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Arbeitsschutz Wirtschaftlichkeit

Ein Thema auch für den Arbeitsschutz
Unter­neh­me­risch denken und wirt­schaft­lich handeln

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Der Bereich Arbeits­schutz befin­det sich an der Schnitt­stelle von Ökono­mie und Tech­nik. Vor allem wenn es um die Einfüh­rung von Arbeits­schutz­maß­nah­men geht, steht zu Beginn oftmals eine Inves­ti­ti­ons­rech­nung oder Kosten­kal­ku­la­tion – und die Berüh­rungs­punkte zum finan­zi­el­len Bereich sind unver­meid­bar. Welche wirt­schaft­li­chen Zusam­men­hänge sind für unter­neh­me­ri­sche Entschei­dun­gen auch in Sachen Arbeits­schutz von Bedeu­tung?

Mit unter­neh­me­ri­schem Denken und wirt­schaft­li­chem Handeln wird häufig das Abwä­gen zwischen Kosten und Nutzen asso­zi­iert. Allge­mein gilt etwas als ökono­misch sinn­voll, wenn der Nutzen die dafür entstan­de­nen Kosten über­steigt und folg­lich ein Gewinn erzielt werden kann. Soweit die einfa­che ökono­mi­sche Theo­rie. Reibungs­po­ten­zial entsteht zumeist dadurch, dass im Unternehmens- und Arbeits­all­tag stell­ver­tre­tend für die beiden Seiten – sozu­sa­gen der „gewinn­brin­gen­den Medaille“ – häufig Menschen aufein­an­der­tref­fen, die ganz unter­schied­li­che Inter­es­sen und Heran­ge­hens­wei­sen aufwei­sen.

Allge­mei­ner Konflikt­kreis: fehlende Gesprächs­ba­sis

Verhand­lun­gen und Gesprä­che zwischen dem tradi­tio­nell eher kosten­ori­en­tier­ten Controlling/Finanzbereich und allen ande­ren Berei­chen des Unter­neh­mens, bei denen der Fokus eher auf dem jewei­li­gen Bedarf und Nutzen – zum Beispiel einer zu imple­men­tie­ren­den Arbeits­schutz­maß­nahme – liegt, verlau­fen zum Teil auch deshalb schwie­rig, weil nicht immer ein vernünf­ti­ger Dialog zustande kommt. Dass die Brücke zwischen den beiden Seiten manch­mal unüber­wind­bar erscheint, kann natür­lich viel­fäl­tige Gründe haben. Grund­sätz­lich aber fördern bestehende Vorur­teile und fehlen­des Voka­bu­lar Miss­ver­ständ­nisse und verrin­gern die Kompro­miss­be­reit­schaft.

Spezi­el­ler Konflikt­kreis: Quan­ti­fi­zier­bar­keit des Nutzens im Arbeits­schutz

Die grund­sätz­li­che Abwä­gung zwischen Kosten und Nutzen ist keine Erfin­dung der Ökono­mie oder eines Unter­neh­mens. Je nach Defi­ni­tion der beiden Begriffe ist sie ein viel verwen­de­ter und oft unbe­wuss­ter Entschei­dungs­me­cha­nis­mus des Menschen – zum Beispiel: „Lohnt“ sich der Kaffee­voll­au­to­mat für zu Hause? Brau­che ich das neue Handy wirk­lich? Und selbst der Grund dafür, einer alten Dame über die Straße zu helfen, kann darin liegen, dass der Betref­fende sich nach der guten Tat besser fühlt. Die Frage, ob Nutzen versus Kosten viel­leicht sogar ein grund­sätz­li­cher Entschei­dungs­me­cha­nis­mus des Menschen ist, ist eher eine philo­so­phi­sche Frage­stel­lung – ebenso wie jene, was aus mora­li­scher Sicht von diesem Entschei­dungs­me­cha­nis­mus zu halten ist. Wenn der Nutzen aber den Arbeits­schutz tangiert und damit die mensch­li­che Gesund­heit und das Leben beein­flusst, trifft die betriebs­wirt­schaft­li­che Sicht auf die mora­li­sche.

