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Vision Zero und Kulturwandel in Unternehmen

Im Vorfeld das Richtige tun
Vision Zero – Kulturwandel in der Prävention

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Vision Zero eröffnet Wege hin zu einem freiwilligen Ansatz, der von der Führung getragen wird und alle mitnimmt. Foto: © pakorn – stock.adobe.com
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Fünf Jahre nach dem Beschluss des Vor­standes der Beruf­sgenossen­schaft Rohstoffe und chemis­che Indus­trie, sich zur Vision Zero zu beken­nen – zwei Jahre Vision Zero weltweit bei der IVSS (Inter­na­tionale Vere­ini­gung für Soziale Sicher­heit): Grund genug, um eine erste Zwis­chen­bi­lanz zu ziehen.

Dieses Inter­view stammt aus Sicher­heitsin­ge­nieur 1/2020. Zwei kosten­lose Probeaus­gaben von Sicher­heitsin­ge­nieur kön­nen Sie hier bestellen.

 

Aus­gangspunkt zur Vision Zero Präven­tion­sstrate­gie der BG RCI war die kri­tis­che Analyse der Arbeit­sun­fälle, Wege­un­fälle und Beruf­skrankheit­en bei der 2010 fusion­ierten BG RCI. Denn noch immer ist es Real­ität: Jemand geht früh zur Arbeit und kehrt abends nicht zu sein­er Fam­i­lie zurück, weil er schw­er oder gar tödlich verunglückt ist. Obwohl auf den ersten Blick in der Unfall­bi­lanz – auch im Ver­gle­ich zu anderen Branchen – gute Fortschritte zu verze­ich­nen sind, erlei­det jed­er Zwanzig­ste der Ver­sicherten der BG RCI jedes Jahr einen Arbeits- oder einen Wege­un­fall. Dies bedeutet nicht nur viel Leid, son­dern kostet auch viel Geld. Im Falle der BG RCI müssen für die Fol­gen von Arbeit­sun­fällen und Beruf­skrankheit­en jedes Jahr unge­fähr 1.000 Mil­lio­nen Euro aufge­bracht wer­den.

Diese Diskus­sion hat die Selb­stver­wal­tung der BG RCI in den Jahren 2013 und 2014 geführt und als Reak­tion 2014 die Vision Zero als Präven­tion­sstrate­gie beschlossen. Damit wird zum Aus­druck gebracht, dass man sich nicht mit der Sit­u­a­tion abfind­en will. Vielmehr ste­ht die gemein­same Überzeu­gung von Arbeit­ge­bern und Arbeit­nehmern im Mit­telpunkt dieser Dachstrate­gie, dass jed­er Arbeit­sun­fall und jede beru­flich bed­ingte Erkrankung ver­hin­dert wer­den kann, wenn zum richti­gen Zeit­punkt die richtige präven­tive Maß­nahme getrof­fen wird. Dies geschieht auf der Grund­lage ein­er Grund­hal­tung, zu der es bei näher­er Betra­ch­tung keine Alter­na­tive gibt. Denn wer wollte schon offen beken­nen, dass unternehmerische Plan­zahlen tödliche Arbeit­sun­fälle, Ver­let­zun­gen oder Gesund­heitss­chä­den zulassen oder gar einkalkulieren?

Vision Zero – nicht nur bei der BG RCI und in Deutschland

Was bei der BG RCI in der Präven­tion am Arbeit­splatz seinen Anfang nahm, hat über die Inter­na­tionale Vere­ini­gung für Soziale Sicher­heit (IVSS) inzwis­chen weltweit Aufmerk­samkeit erzielt. Dies gipfelte mit dem Auf­takt für die glob­ale Vision Zero Strate­gie beim Weltkongress für Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit 2017 in Sin­ga­pur. Vor über 4.000 begeis­terten Zuhör­ern wurde Vision Zero zur glob­alen Strate­gie der IVSS erk­lärt.

