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CE-Zeichen kein Garant für Sicherheit

Unfall an einer Sägemaschine
CE-Zeichen kein Garant für Sicher­heit

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Für Arbeits­mit­tel, und beson­ders Maschi­nen, müssen Herstel­ler eine Konfor­mi­tät mit den EU-Vorschriften und EN-Normen nach­wei­sen und ein CE-Zeichen verge­ben. Ist diese Maschine dann in der Benut­zung durch Beschäf­tigte wirk­lich sicher? Unfälle bele­gen eher das Gegen­teil.

Ein Mitar­bei­ter war an einer Stein­säge mit dem Zuschnitt von Werk­stei­nen beschäf­tigt. Die verwen­dete Säge­ma­schine war zum Zeit­punkt des Unfalls elf Jahre alt. Sie hatte eine Antriebs­leis­tung von 15 Kilo­watt, der Durch­mes­ser des verwen­de­ten Diamant-Sägeblattes betrug 120 Zenti­me­ter. Zur Führung des Säge­blatts war ein Laser der Klasse 2 vorhan­den. Das Säge­blatt war im oberen Bereich durch eine Abdeckung geschützt, der Schnitt­be­reich aber frei. Zur Kühlung wurde das Säge­blatt dauer­haft mit Wasser berie­selt.

Um die Schnitt­qua­li­tät laufend zu prüfen und gege­be­nen­falls den Arbeits­ab­lauf zu unter­bre­chen, stand der Bedie­ner in der Nähe der Säge. Der Schalt­schrank mit den Bedien­ele­men­ten befand sich in seiner Reich­weite an der Maschine. Ein Eingriff­schutz wie zum Beispiel eine Licht­schranke, die ein Eingrei­fen in den laufen­den Säge­be­reich verhin­dert hätte, war nicht vorhan­den. Die Maschine verfügt über eine Konfor­mi­täts­be­schei­ni­gung und ein CE-Zeichen. Auch eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung war erstellt worden. Bei dem Bedie­ner handelte sich um einen lang­jäh­ri­gen Mitar­bei­ter, der mit dieser Tätig­keit vertraut war und regel­mä­ßig dazu unter­wie­sen wurde.

Am Unfall­tag musste von ihm ein Gesteins­block bear­bei­tet werden. Aus nicht mehr nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den griff der Bedie­ner in den laufen­den Säge­schnitt ein. Dabei trennte ihm das Säge­blatt zwei Finger der linken Hand ab.

Warum kam es zu dem Unfall?

Eine der Ursa­chen war ein soge­nann­tes „Augen­blicks­ver­sa­gen“ des Beschäf­tig­ten, da er trotz besse­ren Wissens unmit­tel­bar in die laufende Säge einge­grif­fen hat. Der Grund für diesen Eingriff lässt sich nur vermu­ten: Es ist zum Beispiel bekannt, dass bei Natur­stei­nen öfter Einschlüsse und ähnli­ches vorkom­men, die zu Proble­men beim Schnei­den führen können.

Der Fehl­griff des Bedie­ners war aber nicht das Kern­pro­blem. Dieses bestand darin, dass es an einer tech­ni­schen Einrich­tung fehlte, die bei dem Eingriff die Maschine auto­ma­tisch gestoppt, also Vorschub und Dreh­be­we­gung des Säge­blatts unter­bro­chen hätte. So eine Einrich­tung, zum Beispiel in Form einer Licht­schranke, war nicht vorhan­den und auch vom Herstel­ler der Maschine nicht vorge­se­hen gewe­sen. Dieser Mangel wurde im Rahmen der Unfall­un­ter­su­chung zwar erkannt, der Maschi­nen­her­stel­ler erklärte jedoch, dass eine Nach­rüs­tung mit einer Licht­schranke nicht möglich sei und die Maschine doch eine Konfor­mi­täts­er­klä­rung besitze.

Wo liegt das Kern­pro­blem?