Bezüg­lich des Arbeits- und Gesund­heits­schut­zes kommt das reine Kosten-Nutzen- Argu­ment folg­lich erst einmal an seine Gren­zen. Denn die Frage, was im Extrem­fall ein Menschen­le­ben wert ist oder ob die Kosten dafür gerecht­fer­tigt sind, wird wohl keiner beant­wor­ten wollen. Da Kosten- und Nutzen-Überlegungen aber zu den natür­lichs­ten Entschei­dungs­me­cha­nis­men gehö­ren, und die Einhal­tung betriebs­wirt­schaft­li­cher Rahmen­be­din­gun­gen notwen­dig für eine lang­fris­tig erfolg­rei­che Unter­neh­mens­fort­füh­rung ist, lohnt sich jeder Versuch Ökono­mie und Arbeits­schutz in Einklang zu brin­gen. Wenn es schließ­lich keinen Betrieb oder keine Unter­neh­mung mehr fort­zu­füh­ren gibt, exis­tie­ren auch keine Arbeits­plätze mehr, die „gesi­chert“ werden können.

Produk­ti­ver Verstän­di­gungs­pro­zess mit gemein­sa­mer Ziel­stel­lung

Aufgrund der Bedeu­tung und mora­li­schen Verant­wor­tung sollte trotz unter­schied­li­cher Inter­es­sen und Prio­ri­tä­ten eine gemein­same Ziel­er­rei­chung oder Kompro­miss­fin­dung ange­strebt werden. Das heißt, mögli­che Vorur­teile oder eine pessi­mis­ti­sche Grund­hal­tung gegen­über dem Gesprächs­part­ner sind unnö­ti­ger, nicht ziel­füh­ren­der Ballast. Statt­des­sen ist eine gemein­same Gesprächs­grund­lage in Form des passen­den betriebs­wirt­schaft­li­chen Voka­bu­lars viel effek­ti­ver. Häufig werden als Entschei­dungs­grund­lage Argu­mente aus der Inves­ti­ti­ons­rech­nung oder Kosten­kal­ku­la­tion ange­führt, die sich in der betrach­te­ten Ziel­größe sowie in den betriebs­wirt­schaft­li­chen Input­grö­ßen unter­schei­den.

Ziel­grö­ßen, die zur Entschei­dungs­fin­dung heran­ge­zo­gen werden, können unter­schied­li­cher Natur sein, so zum Beispiel:

  • eine Rendite (beispiels­weise ein Return on Invest­ment, der mindes­tens erzielt werden muss)
  • eine Kosten- oder Budget­größe (die nicht über­schrit­ten werden darf)
  • ein Kapi­tal­wert (wie in der Inves­ti­ti­ons­rech­nung oft zugrunde gelegt)

Welche Ziel­größe verwen­det wird, hängt zum einen davon ab, mit welchen betriebs­wirt­schaft­li­chen Größen grund­sätz­lich im Unter­neh­men gesteu­ert wird, und zum ande­ren, ob die geplante Verbes­se­rung des Arbeits­schut­zes auf einer gesetz­li­chen Verpflich­tung beruht (Fall 1) oder frei­wil­li­ger Natur ist (Fall 2). Im ersten Fall ist der Nutzen nicht genauer zu spezi­fi­zie­ren, da der externe Zwang, die Frage, ob die Maßnahme durch­ge­führt werden sollte, bereits beant­wor­tet hat und folg­lich der Fokus haupt­säch­lich auf der Kosten­seite – im Sinne einer Kosten­mi­ni­mie­rung – liegt. Im zwei­ten Fall muss über die Quan­ti­fi­zie­rung des Nutzens nach­ge­dacht werden, um die zuvor darge­stell­ten Seiten der Kosten-Nutzen-Medaille abzu­wä­gen; hierzu eignet sich am besten das Instru­ment der Nutz­wert­ana­lyse1.

Unab­hän­gig vom jewei­li­gen Fall nimmt die Mittel­ab­fluss­per­spek­tive eine zentrale Rolle in der Entschei­dungs­fin­dung ein. Das heißt in beiden Fällen wird der Controller/Finanzbereich Infor­ma­tio­nen über den finan­zi­el­len Ressour­cen­be­darf der Arbeits­schutz­maß­nahme benö­ti­gen, zum Beispiel in Form von bevor­ste­hen­den Abflüs­sen liqui­der Mittel, Abschrei­bungs­auf­wen­dun­gen oder Vermei­dungs­kos­ten sowie damit einher­ge­hen­der Größen wie Anschaf­fungs­kos­ten oder Nutzungs­dauer.

