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Stand der Technik aus der Sicht der Gefahrstoffverordnung

Eine Betrachtung aus der Sicht der Gefahrstoffverordnung
Stand der Technik – quo vadis

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Der Stand der Technik wird vielfach erwähnt, und taucht in etlichen Rechtsgebieten auf. Foto: © CrazyCloud – stock.adobe.com
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Der Stand der Tech­nik wird in ver­schiede­nen Geset­zen und Regeln erwäh­nt, zum Beispiel im Arbeitss­chutzge­setz, der Gefahrstof­fverord­nung und in der Betrieb­ssicher­heitsverord­nung. Da die Tech­nis­chen Regeln für Gefahrstoffe den Stand der Tech­nik beschreiben, ist für eine Vielzahl der prak­tis­chen Tätigkeit­en eine ein­deutige Regelung getrof­fen wor­den. Doch der Stand der Tech­nik entwick­elt sich weit­er, und es tauchen immer wieder Fra­gen dazu auf.

Seit dem Kalkar-Urteil [1] sind die drei Technikstände

  • (all­ge­mein anerkan­nte) Regeln der Technik
  • Stand der Tech­nik und
  • Stand von Wis­senschaft und Technik

gegeneinan­der abge­gren­zt und wer­den auch zur abstrak­ten Beschrei­bung von Schutzniveaus ver­wen­det. Das Atom­recht arbeit­et auf dem Niveau des Standes von Wis­senschaft und Tech­nik, das Arbeitss­chutzrecht in der Regel auf dem Niveau des Standes der Tech­nik, und das Bau­recht auf dem Niveau des Standes von all­ge­mein anerkan­nten Regeln der Technik.

Das Gefahrstof­frecht [2] als Arbeitss­chutzrecht fordert für Tätigkeit­en, für die ein Gren­zw­ert nicht existiert, Schutz­maß­nah­men nach dem Stand der Technik.

Bis 2009 wurde für das mit den Schutz­maß­nah­men nach dem Stand der Tech­nik erre­icht­en Expo­si­tion­sniveau der Maßstab „Tech­nis­che Richtkonzen­tra­tion (TRK)“ fest­gelegt [3]. Ent­ge­gen der Erwartung sind diese Expo­si­tio­nen mit der Entwick­lung des Standes der Tech­nik nicht gesunken. Daher wur­den sie auch durch die risikobasierten Akzep­tanz- und Tol­er­anzkonzen­tra­tio­nen nach TRGS 910 [4] ersetzt.

Die aktuelle Vorge­hensweise mit den Schritten

  1. Beschrei­bung der Tätigkeit im zu beurteilen­den Arbeitssystem
  2. Erfas­sung der bekan­nten Betriebs- und Verfahrensweisen
  3. Ermit­tlung ergänzen­der Infor­ma­tio­nen zu Tech­nolo­gien aus anderen Branchen
  4. Beurteilung von Maßnahmenkombinationen
  5. Bes­tim­mung und Begrün­dung des Standes der Technik

ist in der Tech­nis­chen Regel für Gefahrstoffe 460 „Hand­lungsempfehlung zur Ermit­tlung des Standes der Tech­nik“ [5] und von Kahl in [6] aus­führlich beschrieben.

Beispiele für Festlegungen

Die Ermit­tlung des Standes der Tech­nik erfol­gt auf der Basis der Kri­te­rien, die in der TRGS 460 beschrieben sind. Zwei Prax­is­beispiele sollen aus­gewählte Kri­te­rien zum Stand der Tech­nik und die Fes­tle­gung des Standes der Tech­nik verdeut­lichen (siehe auch [5]):

Beispiel 1: Bear­beitung min­er­alis­ch­er Werk­stoffe mit handge­führten Maschinen

Dieses Prax­is­beispiel aus dem Bere­ich der Bauwirtschaft ver­gle­icht die Bear­beitung von Beton­stein- oder Kalk­stein­plat­ten mit Trennschleifern in drei Ver­fahren. In diesem Fall geht es um die Entste­hung bzw. Ver­mei­dung gran­ulär­er, biobeständi­ger Stäube (GBS) bei der Bear­beitung der Werkstoffe.

