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Psychische Belastungen – Lotse sein!

Die Fachkräfte für Arbeitssicherheit
Psychische Belastungen – Lotse sein!

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Das Unterlassen sicherheitstechnischer Maßnahmen kann durchaus Ausdruck psychischer Belastungen, zum Beispiel Zeitdruck, Arbeitsfülle etc. sein. Die Fachkraft für Arbeitssicherheit kann hier den Mitarbeiter ansprechen und eine Klärung erreichen. Foto: © Gina Sanders – stock.adobe.com
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Die Qual­i­fizierungsempfehlun­gen der Gemein­samen Deutschen Arbeitss­chutzs­trate­gie (GDA) zu psy­chis­chen Belas­tun­gen definieren auch Auf­gaben für Fachkräfte für Arbeitssicher­heit und Betrieb­särzte. Dazu gehört die Wahrnehmung ein­er Lot­sen­funk­tion. Die Über­nahme dieser Auf­gabe ist auch solchen Mitar­beit­ern möglich, die vornehm­lich tech­nisch aus­ge­bildet sind und üblicher­weise eher wenig Bezug zum The­ma „Psy­che“ haben.

Das Befahren schwieriger Gewäss­er über­fordert in der Regel das Kön­nen eines frem­den Kapitäns. Er braucht Hil­fe, jeman­den, der sich ausken­nt, der weiß, wo Sand­bänke liegen, wie die Fahrrinne genau aussieht, welche Hür­den Ebbe und Flut darstellen. Hier­für gibt es die Lot­sen. Sie ste­hen dem Kapitän bei und berat­en ihn bei sein­er Auf­gabe.

In ähn­lich­er Weise benötigt der Unternehmer Lot­sen, die ihn berat­en und bei seinen Arbeitss­chutzpflicht­en unter­stützen. Diese Auf­gabe haben die Fachkräfte für Arbeitssicher­heit (Sifa) und die Betrieb­särzte seit Beste­hen des Arbeitssicher­heits­ge­set­zes, aber der bild­hafte Aus­druck wurde damals noch nicht benutzt.

Im Prinzip soll diese Lot­sen­funk­tion der Sifa und Betrieb­särzte auch in Bezug auf die psy­chis­chen Belas­tun­gen wahrgenom­men wer­den.

Lotse sein, heißt dabei nicht, das Prob­lem zu lösen, son­dern aufmerk­sam zu sein und möglicher­weise bedrohliche Anze­ichen zu erken­nen und den Arbeit­ge­ber zu unter­richt­en, damit dieser dann die richti­gen Prozesse ein­leit­en kann, also zum Beispiel eine Gefährdungs­beurteilung psy­chis­ch­er Belas­tun­gen. Dabei dür­fen sich die betrieblichen Lot­sen auf das Feld zurückziehen, das sie beherrschen – mehr müssen sie nicht leis­ten. Kön­nen wir das als Tech­niker? Yes, we can!

Der zweifache Blick

Um es noch ein­mal zu beto­nen: Die Gefährdungs­beurteilung psy­chis­ch­er Belas­tun­gen dient nicht dazu, psy­chis­che Diag­nosen zu erstellen oder den psy­chis­chen Zus­tand konkreter Mitar­beit­er zu erken­nen. Ihre Auf­gabe ist es, dass Arbeitssys­tem dahinge­hend zu über­prüfen, ob es nach den aktuell arbeitswis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen geeignet ist, psy­chis­che Beein­träch­ti­gun­gen her­vorzu­rufen.

Dabei kann man bere­its im täglichen „Nor­mal­be­trieb“ in dop­pel­ter Hin­sicht aufmerk­sam sein und muss nicht erst auf eine „offizielle“ Gefährdungs­beurteilung warten:

  • Beobach­tung und Prü­fung des Arbeitssys­tems und der Arbeit­sor­gan­i­sa­tion in Bezug auf bekan­nte Quellen möglich­er neg­a­tiv­er Beanspruchungs­fol­gen.
  • Wahrnehmung ungewöhn­lich­er Ver­hal­tensweisen bei Mitar­beit­ern, also die Bere­itschaft, auch aus per­so­n­enge­bun­de­nen Sig­nalen Schlüsse zu ziehen.

Dieser zweifache Blick ist die Grund­lage der Lot­sen­funk­tion. Und er ist leist­bar, wobei die nach­fol­gen­den Beispiele zeigen sollen, wie die Auf­gabe als Lotse wahrgenom­men werde kann.

