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Meterweit weggeschleudert

Unfälle mit Druck­be­häl­tern

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Foto: © ollega -stock.adobe.com
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Druck­be­häl­ter sind gefähr­lich, das ist allge­mein bekannt. Doch mitun­ter werden die Gefah­ren unter­schätzt oder nicht gese­hen, weil das Arbeits­mit­tel nicht als Druck­be­häl­ter erkannt wird oder weil der Druck im Behäl­ter als nicht so hoch einge­schätzt wird.

Vorran­gig in der Produk­tion, aber auch in vielen Berei­chen des tägli­chen Lebens werden heute unter Druck stehende Arbeits­mit­tel einge­setzt. Insbe­son­dere Druck­luft ist ein häufig ange­wen­de­tes Medium, um Stoffe zu trans­por­tie­ren oder zu vertei­len. Unter Druck stehen aber auch Druck­gas­fla­schen oder Hydrau­lik­an­la­gen mit ihren Ausgleichs­be­häl­tern. Und selbst solche alltäg­li­chen Gegen­stände wie Spray­do­sen oder Propan­gas­feu­er­zeuge sind vom Grund­satz her Druck­be­häl­ter, denn sie enthal­ten unter Druck stehende Gase oder Flüs­sig­kei­ten.

Die Gefahr beim Umgang mit diesen Behäl­tern geht nicht allein von der Höhe des Drucks aus, sondern auch von dem unter Druck stehen­den Volu­men: Bei einem Versa­gen oder einer Fehl­be­die­nung erge­ben sich daraus mögli­cher­weise stark wirkende Kräfte.

Unfall mit einem Schwer­ver­letz­ten

In einem Unter­neh­men wurden flüs­sige Arbeits­stoffe durch Beauf­schla­gung mit Druck­luft aus einem Mate­ri­al­druck­be­häl­ter in eine Ferti­gungs­an­lage geför­dert. Der Mate­ri­al­druck­be­häl­ter wurde mit Druck­luft mit einem Druck von 2,5 bar betrie­ben und hatte ein Innen­vo­lu­men von 75 Litern.

Er bestand aus Stahl­blech, der Deckel war mit acht Klam­mer­ver­schlüs­sen mit Flügel­schrau­ben verse­hen. Am Deckel befand sich die Füll‐ und Entlee­rungs­ar­ma­tur mit Druck­reg­ler, Kugel­hahn, Mano­me­ter und Druckluft‐ sowie Materialauslass‐Anschluss.

Am Unfall­tag sollte ein Mitar­bei­ter einen Mate­ri­al­druck­be­häl­ter neu befül­len. Der Mann war eigent­lich mit allge­mei­nen Wartungs‐ und Instand­hal­tungs­tä­tig­kei­ten beschäf­tigt und erhielt vom Schicht­meis­ter den Auftrag, die Befül­lung vorzu­neh­men. Eine Einwei­sung oder Unter­wei­sung vor der Tätig­keit fand nicht statt.

Der Mitar­bei­ter schloss die Luft­zu­fuhr und trennte die Schlauch­ver­bin­dung der Druck­luft mittels Schnell­kupp­lung ab. Danach versuchte er, die Flügel­mut­tern der Klam­mer­ver­schlüsse zu lösen. Da diese schwer­gän­gig waren, nahm er eine Zange zu Hilfe. Als er die Verschlüsse dennoch nicht lösen konnte, bat er einen ande­ren Mitar­bei­ter an der Anlage um Hilfe. Dieser versuchte eben­falls, die Verschlüsse von Hand zu lösen. Beim weite­ren Hantie­ren am Behäl­ter kam es zu einem explo­si­ons­ar­ti­gen Knall. Einer der Mitar­bei­ter wurde circa zwei Meter vom Behäl­ter wegge­schleu­dert. Er erlitt schwere Verlet­zun­gen an den Händen, da der Deckel vom Behäl­ter abge­ris­sen wurde.

Bei der Unfall­un­ter­su­chung zeigte sich, dass zwei der Flügel­schrau­ben an den Klam­mer­ver­schlüs­sen gebro­chen waren, dadurch der noch unter Druck stehende Behäl­ter schlag­ar­tig entlas­tet wurde und somit der Deckel fort­ge­schleu­dert wurde.

Was waren die Ursa­chen?