Es wur­den drei Ver­fahren verglichen:

  • A – Bear­beitung min­er­alis­ch­er Werk­stoffe mit Trennschleifer ohne Entstaubung
  • B – Bear­beitung min­er­alis­ch­er Werk­stoffe mit Trennschleifer mit Entstaubung
  • C – Bear­beitung min­er­alis­ch­er Werk­stoffe mit Trennschleifer mit eigen­sicher­er Entstaubung

Das Ver­fahren C ist im Ver­gle­ich der drei Ver­fahren der Stand der Tech­nik. Das Ver­fahren A schei­det auf­grund der Staubex­po­si­tion, die weit über dem Staub­gren­zw­ert liegt, aus. Im Ver­gle­ich der Ver­fahren B und C „gewin­nt“ das Ver­fahren C. Der Grund liegt in der (vom Bedi­ener der Mas­chine) wil­len­sun­ab­hängi­gen, hohen Sicher­heit, die durch die zwangsläu­fige Kop­pelung des Trennschleifers an den Enstauber gewährleis­tet ist: Der Trennschleifer kann ohne Anschluss und Betrieb des Entstaubers nicht in Gang geset­zt wer­den; dies unter­schei­det das Ver­fahren C vom Ver­fahren B ohne Eigen­sicherung. Ein zusät­zlich­er wirtschaftlich­er Vorteil der Absaugung ist ein cir­ca 30 Prozent gerin­ger­er Ver­schleiß der Trennscheiben auf­grund der Absaugung des entste­hen­den Staubes.

Beispiel 2: Extrak­tion von Bitu­men aus Asphalt­mis­chgut zur Bes­tim­mung des Bindemittelgehaltes

Ein zweites Prax­is­beispiel zum Stand der Tech­nik ist die Analyse von Bitu­men aus Asphalt­mis­chgut zur Bes­tim­mung des Bindemit­tel­ge­halts mit Trichlorethen. Trichlorethen ist unter anderem als kreb­serzeu­gend Kat. 1B, keimzel­len­mu­ta­gen Kat. 2, zielor­gan­tox­isch Kat. 3 eingestuft ist; Trichlorethen unter­liegt seit 21.04.2016 der REACH[1]-Zulas­sungspflicht.

Im Beispiel wur­den drei Ver­fahren verglichen:

  • A – Sieb­tur­mver­fahren mit Trichlorethen
  • B – Waschtrom­melver­fahren (atmo­sphärisch) mit Trichlorethen
  • C – Waschtrom­melver­fahren (Vaku­um) mit Methyloctanoat

Als Ergeb­nis der Gegenüber­stel­lung der drei Ver­fahren resul­tierte das Ver­fahren B als Stand der Tech­nik. Ein weit­er­er inter­es­san­ter Aspekt ist, dass dieses Ver­fahren B zugle­ich die branchenübliche Ver­fahrensweise und der Stand der Tech­nik ist.

Das Ver­fahren A, eine offene Anwen­dung in ein­er Sieb­tur­man­lage, „ver­liert“ wegen der höheren Belas­tung ober­halb der Akzep­tanz- bzw. Tol­er­anzkonzen­tra­tion von Trichlorethen und einem hohem Lösemit­telein­satz gegenüber den geschlosse­nen Ver­fahren B und C.

Im Ver­gle­ich der Ver­fahren B und C, bei­des Ver­fahren in geschlosse­nen Extrak­tion­san­la­gen, kon­nte aufgezeigt wer­den, dass die Praxis­er­probung ein wichtiges Kri­teri­um für den Stand der Tech­nik ist. Das neueste Ver­fahren C, ein Ver­fahren mit einem nicht kreb­serzeu­gen­den Ersatzstoff, Methy­loc­tanoat, ist bis­lang noch im Forschungssta­di­um und hat sich in der Prax­is noch nicht bewährt. Weit­er­hin ist die Ver­füg­barkeit des Ersatzstoffes Methy­loc­tanoat derzeit nicht aus­re­ichend sichergestellt. Somit ist das Ver­fahren C derzeit nicht Stand der Technik.

Bei zukün­ftiger, erfol­gre­ich­er Prax­is­tauglichkeit des Ver­fahrens C, das heißt die Extrak­tion­san­lage funk­tion­iert zuver­läs­sig und das Lösemit­tel Methy­loc­tanoat ist auf dem Markt aus­re­ichend ver­füg­bar, wäre dieses Ver­fahren dann Stand der Technik.