Die sieben Erfol­gs­fak­toren zur Umset­zung von Vision Zero, die bei der BG RCI entwick­elt wur­den, strahlten als sieben Gold­en Rules für Vision Zero in Englisch von der Lein­wand. Inzwis­chen ist der BG RCI – Vision Zero-Leit­faden in mehr als 15 Sprachen über­set­zt, 8.000 namhafte Unternehmen und Organ­i­sa­tio­nen haben sich der Ini­tia­tive angeschlossen und täglich wer­den es mehr. In allen Kon­ti­nen­ten wird die Vision Zero-Idee gerne aufgenom­men – die Leute sind richtig begeis­tert. Warum? Weil der Ansatz so plau­si­bel und so sim­pel ist und weil Vision Zero die Men­schen emo­tion­al anspricht. Hinzu kommt, dass Vision Zero kom­pat­i­bel ist mit nationalen Geset­zen und Verord­nun­gen.

Inzwis­chen gibt es neben dem Leit­faden und der offiziellen Vision Zero-Web­seite www.visionzero.global auch ein Vision Zero-Train­ing, welch­es frei zugänglich ist und allen Part­nern ange­boten wird. Nach ein­er Rei­he von Testläufen hat die IVSS 2019 die ersten Train­ingsver­anstal­tun­gen für Mul­ti­p­lika­toren durchge­führt – das Inter­esse ist groß. Auch die BG RCI set­zt inzwis­chen neben der Qual­i­fika­tion von Sicher­heits­fachkräften und Sicher­heits­beauf­tragten mit den Vision Zero-Sem­i­naren einen neuen Schw­er­punkt, der sich ins­beson­dere an Unternehmensleitun­gen und Führungskräfte wen­det.

Ist Vision Zero ein weiteres Arbeitsschutzmanagement-System?

Während Man­age­mentsys­teme für den Arbeitss­chutz auf tra­di­tionelles Risiko­man­age­ment set­zen, um die geset­zlichen Anforderun­gen zu erfüllen, erfordert Vision Zero aktive Führungsar­beit und strebt auf der Basis ein­er klaren Hal­tung ein Niveau an, welch­es die geset­zlichen Min­i­malan­forderun­gen weit über­trifft. Arbeitss­chutz wird zur Herzen­san­gele­gen­heit und macht alle Men­schen im Betrieb zu Beteiligten. Das Ziel von Vision Zero ist eine Kul­turverän­derung hin zu ein­er Präven­tion­skul­tur, bei der Sicher­heit und Gesund­heit als Unternehmenswert gese­hen wird. Während bei klas­sis­chen Man­age­mentsys­te­men Regelun­gen, Vorschriften und Doku­men­ta­tion einen hohen Stel­len­wert ein­nehmen und sich meist nur Experten und Führungskräfte zuständig fühlen, erfasst Vision Zero möglichst alle, und die gesamte Belegschaft wird ermutigt, Ideen einzubrin­gen und sich an Lösun­gen zu beteili­gen. Vorkomm­nisse wer­den nicht als Fehler gese­hen, son­dern als Chance zum Ler­nen. Vision Zero erfordert eine völ­lig andere Führungs- und Kom­mu­nika­tion­skul­tur und set­zt auf gegen­seit­iges Ver­trauen.

Erste Zwischenbilanz: wie Vision Zero wirkt

Es ist eine kom­plexe Angele­gen­heit, Erfolg oder Mis­ser­folg von Präven­tion zu ermit­teln. Festzuhal­ten ist, dass die Zus­tim­mung zu Vision Zero enorm ist. Dies zeigen viele Gespräche und Rück­mel­dun­gen von vie­len Per­so­n­en­grup­pen zu Vision Zero wie auch die Bestel­lzahlen der Vision Zero Medi­en oder die Teil­nah­mezahlen an den Vision Zero pro­tecT Foren, die regelmäßig ausverkauft sind. Pos­i­tive Rück­mel­dun­gen gibt es dabei von Vertretern der Großin­dus­trie genau­so wie von einem Unternehmer eines mit­tel­großen Betriebes, der die Vision Zero-Leit­fä­den als „wahren Segen“ beze­ich­net hat.

Auch zu den sieben Erfol­gs­fak­toren und den dazuge­höri­gen Leit­fä­den ist die Zus­tim­mung groß. Dies bele­gen die Rück­mel­dun­gen aus regelmäßi­gen Unternehmens­be­fra­gun­gen, die die BG RCI im Rah­men der Präven­tion­sstrate­gie zu allen Präven­tion­sange­boten einge­führt hat.