Mit den rich­ti­gen Begrif­fen argu­men­tie­ren

Die zugrun­de­lie­gende sprach­li­che Notwen­dig­keit liegt dabei in der korrek­ten Unter­schei­dung und Verwen­dung von Zahlungs­grö­ßen versus buch­hal­te­ri­schen Erfolgs­grö­ßen versus kosten­rech­ne­ri­schen Größen. Die Begriffe Ein- und Auszah­lun­gen, Erträge und Aufwen­dun­gen oder Kosten und Leis­tun­gen sind dabei nicht iden­tisch und somit auch nicht als frei austausch­bare Synonyme verwend­bar.

Ausgangs­punkt des Infor­ma­ti­ons­be­darfs des Controllings/Finanzbereichs sind die an verschie­dene Inter­es­sen­grup­pen (beispiels­weise Eigen- (Aktio­näre) und Fremd­ka­pi­tal­ge­ber (Gläu­bi­ger) sowie den Staat) zu berich­ten­den Jahres­ab­schluss­ele­mente. Dazu zählen insbe­son­dere die Bilanz und Gewinn- und Verlust­rech­nung sowie je nach Unter­neh­mens­form die Kapi­tal­fluss­rech­nung (vgl. Abbil­dung 1).

Während die Bilanz eine zu einem belie­bi­gen Zeit­punkt aufge­stellte Gegen­über­stel­lung von Vermö­gen und Kapi­tal ist, die auf der Passiv­seite (Kapi­tal) die Mittel­her­kunft beschreibt und auf der Aktiv­seite (Vermö­gen) die Mittel­ver­wen­dung darstellt, stellt die Gewinn- und Verlust­rech­nung (GuV) die Entwick­lung der Erträge und Aufwen­dun­gen in einem Zeit­raum, beispiels­weise zwischen zwei Bilanz­stich­ta­gen, dar. Erträge und Aufwen­dun­gen sind quasi ein rein buch­hal­te­ri­sches und unter Einhal­tung der gesetz­li­chen Vorga­ben selbst gestalt­ba­res Konstrukt, welches vorran­gig der peri­oden­ge­rech­ten Gewinn­ermitt­lung dient. Ein- und Auszah­lun­gen beru­hen dage­gen immer auf tatsäch­lich statt­ge­fun­de­nen, physi­schen Zu- und Abflüs­sen an liqui­den Mitteln. Das ange­strebte Ziel der Peri­odi­sie­rung mit Hilfe der Erfolgs­grö­ßen (Ertrag und Aufwand) lässt sich am einfachs­ten mit Anschaf­fungs­kos­ten für eine Maschine und deren Abschrei­bun­gen im Zeit­ver­lauf erklä­ren.

Beispiel: Die Maschine kostet zum Beispiel im Zeit­punkt des Kaufs 1 Million Euro. Der die Bilanz­ver­än­de­run­gen beschrei­bende Buchungs­satz Tech­ni­sche Anla­gen und Maschi­nen (TMA) 1 Million an liquide Mittel 1 Million zeigt einen reinen Aktiv­tausch, da das Sach­an­la­ge­ver­mö­gen um 1 Million Euro steigt und die liqui­den Mittel um 1 Million Euro sinken. Durch den Abfluss an liqui­den Mittel stel­len die 1 Million Euro eine Auszah­lung dar. Im Zeit­ver­lauf verliert die Maschine, zum Beispiel infolge von Abnut­zung, an Wert. Der 1 Million Euro, mit der die Maschine zum Kauf­zeit­punkt in die Bilanz gebucht wurde, steht tatsäch­lich nur noch ein Gegen­wert in Höhe von 800.000 Euro gegen­über. Da keine andere (außer­halb des Eigen­ka­pi­tals liegende) ausglei­chende Bilanz­po­si­tion vorliegt, bedeu­tet die Wert­min­de­rung der Maschine, dass damit ein Teil des Eigen­ka­pi­tals aufge­zehrt wird. Derlei erfolgs­wirk­same Ände­run­gen des Eigen­ka­pi­tals werden in der GuV erfasst, welche mittels der Diffe­renz von Erträ­gen und Aufwen­dun­gen den Erfolg der Peri­ode ermit­telt. Der Wert­ver­zehr (200.000 Euro) kann also nur mittels eines Abschrei­bungs­auf­wands abge­bil­det werden (Abschrei­bungs­auf­wand 200.000 an TMA 200.000).

