Startseite » Sicherheit » Elektrosicherheit »

Auf das Werkzeug kommt es an

Schnittverletzungen beim Abisolieren vermeiden
Auf das Werkzeug kommt es an

Anzeige
Stich- und Schnittver­let­zun­gen zählen zu den häu­fig­sten Unfal­lur­sachen. Elek­trik­er sind dabei beson­ders gefährdet, da das Abset­zen von Adern und Leitun­gen nun ein­mal zu ihrem Beruf gehört. Dieser Artikel zeigt, was beim Abisolieren von Kabeln zu beacht­en ist, um die Hände vor Ver­let­zun­gen zu bewahren.

Viel zu sel­ten führt man sich vor Augen, dass die Hände unsere wichtig­sten kör­pereige­nen Arbeitsmit­tel sind und deshalb beson­deren Schutzes bedür­fen. Hand­ver­let­zun­gen (ins­beson­dere an den eng mit Ner­ve­nen­den beset­zten Fin­gerkup­pen) sind schmerzhaft und heilen – zum Beispiel wegen ständi­ger Bewe­gung und Belas­tung – schlechter ab. Das Risiko von Schnittver­let­zun­gen muss dabei nicht ein­fach hin­genom­men wer­den, denn es gibt genü­gend Möglichkeit­en, sich davor zu schützen.

Schutzhandschuhe verwenden?

Obwohl nahe­liegend, wer­den Hand­schuhe mit Schnittschutzeigen­schaften beim Abset­zen von Leitun­gen eher sel­ten ver­wen­det, da sie die hier­für meis­tens notwendi­ge Fein­füh­ligkeit deut­lich her­ab­set­zen. Wenn aber keine entsprechen­den Hand­schuhe ver­wen­det wer­den kön­nen, kommt der Auswahl des geeigneten Werkzeugs umso größere Bedeu­tung zu.

Routinearbeit besonders gefährlich

Es ist schon erstaunlich, welch eine große Anzahl unter­schiedlich­er Mess­er und Zan­gen für das Abset­zen von Leitun­gen existiert. Diese resul­tiert aus den unter­schiedlich­sten Kabel- und Leitungstypen – wie zum Beispiel Erd­k­a­bel oder Stark­strom- und Daten­leitun­gen – sowie den jew­eils zur Anwen­dung kom­menden Arbeitsver­fahren. Die meis­ten Unfälle ereignen sich allerd­ings nicht bei speziellen Anwen­dungs­fällen, son­dern eher bei der Durch­führung üblich­er Rou­tin­ear­beit­en, wie dem Abset­zen von Instal­la­tions- oder Gerätean­schlus­sleitun­gen. Der hier­bei vielerorts übliche Arbeitsablauf soll deshalb zunächst ein­mal dargestellt wer­den, um im näch­sten Schritt die möglichen Risiken sowie die zu ergreifend­en Schutz­maß­nah­men aufzeigen zu können.

Beschreibung des Arbeitsablaufs

Für das Abisolieren eines Leitungs­man­tels (also der die inneren Adern umgeben­den isolieren­den Umhül­lung) wer­den meis­tens Mess­er einge­set­zt. Wird ein herkömm­lich­es Mess­er ver­wen­det, muss häu­fig der Man­tel zunächst durch einen möglichst ger­ade aus­ge­führten Rund­schnitt leicht anger­itzt wer­den. Ent­lang dieser Risslin­ie kann dann im näch­sten Schritt der Ein­schnitt vor­sichtig weit­er ver­tieft wer­den, wobei die Leitung auch meis­tens gebo­gen wird. Durch das Biegen reißt das Isolier­ma­te­r­i­al weit­er auf, sodass ein Ein­schnitt bis auf die Adern meis­tens gar nicht notwendig ist. Dieses Arbeitsver­fahren set­zt allerd­ings sowohl eine gewisse Fein­füh­ligkeit als auch – je nach Härte­grad des Man­tel­w­erk­stoffs – eine mehr oder weniger große Kraftan­wen­dung voraus, was sich eigentlich wider­spricht. Zudem muss man die Messerklinge nicht nur in der unmit­tel­baren Nähe der Fin­ger führen, son­dern Mess­er und Leitung auch noch fes­thal­ten. Es sind also viele unter­schiedliche Auf­gaben gle­ichzeit­ig auszuführen, wobei das Haup­tau­gen­merk meis­tens darauf gerichtet ist, mit dem Mess­er nicht zu tief einzuschneiden.

Werkzeug-Auswahl

Die Wahl eines geeigneten Werkzeugs ist also von entschei­den­der Bedeu­tung. Die trendi­gen Mul­ti­tools wer­den auf­grund ihrer vie­len Funk­tio­nen oft als prak­tisch ange­se­hen, liegen jedoch nicht so gut in der Hand wie ein entsprechen­des Einzel­w­erkzeug. Ihre Anwen­dung sollte deshalb eher auf die Durch­führung von Gele­gen­heit­sar­beit­en beschränkt wer­den, wenn kein anderes geeignetes Werkzeug zur Ver­fü­gung steht.