Let­z­tendlich ist aber der Blick auf die Entwick­lung der Unfal­lzahlen und der Beruf­skrankheit­en uner­lässlich. Entsprechende Zielvor­gaben sind in den vom Vor­stand beschlosse­nen sieben Zie­len enthal­ten, die erst­ma­lig beschreiben, was die BG RCI in den ersten zehn Jahren erre­ichen will. Sich­er sind fünf Jahre noch zu früh, um abschließende Schlussfol­gerun­gen zu ziehen, denn zunächst musste ja der Schw­er­punkt auf die Analyse der Zahlen und die Entwick­lung passender Präven­tion­stools und Botschaften gelegt wer­den.

Bei Betra­ch­tung der wesentlichen Kenn­zahlen kann man aber bere­its fes­thal­ten, dass es berechtigten Anlass gibt, eine pos­i­tive Entwick­lung der sta­tis­tis­chen Kenn­zahlen zu erwarten. Beispiel­sweise zeigen die neuen Unfall­renten eben­so wie die schw­eren Wege­un­fälle, die in zehn Jahren min­destens hal­biert wer­den sollen, eine pos­i­tive Entwick­lung.

Was ist der Kern der Vision Zero-Strategie der BG RCI?

Im Mit­telpunkt ste­ht das Bemühen, eine neue kom­pak­te Art von Werkzeu­gen zur Umset­zung von Vision Zero und ihrer sieben Erfol­gs­fak­toren zu entwick­eln, die die Botschaften auf das Wesentliche reduzieren und sofort als Analy­se­tool oder als Ideen­tool ein­set­zbar sind. Diese Werkzeuge sollen auf das wesentliche beschränkt und selb­sterk­lärend sein. Die sieben Erfol­gs­fak­toren sind ein­fach, klar und für jeden ver­ständlich. Der Vision Zero-Leit­faden als zen­trales Ein­stiegsin­stru­ment kommt bestens an, bietet vielfältige Ver­wen­dungsmöglichkeit­en und wird sog­ar weltweit einge­set­zt. Die sieben Ver­tiefungsleit­fä­den fol­gen dem gle­ichen Gestal­tungsmuster und wur­den im Prax­is­test sehr gut bew­ertet.

Praxistest der neuen Vertiefungsleitfäden

Die Vision Zero-Leben­sret­ter, die es für Beschäftigte, aber auch für die Führungskräfte gibt, wer­den von eini­gen Betrieben eins zu eins für ihr eigenes Intranet über­nom­men – sie sind beliebt wegen ihrer klaren, drastis­chen und plaka­tiv­en Botschaften. Bewährte Präven­tion­spro­duk­te der BG RCI wie der Förder­preis, der Azu­bi-Wet­tbe­werb oder das Güte­siegel haben ihren fes­ten Platz in der Vision Zero-Strate­gie gefun­den und sind gut inte­gri­ert. Insofern wird bei Vision Zero nicht alles neu erfun­den, son­dern unter einem neuen Dach erfüllen bewährte Ser­viceange­bote ihre Funk­tion bess­er als zuvor. Pos­i­tiv her­vorzuheben ist, dass sich die neuen Vision Zero-Sem­i­narange­bote für Führungskräfte bere­its bester Beliebtheit erfreuen. Alles in allem hat Vision Zero dazu beige­tra­gen, den vielfälti­gen Präven­tion­sange­boten eine klarere Struk­tur zu geben.

Das Vision Zero Marketing der BG RCI

Die besten Pro­duk­te sind wert­los, wenn sie kein­er ken­nt. Deshalb wurde ein Schw­er­punkt auf die Kom­mu­nika­tion und den Trans­fer von Vision Zero gelegt. Neu ist der Vision Zero-Auswahlas­sis­tent (AWA), der hil­ft schnell die passenden Ver­tiefung­spro­duk­te im vielfälti­gen Ange­bot aus­find­ig zu machen. Der AWA ist qua­si eine intel­li­gente Such­mas­chine, um schneller ans Ziel zu kom­men.

