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Kontinuierlicher Beitrag zur Gefährdungsbeurteilung

Starke Beteiligung
Kontinuierlicher Beitrag zur Gefährdungsbeurteilung

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Auf Augenhöhe: Sicherheitsbeauftragte sind mit der Arbeitssituation und den Kollegen vor Ort vertraut. Foto: © Quality Stock Arts - stock.adobe.com
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Sicher­heits­beauf­tragte tra­gen mit ihrer Arbeit wesentlich zur wirk­samen Umset­zung von Maß­nah­men für Sicher­heit und Gesund­heit in den alltäglichen Arbeitsabläufen vor Ort bei. Ihre Mitwirkungsmöglichkeit­en sind jedoch nicht nur auf die geset­zlich definierten Auf­gaben beschränkt. Auch bei der Gefährdungs­beurteilung kön­nen sie einen wichti­gen Beitrag leis­ten. Wie sich dieser konkret gestal­tet, wird im Fol­gen­den verdeutlicht.

Das Arbeitss­chutzge­setz ver­langt vom Unternehmer eine Beurteilung der Arbeits­be­din­gun­gen und in deren Rah­men eine Gefährdungs­beurteilung. Im all­ge­meinen Sprachge­brauch hat sich allerd­ings eher der zweite Begriff durchge­set­zt. Im Fol­gen­den wird daher eben­falls der Begriff „Gefährdungs­beurteilung“ ver­wen­det, gemeint ist jedoch stets die Beurteilung der Arbeits­be­din­gun­gen, die neben der Betra­ch­tung von Gefährdun­gen selb­stver­ständlich auch die von gesund­heits­fördern­den Fak­toren (Ressourcen) umfasst.

Eine der tra­gen­den Säulen der Gefährdungs­beurteilung ist die Beteili­gung der Beschäftigten. Die direk­te Beteili­gung aller betrof­fe­nen Beschäftigten ist jedoch nicht immer möglich oder sin­nvoll: In kleineren Unternehmen kann die Beteili­gung aller Beschäftigten prob­lem­los auf direk­te Weise erfol­gen, doch ins­beson­dere in größeren Unternehmen kann dies allein schon auf­grund der großen Zahl von Beschäftigten rein organ­isatorisch zur Unmöglichkeit wer­den. Und die Beteili­gung der Beschäftigten über den Betriebs- oder Per­son­al­rat – sofern über­haupt vorhan­den – ist unab­hängig von dessen geset­zlich ver­ankertem Mitbes­tim­mungsrecht lediglich eine indi­rek­te Form der Beteiligung.

Sicher­heits­beauf­tragte dage­gen sind zum einen in allen Unternehmen mit mehr als zwanzig Beschäftigten vorhan­den. Zum anderen sind sie in räum­lich­er, zeitlich­er sowie fach­lich­er Nähe und „auf Augen­höhe“ mit ihren jew­eili­gen Kol­le­gen direkt ins Arbeits­geschehen einge­bun­den, und ver­fü­gen auf­grund ihrer Aus­bil­dung auch über die erforder­lichen Qual­i­fika­tio­nen und Ken­nt­nisse für eine aktive Mitar­beit an der Gefährdungs­beurteilung. Die Beteili­gung der Sicher­heits­beauf­tragten an der Gefährdungs­beurteilung liegt somit mehr als nahe.

Beteiligung an allen Schritten

Im All­t­agssprachge­brauch wird die Gefährdungs­beurteilung fälschlicher­weise oft mit einem daraus resul­tieren­den Doku­ment gle­ichge­set­zt. Tat­säch­lich ist die Gefährdungs­beurteilung jedoch ein struk­turi­ert­er Prozess – im Ide­al­fall in Form eines „kre­is­för­mig“ kon­tinuier­lichen Verbesserung­sprozess­es. Gemäß der GDA-Leitlin­ie „Gefährdungs­beurteilung und Doku­men­ta­tion“ umfasst dieser Prozess sieben Teilschritte (siehe Abbil­dung), von denen jed­er einzelne doku­men­tarisch begleit­et wird. Die Beteili­gung der Sicher­heits­beauf­tragten an der Gefährdungs­beurteilung bedeutet daher deren Mitwirkung an jedem einzel­nen dieser Prozesss­chritte. Wie diese im Detail ausse­hen kann, soll im Fol­gen­den näher betra­chtet werden.