Das eigent­li­che Problem, das dieser Unfall verdeut­licht, sind Maschi­nen, die dem Nutzer mittels der vom Herstel­ler beigefüg­ten Konfor­mi­täts­er­klä­rung nach EU-Maschinenrichtlinie eine Sicher­heit vortäu­schen, die nicht unbe­dingt gege­ben sein muss. Die Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung formu­liert deshalb in § 3 Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung:

(1) Der Arbeit­ge­ber hat vor der Verwen­dung von Arbeits­mit­teln die auftre­ten­den Gefähr­dun­gen zu beur­tei­len (Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung) und daraus notwen­dige und geeig­nete Schutz­maß­nah­men abzu­lei­ten. Das Vorhan­den­sein einer CE-Kennzeichnung am Arbeits­mit­tel entbin­det nicht von der Pflicht zur Durch­füh­rung einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung.“

Entschei­dend ist hier­bei Satz 2: Es muss in jedem Fall eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung am konkre­ten Arbeits­platz zu den tatsäch­lich auszu­füh­ren­den Tätig­kei­ten durch den Betrei­ber (Unter­neh­mer) durch­ge­führt und daraus geeig­nete Schutz­maß­nah­men abge­lei­tet werden. Im vorlie­gen­den Fall hätte eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung erge­ben können, dass ein zusätz­li­cher Eingriffs­schutz für das Säge­blatt erfor­der­lich ist. Wie dieser im Einzel­fall ausse­hen kann sei dahin­ge­stellt – mithilfe einer Licht­schranke oder einer ande­ren Lösung.

Poten­zi­al­freie Kontakte Stan­dard

Es geht zudem nicht an, dass ein Herstel­ler keine Möglich­kei­ten zur Inte­gra­tion von zusätz­li­chen Sicher­heits­maß­nah­men in den Steue­run­gen einer Maschine vorsieht. Die Bereit­stel­lung von Schnitt­stel­len für externe Sicher­heits­sys­teme, soge­nannte poten­zi­al­freie Kontakte, ist heute eigent­lich Stan­dard der Steue­rungs­tech­nik.

Ein wesent­li­cher Punkt zur Unfall­ver­mei­dung ist aber auch, dass beim Einsatz von Arbeits­mit­teln – insbe­son­dere von Maschi­nen – nicht nur darauf geach­tet wird, ob das Arbeits­mit­tel ein CE-Zeichen hat, sondern auch darauf, dass die notwen­dige Betriebs­si­cher­heit an dem tatsäch­li­chen Arbeits­platz gewähr­leis­tet ist. Eine Vor-Ort-Prüfung im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung unter Praxis­be­din­gun­gen bringt hier sehr viele wert­volle Erkennt­nisse.


Foto: © Foto­stu­dio City Color Munschke, Weimar

Autor: Dipl.-Ing. Ulf‑J. Schapp­mann

Sicher­heits­in­ge­nieur VDSI

SIMEBU Thürin­gen GmbH


Das können Sie als Sicher­heits­be­auf­trag­ter tun

  • Brin­gen Sie Ihre Erfah­run­gen und Ihr Wissen in die Erar­bei­tung der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen für den Arbeits­platz oder die Tätig­keit mit ein. Praxis­wis­sen ist manch­mal wert­vol­ler als theo­re­ti­sche Betrach­tun­gen.
  • Kontrol­lie­ren Sie regel­mä­ßig, ob die für den Arbeits­platz gelten­den Betriebs­an­wei­sun­gen und Schutz­maß­na­men einge­hal­ten werden.
  • Spre­chen Sie Mitar­bei­ter auf Fehl­ver­hal­ten an. Weisen Sie darauf hin, wie gefähr­lich dieses Verhal­ten ist, indem Sie die Schwere mögli­cher Verlet­zun­gen aufzei­gen. Unwis­sen­heit schützt nicht vor gesund­heit­li­chem Scha­den!
  • Machen Sie mit prak­ti­schen Demons­tra­tio­nen die Gefahr erkenn­bar und begreif­bar.
  • Thema­ti­sie­ren Sie die Proble­ma­tik zusam­men mit den zustän­di­gen Vorge­setz­ten im Rahmen von Unter­wei­sun­gen und Sicher­heits­kurz­ge­sprä­chen und tragen Sie so dazu bei, dass sich rich­ti­ges Verhal­ten einprägt und durch­setzt.

Weiter­füh­rende Infor­ma­tio­nen

  • Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung
  • BekBS 1113 Beschaf­fung von Arbeits­mit­teln
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