Startseite » Sicherheit » Gefährdungsbeurteilung »

Gefährdungsbeurteilung Corona

Wie Excel-Blatt ein Tool zur numerische Risikenbeurteilung wurde
Corona-Pandemie: Vom Wesen des Risikos

Disslin_AdobeStock_289979367_Editorial_Use_Only_Neu.jpg
Gefährdungsbeurteilungen in Corona-Zeiten - hier ist oft Kreativität gefragt. Foto: © wachiwit – stock.adobe.com
Anzeige
Die Pan­demie ist ein umfan­gre­ich­es The­ma, und wer aus ihr nichts lernt, den bestraft das Leben. Die in diesem Beitrag beschriebene Geschichte begann am 17. März 2020: In ein­er Gruppe von Fachkräften für Arbeitssicher­heit eines sozialen Net­zw­erks kam die Frage nach ein­er Hil­fe zur Bew­er­tung (Gefährdungs­beurteilung) ein­er Baustelle in Zeit­en der Coro­na-Krise auf – der Grund­stein für das Pan­dEx-Tool war gelegt.

Zur Erin­nerung: am 23. Feb­ru­ar hat­ten wir in Ital­ien die ersten bei­den europäis­chen Todes­fälle und am 11. März wurde die bish­erige Epi­demie zur Pan­demie hochgestuft. Während ich vom 9. bis 11. März noch bei Kun­den war und dort gear­beit­et hat­te, war ab 12. März alles anders, meine Ter­mine wur­den gecan­celt. Am 13. März appel­lierte Bun­deskan­z­lerin Angela Merkel an die Bürg­er, „alle nicht notwendi­gen Ver­anstal­tun­gen abzusagen und auf Sozialkon­tak­te zu verzicht­en“. An diesem Dien­stag, den 17. März war ich also im Home-Office am Arbeit­en.

Der Anfang — „Risikoberechnung Baustelle“

Nun wurde online die im Vorspann erwäh­nte Frage gestellt, und nach der Mit­tagspause war ein kleines Excel-Blatt ent­standen: „Risikoberech­nung Baustelle“.

Die Res­o­nanz in der Com­mu­ni­ty war gut und eigentlich dachte ich auch, das war es dann. Die Idee war ja, einem Kol­le­gen einen nur Denkanstoß zu geben, wie eine Lösung ausse­hen kön­nte. An diesem Tag wurde vom RKI die Gefährdungslage auf „ins­ge­samt hoch“ und „vere­inzelt sehr hoch“ eingestuft. Am 18. März, nach eini­gen kleinen Änderun­gen, war das Excel Tool in der Ver­sion 1.0 im Umlauf.

Nun beschle­u­nigten sich allerd­ings die Vorgänge, am 19. März meldete Ital­ien mehr Todes­opfer als bis dahin in Chi­na. Spätestens an diesem Punkt wurde klar, dass es sich um ein ern­sthaftes Prob­lem han­delte. In allen Foren, sozialen Net­zw­erken, pri­vat­en Kon­tak­ten wurde fieber­haft nach Infor­ma­tio­nen und Lösun­gen gesucht.

In einem Forum wurde am 2. März ein Thread ges­tartet, um Infor­ma­tio­nen auszu­tauschen: „SARS CoV‑2 Aus­tauschfo­rum“. Während zu einem Thread nor­maler­weise zwis­chen vier bis zwölf Kom­mentare zu find­en sind, waren hier bis Anfang Juni mit mehr als 160 Beiträ­gen reko­rd­verdächtige Dimen­sio­nen zu verze­ich­nen. In diesem Umfeld also wurde auch das kleine Excel-Tool als Antwort auf die eine oder andere Frage los­ge­lassen. Das Tool bekam einen Namen („Pan­dEx“) und ich als Autor erhielt viele Anre­gun­gen und Wün­sche, denen ich ver­suchte Rech­nung zu tra­gen. Die Nach­frage war groß und die Ver­bre­itung entsprechend auch.

