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Früh übt sich und der Bierdeckel reicht

Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung – einfach mal machen

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Arbeitsschutz, Gefährdungsbeurteilung, Expertentum: alles altbacken und unattraktiv? Genau das Gegenteil ist der Fall! Foto: © deagreez – stock.adobe.com
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Wie können Fach­kun­dige geför­dert werden? Zumal im Bereich Arbeits­schutz? Und müssen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen eigent­lich wirk­lich kompli­ziert gemacht werden? Und wann sollte man sich dem Thema Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen nähern, möglichst früh oder doch erst spät?

Prof. Müller (siehe Sicher­heits­in­ge­nieur 5/2018, S. 20–23) hat – leider – recht: Fach­kräfte fallen nicht einfach so vom Himmel, auch wenn man als Fach­kun­di­ger manch­mal als retten­der Engel (aus dem Himmel) wahr­ge­nom­men wird.

Weigand Naumann hatte in der Mai-Ausgabe des Sicher­heits­in­ge­nieurs dazu aufge­ru­fen, Meinun­gen und Vorschläge zur Verbes­se­rung des Systems an ihn zu schi­cken. Dieser Auffor­de­rung komme ich gerne nach.

Old fashion?

Fach­kun­dige passen einfach nicht in die heutige „ober­fläch­li­che“ Welt. Denn ein Fach­kun­di­ger muss genau das Gegen­teil von ober­fläch­lich sein – er (oder sie) muss in die Tiefe gehen (wollen).

Auch marke­ting­mä­ßig sind Fach­kun­dige geknif­fen: Die geset­zes­kon­forme Kenn­zeich­nung eines Behäl­ters – um bei dem Beispiel von Prof. Müller zu blei­ben – lässt sich werbe­tech­nisch nicht so knal­lig bunt vermark­ten wie beispiels­weise eine neue App. Jahre­lang aufge­bau­tes Fach­kun­de­wis­sen passt nicht zu den heut­zu­tage von Perso­nal­ab­tei­lun­gen bevor­zug­ten Lebens­läu­fen, die vor Flexi­bi­li­tät und Mobi­li­tät nur so strot­zen sollen.

Welcher Fach­kun­dige kennt so was nicht: „Was, Sie beschäf­tig­ten sich seit 20 Jahren nur mit der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung von Gefahr­stof­fen? Wenn Sie Karriere machen wollen, dann müssen Sie endlich mal was ande­res machen.“

Fach­kun­dige wert­schät­zen

Ein Vorschlag zur Verbes­se­rung des Systems wäre daher eine größere Wert­schät­zung der vielen Fach­kun­di­gen insbe­son­dere durch das hohe Manage­ment. Viele Mana­ger lassen sich (gerne) nach weni­gen Jahren austau­schen, manch­mal zusam­men mit viel verbrann­ter Erde.

Ein Austausch von Fach­kun­di­gen erfolgt viel­fach nur zusam­men mit Wissens­ver­nich­tung. Diese Wissens­ver­nich­tung ist folgen­reich für Beschäf­tigte und (neue) Vorge­setzte, aber leider nicht kenn­zah­len­re­le­vant für das hohe Manage­ment und damit (fast) ohne Bedeu­tung in der heuti­gen Geschäfts­welt.

Vielen ist immer noch nicht klar, dass ein Fach­kun­di­ger etwas kann, was die meis­ten Compu­ter heut­zu­tage immer noch nicht können. Nämlich einen neuen Blick­win­kel auf das große Ganze geben, Zusam­men­hänge herstel­len und aus seinem eige­nen Blick­win­kel neue Lösungs­wege aufzei­gen.

Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung – einfach mal machen

Wo und wie kann man also noch anset­zen um das System zu verbes­sern?

Das Thema Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung fängt doch schon im Kindes­al­ter an und ist eigent­lich gar nicht so schwer. Das folgende Beispiel können mit Sicher­heit alle Erwach­se­nen nach­voll­zie­hen:

Tätig­keit: Kind fährt mit dem Fahr­rad zur Schule.

