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Gefährdungsbeurteilung für den Einsatz von Exoskeletten

Rechtliche Grundlagen
Gefährdungsbeurteilung für den Einsatz von Exoskeletten

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Exoskelett im Einsatz im Biomechaniklabor des IFA Foto: DGUV/IFA
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Der Ein­satz von Betrieb­smit­teln an gewerblichen Arbeit­splätzen wird in Deutsch­land in der Betrieb­ssicher­heitsverord­nung [1] (Betr­SichV) geregelt. Die Verord­nung beschreibt hierzu Anforderun­gen für alle vom Arbeit­ge­ber bere­it­gestell­ten Arbeitsmit­tel, die für die Sicher­heit und den Gesund­heitss­chutz bei der Ver­wen­dung von Arbeitsmit­teln beachtet wer­den müssen. Unter Abschnitt 2 §3 fordert die Verord­nung, dass vor der Ver­wen­dung eines Arbeitsmit­tels eine Gefährdungs­beurteilung durchge­führt wer­den muss und daraus, wenn nötig, resul­tierende Schutz­maß­nah­men abzuleit­en und umzuset­zen sind. Welche Kon­se­quen­zen hat das für Exoskelette?

Exoskelette, die vom Arbeit­ge­ber zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, sind Betrieb­smit­tel im Sinne der Betrieb­ssicher­heitsverord­nung. Wie bei allen Betrieb­smit­teln ent­bindet auch hier eine vorhan­dene CE-Kennze­ich­nung den Arbeit­ge­ber nicht von der Pflicht, eine Gefährdungs­beurteilung durchzuführen.

Für die richtige Auswahl eines Exoskeletts muss die Gefährdungs­beurteilung bere­its vor der Beschaf­fung begonnen wer­den, um die Eig­nung des Exoskeletts für den gesamten Arbeit­sprozess – also die eigentliche Ver­wen­dung, die Arbeitsabläufe und die durchzuführen­den Neben­tätigkeit­en – zu überprüfen.

Die Gefährdungs­beurteilung ist weit­er­hin in regelmäßi­gen Abstän­den zu wieder­holen und dem aktuellen Stand der Tech­nik anzu­passen. Soll­ten sich sicher­heit­srel­e­vante Änderun­gen ergeben, neue Erken­nt­nisse aus Unfallgeschehen vor­liegen oder die Unwirk­samkeit von getrof­fe­nen Maß­nah­men nachgewiesen wer­den, muss die Gefährdungs­beurteilung zumin­d­est in rel­e­van­ten Teilen erneut durchge­führt werden.

Die Ergeb­nisse der durchge­führten Gefährdungs­beurteilung müssen vom Arbeit­ge­ber bere­its vor der ersten Ver­wen­dung des Betrieb­smit­tels doku­men­tiert wer­den und die ermit­tel­ten Maß­nah­men auf ihre Wirk­samkeit hin über­prüft wor­den sein. Dieses fordern unter anderem das Arbeitss­chutzge­setz [2] (Arb­SchG) in Para­graph 6 sowie das Mut­ter­schutzge­setz [3] (MuSchG) in Para­graph 14.

Grundlegende Voraussetzungen für den Einsatz eines Exoskeletts

Arbeit­splätze, an denen Exoskelette einge­set­zt wer­den sollen, müssen zunächst ohne Exoskelett betra­chtet und es muss eine Gefährdungs­beurteilung durchge­führt wer­den. Erst wenn der Arbeit­splatz auch ohne Exoskelett freigegeben wer­den kann, muss die Gefährdungs­beurteilung um den Ein­satz des Exoskeletts erweit­ert wer­den. Wichtig dabei ist, dass ein Exoskelett nicht als Schutz­maß­nahme ver­wen­det wer­den darf, um eine bere­its fest­gestellte Gefährdung so zu reduzieren oder zu beseit­i­gen, dass dadurch die Tätigkeit erst ermöglicht wird – es sei denn, das Exoskelett ist eine Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung (PSA) nach Verord­nung (EU) 2016/425 und wird gemäß Gefährdungs­beurteilung auch als eine PSA eingesetzt.

Liegt eine poten­tielle Gefährdung nach mut­ter­schutzrechtlichen Vorschriften vor, sind die Arbeiten/Arbeitsplätze so zu gestal­ten, dass keine Gefährdung mehr vor­liegt. Ist dies nicht möglich, darf die wer­dende beziehungsweise stil­lende Mut­ter in diesem Bere­ich nicht mehr beschäftigt wer­den oder diese Tätigkeit nicht mehr ausüben.

Gefährdungsbeurteilung

Bei der Erstel­lung ein­er Gefährdungs­beurteilung für den Ein­satz eines Exoskeletts müssen zunächst alle möglichen Gefährdun­gen (neu) betra­chtet und das Risiko bew­ertet wer­den. Anhand des so ermit­tel­ten Risikos kön­nen dann notwendi­ge Schutz­maß­nah­men getrof­fen und die Wirk­samkeit dieser nachgewiesen werden.

