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Ergebnisse der Evaluation und weitere Schritte

Umset­zung und Erfah­run­gen mit der DGUV Vorschrift 2

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Die DGUV Vorschrift 2 gilt seit mehreren Jahren und wird aktuell an die Praxis besser angepasst. Foto: © Markus Mainka – stock.adobe.com
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2011 wurde die DGUV Vorschrift 2 Betriebs­ärzte und Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit refor­miert. Kern­stück der dama­li­gen Reform war die Anlage 2 „Betriebs­ärzt­li­che und sicher­heits­tech­ni­sche Regel­be­treu­ung in Betrie­ben mit mehr als 10 Beschäf­tig­ten“. Wie ist der Stand heute und welche weite­ren Neue­run­gen und Ergän­zun­gen sind geplant, das ist Thema dieses Beitrags.

Mit der Reform sollte die Gleich­be­hand­lung gleich­ar­ti­ger Betriebe, die Einfüh­rung eines betriebs­spe­zi­fi­schen, gefähr­dungs­be­zo­ge­nen Ansat­zes der Betreu­ung, die stär­kere Ausrich­tung der Betreu­ungs­leis­tung auf Inhalte, die Verbes­se­rung der Koope­ra­tion der betrieb­li­chen Akteure, die Stär­kung des eigen­ver­ant­wort­li­chen Handelns der Betriebe und Verwal­tun­gen sowie die Berück­sich­ti­gung zeit­ge­mä­ßer Betreu­ungs­er­for­der­nisse erzielt werden.

Ziele erreicht?

2016, fünf Jahre nach der Reform, fand eine umfang­rei­che Evalua­tion statt, die Aufschluss darüber gab, inwie­weit die ursprüng­li­chen Reform­ziele erreicht wurden. In der Evalua­tion wurden Fragen zum Grad der Umset­zung, zur Anwend­bar­keit und Prak­ti­ka­bi­li­tät sowie zu den Folgen der geän­der­ten Vorschrift für die Sicher­heit und Gesund­heit im Betrieb gestellt. Befragt wurden Unter­neh­mens­lei­tun­gen, betrieb­li­che Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen, Betriebs­ärz­tin­nen und Betriebs­ärzte sowie Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit mit Hilfe einer stan­dar­di­sier­ten Befra­gung. Zusätz­lich wurde eine Abfrage bei den Präven­ti­ons­ab­tei­lun­gen der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger und den staat­li­chen Arbeits­schutz­be­hör­den durch­ge­führt.

Die Evalua­tion hat folgende zentra­len Ergeb­nisse hervor­ge­bracht, die im DGUV Report 1/2017: Evalua­tion der DGUV Vorschrift 2, Anlage 2 (Abschluss­be­richt). Stand der Umset­zung, Anwend­bar­keit und Prak­ti­ka­bi­li­tät sowie Auswir­kun­gen im Betrieb veröf­fent­licht wurden.

Kennt­nis und Umset­zung

58 Prozent der befrag­ten Betriebs­lei­tun­gen hatten Kennt­nis über die DGUV Vorschrift 2. Kennt­nis­de­fi­zite bestehen vor allem in den klei­ne­ren Betrie­ben, in denen 46 Prozent der Betriebs­lei­tun­gen ange­ben, die Vorschrift nicht zu kennen. Ob die Vorschrift in diesen Betrie­ben umge­setzt ist, lässt sich nicht beur­tei­len. Wurden die Themen Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit an externe Dienst­leis­tun­gen dele­giert, kann die Vorschrift auch ohne Kennt­nis oder Erin­ne­rung des betrieb­lich Verant­wort­li­chen umge­setzt sein. Sicher ist jeden­falls: In den Betrie­ben, in denen die Vorschrift bekannt ist, ist diese auch weitest­ge­hend umge­setzt. 86 Prozent der Betriebe geben an, dass die Vorschrift teil­weise oder voll­stän­dig umge­setzt wurde.

Seit der Reform in 2011 sind die Betriebe abhän­gig von ihrem eigent­li­chen Betriebs­zweck einer Betreu­ungs­gruppe zuge­ord­net. So ist beispiels­weise ein Herstel­ler von Möbeln der mitt­le­ren Betreu­ungs­gruppe zuge­ord­net, ganz unab­hän­gig von seinem Verwal­tungs­an­teil. Diese Vorge­hens­weise wurde von den Betriebs­lei­tun­gen posi­tiv bewer­tet. Etwa zwei Drit­tel finden dieses Prin­zip (eher) sinn­voll. 64 Prozent der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und 69 Prozent der Betriebs­ärz­tin­nen und Betriebs­ärzte bewer­ten die daraus resul­tie­ren­den Einsatz­zei­ten als passend. Aller­dings gibt es Hinweise aus den Inter­views, dass für manche Wirt­schafts­zweige und Betriebe höhere bzw. nied­ri­gere Einsatz­zei­ten erfor­der­lich sind. Zur Ermitt­lung der Einsatz­zei­ten für die Grund­be­treu­ung ist zudem die Berech­nung der Anzahl der Beschäf­tig­ten rele­vant. Diese kann in Abhän­gig­keit des Berech­nungs­ver­fah­rens unter­schied­lich ausfal­len. Die Ergeb­nisse der Evalua­tion zeigen, dass zur Gleich­be­hand­lung gleich­ar­ti­ger Betriebe eindeu­tige Rege­lun­gen zur Berück­sich­ti­gung von Teil­zeit­kräf­ten bei der Berech­nung der Einsatz­zei­ten geschaf­fen werden soll­ten.