Schritt 1: Festlegen von Arbeitsbereichen und Tätigkeiten

Grund­sät­zlich ist die Fes­tle­gung der zu beurteilen­den Arbeits­bere­iche und Tätigkeit eine Führungsauf­gabe. Die Sicher­heits­beauf­tragten kön­nen hier­bei jedoch bera­tend mitwirken, indem sie zum Beispiel Hin­weise darauf geben, welche Arbeits­bere­iche beziehungsweise Tätigkeit­en aus ihrer jew­eili­gen Sicht beson­dere Gefährdun­gen bergen und daher bevorzugt betra­chtet wer­den soll­ten. Eben­so kön­nen sie Hin­weise auf beson­ders schutzwürdi­ge Per­so­n­en im betr­e­f­fend­en Arbeits­bere­ich, für die eventuell eine per­so­n­en­be­zo­gene Gefährdungs­beurteilung durchge­führt wer­den müsste, geben.

Schritt 2: Gefährdungen ermitteln

Sicher­heits­beauf­tragte kön­nen in diesem Schritt beispiel­sweise die ihnen bere­its bekan­nten Gefährdungs­fak­toren, Gefahren­quellen, aber auch gesund­heits­förder­lichen Fak­toren direkt in die Erhe­bung ein­brin­gen und eventuell notwendi­ge Bege­hun­gen durch ihre jew­eilige Ortsken­nt­nis unter­stützen. Ins­beson­dere für die Ermit­tlung der psy­chis­chen Belas­tung an den betra­chteten Arbeit­splätzen ist die Beteili­gung der Sicher­heits­beauf­tragten als selb­st betrof­fene Beschäftigte unverzicht­bar. Bei der rückschauen­den Gefährdungser­mit­tlung kön­nen Sicher­heits­beauf­tragte wertvolle Beiträge zum Beispiel bei der Rekon­struk­tion von Beina­he-Unfällen oder gefährlichen Sit­u­a­tio­nen liefern. Die Sys­tem­a­tisierung der Ermit­tlungsergeb­nisse ist dann wieder Auf­gabe der Experten.

Schritt 3: Gefährdungen beurteilen

Das Beurteilen der Gefährdun­gen gemäß geset­zlichen Vor­gaben (Gren­zw­erte, akku­mu­la­torische Belas­tung­sober­gren­zen etc.) oder arbeitswis­senschaftlichen beziehungsweise arbeitsmedi­zinis­chen Erken­nt­nis­sen erfordert oft­mals spezielle Fachken­nt­nisse und ist dann Auf­gabe der jew­eili­gen betrieblichen Experten. Eine Beteili­gung der Sicher­heits­beauf­tragten an dieser Auf­gabe ist daher im All­ge­meinen nicht sin­nvoll. Aber: Die Beurteilung ins­beson­dere der psy­chis­chen Belas­tung erfol­gt nicht zulet­zt auf Basis der sub­jek­tiv­en Wahrnehmung der Belas­tung durch die betrof­fe­nen Beschäftigten, die entsprechend einge­holt wer­den muss. Die Sicher­heits­beauf­tragten kön­nen auch hier sowohl mit ihrer eige­nen Ein­schätzung, als auch mit den einge­holten sub­jek­tiv­en Ein­schätzun­gen ihrer Kol­le­gen sowie deren indi­vidu­ellen Bewäl­ti­gungsstrate­gien wertvolle Beiträge leisten.

Schritt 4: Festlegen konkreter Arbeitsschutzmaßnahmen nach
dem Stand der Technik

Zwar ist die Fes­tle­gung von Arbeitss­chutzzie­len und ‑maß­nah­men in erster Lin­ie eben­falls eine Führungsauf­gabe – unter­stützt von den betrieblichen Fach­leuten. Den­noch kön­nen auch hier die Sicher­heits­beauf­tragten wertvolle Beiträge leis­ten: Da Arbeitss­chutzziele direkt der Sicher­heit und Gesund­heit der Beschäftigten bei der Arbeit dienen, macht es dur­chaus Sinn, diese im Vor­feld mit den Beschäftigten abzus­tim­men. Denn auch die Beschäftigten kön­nen und müssen ihren Beitrag zur Erre­ichung dieser Ziele leis­ten – und sie wer­den nur dann dazu bere­it sein, wenn sie diese Ziele akzep­tieren. Die Sicher­heits­beauf­tragten kön­nen daher bei der Zielfind­ung und der Maß­nah­menableitung die Mei­n­ung ihrer Kol­le­gen direkt ein­brin­gen und Hin­weise geben, welche Maß­nah­men auf mehr beziehungsweise weniger Akzep­tanz bei ihren Kol­le­gen stoßen wür­den, und auf diese Weise zur Verbesserung der Erfol­gsaus­sicht­en der Maß­nah­men beitragen.