Acht Versionen waren im Umlauf

Ins­ge­samt wur­den nach und nach acht Ver­sio­nen in Umlauf geset­zt. Dabei wur­den, entsprechend den sich ändern­den Umstän­den, auch die Inhalte des Pan­dEx Tools angepasst. Dazu zählten das Kon­tak­tver­bot am 23. März und die Veröf­fentlichung des BMAS-Arbeitss­chutz­s­tan­dards am 16. April. Das Pan­dEx Tool war mit­tler­weile auch mit Einstufung/Analyse zur Biostof­fverord­nung und ein­er Seite zu Gesund­heit­srisiken gewach­sen.

In der ganzen Zeit standen die Kol­le­gen der Arbeitssicher­heit und aus anderen Bere­ichen der betrieblichen Organ­i­sa­tion unter ständi­ger medi­aler Über­flu­tung mit Mel­dun­gen und ein­er Unmenge an Grafiken und Dia­gram­men. Nur beklagten sich im pri­vat­en Kon­takt die gle­ichen Kol­le­gen über den Man­gel an „hand­festen Infor­ma­tio­nen“.

Konkret einen Pfad zu find­en, der in dieser Sit­u­a­tion als angemessen bew­ertet wer­den kon­nte, erwies sich als extrem schwierig. Zwar gab es eine große Anzahl von Zahlen­ma­te­r­i­al, jedoch kon­nte aus diesem nicht eine konkrete Hand­lung für den betreuten Betrieb abgeleit­et wer­den. Zusät­zlich wur­den Maß­nah­men in den Medi­en unter­schiedlich bew­ertet, was zu Diskus­sio­nen in den Betrieben führte. In dieser Sit­u­a­tion hätte ein Tool wie Pan­dEx viel zur Lösung beitra­gen kön­nen. Dazu jedoch später mehr, zunächst: Was ist Pan­dEx und wozu kann man es ver­wen­den.

Das Tool PandEx

Pan­dEx ist ein Tool zur numerischen Beurteilung von Risiken, hier vor allem denen der SARS-CoV2 Pan­demie, so auch der Name, der aus Pan(demie) und Ex(cel) ent­stand. Das Tool ist lizen­zfrei und war/ist als Hil­fe und Denkanstoß gedacht.

Es wurde nach und nach in mehr als 100 Fir­men einge­set­zt. Als Plat­tform diente MS-Excel, da sie leicht ver­füg­bar ist und eine bre­ite Akzep­tanz voraus­ge­set­zt wer­den kann. Andere Umset­zun­gen wären natür­lich genau­so möglich. Aus Grün­den der Trans­parenz wur­den in dem Tool keine Makros ver­wen­det. Alle Funk­tio­nen wur­den mit Stan­dard Funk­tio­nen des Pro­gramms real­isiert. Das war allerd­ings in eini­gen Fällen nur mit etwas Anstren­gung möglich. Die Funk­tio­nen des Tools basieren auf ein­er „Hands on“ Aus­rich­tung, das heißt, sie sind auch alle aus der Prax­is und basierend auf echt­en Mel­dun­gen von Anwen­dern ent­standen.

Pan­dEx war und ist auch kein Pro­dukt der Fir­ma, für die ich zurzeit arbeite. Diese ist nicht in die Entwick­lung einge­bun­den gewe­sen. Als ein­er der Anwen­der hat die Fir­men-Gruppe aber in den einzel­nen Fir­men wesentliche Anstöße zur Entwick­lung gegeben.