Praktische Anwendung

Im betrieblichen All­t­ag ist der schnelle Nach­weis gefragt, dass die geset­zlichen Vor­gaben einge­hal­ten wer­den (Stich­wort Com­pli­ance). Bei Tätigkeit­en erfol­gt das oft (vere­in­facht dargestellt) durch den Nach­weis der Gren­zw­ertein­hal­tung. Soweit kein Grenz- oder Beurteilungswert existiert, wie es unter anderem bei den kreb­serzeu­gen­den Gefahrstof­fen vor Ein­führung der TRGS 910 der Fall gewe­sen ist, muss die Gefährdung so weit wie möglich min­imiert wer­den. Ein Maßstab dafür ist der Stand der Technik.

Der Stand der Tech­nik existiert immer, auch wenn er im Einzelfall nicht bes­timmt ist. Aus Sicht der Recht­set­zung beste­ht der Vorteil, dass er sich auch weit­er­en­twick­elt. Nach der Def­i­n­i­tion der Gefahrstof­fverord­nung reicht es aus, wenn sich eine Maß­nahme in der Prax­is bewährt hat. Das kann aber auch durch Einzel­beispiele nachgewiesen wer­den. Die for­male Bestä­ti­gung durch ein Gremi­um ist nicht zwin­gend erforder­lich. Allerd­ings kommt es hier auf das Bezugssys­tem an. Dop­pel­wandi­ge Rohrleitun­gen stellen sich­er den Stand der Tech­nik in Bezug auf Leck­ageschutz dar. Aus nachvol­lziehbaren Grün­den der Ver­hält­nis­mäßigkeit ist die Anwen­dung – beispiel­sweise bei Wasser­leitun­gen – nicht als notwendi­ger Stand der Tech­nik zu werten.

Mit diesem Beispiel ist auch gle­ich die Kern­frage ange­sprochen. Muss der Stand der Tech­nik immer „das Beste“ sein? Oder beschreibt er mehr „das Übliche“? Da es über dem Stand der Tech­nik immer noch den Stand von Wis­senschaft und Tech­nik – übri­gens nicht zu ver­wech­seln mit aktuellen, wis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen – gibt, muss es noch etwas bess­er Schützen­des geben. Zumin­d­est in der The­o­rie. Genau­so kann der Stand der Tech­nik nicht das Übliche sein, denn das wird eher durch die all­ge­mein anerkan­nten Regeln der Tech­nik beschrieben, soweit sie dann fest­gelegt wur­den. Die in der Gefahrstof­fverord­nung gewählte For­mulierung „fortschrit­tliche Ver­fahren“ schließt jedoch aus, dass „Alt­be­triebe“ den Stand der Tech­nik prä­gen. Im Einzelfall kön­nen „Alt­be­triebe“ natür­lich eine ver­gle­ich­bare Expo­si­tion für einen Beschäftigten bewirken. Entsprechend der the­o­retis­chen Def­i­n­i­tion des Standes der Tech­nik müsste dieser von der Mehrzahl der Betriebe nicht zwin­gend erre­icht werden.

In der Prax­is wird das Prob­lem gelöst, indem der Auss­chuss für Gefahrstoffe Tech­nis­che Regeln erstellt, die dann def­i­n­i­tion­s­gemäß den Stand der Tech­nik darstellen. Diese sind natür­lich regelmäßig zu über­prüfen bzw. zu über­ar­beit­en, da sich der Stand der Tech­nik weit­er entwick­elt. Der Stand der Tech­nik kann auch in Veröf­fentlichun­gen von Ver­bän­den oder Unfal­lver­sicherungsträgern beschrieben sein.

Anders als der Begriff es ver­muten lässt, umfasst der Stand der Tech­nik nicht nur tech­nis­che Schutz­maß­nah­men, son­dern beschreibt die Gesamtheit der Maß­nah­men, die zum Schutz der Gesund­heit der Beschäftigten notwendig sind. Dies umfasst auch organ­isatorische und per­sön­liche Schutz­maß­nah­men. Auf­grund der prak­tisch nur schw­er mit Robot­ern durchzuführen­den Sanierungs­maß­nah­men an Gebäu­den mit asbesthalti­gen Fugen ist die manuelle Ent­fer­nung mit entsprechen­der Kör­per­schutzbek­lei­dung in unter Unter­druck gehal­te­nen Räu­men immer noch Stand der Technik.

Ableitung anhand von Messwerten

Der Stand der Tech­nik wird gerne mit einem Expo­si­tion­swert ver­bun­den. Das ist möglich, wenn man bekan­nte Expo­si­tion­swerte unter Berück­sich­ti­gung der zugrun­deliegen­den Arbeitsver­fahren betrachtet.

In der Tabelle 1 sind die Expo­si­tio­nen eines fik­tiv­en Arbeitsver­fahrens zur Absack­ung eines stauben­den Mate­ri­als aufgelistet.