Schritt 5: Maßnahmen durchführen

In diesem Schritt kön­nen die Sicher­heits­beauf­tragten zunächst die im vorheri­gen Schritt abgeleit­eten Maß­nah­men in ihrem Kol­le­genkreis kom­mu­nizieren und erk­lären – was bei diesen eine wesentlich größere Akzep­tanz und Unter­stützung erzeugt, als eine bloße Infor­ma­tion „von oben“. Bei der Umset­zung und Durch­führung der Maß­nah­men im All­t­ags­geschäft kön­nen die Sicher­heits­beauf­tragten ihren Kol­le­gen direk­te Hil­festel­lung leis­ten und gegebe­nen­falls dabei auftre­tende Prob­leme an die zuständi­ge Führungskraft beziehungsweise an die Fachkraft für Arbeitssicher­heit rück­melden. Zudem acht­en die Sicher­heits­beauf­tragten darauf, ob die Maß­nah­men zum per­sön­lichen Sicher­heitsver­hal­ten der Beschäftigten von ihren jew­eili­gen Kol­le­gen auch befol­gt wer­den und sprechen diese, falls dies nicht der Fall sein sollte, darauf an. Es liegt in der Ver­ant­wor­tung und im Geschick des jew­eili­gen Sicher­heits­beauf­tragten, dies nicht als „Kon­trolleur“, son­dern als Kol­lege und auf Augen­höhe zu tun.

Schritt 6: Überprüfen der Wirksamkeit der Maßnahmen

Das Ver­hal­ten ihrer Kol­le­gen ist für die Sicher­heits­beauf­tragten auch ein Zeichen dafür, ob die getrof­fe­nen Maß­nah­men in der alltäglichen Arbeit­sprax­is akzep­tiert wer­den und die erwarteten Ergeb­nisse zeigen. Sie haben damit eine Möglichkeit, die Wirk­samkeit der umge­set­zten Maß­nah­men zu über­prüfen und ihre Beobach­tun­gen in den Über­prü­fung­sprozess einzubrin­gen. Der Vorteil der Sicher­heits­beauf­tragten ist auch hier­bei ihre direk­te Ein­bindung in das alltägliche Arbeits­geschehen und die damit „unge­filterte“ Beobach­tungsmöglichkeit, über die Führungskräfte beziehungsweise Sicher­heits­fachkräfte und Betrieb­särzte möglicher­weise nicht verfügen.

Schritt 7: Fortschreiben der Gefährdungsbeurteilung

Die Gefährdungs­beurteilung muss zumin­d­est in Teilen wieder­holt und deren Doku­men­ta­tion aktu­al­isiert wer­den, wenn Gefährdun­gen bish­er nicht erkan­nt wur­den, neue Gefährdun­gen oder Gesund­heits­ge­fahren aufge­treten sind oder sich die betrieblichen Gegeben­heit­en hin­sichtlich Sicher­heit und Gesund­heit verän­dert haben. Die konkreten Anlässe dazu kön­nen vielfältig sein und sich dur­chaus auch direkt aus dem jew­eili­gen Arbeit­sum­feld selb­st ergeben, und sind dem Unternehmer beziehungsweise den mit der Gefährdungs­beurteilung beauf­tragten ver­ant­wortlichen Per­so­n­en daher zunächst möglicher­weise nicht bekan­nt. In diesem Fall müssen die konkreten Anlässe von den jew­eili­gen Sicher­heits­beauf­tragten entsprechend an den Unternehmer beziehungsweise an die Sicher­heits­fachkraft und den Betrieb­sarzt kom­mu­niziert wer­den. Auch wenn dies grund­sät­zlich bere­its ein­er der geset­zlich definierten Auf­gaben der Sicher­heits­beauf­tragten entspricht, stellen solche Mel­dun­gen in jedem Fall einen wertvollen und unverzicht­baren Beitrag der Sicher­heits­beauf­tragten zu diesem Schritt der Gefährdungs­beurteilung dar.