  • Ziel: verletzungs- und unfall­freies Errei­chen der Schule
  • Gefähr­dun­gen: Unfall, Sturz
  • Risi­ko­höhe: (leider) sehr hoch (Zusam­men­stoß mit Pkw/Lkw): irrever­si­ble Verlet­zun­gen
  • Substi­tu­ti­ons­prü­fung / ‑möglich­kei­ten: Eltern­taxi. Bewer­tung bezüg­lich Substi­tu­tion: nicht immer möglich bezie­hungs­weise sinn­voll (Bewe­gung tut gut!).

Schutz­kon­zept: TOP-Maßnahmen umset­zen:

  • Tech­nisch: funk­tio­nie­ren­des Fahr­rad bereit­stel­len
  • Orga­ni­sa­to­risch: An-/Unterweisung: „Thorben-Hendrik: Fahr vorsich­tig!“
  • Persön­li­che: Fahr­rad­helm, helle Klei­dung bei Dunkel­heit ggf. mit Leucht­strei­fen

Bewer­tung der Schutz­maß­nah­men: ausrei­chend.

Wirk­sam­keits­über­prü­fung (regel­mä­ßig): Funk­ti­ons­fä­hig­keit Fahr­rad, Helm etc.

Stand: 2018-06

 

Und schwupps: Bier­de­ckel (vorne und hinten) voll­ge­schrie­ben bezie­hungs­weise erster Entwurf der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung fertig! Die erste Über­ar­bei­tung kann kommen. Es ist oft viel leich­ter auf einem bestehen­den Doku­ment aufzu­bauen und dieses zu verfei­nern, wenn erst mal das Grund­ge­rüst (in Bier­de­ckel­text­länge!) steht.

Doch die Praxis zeigt … Angst .…

Viele haben Angst, über­haupt mal mit der Erstel­lung einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung anzu­fan­gen, weil die ja even­tu­ell nicht zu 100% voll­stän­dig und fehler­frei sein könnte. Doch keine Angst, das ist sowieso KEINE Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung, zumin­dest nicht dauer­haft, denn früher oder später muss jede Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung aktua­li­siert werden.

Und dann kommt ja noch der gern meckernde Deut­sche („Chef“) um die Ecke und sagt: „Das ist unvoll­stän­dig, hier fehlt xyz …“ oder: „Die Abtei­lungs­be­zeich­nung ist veral­tet.“ Eine entspann­tere Einstel­lung aller Betei­lig­ten würde die Anzahl an Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen bestimmt erhö­hen.

Neue Veran­stal­tung für zukünf­tige Fach­kun­dige an der TU Darm­stadt

Unter dem Motto „einfach mal machen (lassen)“ habe ich im Sommer­se­mes­ter 2018 einen Lehr­auf­trag an der TU Darm­stadt im Fach­be­reich Chemie wie folgt umge­setzt: Der etwas sper­rige akade­mi­sche Titel „Rechts­kun­de­an­wen­dun­gen für zukünf­tige Labor- und Produk­ti­ons­lei­tun­gen“ beschreibt den eigent­li­chen Inhalt „Vorle­sung und Praxis-/Einzelübung für zukünf­tige Fach­kun­dige zum Thema Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung erstel­len“.

Die Studie­ren­den erhal­ten in den Vorle­sun­gen alle wesent­li­chen Infor­ma­tio­nen zu den folgen­den vier Haupt­the­men einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung:

  1. Gefähr­dun­gen ermit­teln
  2. Risi­ko­höhe beur­tei­len
  3. Schutz­maß­nah­men fest­le­gen
  4. Wirk­sam­keit über­prü­fen

Praxis­übung Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung erstel­len

Nach den Vorle­sun­gen heißt es dann für die Studie­ren­den: Los geht´s mit der Erstel­lung der vermut­lich ersten eige­nen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung.