Betra­chtet man das 90er-Perzen­til, dann wären neun der zehn gemesse­nen Sit­u­a­tio­nen erfasst, lediglich die natür­liche Lüf­tung entspräche nicht dem Stand der Tech­nik. Geht man the­o­retisch vor, dann liefert die Absaugung die besten Werte und wäre Stand der Tech­nik. Allerd­ings müssen noch die alten Absaugan­la­gen aus­geschlossen wer­den. Dabei kön­nen jedoch gute tech­nis­che Lüf­tun­gen auch ver­gle­ich­bare Reduk­tio­nen erbrin­gen. Ein Her­anziehen auss­chließlich der besten Absaugung als fortschrit­tlich­stes Ver­fahren ist sicher­lich überzogen.

Verwendung in REACH

Der so ermit­telte Stand der Tech­nik spielt auch für die Zulas­sung von Stof­fen eine Rolle. Auch wenn die Ein­hal­tung des Standes der Tech­nik nicht expliz­it gefordert wird, ist eine Zulas­sung nur vorstell­bar, wenn durch die Ein­hal­tung des­sel­ben nachgewiesen wird, dass die Schutz­maß­nah­men opti­mal sind. Diese Tat­sache ist entschei­dend, da ins­beson­dere bei kreb­serzeu­gen­den Stof­fen wie Chrom-VI-Verbindun­gen (Ein­stu­fung als kreb­serzeu­gend: Carc. Cat. 1A) eine angemessene Beherrschung dieses Gesund­heit­srisikos grund­sät­zlich nicht nachgewiesen wer­den kann. Für die Genehmi­gung der Zulas­sung ist daher neben anderen Fak­toren auch die aus­führliche Beschrei­bung der Schutz­maß­nah­men beim Umgang mit dem Gefahrstoff verpflich­t­end. Alle Anwen­der von Chrom VI-Verbindun­gen in der EU müssen die Zulas­sung beantra­gen und ihre Anwen­dungs­be­din­gun­gen (OCs) und Risiko­min­derungs­maß­nah­men (RMM) beschreiben, so dass bei den zuständi­gen Auss­chüssen (ins­beson­dere RAC) kon­den­siertes Wis­sen zu den unter­schiedlichen Maß­nah­men vor Ort gesam­melt wer­den kann. Die Ken­nt­nis unter­schiedlich­er, tech­nis­ch­er Bedin­gun­gen hat zwei Effek­te: Zum einen wird der Stand der Tech­nik trans­par­ent, welch­er zur Ein­hal­tung des Ref­eren­zw­ertes (1 µg/m³ bei Chrom VI-Verbindun­gen) führt und zum anderen kön­nen Zulas­sungs­beantra­gende für ihren Über­prü­fungszeitraum mit Aufla­gen zur Ein­führung des in der Branche gülti­gen Stand der Tech­nik verpflichtet wer­den. Man kön­nte hier von ein­er Klärung des Standes der Tech­nik „Top-Down“ sprechen. Anhand der Ver­wen­dung von Chrom VI-Verbindun­gen in Lohn­gal­vaniken kann ein weit­er­er Effekt der Zulas­sungspflicht von REACH gezeigt wer­den: Tauscht sich die Branche untere­inan­der aus, um einen Antrag auf Zulas­sung zu stellen, der alle Ver­wen­der abdeckt (Kon­sor­tialantrag), dann wer­den effek­tive, expo­si­tion­s­min­dernde Maß­nah­men inner­halb des Kon­sor­tiums kom­mu­niziert. Diese müssen nicht zwin­gend dem neuesten Stand der Wis­senschaft entsprechen, son­dern kön­nen ein­fache Maß­nah­men bein­hal­ten, die im beste­hen­den Betrieb deut­lich ver­ringerte Expo­si­tio­nen bewirken (z. B. Absenkung des Elek­trolyt­spiegels im offe­nen Gal­vanikbad, Umman­telung der Kath­ode zur Min­imierung der Aerosol­bil­dung). Hier kön­nte man von einem „Bot­tom-Up“ Beitrag zur Beschrei­bung des Standes der Tech­nik sprechen.

Mögliche Weiterentwicklung

Soweit klingt die Anwen­dung des Standes der Tech­nik sehr ein­fach und konsequent.

Durch die for­male Fes­tle­gung, dass die Tech­nis­chen Regeln für Gefahrstoffe den Stand der Tech­nik beschreiben, ist für eine Vielzahl der prak­tis­chen Tätigkeit­en eine ein­deutige Regelung getrof­fen worden.