Teppich- oder Cuttermesser

Häu­fig sieht man Elek­trik­er, die mit Tep­pich- oder Cut­ter­messern Leitun­gen abisolieren. Diese Mess­er sind sehr scharf und zudem preis­gün­stig. Die Klin­gen lassen sich schnell aus­tauschen, sodass das lästige Nach­schär­fen ent­fällt. Die bei­den wesentlichen Nachteile beste­hen darin, dass die Klinge ein­er­seits leicht abbricht und ander­seits sich oft aus der Arretierung löst, was das Ver­let­zungsrisiko deut­lich erhöht.

Elektrikermesser und Varianten

Schon bess­er geeignet sind Taschen­mess­er, denn ihre Klin­gen sind deut­lich sta­bil­er. Als „Elek­trik­er-Taschen­mess­er“ gibt es Mess­er mit sichelför­miger Klinge, welche sowohl beim Rund­schnitt als auch beim Ein­schnei­den eine bessere Hand­habung gewährleis­ten. Eine Vari­ante des Elek­trik­er­messers hat eine kurze, fest­ste­hende und sta­bile Klinge (Abbil­dung 1). Die geringe Klin­gen­größe gewährt eine gute Hand­hab­barkeit und ein geringes Ver­let­zungsrisiko. Im Ver­gle­ich zum Klappmess­er ist nicht die Klinge, son­dern die Klin­gen­ab­deck­ung klapp­bar gestal­tet. Bei all diesen Messern bleiben jedoch die vorste­hend beschriebe­nen Prob­leme hin­sichtlich der Hand­hab­barkeit bestehen.

Spezielle Kabelmesser

Die Her­steller haben schon vor vie­len Jahren darauf reagiert und ein für Laien ungewöhn­lich ausse­hen­des Kabelmess­er entwick­elt. Es ver­fügt über eine sehr kleine und rotierend gelagerte Klinge, die über einen ver­schieb­baren Bügel abgeschirmt wird. Die Schnitt­tiefe der Klinge kann über ein Stell­rad an die Dicke der Iso­la­tion angepasst wer­den. Zum Abisolieren schiebt man zunächst den Bügel so hoch, dass die abzuisolierende Leitung darunter passt und auf der Klinge aufliegt. Da der Bügel mit ein­er Rück­holfed­er verse­hen ist, presst er beim Zurück­gleit­en die Klinge in die Isolierung.

Der Bügel gewährt einen gle­ich­mäßi­gen Anpress­druck und dient gle­ichzeit­ig als Führung, um einen ger­aden Rund­schnitt aus­führen zu kön­nen. Da die Klinge rotierend gelagert ist, kann – ohne abzuset­zen – nicht nur ein Rund­schnitt, son­dern auch anschließend ein Längss­chnitt am abzutren­nen­den Leitungs­man­tel durchge­führt wer­den, durch welchen dieser leichter ent­fer­nt wer­den kann. Die Vorteile dieses Messers liegen darin, dass die Klinge abgedeckt ist, bei richtiger Ein­stel­lung der Schnitt­tiefe nicht die Gefahr beste­ht, die Adern zu ver­let­zen, der Rund­schnitt auf­grund der Führung wesentlich vere­in­facht wird und nicht zu viele Auf­gaben gle­ichzeit­ig mit den Hän­den aus­ge­führt wer­den müssen.

Dosen-Abmantler

Ein Werkzeug mit ein­er ähn­lich guten Schutz­funk­tion ist der „Dosen-Abmantler“. Dieser beste­ht aus zwei Halb­schalen mit darin ein­gelegten, eben­falls hal­bkre­is­för­mi­gen Klin­gen. Die abzuisolierende Leitung wird in den Dosen-Abmantler ein­gelegt. Durch das Schließen der Halb­schalen schnei­den die Klin­gen in die Isolierung ein. Durch eine Drehbe­we­gung wird dann ein voll­ständi­ger Rund­schnitt aus­ge­führt. Ein solch­er Abmantler ist nur für die üblichen Leitungsstärken aus­gelegt. Sein Plus: Mit ihm kön­nen auch Leitun­gen an schw­er erre­ich­baren Stellen, wie zum Beispiel Schal­ter- und Abzweig­dosen leicht und sich­er abisoliert werden.

Abisolieren von Adern

Für das Abisolieren der Adern wer­den meis­tens Zan­gen benutzt. Hier­bei beste­ht zwar nor­maler­weise ein gerin­geres Ver­let­zungsrisiko, doch kön­nen bei zu tiefen Ein­schnit­ten sehr leicht die Adern beschädigt wer­den, was zu einem gerin­geren Quer­schnitt oder höher­er Bruchge­fahr führt.

