en eine Isolierung ent­fer­nt wer­den muss. „Dann ergreifen wir Maß­nah­men wie Absper­run­gen oder Zutritts­beschränkun­gen. Die Mitar­beit­er, die die Wartung durch­führen, kön­nen jedoch nicht durch tech­nis­che Maß­nah­men von der Gefährdung getren­nt wer­den. Also müssen sie mit Hitze- oder Käl­teschutz arbeiten.“

Hitzeschutz verbessert

Für solche Fälle und andere Gefährdun­gen, die eine Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung erfordern, gibt die Rhein­land Raf­finer­ie einen PSA-Plan vor. Das ein­heitliche Sys­tem für den Stan­dort deckt alle Even­tu­al­itäten ab. Hier kon­nte Bian­ca Bauer in ihrer SiBe-Funk­tion zusam­men mit ihren Kol­le­gen bere­its eine Lücke schließen. „Wir hat­ten ein­mal den Fall, dass eine PSA für den Hitzeschutz an den Öfen nicht aus­re­ichte, um auch Ver­bren­nun­gen an den Handge­lenken vorzubeu­gen. Es waren Hand­schuhe mit län­geren Stulpen nötig.“ Sie set­zte sich dafür ein und die Vorge­set­zten reagierten prompt.

„Uns wur­den einige Mod­elle zur Ver­fü­gung gestellt, die wir für einen Zeitraum von mehreren Wochen aus­pro­biert haben, in ver­schiede­nen Schicht­en und mit ver­schiede­nen Per­so­n­en. Jed­er kon­nte sich dazu äußern, inwieweit sich die neuen Mod­elle zum Beispiel auf die motorischen Fähigkeit­en auswirk­ten. Die beste Vari­ante wurde dann in unseren Hand­schuh­plan inte­gri­ert.“ Als Schnittstelle zwis­chen den Beschäftigten und den Ver­ant­wortlichen im Arbeitss­chutz nahm Bian­ca Bauer das Feed­back der Kol­le­gen ent­ge­gen und ver­fasste einen Ergeb­nis­bericht inklu­sive Hin­weis, welchen Hand­schuhtyp die Beschäftigten bevorzu­gen wür­den. Diesen über­gab sie der zuständi­gen Sicher­heits­fachkraft, die alles Weit­ere in die Wege leitete.

Von der Pflichtschulung bis zum Studium

Nach ein­er Aus­bil­dung zur Chemikan­tin absolvierte Bian­ca Bauer eine Weit­er­bil­dung zur Indus­triemeis­terin Chemie und wech­selte dabei zur Rhein­land Raf­finer­ie. Zur Sicher­heits­beauf­tragten qual­i­fizierte sie sich durch eine Schu­lung der Beruf­sgenossen­schaft. Regelmäßig nimmt sie außer­dem an Fort­bil­dun­gen teil. „Die Shell bietet uns hierzu ein sehr gutes Schu­lung­spro­gramm. So machen wir Oper­a­toren zum Beispiel auch regelmäßige Schu­lun­gen zu Alarm- und Gefahren­ab­wehrplä­nen oder man kann sich unter anderem für die Weit­er­bil­dung zum Gasprüfer anmelden. Weil mich das The­ma Arbeitss­chutz so inter­essiert, mache ich ger­ade außer­dem das berufs­be­glei­t­ende Mas­ter­studi­um ‚Arbeitssicher­heit und Gesundheitsschutz‘.“

Safety Center mit Fehlersuchbildern

Pflicht für alle Beschäftigten bei Shell – sowohl für die eige­nen Mitar­beit­er als auch die von Part­ner­fir­men – ist außer­dem eine Schu­lung im hau­seige­nen Safe­ty Cen­ter. „Dabei han­delt es sich um eine Halle, in der zwölf für eine Raf­finer­ie typ­is­che Arbeitsszenen aufge­baut sind. Jedes dieser Mod­ule funk­tion­iert wie ein Fehler­such­bild“, erk­lärt Bian­ca Bauer. Im Rah­men der Schu­lung gilt es dann, poten­zielle Gefährdun­gen zu find­en und passende Lösun­gen zu entwick­eln. Auch haupt­beru­flich ist Bian­ca Bauer ständig auf Fehler­suche. Ihre Auf­gaben ver­schmelzen dabei mit ihrer Funk­tion als Sicher­heits­beauf­tragte. „Schon meine täglichen Anla­gen­rundgänge offen­baren Verbesserungspoten­ziale, die dann wiederum auch auf mein­er Sibe-Sched­ule Platz find­en.“ Zusät­zlichen Arbeit­saufwand durch ihr Ehre­namt habe sie von daher eher sel­ten. Zudem könne sie jed­erzeit zu ihren Vorge­set­zen gehen und zum Beispiel anmerken: „Ich habe hier ger­ade dieses Arbeitss­chutz-The­ma, näch­ste Woche ste­ht die Quar­tals­be­sprechung der Sicher­heits­beauf­tragten an, dafür würde ich gern etwas ausar­beit­en.“ Dann dürfe sie sich die Zeit nehmen, die sie dazu brauche.