Kosten und Leis­tun­gen sind in vielen Fällen Erträ­gen und Aufwen­dun­gen ähnlich. Sie können im einfachs­ten Fall den Aufwen­dun­gen und Erträ­gen entspre­chen, aber auch einen ande­ren Wert­an­satz haben oder aber zusätz­lich vorlie­gen. Defi­ni­to­risch für die Kosten- und Leis­tungs­rech­nung (KLR), und damit auch für ihre verwen­de­ten Größen Kosten und Leis­tun­gen, ist, dass die KLR ein rein inter­nes Rechen­werk ist. Dies bedeu­tet, dass keiner­lei gesetz­lich verpflich­tende Vorga­ben zu Objektivierungs- und Vergleichs­zwe­cken einzu­hal­ten sind. Die Rech­nung soll statt­des­sen best­mög­lich der inter­nen Unter­neh­mens­pla­nung und ‑steue­rung dienen.

Auf das Abschrei­bungs­bei­spiel bezo­gen ist es intern am wich­tigs­ten, dass der tatsäch­lich vorlie­gende Wert­ver­zehr der Maschine abge­bil­det wird. Aufgrund einer gesetz­lich nicht zuläs­si­gen Abschrei­bungs­me­thode oder der Verwen­dung von Wieder­be­schaf­fungs­kos­ten (gesetz­lich eben­falls nicht zuläs­sig) beträgt der tatsäch­lich geschätzte Wert­ver­zehr beispiels­weise 250.000 Euro. Der buch­hal­te­ri­sche Abschrei­bungs­auf­wand ist weiter­hin mit 200.000 Euro in der zu berich­ten­den GuV zu erfas­sen, in der inter­nen Kosten­kal­ku­la­tion finden aber die kalku­la­to­ri­schen Abschrei­bun­gen in Höhe von 250.000 Euro Verwen­dung. Ebenso soll das Beispiel erken­nen lassen, dass der Begriff Kosten aus der inter­nen Unter­neh­mens­rech­nung nichts mit der im Alltags­ge­brauch oft verwen­de­ten Formu­lie­rung „etwas kostet so und so viel“ zu tun hat. Wenn die Maschine im Zeit­punkt des Erwerbs 1 Million Euro „kostet“, handelt es sich trotz sprach­li­cher Verwandt­schaft nicht um Kosten, sondern ledig­lich um eine Auszah­lung.

Dem Beitrag zugrun­de­lie­gende und weiter­füh­rende Lite­ra­tur

  • Coenen­berg, Adolf G./Fischer, Thomas M.
    /Günther, Thomas: Kosten­rech­nung und Kosten­ana­lyse, 9. Aufl., Stutt­gart 2016.
  • Götze, Uwe: Kosten­rech­nung und Kosten­ma­nage­ment, 5. Aufl., Berlin 2010.
  • Coenen­berg, Adolf G./Haller, Axel/Mattner, Gerhard/Schultze, Wolf­gang: Einfüh­rung in das Rech­nungs­we­sen, 7. Aufl., Stutt­gart 2018.

1 Eine Erläu­te­rung der Nutz­wert­ana­lyse findet sich z. B. in Weber, Jürgen/Schäffer, Utz: Einfüh­rung in das Control­ling, 15. Aufl., Stutt­gart 2016, S. 328 ff.


Foto: privat

Autorin: Dipl. Kffr. Nata­lie Koppitz

Wissen­schaft­li­che Mitar­bei­te­rin,

TU Berg­aka­de­mie Frei­berg

Fakul­tät für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, Dozen­tin des Insti­tuts fürAr­beit und Gesund­heit (IAG)


Zum Inhalt dieses Beitrags und zu vielen weite­ren arbeits­schutz­re­le­van­ten Themen bietet das Insti­tut für Arbeit und Gesund­heit (IAG) der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung Semi­nare an. Infor­ma­tio­nen unter

https://app.ehrportal.eu/dguv

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