Da der Stand der Tech­nik ein­fach existiert und kein­er all­ge­meinen Anerken­nung bedarf, scheint das Ver­fahren im Auss­chuss für Gefahrstoffe zunächst nicht erforder­lich zu sein. Aus Grün­den der Rechtssicher­heit muss jedoch ein Stand der Tech­nik im Zweifels­fall ein­deutig fest­gelegt wer­den kön­nen. Für diesen Fall sieht das Hand­buch der Rechts­förm­lichkeit [7] vor, dass die führen­den Fach­leute der Auf­fas­sung sein müssen, dass das geset­zliche Gebot der Min­imierung umge­set­zt ist. Genau zu diesem Nach­weis dient der AGS-Beschluss, eine all­ge­meine (öffentliche) Anerken­nung find­et hinge­gen nicht statt.

Prob­lema­tisch ist noch, dass nach dem Grund­satz­pa­pi­er zur Rolle der Nor­mung im betrieblichen Arbeitss­chutz [8] auss­chließlich ein Ver­weis auf Nor­men zuläs­sig ist, die im „klas­sis­chen“ Nor­mungsver­fahren mit hohem Kon­sens­grad, öffentlich­er Ein­spruchs­ber­atung und unter Beteili­gung der inter­essierten Kreise erstellt wor­den sind. Diese entsprechen aber ger­ade dem Tech­nikniveau all­ge­mein anerkan­nter Regeln der Tech­nik, auch wenn die zusät­zliche Anerken­nung der führen­den Fach­leute im AGS sie vielle­icht auf eine höhere Stufe heben würde. Genau­so müsste es aber durch AGS-Beschluss zuläs­sig sein, andere Spez­i­fika­tio­nen, die noch ohne Anerken­nung durch die Mehrheit der Fach­leute sind, auch als Stand der Tech­nik anzuerkennen.

Wegen der vie­len Beson­der­heit­en war die erste Fas­sung der TRGS 460 in 2013 [9] auch auf die Ver­wen­dung für den Auss­chuss für Gefahrstoffe selb­st begren­zt. Für Behör­den und Betriebe sollte sie nur eine Hil­festel­lung sein.

Par­al­lel haben sich auch die „Branchenüblichen Betriebs- und Ver­fahrensweisen“ als eigen­ständi­ges Schutzniveau im Gefahrstof­frecht her­aus­ge­bildet. Diese sind dann auch als Maßstab für die TRGS 504 „Tätigkeit­en mit Expo­si­tion gegenüber A- und E‑Staub“ und die zukün­ftige TRGS 559 „Min­er­alis­ch­er Staub“ ver­wen­det wor­den. Die hier gewählten Schutz­maß­nah­men zeich­nen sich dadurch aus, dass sie die geset­zlichen Anforderun­gen erfüllen, aber „nur“ diejeni­gen sind, welche die Mehrheit der Betriebe bere­its umset­zt. Daher liegt das Schutzniveau naturgemäß unter dem des Standes der Technik.

Die Schaf­fung neuer Schutzniveaus ist nur kurzfristig hil­fre­ich, da sie für die Prax­is die Arbeit nur weit­er kom­plizieren. Die Fes­tle­gung des Standes der Tech­nik als max­i­male Anforderung, die nur einige (beson­ders) fortschrit­tliche Betriebe erfüllen, ist auch nicht im Sinne des Geset­zge­bers. Zur Anwen­dung des Standes der Tech­nik gibt es ver­schiedene Optio­nen, unter anderem ihn bei der Fes­tle­gung nur zu berück­sichti­gen, ihn nur bei Neuan­la­gen anzuwen­den und dann Bestandss­chutz zu gewähren, oder den Maßstab genauer festzule­gen [10].

Für die Zukun­ft ist daher wün­schenswert, genauer festzule­gen, um welch­es Niveau es sich beim Stand der Tech­nik han­delt: Eine Arbeit, die der Auss­chuss für Gefahrstoffe im Einzelfall schon durchführt.