Um den Prozess der Erstel­lung ein­er Gefährdungs­beurteilung speziell für den Ein­satz eines Exoskeletts zu erle­ichtern, hat das Insti­tut für Arbeitss­chutz der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung (IFA) eine Check­liste [4] erstellt, welche als Vor­lage für eine Gefährdungs­beurteilung ver­wen­det wer­den kann. Diese Check­liste bietet das IFA als aus­füll­bare PDF-Datei zum kosten­losen Down­load in deutsch­er und englis­ch­er Sprache an.

Die Check­liste beschreibt zum einen mögliche Gefährdun­gen, die der Betreiber in sein­er Gefährdungs­beurteilung berück­sichti­gen sollte und zum anderen gibt sie erste Hin­weise, welche Schutz­maß­nah­men angewen­det wer­den kön­nten. Bei vie­len zu betra­ch­t­en­den Gefährdun­gen ist der Betreiber auf die Mith­il­fe oder Angaben der Her­stell­fir­ma eines Exoskeletts angewiesen. Aus diesem Grund gibt die Check­liste auch Hil­festel­lun­gen, welche Angaben in der Betrieb­san­leitung oder weit­er­er Doku­men­ta­tion enthal­ten sein sollten.

Bei der Beurteilung eines Exoskeletts muss unter anderem geprüft wer­den, ob mech­a­nis­che Gefährdun­gen vor­liegen, dies kön­nen zum Beispiel Teile mit gefährlichen Ober­flächen oder ungeschützte bewegliche Teile sein. Let­ztere kön­nten zu Quetschun­gen von Hän­den oder Fin­gern führen oder Haare beziehungsweise Klei­dungsstücke einziehen, woraus weit­ere Gefährdun­gen resul­tieren können.

Bei aktiv­en Exoskelet­ten, die mit einem Antrieb­ssys­tem aus­ges­tat­tet sind, müssen je nach Antrieb­sart elek­trische oder flu­idtech­nis­che Gefährdun­gen mit­be­tra­chtet wer­den. Weit­er­hin darf es durch ein aktives Exoskelett nicht zu Brand- oder Explo­sion­s­ge­fährdun­gen für die Tra­gen­den kom­men. Bei der Ver­wen­dung eines Akku­mu­la­tors sind ins­beson­dere die Her­stellerangaben für die Ein­satzbe­din­gun­gen sowie die Sicher­heit­shin­weise zu beachten.

Da ein Exoskelett direkt am Kör­p­er getra­gen wird, sind spezielle Anforderun­gen hin­sichtlich der Hygiene, aber auch zur Umhül­lung der Tra­gen­den zu beacht­en. Biol­o­gis­che Gefahrstoffe wie Pilze oder Bak­te­rien dür­fen über die gesamte Tragezeit keinen neg­a­tiv­en Ein­fluss auf die Gesund­heit der Beschäftigten haben.

Gegebe­nen­falls sind hier von der Her­stell­fir­ma Reini­gung­sprozesse zu beschreiben, die einen sicheren Ein­satz des Exoskeletts gewährleis­ten. Auch die ver­wen­de­ten Mate­ri­alien des Exoskeletts müssen bei der Gefährdungs­beurteilung hin­sichtlich des Gesund­heitss­chutzes der Tra­gen­den berück­sichtigt werden.

Für die Gefährdungs­beurteilung müssen aber nicht nur die Ein­wirkun­gen des Exoskeletts auf den Beschäftigten, son­dern auch die Inter­ak­tion der Tra­gen­den mit dem gesamten Arbeit­sum­feld bew­ertet wer­den. Hier­bei geht es zum Beispiel um die Fragestel­lung, ob das Exoskelett durch umgebende Maschi­nen­teile einge­zo­gen oder mit­geris­sen wer­den kann. Auch die Kom­bi­na­tion eines Exoskeletts mit ander­er per­sön­lichen Schutzaus­rüs­tun­gen (PSA) wie Warn­west­en, Hand­schuhen oder Kni­eschützer muss mit­be­tra­chtet werden.

Weit­er­hin muss es für die Tra­gen­den möglich sein mit einem Exoskelett Ret­tungswege, Notaus­gänge und, wenn nötig, Trep­pen bei ein­er Evakuierung ohne Ein­schränkun­gen benutzen zu kön­nen. Der Betreiber muss sich eben­falls Gedanken um die Erste-Hil­fe Maß­nah­men im Falle eines Unfalls von einem Beschäftigten mit angelegtem Exoskelett machen. Hier muss unter anderem gek­lärt wer­den, wann und von wem ein Exoskelett im Falle eines Unfalls ent­fer­nt wer­den darf.