Technisch – Organisatorische Signale

Psy­chis­che Belas­tun­gen ergeben sich nicht allein aus Inter­ak­tio­nen zwis­chen Men­schen im Sinne kon­flik­tär­er Prob­leme (Kol­lege – Kol­lege, Arbeit­nehmer – Vorge­set­zter), son­dern häu­fig aus ein­er unzure­ichen­den Organ­i­sa­tion des Arbeit­sprozess­es. Insofern wird ein wichtiger Beitrag für die Lot­sen­funk­tion durch Sifa und Sicher­heitsin­ge­nieure dadurch erbracht, dass sie das Arbeitssys­tem in kri­tis­ch­er Überwachung hal­ten.

Dabei kön­nen durch Beobach­tun­gen Fak­ten gesam­melt wer­den, die entwed­er geeignet sind, im Arbeitss­chutz-Auss­chuss eine Gefährdungs­beurteilung psy­chis­ch­er Belas­tun­gen anzure­gen, oder mit unserem Fach­wis­sen und Betrieb­sken­nt­nis­sen diesen Prozess zu unter­stützen. Dabei soll­ten wir uns klar machen, dass wir häu­fig die einzi­gen sind, die entsprechende Angaben machen kön­nen, dass es unsere ure­igen­ste Pro­fes­sion ist.

Die Vorstel­lung, dass „Tech­niker“ keine Beiträge zur Beurteilung möglich­er psy­chis­ch­er Belas­tun­gen liefern kön­nen, ist weit ver­bre­it­et – auch unter den Fachkräften für Arbeitssicher­heit selb­st –, sie ist aber falsch. Die Größe des Beitrages mag sich­er unter­schiedlich sein (sie wird zum Beispiel in einem reinen Beratung­sun­ternehmen mit exter­nen Kun­denkon­tak­ten geringer sein als in einem indus­triellen Pro­duk­tions­be­trieb), aber sie ist den­noch unverzicht­bar.

Tabelle 1 lis­tet eine ganze Rei­he von Gesicht­spunk­ten auf, die jede Sifa (und natür­lich auch jed­er Betrieb­sarzt) beobacht­en kann, ohne dass gle­ich eine Bew­er­tung im Sinne neg­a­tiv­er oder pos­i­tiv­er Fol­gen notwendig ist.

Allerd­ings – und das ist die Auf­gabe des Lot­sen – sie müssen den Arbeit­ge­ber in den dafür vorge­se­henen Struk­tur­rah­men informieren. Es reicht nicht, das Wis­sen in sein „stilles Käm­mer­lein“ einzu­lagern. Der Lotse an Bord soll ja nicht nur die her­an­na­hende Sand­bank erken­nen, er sollte es dem Kapitän schon sagen.

Die Grund­lage jed­er Beurteilung ist immer die sorgfältige Daten­er­he­bung und die Beobach­tung der Ver­hält­nisse. Erst auf­grund umfan­gre­ich­er Fak­ten kann abgeleit­et wer­den, ob dieses oder jenes Prob­lem sich gegebe­nen­falls neg­a­tiv auswirken kann.

Wichtig für die Lot­sen­funk­tion sind im Zuge dieses „Früh­warn­sys­tems“ auch Mitar­beit­erge­spräche vor Ort, die gegebe­nen­falls Auf­schluss über ver­steck­te Prob­leme geben. Ein Beispiel: Eine Sifa beobachtet, dass gewisse Sicher­heits­maß­nah­men nicht ergrif­f­en wer­den (s. Abb.). Im Gespräch äußert der Mitar­beit­er, dass dies zu lange dauern würde und das Arbeit­spen­sum nicht zu schaf­fen wäre. Dies ist ein deut­lich­er Hin­weis auf unzure­ichende Arbeit­sor­gan­i­sa­tion, also zu viel Arbeit beziehungsweise zu wenig Zeit.

Fest­stell­bar wurde dies aber nur durch die Hin­ter­fra­gung ein­er Nich­taus­führung von „klas­sis­chen“ sicher­heit­stech­nis­chen Maß­nah­men.

Es reicht also nicht immer, nur kor­rigierend einzuschre­it­en, son­dern man muss sich gegeben­falls auch über die Gründe von zum Beispiel sicher­heit­srel­e­van­tem Fehlver­hal­ten informieren.