Ein maßgeb­li­ches Ziel der Reform 2011 war die Einfüh­rung eines betriebs­spe­zi­fi­schen, gefähr­dungs­be­zo­ge­nen Ansat­zes der Betreu­ung. Deshalb wurden ausschließ­lich in der Grund­be­treu­ung feste Einsatz­zei­ten gefor­dert. Zusätz­lich soll anhand der Beur­tei­lung der betriebs­spe­zi­fi­schen Bege­ben­hei­ten weitere Aufga­ben ermit­telt werden. Diese Ermitt­lung der Aufga­ben erfolgte laut Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit und Betriebs­ärz­tin­nen und Betriebs­ärz­ten für drei Vier­tel der von ihnen betreu­ten Betriebe. Dabei zeigt sich erneut der Unter­schied zwischen Groß‐ und Klein­be­trie­ben. Während diese Aufga­ben in 83 Prozent der Groß­be­triebe ermit­telt wurden, war dies in 66 Prozent der Klein­be­triebe der Fall.

Die Akteu­rin­nen und Akteure

Wich­tig für eine gelun­gene betrieb­li­che Betreu­ung ist die Zusam­men­ar­beit zwischen den bera­ten­den Profes­sio­nen und die Zusam­men­ar­beit zum Thema Sicher­heit und Gesund­heit inner­halb des Betriebs. Die Ergeb­nisse zu Fragen bezüg­lich der Zusam­men­ar­beit von Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit und den Betriebs­ärz­tin­nen und Betriebs­ärz­ten zeigen, dass die Koope­ra­tion zwischen den Akteu­ren verstärkt werden könnte. So berich­ten 81,6 Prozent der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit, dass sie mindes­tens 50 Prozent der Themen alleine bear­bei­ten. Geprägt wird die Zusam­men­ar­beit vorran­gig durch die Themen Bera­tung zur Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung, das Mitwir­ken in betrieb­li­chen Bespre­chun­gen, die allge­meine Bera­tung von Arbeit­ge­be­rin­nen und Arbeit­ge­bern sowie die Unter­su­chung nach Ereig­nis­sen.

Bezüg­lich der Koope­ra­tion der betrieb­li­chen Akteure fällt auf, dass nur 51 Prozent der Betriebs­lei­tun­gen ange­ben, die Inter­es­sens­ver­tre­tun­gen an der Aufga­ben­de­fi­ni­tion der Leis­tungs­er­brin­ger zu betei­li­gen. Aller­dings ist diese Einbin­dung nach DGUV Vorschrift 2, Anlage 2, vorge­schrie­ben.

Anwend­bar­keit und Prak­ti­ka­bi­li­tät der Vorschrift 2

In der Evalua­tion wurden auch Fragen zur Anwend­bar­keit und Prak­ti­ka­bi­li­tät der Vorschrift gestellt. Dabei wurde die Anwend­bar­keit insge­samt von 71 Prozent der Betriebs­lei­tun­gen posi­tiv bewer­tet. Nichts­des­to­trotz beur­teil­ten ein Vier­tel der Betriebe die Vorschrift als wenig oder nicht prak­ti­ka­bel. Als Gründe für diese Beur­tei­lung wird insbe­son­dere von klei­nen Betrie­ben die Komple­xi­tät der Vorschrift genannt. Hinzu komme, dass die Vorschrift in Teilen praxis­fremd und zu theo­re­tisch sei. Engpässe bei den bera­ten­den Profes­sio­nen, insbe­son­dere bei den Betriebs­ärz­tin­nen und Betriebs­ärz­ten, erschwe­ren die Umset­zung zusätz­lich. Die Umset­zung der Vorschrift verur­sa­che zudem einen hohen Zeit‐ und Kosten­auf­wand. 23 Prozent der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und 23 Prozent der Betriebs­ärz­tin­nen und Betriebs­ärzte berich­ten zudem von Proble­men bei der Anwen­dung der Vorschrift.