Ger­ade bei der erst­ma­li­gen Ver­wen­dung eines Exoskeletts spie­len die psy­chis­chen Gefährdun­gen eine wichtige Rolle und müssen in der Gefährdungs­beurteilung berück­sichtigt wer­den. Aktuelle Erfahrun­gen zeigen, dass in Unternehmen teil­weise der Grund für den Ein­satz von Exoskelet­ten mit der Belegschaft nicht besprochen wird. Ger­ade in solchen Fällen kann es zu ein­er fehlen­den Akzep­tanz bei Beschäftigten kom­men, weshalb der Ein­satz dann abgelehnt wird. Dieses fördert wiederum den falschen Umgang mit dem Exoskelett woraus weit­ere Gefährdun­gen entste­hen kön­nen. Um den Beschäftigten die Ein­führung und den richti­gen Umgang mit einem Exoskelett zu erle­ichtern müssen notwendi­ge Unter­weisun­gen und Infor­ma­tionsver­anstal­tun­gen durchge­führt und in fest­gelegten Inter­vallen wieder­holt werden.

Bei der Auswahl eines Exoskeletts ist immer darauf zu acht­en, dass das Exoskelett dem Arbeit­sprozess entsprechend aus­gewählt wird, um ungün­stige Kör­per­hal­tun­gen oder Bewe­gungsabläufe bere­its im Vor­feld auszuschließen. Weit­er­hin sollte vor der Anschaf­fung fest­gelegt sein, bei welchen Tätigkeit­en das Exoskelett die Tra­gen­den unter­stützen und welche Kör­per­re­gion ent­lastet wer­den soll. Nur wenn diese Vorge­hensweise kon­se­quent angewen­det wird, ist es möglich das richtige Exoskelett für den Arbeit­sprozess auszuwählen. Sollte ein Exoskelett für mehrere Mitar­bei­t­ende ver­wen­det wer­den, muss bei der Auswahl darauf geachtet wer­den, dass das Exoskelett an die jew­eili­gen Beschäftigten angepasst wer­den kann und möglicher­weise Maß­nah­men für die Hygiene zu tre­f­fen sind.

Mutterschutz

Die Anforderun­gen an einen Arbeit­splatz und die vom Arbeit­ge­ber bere­it­gestell­ten Arbeitsmit­tel für wer­dende und stil­lende Müt­ter sind im Mut­ter­schutzge­setz niedergeschrieben. Aus diesem Grund muss eine Gefährdungs­beurteilung diese The­matik auf­greifen und spezielle Gefährdun­gen für wer­dende oder stil­lende Müt­ter bewerten.

Fazit

Die Check­liste zur Gefährdungs­beurteilung vom Insti­tut für Arbeitss­chutz (IFA) kann von Betreibern als Muster ver­wen­det wer­den und ver­mit­telt einen ersten Ein­druck, welche Gefährdun­gen bei dem Ein­satz eines Exoskeletts zu beacht­en sind. Weit­er­hin gibt die Check­liste wertvolle Hin­weise für die Her­steller von Exoskelet­ten, welche Angaben für den sicheren Ein­satz eines Exoskeletts notwendig sind.

Lit­er­atur

  • [1] Verord­nung über Sicher­heit und Gesund­heitss­chutz bei der Ver­wen­dung von Arbeitsmit­teln (Betrieb­ssicher­heitsverord­nung – Betr­SichV), 03.02.2015
  • [2] Gesetz über die Durch­führung von Maß­nah­men des Arbeitss­chutzes zur Verbesserung der Sicher­heit und des Gesund­heitss­chutzes der Beschäftigten bei der Arbeit (Arbeitss­chutzge­setz – Arb­SchG), 07.08.1996
  • [3] Gesetz zum Schutz von Müt­tern bei der Arbeit, in der Aus­bil­dung und im Studi­um (Mut­ter­schutzge­setz – MuSchG), 23.05.2017
  • [4] Check­liste zur Gefährdungs­beurteilung für Exoskelette, Ver­sion 1.1 – Entwurf https://www.dguv.de/webcode/d1182315

Foto: DGUV

Dr. Mar­tin Liedtke
Leit­er Fach­bere­ich 4 Arbeits­gestal­tung – Physikalis­che Einwirkungen

Koor­di­na­tor PSA,

Insti­tut für Arbeitss­chutz der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung (IFA)


Foto: DGUV

Thomas Bömer

Leit­er Refer­at 5.3

Intel­li­gente tech­nis­che Sys­teme und Arbeitswelt,

Insti­tut für Arbeitss­chutz der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung (IFA)


Foto: DGUV

Priv.-Doz. Dr. Ulrich Glitsch

Leit­er Sachge­bi­et Biomechanik,

Insti­tut für Arbeitss­chutz der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung (IFA)


Foto: privat

Dr. Kai Heinrich

Leit­er Refer­at 4.3

Muskel-Skelett-Belas­tun­gen,

Insti­tut für Arbeitss­chutz der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung (IFA)


Foto: DGUV

Chris­t­ian Werner

Leit­er Refer­at 5.2

Maschi­nen­sicher­heit, Indus­tri­al Secu­ri­ty und Implantate,

Insti­tut für Arbeitss­chutz der Deutschen Geset­zlichen Unfal­lver­sicherung (IFA)

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