Wie gesagt, die Beobach­tun­gen an sich reichen noch nicht aus, um tiefer gehende Schlüsse in Bezug auf die psy­chis­chen Belas­tun­gen zu machen. Aber der Lotse erken­nt die Untiefen und bringt sie zur Sprache.

Personenbezogene Signale

Das gilt auch für Ver­hal­tensauf­fäl­ligkeit­en einzel­ner Mitar­beit­er oder inner­halb von Teams, wobei hier sich­er eine beson­dere Sen­si­bil­ität erforder­lich ist. Dies ergibt sich schon daraus, dass in vie­len Fällen die Kon­tak­te zwis­chen der Sifa und den einzel­nen Mitar­beit­ern nur in geringem Maße aus­geprägt sind.

Dies ist auf­gaben­in­härent, da die Sifa in vie­len Fällen im ganzen Betrieb unter­wegs ist und auf­grund ihrer wech­sel­nden Ein­sat­zorte meist nicht in so engen Kon­takt zu einzel­nen Mitar­beit­ern kommt, dass bes­timmte Ver­hal­tenssig­nale auf­fäl­lig wer­den. Nicht repräsen­ta­tive Einzel­beobach­tun­gen kön­nen daher dur­chaus als „Auf­fäl­ligkeit­en“ miss­in­ter­pretiert wer­den (Stich­wort: „Schlechter Tag“).

Sig­nale von Einzelper­so­n­en wer­den eher durch Vorge­set­zte, gegebe­nen­falls auch durch die Sicher­heits­beauf­tragten wahrgenom­men, aber auch die Sifa ist in der Pflicht, Auf­fäl­ligkeit­en wahrzunehmen und entsprechend zu reg­istri­eren.

Tabelle 2 gibt eine typ­is­che Liste von per­so­n­en­be­zo­ge­nen Sig­nalen, die auf psy­chis­che Belas­tun­gen zurück­ge­hen kön­nen. Dabei ist allerd­ings nicht gesagt, dass diese Belas­tun­gen unbe­d­ingt von der Arbeit kom­men müssen. Ein über län­gere Zeit niederge­drückt wirk­ender Mitar­beit­er kann auch starke pri­vate Prob­leme haben, wie zum Beispiel eine Schei­dung oder den Tod eines nahen Ange­höri­gen.

Es emp­fiehlt sich daher, bei entsprechen­den tat­säch­lichen oder ver­meintlichen Beobach­tun­gen, in einem kol­le­gialen Gespräch mit dem Betrieb­sarzt den Punkt gemein­schaftlich zu beleucht­en, bevor weit­ere Schritte ein­geleit­et wer­den. In vie­len Fällen hat der Betrieb­sarzt einen engeren Kon­takt zu den Mitar­beit­ern, so dass hier eine zwei­seit­ige Abklärung hil­fre­ich ist. Dies trifft beson­ders auf Ver­hal­tensän­derun­gen bei Einzelper­so­n­en oder auch bei zum Beispiel ver­muteter Sucht­prob­lematik zu.

Weniger kri­tisch sind grup­pen­be­zo­gene Sig­nale wie zum Beispiel häu­figer Stre­it inner­halb von Teams beziehungsweise zwis­chen Teams oder ein rauer oder rüder Ton im Umgang miteinan­der (Achtung: In manchen Tätigkeits­bere­ichen ist dies tra­di­tionell „nor­mal“). Dafür wird es Gründe geben. Mit Bezug auf die Arbeits­gestal­tung kön­nten dies zum Beispiel Zeit­druck / über­bor­dende Auf­gaben sein (Stress­reak­tion!), aber auch Stre­it­igkeit­en um Mate­ri­alien, die durch Organ­i­sa­tion­s­män­gel nicht in aus­re­ichen­dem Maße nachgeliefert wer­den oder eine „Konkur­renz“ um die Nutzung bes­timmter Maschi­nen / Arbeitsmit­tel.

Es kön­nen aber auch per­sön­liche Gründe sein, die nicht der Arbeit geschuldet sind. Aber dies zu klären, ist Auf­gabe der nach­ge­ord­neten Prozesse. Wichtig ist, diese Sig­nale wahrzunehmen, zu kom­mu­nizieren, sich aber ein­er Begrün­dung zunächst erst ein­mal zu enthal­ten (es sei denn, sie wer­den von den Betrof­fe­nen selb­st vor­ge­tra­gen).

