Startseite » Sicherheit » Gefährdungsbeurteilung »

Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen

Eine Aufgabe für Fachkräfte für Arbeitssicherheit
Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen – Einfach mal anfan­gen

business_symbol
Auch bei der Gefährungsbeurteilung gilt: einfach mal anfangen, denn bekanntlich ist der Anfang ja die Hälfte des Ganzen. Foto: © pixelkorn – stock.adobe.com
Anzeige
„Die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tung macht bei uns die Betriebs­ärz­tin.“ Diese und ähnli­che Aussa­gen sind häufi­ger von Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit zu hören. Nicht alle Sifas sind von der Idee begeis­tert, sich um das Thema „Psyche“ zu kümmern. Doch auch dieser Teil der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung gehört zum Aufga­ben­spek­trum der Fach­kräfte. Der vorlie­gende Arti­kel beschreibt, wie man sich dem Gefähr­dungs­fak­tor „psychi­sche Belas­tung“ nähern kann, ohne zuvor ein Psychologie-Studium zu absol­vie­ren.

Seit die psychi­schen Belas­tun­gen im Jahr 2013 expli­zit ins Arbeits­schutz­ge­setz aufge­nom­men wurden, haben sich zahl­rei­che Akti­vi­tä­ten rund um das Thema entwi­ckelt. Dennoch sind bei Fach­kräf­ten für Arbeits­si­cher­heit öfters noch gewisse Hemmun­gen zu beob­ach­ten, sich mit diesem Thema ausein­an­der­zu­set­zen und „einfach“ mit der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung zu begin­nen. Das ist schade, da die Sifas eine wich­tige Rolle bei dem Thema spie­len (können). Warum? Eine Stärke der Sifas besteht darin, dass sie gelernt haben, den Arbeits­schutz syste­misch zu betrach­ten, das heißt sie beach­ten die Wech­sel­wir­kun­gen zwischen tech­ni­scher Ausstat­tung, orga­ni­sa­to­ri­schen Rahmen­be­din­gun­gen und den Perso­nen, die in einem Betrieb arbei­ten. Darüber hinaus kennen Sie die Orga­ni­sa­tion des Arbeits­schut­zes im jewei­li­gen Betrieb und die Ergeb­nisse der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen ande­rer Gefähr­dungs­fak­to­ren.

Was könnte den Einstieg ins Thema erleich­tern? Ein Vergleich mit einem ande­ren Gefähr­dungs­fak­tor kann hier­bei hilf­reich sein, denn es gilt: Psychi­sche Belas­tun­gen sind EIN Gefähr­dungs­fak­tor neben ande­ren Gefähr­dungs­fak­to­ren wie Lärm oder Gefahr­stolle. Über­le­gen Sie, wie Sie bei ande­ren Gefähr­dun­gen vorge­hen, zum Beispiel beim Lärm: Stel­len Sie sich vor, Sie über­prü­fen einen Büro­ar­beits­platz. Die erste orien­tie­rende Messung besteht im Hören: Sie gehen in ein Einzel­büro und hören erst einmal: nichts – hier benö­ti­gen Sie keine genauere Lärm­mes­sung. Es kann aber auch sein, dass es im Einzel­büro teil­weise laut ist, da auf der einen Seite nebenan die Kantine ist und in der Halle auf der ande­ren Seite Holz gesägt wird. Hier würden Sie etwas genauer messen – mit einem Schall­pe­gel­mess­ge­rät, das eine gewisse Mess-Qualität bietet. Wenn Sie dann fest­stel­len, dass recht hohe Schall­pe­gel erreicht werden, benö­ti­gen Sie eine genauere Messung mit aufwen­di­ge­rer Tech­nik. Wenn Sie sich beim Thema Lärm nicht so gut ausken­nen, fragen Sie viel­leicht einen Kolle­gen, ob der Ihnen ein Mess­ge­rät empfeh­len kann oder Sie fragen Ihre Berufs­ge­nos­sen­schaft oder Sie holen sich Unter­stüt­zung durch einen exter­nen Exper­ten.

Trans­fer

Genauso gehen Sie im Grunde bei psychi­schen Belas­tun­gen vor: Zunächst messen Sie orien­tie­rend, ob Fehl­be­las­tun­gen vorlie­gen. Hierzu bieten Ihnen die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger und andere Insti­tu­tio­nen inzwi­schen eine Reihe von Frage­bö­gen, Workshop-Verfahren oder Beobachtungs-Interviews an, die Sie kosten­los nutzen können. Hier­mit erhe­ben Sie, ob über­haupt Fehl­be­las­tun­gen vorlie­gen und wenn ja, in welchem Bereich. Sind es eher Belas­tun­gen beim Arbeits­in­halt, bei der Arbeits­or­ga­ni­sa­tion, der Arbeits­um­ge­bung und –mittel oder im Bereich der sozia­len Bezie­hun­gen? Wenn Sie in einem Bereich Fehl­be­las­tun­gen fest­stel­len, können Sie sich den genauer anschauen – so wie Sie beim Lärm genauer nach­mes­sen. Die Verfah­ren, die Ihnen die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger zur Verfü­gung stel­len sind i.d.R. quali­täts­ge­prüft. Viele Verfah­ren geben inzwi­schen Hinweise zu der Frage, wann ein schäd­li­ches Ausmaß erreicht wird.