„Was ist euch aufgefallen?“

Die Haup­tauf­gabe ein­er Sicher­heits­beauf­tragten – also als Bindeglied zwis­chen den Sicher­heitsver­ant­wortlichen und den Beschäftigten zu fungieren – begleit­et Bian­ca Bauer ständig. „Ich erfasse laufend mögliche Gefährdun­gen oder Verbesserungspoten­ziale in der Anlage, dies gilt für alle Kol­le­gen an unseren Stan­dorten.“ Bei den regelmäßi­gen Team­meet­ings, die von ein oder zwei Sicher­heits­fachkräften des Stan­dorts geleit­et wer­den, bericht­en dann alle Sicher­heits­beauf­tragten davon, was ihnen aufge­fall­en ist und wo sie Hand­lungs­be­darf sehen. Im Gegen­zug informieren die Fachkräfte über Pläne des Unternehmens, etwa zu beson­deren Aktio­nen im Bere­ich der Arbeitssicherheit.

Mitunter ist es auch eine Her­aus­forderung, etwas anzus­toßen und umzuset­zen. Um ihre Auf­gaben gut erfüllen kön­nen, ver­weist Bian­ca Bauer gern auf die unternehmerische Verpflich­tung zur Förderung des Arbeitss­chutzes. Doch daraus erwächst schon mal ein län­ger­er Prozess: „Ger­ade in großen Unternehmen dauern die Genehmi­gung und Umset­zung neuer Sys­teme recht lange. Es gilt, viele Zus­tim­mungen einzu­holen und alle Mitwirk­enden von den Vorteilen zu überzeu­gen.“ Zum Teil sei auch die Überzeu­gungsar­beit, die sie im Zuge neu anzuwen­den­der Reg­u­lar­ien gegenüber den Kol­le­gen leiste, nicht ganz ein­fach. Daraus erwach­sen hin und wieder auch Diskussionen.

Strategien gegen „taube Ohren“

Grund­sät­zlich schätzt Bian­ca Bauer ihren Draht zu den Kol­le­gen als sehr gut ein. „Da wir im Schicht­di­enst 24/7/365 zusam­me­nar­beit­en und Her­aus­forderun­gen mit nicht uner­he­blichen Risikopoten­zialen gemein­sam bewälti­gen, ist ein gewiss­es Grund­ver­trauen nötig – auch jen­seits von per­sön­lichen Präferen­zen.“ Ihre Ansprache macht sie stark davon abhängig, wen sie vor sich hat. „Im Grunde spreche ich jeden Mitar­beit­er auf respek­tvolle Weise an, ver­suche zu informieren, mit stich­halti­gen Argu­menten zu überzeu­gen und zur Mitar­beit anzure­gen, ohne belehrend, ankla­gend oder anweisend zu wirken.“ Ken­nt sie die Kol­le­gen genauer, unter­mauert Bian­ca Bauer ihre Argu­mente mit Beispie­len und eige­nen Erfahrun­gen der betr­e­f­fend­en Per­son. „Wenn ich deren Geschicht­en kenne, kann ich eine Ansprache wählen, die meine Kol­le­gen auch auf per­sön­lich­er Ebene trifft. Damit erre­iche ich mehr Akzep­tanz. Gelingt es mir, die Sit­u­a­tion für meine Kol­le­gen zu verbessern, spüre ich dann auch ein hohes Maß an Wertschätzung.“

Passender „Werkzeugkoffer“

Präven­tiv vorge­hen, gute soziale Kon­tak­te pfle­gen, mit den Men­schen auf Augen­höhe sein, das sind für sie die entschei­den­den Werkzeuge. Und vor allem: nicht mit dem erhobe­nen Zeigefin­ger kom­men. „Dann stößt man gle­ich auf taube Ohren, beson­ders bei Kol­le­gen, die manche Schutz­maß­nah­men eher als Erschw­er­nis sehen.“ Kom­mu­nika­tion­stal­ent und Überzeu­gungskraft zeich­nen für Bian­ca Bauer fol­glich einen guten Sicher­heits­beauf­tragten aus. „Und ein gewiss­es Gefühl der Für­sorgepflicht für meine Umge­bung und die Men­schen, die sich darin aufhal­ten.“ Hinzu kommt fach­lich­es Inter­esse am The­menkom­plex und die Moti­va­tion, sich darin weit­erzu­bilden. Aber auch: „Mit Rückschlä­gen kon­struk­tiv umge­hen und daraus ler­nen zu können“.