Einbindung in die Gefährdungsbeurteilung

Grund­sät­zlich sind die Fachkräfte für Arbeitssicher­heit in den Prozess der Gefährdungs­beurteilung zu inte­gri­eren.

Nichts wäre fataler, als dass ger­ade dieser Sachver­stand bei der Beurteilung außen vor bliebe. Dies gilt auch für solche Instru­mente, die zunächst keinen direk­ten Zusam­men­hang mit dem Arbeitss­chutz nahe leg­en.

Eine oft angewen­dete Meth­ode ist die Mitar­beit­er­be­fra­gung. Diese bietet den Vorteil, dass die Mitar­beit­er die Basis­dat­en für die Beurteilung beis­teuern. Aber dies sind immer nur zu inter­pretierende Roh­dat­en, denn Mitar­beit­er­mei­n­un­gen kön­nen auch, gemessen an arbeitswis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen, schlicht falsch sein. Dies ist zum Beispiel häu­fig bei kör­per­lichen Belas­tun­gen (Heben, Tra­gen; Schichtar­beit u.a.) junger Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er der Fall, da die Langzeitauswirkun­gen nicht in den Blick genom­men wer­den. Die heute nicht wahrgenommene Über­forderung wirkt sich erst in 20 Jahren aus.

Deshalb sind auch bei Mitar­beit­er­be­fra­gun­gen die gewonnenen Aus­sagen gegebe­nen­falls durch den Sachver­stand der Arbeitss­chutz­fach­leute zu bew­erten. Das Prob­lem muss also gewis­ser­maßen von zwei Seit­en ange­gan­gen wer­den: Aus der Sicht der Mitar­beit­er und aus der Sicht der Arbeitss­chutz­fach­leute als Repräsen­tan­ten der arbeitswis­senschaftlichen Erken­nt­nisse (dazu kom­men dann unter Umstän­den sozial­wis­senschaftliche beziehungsweise psy­chol­o­gis­che Erken­nt­nisse durch weit­ere Fach­leute). Erst durch diese Gesamtschau wird eine sin­nvolle Syn­these, also eine zutr­e­f­fende Beurteilung der Gefährdun­gen möglich. Dies set­zt aber voraus, dass sich die Fachkräfte auch dem The­ma psy­chis­ch­er Belas­tun­gen wid­men. So ist es vernün­ftig, so will es die GDA, so soll es sein.

Zusammenfassung

Grund­sät­zlich kann die Lot­sen­funk­tion von Fachkräften für Arbeitssicher­heit dur­chaus erfüllt wer­den, ohne dass hier gle­ich eine über­zo­gene „Psy­chol­o­gisierung“ erforder­lich ist. Es geht nicht um die Analyse, son­dern um die Wahrnehmung von Beobach­tun­gen und die sachgerechte Kom­mu­nika­tion von Sig­nalen, die dann gegebe­nen­falls in einem Kreis von Fach­leuten, zu denen die Fachkräfte für Arbeitssicher­heit gehören, beurteilt wer­den.

Darüber hin­aus ist aber der Lotse auch ein Sen­sor, der in den geset­zlich vorge­se­henen Struk­turen und Funk­tion­s­abläufen „Alarm schlägt“ – und somit möglicher­weise entsprechende tiefer gehende Prozesse ini­ti­iert.

Im Übri­gen – das sei nur am Rande erwäh­nt – nutzen Betrieb­sräte die in den Tabellen genan­nten Sig­nale dur­chaus erfol­gre­ich, um den Aspekt psy­chis­ch­er Belas­tun­gen in den Fir­men zu platzieren. Meist sind deren Vertreter keine Arbeitss­chutz­fach­leute und es wäre daher gelinde gesagt pein­lich, wenn eine Fachkraft für Arbeitssicher­heit durch Laien ergänzt wer­den muss, nur weil sie glaubt, die Gefährdungs­beurteilung psy­chis­ch­er Belas­tun­gen gehöre nicht zu ihrem Auf­gaben­feld. Die Ein­stel­lung „Ich bin doch nur Tech­niker“ ist nicht zukun­fts­fähig und wird vielle­icht durch die Kol­le­gen mit ein­er Beto­nung auf dem „nur“ beant­wortet wer­den.

Trauen Sie sich ran. Nur wer nichts macht, macht nichts falsch. Falsch kann aber oft auch sein, etwas zu unter­lassen.


Foto: pri­vat

Autor:

Dr. Ger­ald Schnei­der

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