Die Haupt­funk­tio­nen des Pan­dEx-Tools sind:

  • Stan­dort-Beurteilung (der Stan­dort des Unternehmens, zum Beispiel für Pro­duk­tions­be­triebe oder für ein Büro, bzw. der Stan­dort des Kun­den bei einem Ser­vice-Ein­satz) der spez­i­fis­che Risikolev­el
  • Mitar­beit­er-Beurteilung (eine ein­fache Beurteilung und Zuord­nung zu Risiko­grup­pen – bei gle­ichzeit­iger Wahrung der DSG­Vo) der indi­vidu­elle Risikolev­el
  • SARS-CoV2 Arbeits­stan­dard (eine ein­fache Beurteilung der Umset­zung und des Umset­zungs­grades des Arbeitss­chutz­s­tan­dards) der Arbeitsschutzstandard–Risikolevel
  • Ein­satz-Beurteilung (hier wer­den die Infor­ma­tio­nen zusam­menge­fasst und nur hier in diesem Bere­ich find­et sich auch eine ver­gle­ichende Ein­stu­fung um einen Ein­satz zu begründen/zu recht­fer­ti­gen) der Einsatz–Risikolevel.
  • 7‑Tages-Inzi­denz Berech­nung (vor allem für Ein­sätze im Aus­land) berech­net aus den Eck­w­erten den gewün­scht­en Wert und ver­gle­icht den berech­neten Wert mit Gren­zw­erten.

Das Tool PandEx …

… kann von der Home­page www.pandex.disslin.de nach ein­er ein­fachen Reg­istrierung kosten­los herun­terge­laden wer­den. Auf Wun­sch wer­den Inter­essierte auch (noch) in eine Mail­ingliste aufgenom­men, die über Neuerun­gen und neue Ver­sio­nen sowie über Anwen­der­fra­gen informiert. Über diese Home­page kön­nen sie auch Fra­gen und Anre­gun­gen stellen. Aktuell erfol­gt die Über­set­zung in die englis­che Sprache.


Zusät­zlich gibt es noch eine Rei­he von Hil­fs­funk­tio­nen, zum Beispiel um die max­i­male Anzahl von Per­so­n­en in einem Besprechungsz­im­mer festzule­gen, und eine große Anzahl von Anpas­sungsmöglichkeit­en und Möglichkeit­en eine gewisse Indi­vid­u­al­isierung zu erre­ichen.

Die Beurteilung gliedern sich immer in einen Bere­ich, der das aktuelle Risiko darstellt und in dem einige Fra­gen durch Auswahllis­ten beant­wortet und mit ein­er Risikozahl bew­ertet wer­den, und in einen Lösungsansatzbere­ich mit Maß­nah­men, die eben­so mit ein­er Kenn­zahl bew­ertet wer­den, zur Reduzierung des Risiko.

Es verbleibt ein Risikolev­el, das als Maßstab für die Ein­stu­fung ver­wen­det wer­den kann. Das Ver­fahren wird dem einen oder anderen bekan­nt vorkom­men. Es wird in anderen Bere­ichen der Risikobe­w­er­tung ähn­lich ver­wen­det. Wenn alle Werte im For­mu­lar bear­beit­et wur­den, kann das Ergeb­nis als Aus­druck oder PDF-Doku­ment zum Nach­weis der Bew­er­tung ver­wen­det wer­den.

Klares Risiko-Maßnahmen-Bild

Das ist auch schon ein großer Vorteil gegenüber den „Check­lis­ten“ die zurzeit im Umlauf sind. Die Anpas­sun­gen an den Ver­lauf der Pan­demie sind genau­so nachzuweisen, wie die Verbesserun­gen bei den Maß­nah­men. Den Kun­den gegenüber wird ein klares Bild von Risiken und Maß­nah­men dargestellt und es wird ihm die Entschei­dung erle­ichtert zum Beispiel einem Ser­vice-Ein­satz zuzus­tim­men. Der Mitar­beit­er sieht, wie sein Risikolev­el in der Pro­duk­tion ist. Außer­dem hat eine Per­son, die zu ein­er bekan­nten Risiko­gruppe gehört, nicht nur den Nach­weis, wie hoch der indi­vidu­elle Risikolev­el ist, son­dern auch, weshalb er vom nor­malen Niveau abwe­icht und: Es kön­nen auch hier Maß­nah­men fest­gelegt wer­den; in dieser Funk­tion also ein gutes Werkzeug auch für den Betrieb­sarzt.