Eine bei Elek­trik­ern viel geübte Prax­is ist das Abisolieren mit­tels eines Seit­en­schnei­ders. Dabei wird vor­sichtiger Druck auf die Schnei­d­back­en aus­geübt, sodass mit etwas Übung nur die Iso­la­tion durchtren­nt wird. Da jedoch mit hoher Wahrschein­lichkeit dabei auch die Adern beschädigt wer­den, wur­den Zan­gen entwick­elt, an denen mit­tels ein­er Schraube eingestellt wer­den kann, wie weit sich die Schnei­d­back­en schließen (Abbil­dung 2).

Schnell, sich­er und sauber lassen sich Adern mit ein­er automa­tis­chen Abisolierzange abset­zen. Diese zer­schnei­det nicht die Isolierung, son­dern presst beim Zudrück­en zwei Paar Hal­te­back­en auf die Isolierung, die im weit­eren Ver­lauf des Zudrück­ens in ent­ge­genge­set­zter Rich­tung wegge­drückt wer­den. Die von den Hal­te­back­en fix­ierten Teile der Isolierung wer­den hier­durch auseinan­derg­eris­sen (Abbil­dun­gen 3 bis 5). Bei der hier ver­wen­de­ten Abisolierzange han­delt es sich zwar um ein älteres Mod­ell, jedoch kann an ihr die Funk­tion­sweise sehr gut nachvol­l­zo­gen werden).

Auch auf den Anwender kommt es an

So unter­schiedlich die Anwen­dungs­fälle für Kabel und Leitun­gen sind, so unter­schiedlich ist auch ihr Auf­bau. Dies muss ein Anwen­der wis­sen, um das richtige Arbeitsver­fahren und das richtige Werkzeug auswählen zu kön­nen. Das Abset­zen von Leitun­gen ist allerd­ings eine Auf­gabe, die gerne Auszu­bilden­den über­tra­gen wird, die wed­er über die notwendi­gen Ken­nt­nisse noch über entsprechende Erfahrun­gen ver­fü­gen. Sicher­heits­beauf­tragte kön­nen deshalb viel zur Ver­mei­dung von Schnittver­let­zun­gen beitra­gen, wenn sie auf die Ein­hal­tung der in der Check­liste enthal­te­nen Ver­hal­tensregeln acht­en beziehungsweise entsprechende Hin­weise geben.


Foto: privat

Autor:

Dipl.-Ing. Rain­er Rottmann


Checkliste

  • Nicht aus Geiz oder Bequem­lichkeit nur ein Werkzeug benutzen! Es gibt für die meis­ten Anwen­dungs­fälle entsprechende Lösun­gen, mit­tels der­er schnell und sich­er ein gutes Arbeit­sergeb­nis erzielt wer­den kann.
  • Vorzugsweise sind isolierte, aus­re­ichend sta­bile Kabelmess­er mit abdeck­bar­er Klinge zu ver­wen­den (Abbil­dung 4). Ist dies nicht möglich, soll­ten Kabelmess­er mit ein­er kurzen, sta­bilen Klinge benutzt werden.
  • Tep­pich- und Cut­ter­mess­er sowie Mul­ti­tools sind in den meis­ten Fällen ungeeignet.
  • Offene Klin­gen sind möglichst vom Kör­p­er weg zu bewe­gen. Wenn zum Kör­p­er hin gear­beit­et wer­den muss: Mit ver­ringert­er Kraft arbeiten!
  • Auf die Klin­gen­schärfe acht­en! Das Schnei­den mit stumpfen Messern erfordert einen hohen Kraftaufwand und begün­stigt hier­durch Verletzungen.
  • Ungle­ich­mäßig geschärfte Klin­gen kön­nen eben­falls Unfälle begün­sti­gen, da das Schnittver­hal­ten oft unberechen­bar ist.
  • Käl­tes­tarre Leitun­gen kön­nen einen größeren Kraftaufwand verur­sachen und somit Unfälle begün­sti­gen. Bess­er ist es, die Leitun­gen auf eine Tem­per­atur brin­gen, bei welch­er die nor­male Flex­i­bil­ität gegeben ist.
  • Gegebe­nen­falls zusät­zliche PSA benutzen (zum Beispiel Hand­schuhe mit Schnittschutzeigen­schaften). Ins­beson­dere wenn in Rich­tung des Kör­pers gear­beit­et wer­den muss, sollte feste Klei­dung (zum Beispiel Arbeit­s­jacke) getra­gen werden.
  • Unter­weisung der Beschäftigten (ins­beson­dere Auszu­bildende) in The­o­rie und Prax­is vor der Ausübung der Tätigkeit sicherstellen.
Anzeige
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Meistgelesen

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 12
Ausgabe
12.2020
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 1
Ausgabe
1.2021
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de