Die Fest­le­gung von Aufga­ben und deren Umset­zung in der Grund‐ und betriebs­spe­zi­fi­schen Betreu­ung berei­ten zum Teil Probleme. Hier scheint insbe­son­dere die Abgren­zung ein Problem darzu­stel­len: 45 Prozent der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und 34 Prozent der Betriebs­ärz­tin­nen und Betriebs­ärzte geben an, dass diese Abgren­zung zwischen der Grund­be­treu­ung und der betriebs­spe­zi­fi­schen Betreu­ung schwie­rig sei. Ein Beispiel ist dabei beson­ders auffäl­lig: Die arbeits­me­di­zi­ni­sche Vorsorge, die eigent­lich Teil der betriebs­spe­zi­fi­schen Betreu­ung ist, wird fälsch­li­cher­weise häufig der Grund­be­treu­ung zuge­ord­net. 42 Prozent der Betriebs­lei­tun­gen geben dies an. Nur 32 Prozent haben die Zuord­nung korrekt vorge­nom­men.

Verschie­dene Fragen zu den Auswir­kun­gen der refor­mier­ten Vorschrift 2 erge­ben ein gemisch­tes Bild: Etwas weni­ger als die Hälfte der befrag­ten Betriebs­lei­tun­gen (47 Prozent) haben nun ein klare­res Bild von den Inhal­ten und Aufga­ben der Fach­kräfte für Arbeits­si­cher­heit und den Betriebs­ärz­tin­nen und Betriebs­ärzte. 19 Prozent der Befrag­ten geben an, die Quali­tät der Betreu­ung habe sich nach der Reform verbes­sert. Die Betriebs­lei­tun­gen geben zudem an, mehr Kennt­nisse über ihre Arbeits­schutz­auf­ga­ben zu besit­zen.

Wie geht es weiter?

Seit Veröf­fent­li­chung des Abschluss­be­richts zur Evalua­tion der DGUV Vorschrift 2, Anlage 2, wurden die Ergeb­nisse mit den maßgeb­li­chen Akteu­ren im Bereich Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit im Rahmen von Fach­ge­sprä­chen und öffent­li­chen Veran­stal­tun­gen sowie in den DGUV‐Gremien disku­tiert. Außer­dem wurden die Ergeb­nisse weite­rer Arbeits­kreise, zum Beispiel zur Einbe­zie­hung weite­rer Profes­sio­nen in die betrieb­li­che Betreu­ung und weitere Hinweise zur Anwen­dung der DGUV Vorschrift 2, einbe­zo­gen. Der Auftrag zur Anpas­sung der DGUV Vorschrift 2 wurde erteilt.

Ende 2017 fand dann die konsti­tu­ie­rende Sitzung der Projekt­gruppe des Fach­be­reichs Orga­ni­sa­tion des Arbeits­schut­zes der DGUV zur Anpas­sung der Vorschrift 2 statt. Ziel der Anpas­sung ist es, die Vorschrift insge­samt über­sicht­li­cher, verständ­li­cher und prak­ti­ka­bler zu machen. Die Vorschrift soll deshalb zukünf­tig nur noch verbind­li­che Text­teile enthal­ten. Erläu­te­run­gen und Beispiele zur Anwen­dung sollen dann in einer DGUV Regel zu finden sein. Darüber hinaus sollen einheit­li­che Rege­lun­gen zur Berück­sich­ti­gung von Teil­zeit­kräf­ten bei der Berech­nung der Einsatz­zei­ten in der Grund­be­treu­ung geschaf­fen werden. Die Abgren­zung von Grund­be­treu­ung und betriebs­spe­zi­fi­scher Betreu­ung soll insge­samt deut­li­cher werden und leich­ter umzu­set­zen sein. Zudem wird die Liste zur Zuord­nung der Wirt­schafts­zweige zu den jewei­li­gen Gefähr­dungs­grup­pen aktua­li­siert.

Im Rahmen der Anpas­sung der DGUV Vorschrift 2 soll außer­dem geprüft werden, inwie­weit weitere Profes­sio­nen in der betrieb­li­chen Betreu­ung tätig werden sollen, etwa um die Unter­neh­men hinsicht­lich der Einbe­zie­hung der psychi­schen Belas­tun­gen in die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung oder der ergo­no­mi­schen Gestal­tung von Arbeits­plät­zen zu bera­ten. Zudem wird von der Projekt­gruppe bera­ten, in welcher Form weite­ren Profes­sio­nen der Zugang zur Ausbil­dung als Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit ermög­licht werden kann, und welche Quali­täts­stan­dards dafür vorge­ge­ben werden müssen.

Die Projekt­gruppe plant, ihre Arbeit 2019 abzu­schlie­ßen und anschlie­ßend den Entwurf in die Gremien der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger einzu­brin­gen, bevor das Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren durch den Bund begin­nen kann.


Foto: IAG

Dr. Anne­kat­rin Wetz­stein

Bereichs­lei­te­rin Evalua­tion und BGM


Foto: MSD Photo­gra­phy

Andrea Kuhn

Refe­ren­tin Betrieb­li­che Arbeits­schutz­or­ga­ni­sa­tion


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