Stoff und Tätig­keit sind frei wähl­bar, einzige Vorgabe: maxi­mal zwei Seiten. Eine gute Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung muss nämlich nicht lang sein, sondern die genann­ten vier Haupt­the­men verständ­lich beschrei­ben.

Bei den münd­li­chen Einzel-Prüfungen wird jede Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung noch einmal inten­siv durch­ge­spro­chen und ergänzt mit Tipps aus meiner lang­jäh­ri­gen Praxis­er­fah­rung als Sicher­heits­in­ge­nieu­rin bei Merck.

Die TU Darm­stadt hat „gewagt und gewon­nen“: Gewagt mit diesem Format Neuland zu betre­ten und gleich­zei­tig den Gewinn, dass auf einen Schwung mehrere Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen erstellt wurden. Die Vorge­setz­ten dürfte das freuen!

Inter­esse an Arbeits­schutz wecken und erhal­ten

Auch die Studie­ren­den haben das erfolg­rei­che Betre­ten von Neuland bestä­tigt. Kommen­tare wie „sinn­volle Lehr­in­halte, die man in ande­ren Veran­stal­tun­gen bisher noch nirgendwo bekommt bezie­hungs­weise am besten noch viel früher im Studium bekom­men sollte“ und Zustim­mung bezüg­lich „Die Lehr­ver­an­stal­tung hat mich dazu ange­regt, mich weiter mit dem Thema zu beschäf­ti­gen“ zeigen das eindeu­tig. Solche Ergeb­nisse zeigen, dass Refe­ren­ten es mit in der Hand haben, die Neugier auf das wirk­lich span­nende Arbeits­feld „Arbeits­schutz“ weiter aufrecht zu halten. Denn wir brau­chen (drin­gend mehr) Fach­kun­dige! Fach­kun­di­ger im Bereich Arbeits­schutz zu sein ist ein verant­wor­tungs­vol­ler Job, schließ­lich kümmert man sich (mit) um die Gesund­heit von Menschen.

Ich will Fach­kun­di­ger werden?!

Wer jetzt immer noch zwei­felt, Fach­kun­di­ger werden zu wollen oder meint, dass die Tätig­keit als Fach­kun­di­ger spätes­tens nach ein paar Jahren keinen Spaß mehr macht, der irrt gewal­tig.

Mit zuneh­men­den Jahren an Fach­kunde fällt es nämlich immer leich­ter, Ideen und Lösungs­an­sätze mit allen Betei­lig­ten gemein­sam zu entwi­ckeln. Und man lässt sich nicht mehr so leicht von provo­kan­ten oder vom eigent­li­chen Thema abwei­chen­den Detail­fra­gen aus dem Konzept brin­gen bezie­hungs­weise kann mit star­ken Gegen­fra­gen oder Fakten den stän­di­gen Nörg­lern entge­gen­tre­ten.

Tipps für die Praxis

  1. Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung ist nichts für Perfek­tio­nis­ten. Es gibt keine (dauer­haft) 100 % korrekte und voll­stän­dige Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. Also: Einfach mal anfan­gen und regel­mä­ßig aktua­li­sie­ren.
  2. Fördern Sie wo es nur geht das Thema „Kommu­ni­ka­tion und Netz­werke“ – insbe­son­dere in der realen Welt. Grei­fen Sie zum Äußers­ten und spre­chen Sie mitein­an­der, am besten von Ange­sicht zu Ange­sicht!

 


Dieser Beitrag stammt aus der Zeit­schrift Sicher­heits­in­ge­nieur 11/2018. Hier können Sie zwei aktu­elle Ausga­ben kosten­los bestel­len


Foto: privat

Autorin: Dr. Birgit Stöff­ler

Sicher­heits­in­ge­nieu­rin, stellv. Mitglied
im Ausschuss für Gefahr­stoffe (AGS),
Mitglied im UA II


Dr. Birgit Stöff­ler

Fach­kun­di­ger im Bereich Arbeits­schutz zu sein ist ein verant­wor­tungs­vol­ler Job, schließ­lich kümmert man sich (mit) um die Gesund­heit von Menschen.“

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