 

Quellen

  • BVer­fG vom 08.08.1978 – 2 BvL 8/77. BVer­fGE 49, 89–147. [Zugriff am: 08.03.2020]. Ver­füg­bar unter: https://openjur.de/u/166332.html
  • Gefahrstof­fverord­nung vom 26. Novem­ber 2010 (BGBl. I S. 1643, 1644) zulet­zt geän­dert durch Artikel 148 des Geset­zes vom 29. März 2017 (BGBl. I S. 626). [Zugriff am: 08.03.2020]. Ver­füg­bar unter: www.gesetze-im-internet.de/gefstoffv_2010/GefStoffV.pdf
  • Gefahrstof­fverord­nung (Gef­Stof­fV) vom 26. August 1986 (BGBl. I S 1470)
  • Tech­nis­che Regel für Gefahrstoffe „Risikobe­zo­genes Maß­nah­menkonzept für Tätigkeit­en mit kreb­serzeu­gen­den Gefahrstof­fen“ (TRGS 910), Aus­gabe Feb­ru­ar 2014 GMBl 2014 S. 258–270 vom 02.04.2014 [Nr. 12] zulet­zt geän­dert und ergänzt: GMBl 2019 S. 120 vom 29.03.2019 [Nr. 7] . [Zugriff am: 08.03.2020]. Ver­füg­bar unter: www.baua.de/DE/Angebote/Rechtstexte-und-Technische-Regeln/Regelwerk/TRGS/pdf/TRGS-910.pdf
  • Tech­nis­che Regel für Gefahrstoffe „Hand­lungsempfehlung zur Ermit­tlung des Standes der Tech­nik“, (TRGS 460) Aus­gabe Juli 2018, GMBl 2018 S. 908–913 [Nr. 48] (vom 26.10.2018). [Zugriff am: 08.03.2020]. Ver­füg­bar unter: www.baua.de/DE/Angebote/Rechtstexte-und-Technische-Regeln/Regelwerk/TRGS/pdf/TRGS-460.pdf
  • Kahl, Anke und Torsten Wolf und Michael Born, 2013. Eine Hand­lungsempfehlung zur Ermit­tlung des Standes der Tech­nik: Die neue TRGS 460. In: Sicher­heitsin­ge­nieur. 44(13), S. 8–11. ISSN 0300–3329
  • Bun­desmin­is­teri­um der Jus­tiz. Hand­buch der Rechts­förm­lichkeit, Aus­gabe Sep­tem­ber 2008. BAnz. 2008 Nr. 160a. [Zugriff am: 08.03.2020]. Ver­füg­bar unter: http://hdr.bmj.de/page_b.4.html#an_256
  • Bun­desmin­is­teri­um für Arbeit und Soziales. Grund­satz­pa­pi­er zur Rolle der Nor­mung im betrieblichen Arbeitss­chutz. Bek. d. BMAS v. 24.11.2014 im GMBl 2015 S. 2 [Nr. 1]. [Zugriff am: 08.03.2020]. Ver­füg­bar unter: www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/normung-betrieblicher-arbeitsschutz-2015.pdf
  • Tech­nis­che Regel für Gefahrstoffe „Hand­lungsempfehlung zur Ermit­tlung des Standes der Tech­nik“ (TRGS 460) Aus­gabe Okto­ber 2013, GMBl 2013 S. 1175–1191 [Nr. 59] berichtigt: GMBl 2014 S. 72 [Nr. 3/4].
  • Born, Michael und Anke Kahl und Frank Lützenkirchen und Torsten Wolf und Michael Au und Max­i­m­il­ian Han­ke-Roos und Nor­bert Kluger und Nor­bert Schöneweis, 2018. Stand der Tech­nik bei der Absack­ung – ein weit­eres Prax­is­beispiel zur Anwen­dung der TRGS 460. In Gefahrstoffe – Rein­hal­tung der Luft 78(5), S. 203–206. ISSN 0949–8036

1 Die REACH – Verord­nung (EG) 1907/2006] ist die Europäis­che Chemikalien­verord­nung zur Reg­ist rierung, Bew­er­tung, Zulas­sung und Beschränkung chemis­ch­er Stoffe. Die Abkürzung leit­et sich aus dem englis­chen Titel der Verord­nung ab: Reg­u­la­tion con­cern­ing the Reg­is­tra­tion, Eval­u­a­tion, Autho­ri­sa­tion and Restric­tion of Chemicals.


Foto: privat

Dr. rer. nat. Michael Born

Sicher­heitsin­ge­nieur

B·A·D Gesund­heit­szen­trum Düsseldorf


Foto: privat

Dr. Torsten Wolf

Die Autoren sind Mit­glieder des Arbeit­skreis­es „Stand der Tech­nik“ des Auss­chuss­es für Gefahrstoffe (AGS)


Foto: privat

Dr. Romy Marx

Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedizin

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