Seit sich die Gesellschaft und die Arbeitswelt ver­mehrt dem The­ma psy­chis­che Belas­tun­gen wid­met, bemerkt auch Bian­ca Bauer mehr Anfra­gen in diesem Bere­ich. „Glück­licher­weise kön­nen wir hier auf fir­menin­terne Ressourcen in Form von Fachärzten für Arbeitsmedi­zin und einen Facharzt für Psy­chother­a­pie, der allen Kol­le­gen der Raf­finer­ie zur Ver­fü­gung ste­ht, zurück­greifen“, freut sie sich über eine gute Unter­stützung auf diesem Gebiet.

Auch im Alltag auf Sicherheit bedacht

Die Auseinan­der­set­zung mit den The­men Sicher­heit und Gesund­heit färbt auch stark auf ihr Pri­vatleben ab. „Je tiefer ich beru­flich darin ein­tauche, desto mehr achte ich auch in mein­er Freizeit darauf“, stellt Bian­ca Bauer fest. So nutzt die Sicher­heits­beauf­tragte ihr fach­lich­es Wis­sen auch in ihrer Freizeit und im Pri­vatleben dazu, Gefahren bess­er einzuschätzen und präven­tiv vorzuge­hen. Damit kom­men auch Fam­i­lie und Fre­unde oft in den „Genuss“ dieser Hilfestellung.

Weil ihr der gewählte Beruf auch kör­per­lich einiges abver­langt, ist Bian­ca Bauer in ihrer Freizeit gern aktiv. Mit ihren Hob­bys Wan­dern und Fit­nesstrain­ing sorgt sie für die nötige Kon­di­tion. „Für die Bewäl­ti­gung der alltäglichen kör­per­lichen Her­aus­forderun­gen im Anla­gen­be­trieb und für meine zusät­zliche Funk­tion bei der neben­beru­flichen Werk­feuer­wehr ist dies uner­lässlich.“ Warum ihr das Wohl der Kol­le­gen so am Herzen liegt? „Mit ihnen ver­bringt man oft mehr Zeit als mit der eige­nen Fam­i­lie“, erk­lärt die Sicher­heits­beauf­tragte. „Nie­mand soll sich ver­let­zen. Das motiviert mich am meis­ten, Tag für Tag mein Bestes zu geben.“


Steckbrief

  • Bian­ca Bauer
  • 32 Jahre
  • Indus­triemeis­terin Chemie
  • Aktuelle Posi­tion: Oper­a­tor in der Olefin-Anlage im Werk Süd (Stan­dort Wesseling)
  • Sicher­heits­beauf­tragte (bei der Rhein­land Raf­finer­ie) seit 2014
  • Ers­thelferin
  • Ver­trauensper­son
  • Neben­beru­flich­es Mit­glied der Werkfeuerwehr
  • Schw­er­punk­te Hand­schutz, Iso-Temp-Aus­rüs­tung und Gaswarngeräte
  • Branche: Chemis­che Industrie

Die Rheinland Raffinerie

Die von der Shell Deutsch­land Oil GmbH betriebene Rhein­land Raf­finer­ie gliedert sich in das Werk Nord in Köln-Godorf und das sechs Kilo­me­ter ent­fer­nte Werk Süd in Wes­sel­ing bei Köln. Das Unternehmen mit ein­er Gesamt­fläche von cir­ca 4,4 Quadratk­ilo­me­tern gilt als die größte Raf­finer­ie in Deutsch­land. Sie ging 2002 aus der Fusion der zwei Vorgänger­w­erke hervor.

  • Das Werk Wes­sel­ing (offiziell: Rhein­land Raf­finer­ie Werk Süd) wurde am 27. Jan­u­ar 1937 von der Union Rheinis­che Braunkohlen Kraft­stoff AG gegründet.
  • Das Werk Godorf (offiziell: Rhein­land Raf­finer­ie Werk Nord) wurde am 15. Juli 1960 als größte Raf­finer­ie der Deutschen Shell AG eröffnet.
  • An bei­den Stan­dorten arbeit­en bis zu 3.000 Men­schen – etwa 1.400 direkt bei Shell, darüber hin­aus Beschäftigte ver­schieden­ster Industriedienstleistungsunternehmen. 
  • Ver­ar­beitung von rund 17 Mil­lio­nen Ton­nen Rohöl jährlich
  • www.shell.de/rheinlandraffinerie
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