Das Tool wird nun in der Ver­sion 5.02 auch einge­set­zt, um Ein­sätze im Aus­land – auch in den USA – zu bew­erten. Diese Bew­er­tung ist sich­er eine gewisse Her­aus­forderung. Auch entwick­elt sich das kleine Tool immer noch; der neueste Teil dient zur Ein­schätzung von Reisen zum Ein­sat­zort.

Keine Lösung für alle Fragen

Das Tool ist aber natür­lich keine Lösung für alle Fra­gen. Es dient nur dazu, das Wesen des Risikos sicht­bar zu machen. Wed­er ist es möglich auf einen Risikolev­el von „0“ zu kom­men, da wir nun alle ein gewiss­es Leben­srisiko tra­gen müssen, noch ist die Risikop­unk­tezahl beim Max­i­mum begren­zt. Wenn aus bes­timmten Grün­den der Risikolev­el über den max­i­malen Lev­el hin­aus steigt, dann sind die Bew­er­tun­gen nicht mehr gültig. Das kann zwar aktuell nach mein­er Ein­schätzung nicht passieren, es muss aber die Möglichkeit geben.

Wir bewe­gen uns alle in einem Raum, in dem Risiken oder, wenn man will, auch Chan­cen mit einem bes­timmten Maß an Wahrschein­lichkeit vorkom­men. Lei­der neigen wir als Men­schen dazu, Risiken falsch zu bew­erten. Das Tool ist ein kleines Hil­f­s­mit­tel, das lediglich eine verbesserte Bew­er­tung eines Zus­tands ermöglichen soll.

Die vorgeschla­ge­nen Szenar­ien und Lösungsan­sätze geben Vorschläge, die für viele Anwen­der direkt zu ver­wen­den sind. Für alle anderen beste­ht die Möglichkeit, sel­ber eine Bew­er­tung zu bilden und auch die Maß­nah­men und deren Ein­stu­fung zu beset­zen.

Das Tool ist auch eine Ein­ladung sich mit dem Wesen des Risikos zu beschäfti­gen. Mit Chan­cen, Wag­nis und Wahrschein­lichkeit, mit bed­ingten und isolierten Kon­di­tio­nen und Abhängigkeit­en. Ja, ich gebe zu, dass ich mich gerne in dieser Welt bewege und ich tue es schon viele Jahre.

Ich möchte aber auch beto­nen, dass man in diesem Raum der Bezüge kaum an ein Ende ein­er Lern­phase gelan­gen wird. Trotz­dem kann man nach einigem Üben schon sehr gute Ergeb­nisse erzie­len – auch das zeigt das kleine Tool.

Das Pro­jekt ist immer noch ein rein pri­vates, und es wird auch immer noch kosten­los zur Ver­fü­gung gestellt. Das gilt zumin­d­est noch bis zum 31. Dezem­ber 2020. Wie dann die weit­ere Entwick­lung laufen wird, das wird sich zeigen. Während ich am Anfang des kleinen Tools nur eine kurze Zeitspanne dafür plante, wird sich das Tool wohl noch eine ganze Zeit als nüt­zlich erweisen.


Foto: pri­vat

Autor: Dipl.-Ing. (FH) Gün­ter Dißlin

beschäftigt sich auch im Beruf mit Risikoab­schätzun­gen, Wahrschein­lichkeit­en und der Suche nach der besten Lösung für das Prob­lem (seit mehr als 20 Jahren).

 


Das Tool PandEx …

… kann von der Home­page www.pandex.disslin.de nach ein­er ein­fachen Reg­istrierung kosten­los herun­terge­laden wer­den. Auf Wun­sch wer­den Inter­essierte auch (noch) in eine Mail­ingliste aufgenom­men, die über Neuerun­gen und neue Ver­sio­nen sowie über Anwen­der­fra­gen informiert. Über diese Home­page kön­nen sie auch Fra­gen und Anre­gun­gen stellen. Aktuell erfol­gt die Über­set­zung in die englis­che Sprache.


 


 

Anzeige
Gewinnspiel

Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abon­nieren

Meistgelesen

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 10
Ausgabe
10.2020
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 10
Ausgabe
10.2020
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de