Neu ist auch die Vision Zero Web­seite www.null-ist-das-ziel.de, die konzen­tri­ert alle Vision Zero-Pro­duk­te zur Ver­fü­gung stellt und der regelmäßig erscheinende Vision Zero Newslet­ter der BG RCI.

Gemeinsam geht´s besser

Um mit Part­nern und Ver­bün­de­ten gemein­sam voranzukom­men, wur­den mit allen Arbeit­ge­berver­bän­den, mit der Gew­erkschaft und mit inter­essierten Unternehmen fast 50 Vision Zero-Koop­er­a­tionsvere­in­barun­gen abgeschlossen, die dem Trans­fer dienen. Bei einem ersten Tre­f­fen mit den Koop­er­a­tionspart­nern zeigten sich diese beein­druckt vom vorhan­de­nen Ange­bot und sagten zu, sich noch stärk­er um den Trans­fer über ihre Kanäle zu den Unternehmen zu küm­mern.

Ausblick: die nächsten Schritte

Es ist nicht geplant, krampfhaft Schlag auf Schlag weit­ere neue Pro­duk­te auf den Markt wer­fen, weil die Warenkörbe schon gut gefüllt sind. Zwei inno­v­a­tive Pro­jek­te allerd­ings lassen Span­nen­des erwarten:

  • Unter dem Arbeit­sti­tel „Unfälle kom­mu­nizieren“ entste­ht eine App, mit der markante Unfall­ereignisse mit Präven­tionspo­ten­tial schnell und ziel­gerichtet kom­mu­niziert wer­den sollen, um betrof­fene Unternehmen über solche Ereignisse zu informieren und um zu ver­hin­dern, dass der­selbe Unfall an anderen Orten nochmals passiert.
  • In einem inter­na­tionalen Ver­bund­pro­jekt wer­den Indika­toren entwick­elt, mit deren Hil­fe die Aus­prä­gung von Vision Zero und die dazuge­hörige Präven­tion­skul­tur erfasst, gemessen und ges­teuert wer­den kann. Ein span­nen­des Pro­jekt, an dem viele Unternehmen Inter­esse sig­nal­isiert haben, weil sie selb­st auf der Suche nach neuen Steuerungsindika­toren sind. Unternehmen, die hier bere­its mehr als nur ret­ro­spek­tive Unfal­lzahlen in ihr internes Report­ing aufgenom­men haben, sind ein­ge­laden, sich an diesem Vorhaben zu beteili­gen.

Vision Zero eröffnet einen Weg, der eine neue Dimen­sion in der Präven­tion ein­leit­et. Es ist der logis­che Schritt, um von der „guten alten Unfal­lver­hü­tung“ zu der man geset­zlich gezwun­gen wird, zu einem emo­tionalen frei­willi­gen Ansatz zu kom­men, der alle mit­nimmt, der auch Spaß machen darf und der schlum­mernde Poten­tiale und Präven­tionspo­ten­tiale in den Men­schen freiset­zen kann – für die Men­schen und für erfol­gre­iche Betriebe.


Sieben Ziele der BG RCI für Vision Zero (2015–2024)

In der Präven­tion­sstrate­gie „VISION ZERO. Null Unfälle – gesund arbeit­en!“ wur­den quan­ti­ta­tive und qual­i­ta­tive Ziele definiert, die es bis zum Jahr 2024 zu erre­ichen gilt:

  1. Senkung des Arbeit­sun­fall­risikos um 30 Prozent
  2. Senkung der neuen Arbeit­sun­fall-Renten­fälle um 50 Prozent
  3. Senkung der Anzahl tödlich­er Arbeit­sun­fälle um 50 Prozent
  4. Beruf­skrankheit­en ver­ringern
  5. Anzahl unfall­freier Betriebe steigern
  6. Präven­tion­sange­bote eng am Bedarf aus­richt­en
  7. Nutzung der Präven­tion­sange­bote steigern

Foto: © Roland Schneider/BG RCI

Autor: Hel­mut Ehnes

bis Sep­tem­ber 2019 Präven­tion­sleit­er
der BG RCI, Leit­er der VISION ZERO Lenkungs­gruppe
der IVSS


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