Die Dokumentation

Die Doku­men­ta­tion der Gefährdungs­beurteilung find­et als inte­graler Bestandteil dieses Prozess­es par­al­lel zu allen Schrit­ten statt. Sie muss bes­timmte Voraus­set­zun­gen erfüllen, um die Rechtssicher­heit des Unternehmers beziehungsweise der ver­ant­wortlichen Per­so­n­en zu gewährleis­ten sowie auch als Grund­lage für weit­ere betriebliche Maß­nah­men, wie zum Beispiel der Unter­weisung der Beschäftigten, dienen zu kön­nen. Daher ist die Doku­men­ta­tion der Gefährdungs­beurteilung grund­sät­zlich eben­falls Auf­gabe des Unternehmers beziehungsweise der ver­ant­wortlichen Per­so­n­en, unter­stützt durch die betrieblichen Experten. Da die Sicher­heits­beauf­tragten jedoch zu allen Schrit­ten der Gefährdungs­beurteilung einen Beitrag leis­ten kön­nen, gilt dies somit auch für die Doku­men­ta­tion: So geben sie beispiel­sweise Hin­weise auf eventuell nicht aus­re­ichend abgedeck­te Aspek­te der Gefährdungs­beurteilung, weisen auf neue, erst im Laufe der Gefährdungs­beurteilung aufge­tretene Gefährdungs­fak­toren oder gesund­heitliche Aspek­te hin oder prüfen die Doku­men­ta­tion schlichtweg auf Nachvol­lziehbarkeit und Verständlichkeit.

Fazit: Beteiligung unverzichtbar

Die Gefährdungs­beurteilung ist kein ein­ma­lig ange­fer­tigtes Doku­ment, son­dern ein kon­tinuier­lich­er struk­turi­ert­er Prozess. Die Sicher­heits­beauf­tragten kön­nen an sämtlichen Schrit­ten dieses Prozess­es beteiligt wer­den und sich selb­st aktiv ein­brin­gen. Sie leis­ten damit einen über ihre geset­zlich definierten Auf­gaben und Infor­ma­tion­srechte weit hin­aus­ge­hen­den wesentlichen Beitrag zu Sicher­heit und Gesund­heit bei der Arbeit in ihrem Unternehmen. Für die erfol­gre­iche und nach­haltige Durch­führung der Gefährdungs­beurteilung ist die Beteili­gung der Sicher­heits­beauf­tragten in diesem Sinne daher unverzichtbar.


Foto: DGUV

Autor: Dr. Markus Kohn

Ref­er­ent Organ­i­sa­tion des Arbeitsschutzes
Deutsche Geset­zliche Unfallversicherung


Aktuell gefragt: Ergänzungen zum Infektionsschutz

Durch das Auftreten des neuen Coro­n­avirus sind beste­hende Gefährdungs­beurteilun­gen derzeit um die Infek­tion­s­ge­fahren zu ergänzen: Wo der Betrieb durch behördliche Regelun­gen nicht unter­sagt wurde oder wieder aufgenom­men wird, müssen Unternehmen zusät­zlich die spez­i­fis­chen Gefährdun­gen durch das Virus ermit­teln und geeignete Maß­nah­men ergreifen, um ihre Beschäftigten vor Ansteck­ung zu schützen und eine weit­ere Aus­bre­itung des Erregers zu ver­hin­dern. Die Beruf­sgenossen­schaften und Unfal­lka­ssen bieten dazu viel­seit­ige Unter­stützung, unter anderem durch Vor­la­gen zur Ergänzung der Gefährdungs­beurteilung zum Schutz vor dem Coro­n­avirus für ver­schiedene Beruf­szweige. Eine Liste mit allen branchen­spez­i­fis­chen Coro­na-Hin­weisen der UV-Träger zum Down­load find­en Sie unter anderem hier:

www.dguv.de/corona


Weitere Informationen

  • DGUV Infor­ma­tion 211–042 „Sicher­heits­beauf­tragte“; www.dguv.de (Web­code p211042)
  • GDA-Leitlin­ie „Gefährdungs­beurteilung“; www.gda-portal.de Auf­sicht­shan­deln Leitlin­ie Gefährdungs­beurteilung und Dokumentation
  • Web­site des Sachge­bi­ets „Sicher­heits­beauf­tragte“ der DGUV; www.dguv.de (Web­code d657252)
  • Web­site der BAuA zur Gefährdungs­beurteilung; www.baua.de The­men Arbeits­gestal­tung im Betrieb Gefährdungsbeurteilung
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