Zurück zum Lärm: Im nächs­ten Schritt würden Sie Maßnah­men gegen den Lärm ablei­ten, wobei tech­ni­sche Maßnah­men Vorrang vor orga­ni­sa­to­ri­schen und die wiederum vor perso­nen­be­zo­ge­nen Maßnah­men haben. Genau dasselbe machen Sie bei den psychi­schen Fehl­be­las­tun­gen, die Sie fest­ge­stellt haben. Wenn Sie zum Beispiel in Ihrer ersten orien­tie­ren­den Messung fest­ge­stellt haben, dass Zeit­druck besteht und in Ihrer genaue­ren Analyse raus­ge­kom­men ist, dass dieser Zeit­druck unter ande­rem dadurch zustande kommt, dass die Arbeits­mit­tel schlecht funk­tio­nie­ren (lang­same Compu­ter, fehlende Schnitt­stel­len zwischen Program­men, so dass Daten doppelt einge­ge­ben werden müssen, schlech­tes Werk­zeug, defekte Fahr­zeuge etc.), so sollte hier Abhilfe geschaf­fen werden. Genau dasselbe gilt, wenn Sie orga­ni­sa­to­ri­sche Ursa­chen für den Zeit­druck iden­ti­fi­zie­ren können, wie mangelnde Abspra­chen, die zu Doppel­ar­bei­ten führen, unklare Verant­wort­lich­kei­ten etc.

Arbeits­plätze im Fokus

Die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tun­gen läuft also genauso ab, wie die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung ande­rer Gefähr­dungs­fak­to­ren. Auch hier­bei geht es um die Arbeits­plätze und die Gefähr­dun­gen, die von der Tätig­keit ausge­hen. Es geht NICHT um die Empfin­dun­gen oder Erkran­kun­gen einzel­ner Perso­nen, sondern um eine präven­tive Arbeits­ge­stal­tung.

Was ist denn anders bei den psychi­schen Belas­tun­gen?

  1. Die Erfas­sung der psychi­schen Belas­tun­gen geht nicht ohne die Mitwir­kung der Beschäf­tig­ten. Entspre­chend wich­tig ist es, sie früh­zei­tig zu infor­mie­ren und einzu­be­zie­hen Grund­sätz­lich ist der Arbeits­schutz­aus­schuss (ASA) ein gutes Gremium, um Entschei­dun­gen zu tref­fen, zum Beispiel welches Erhe­bungs­ver­fah­ren gewählt wird. Legen Sie Krite­rien fest, die das Verfah­ren erfül­len soll und suchen Sie dann ein entspre­chen­des Verfah­ren. Wich­tige Krite­rien hat die Gemein­same Deut­sche Arbeits­schutz­stra­te­gie (GDA) zusam­men­ge­stellt ebenso wie eine Liste mit Verfah­ren zur Erfas­sung der psychi­schen Belas­tung.
  2. Es gibt keine Standard-Maßnahmen gegen Fehl­be­las­tun­gen: Manch­mal benö­tigt man viel Fanta­sie, um Abhilfe zu schaf­fen. Wie lassen sich Abläufe besser struk­tu­rie­ren? Wie können Schnitt­stel­len besser aufein­an­der abge­stimmt werden? Wie kann ein ange­mes­se­ner Infor­ma­ti­ons­fluss sicher­ge­stellt werden? Hier sollte man manch­mal das eigent­lich Undenk­bare denken, um zu guten Ideen zu kommen. Auch für die Maßnah­men ist es also wich­tig, die Beschäf­tig­ten zu betei­li­gen. Erfah­rungs­ge­mäß sind sie eher bereit, Maßnah­men anzu­neh­men und umzu­set­zen, die sie selber erar­bei­tet haben. An dieser Stelle gilt es also für die Sifas, einen Rollen­wech­sel zu voll­zie­hen: Sie sind nicht mehr die Exper­ten, die genau wissen, wie sich zum Beispiel Lärm mindern lässt, sondern sie sind Mode­ra­to­ren, die den Prozess der Maßnahmenentwicklung- und umset­zung beglei­ten.

Fazit

Gehen Sie bei den psychi­schen Belas­tun­gen wie bei ande­ren Gefähr­dungs­fak­to­ren vor und erfas­sen Sie deren Ausmaß zunächst orien­tie­rend. Hinweise zu entspre­chen­den Verfah­ren finden Sie auf den Inter­net­sei­ten der Gemein­sa­men Deut­schen Arbeits­schutz­stra­te­gie (GDA).

Sie brau­chen kein Experte auf psycho­lo­gi­schem Gebiet zu werden, müssen sich aber natür­lich mit dem Thema grund­le­gend ausein­an­der setzen – das machen Sie bei allen ande­ren Gefähr­dungs­fak­to­ren, die in Ihrem Betrieb eine Rolle spie­len (können) auch. Die Orga­ni­sa­tion der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung kann im ASA bespro­chen werden, um sicher­zu­stel­len, dass von Anfang an alle Seiten einbe­zo­gen werden. So kann ein Einstieg in die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tung gelin­gen.


Für die Praxis

Das Arbeits­pro­gramm Psyche der Gemein­sa­men Deut­schen Arbeits­schutz­stra­te­gie stellt viele Infor­ma­tio­nen und Hand­rei­chun­gen bereit unter:

https://www.gda-psyche.de/DE/Home/home_node.html

Eine Zusam­men­stel­lung von Instru­men­ten und Verfah­ren zur Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung psychi­scher Belas­tung finden Sie hier:

https://www.gda-psyche.de/SharedDocs/Publikationen/DE/instrumente-und-verfahren-zur-gefaehrdungsbeurteilung-psychischer-belastung.html


Foto: © SRH

Autorin: Prof. Dr. Hiltraut Pari­don

Profes­so­rin für Medi­zin­päd­ago­gik

SRH Hoch­schule für Gesund­heit, Gera

 

Anzeige
News­let­ter

Jetzt unse­ren News­let­ter abon­nie­ren

Meistgelesen

Jobs
Sicher­heits­be­auf­trag­ter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 8
Ausgabe
8.2020
ABO
Sicher­heits­in­ge­nieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 7
Ausgabe
7.2020
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de