Als Haupt­ur­sa­che wurde fest­ge­stellt, dass der Behäl­ter zum Zeit­punkt des Öffnens nicht druck­ent­las­tet war. Zudem war das Mano­me­ter an der Füll‐ und Entlee­rungs­ar­ma­tur defekt, eine Kontrolle des Behäl­te­rin­nen­drucks war damit nicht möglich.

Bei der Unfall­un­ter­su­chung zeigte sich zudem, dass die betei­lig­ten Beschäf­tig­ten über das korrekte Handeln beim Befül­len und Entlee­ren des Behäl­ters nicht infor­miert waren: Es gab hierzu keine Betriebs­an­wei­sung und keine Unter­wei­sung. Außer­dem wurde nach Aussa­gen der Mitar­bei­ter vom sonst übli­chen Vorge­hen beim Auffül­len des Behäl­ters aus nicht bekann­ten Grün­den abge­wi­chen.

Im Rahmen der weite­ren Unter­su­chun­gen wurden darüber hinaus Mängel im orga­ni­sa­to­ri­schen Arbeits­schutz, darun­ter die Nicht­be­rück­sich­ti­gung des Mate­ri­al­druck­be­häl­ters in der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung der Anlage sowie die fehlende wieder­keh­rende Prüfung des Druck­be­häl­ters, ermit­telt.

Unfall­prä­ven­tion

Die wich­tigste Maßnahme zur Vermei­dung derar­ti­ger Unfälle ist die ordnungs­ge­mäße und ausführ­li­che Ein‐ und Unter­wei­sung aller Beschäf­tig­ten, die mit der Durch­füh­rung dieser Tätig­kei­ten betraut werden. Die Führungs­kraft muss sich vor der Beauf­tra­gung davon über­zeu­gen, dass der ausfüh­rende Mitar­bei­ter über die notwen­di­gen Kennt­nisse, Fähig­kei­ten und Fertig­kei­ten für die Aufga­ben­er­fül­lung verfügt und diesen anhand der Betriebs­an­wei­sung noch­mals auf die beson­de­ren Gefah­ren und Schutz­maß­nah­men hinwei­sen. Insbe­son­dere, wenn bisher nicht mit der Tätig­keit vertraute Beschäf­tigte den Auftrag ausfüh­ren sollen, ist die Ein‐ und Unter­wei­sung mit großer Sorg­falt durch­zu­füh­ren.

Die schrift­li­che Doku­men­ta­tion der Unter­wei­sung sowie eine Kontrolle der Arbeits­durch­füh­rung ist eine weitere Aufgabe der Führungs­kraft. Der im Tätig­keits­be­reich beschäf­tigte Sicher­heits­be­auf­tragte kann hier unter­stüt­zen und Hilfe­stel­lung geben.

Eine weitere Pflicht des Unter­neh­mens nach der Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung ist die regel­mä­ßige Prüfung aller Druck­be­häl­ter einschließ­lich aller Arma­tu­ren und Einbau­teile auf siche­ren Zustand durch eine hier­für benannte befä­higte Person. Hierzu gehö­ren auch die sofor­tige Behe­bung fest­ge­stell­ter Mängel oder die Außer­be­trieb­nahme von mangel­haf­ten Arbeits­mit­teln.


Autor: Dipl.-Ing. Ulf‐J. Schapp­mann

Sicher­heits­in­ge­nieur VDSI

SIMEBU Thürin­gen GmbH

Foto: © Foto­stu­dio City Color Munschke, Weimar

Das können Sie als Sicher­heits­be­auf­trag­ter tun

  • Kontrol­lie­ren Sie regel­mä­ßig, ob eine Betriebs­an­wei­sung für das Arbeits­mit­tel vorhan­den ist und diese einge­hal­ten wird.
  • Achten Sie mit darauf, dass neue oder nicht mit dem Arbeits­mit­tel vertraute Mitar­bei­ter vor der ersten Benut­zung unter­wie­sen werden.
  • Weisen Sie Mitar­bei­ter darauf hin, wie gefähr­lich ihr Verhal­ten ist, indem Sie die Schwere mögli­cher Verlet­zun­gen aufzei­gen.
  • Machen Sie mit prak­ti­schen Demons­tra­tio­nen die Gefahr erkenn­bar und begreif­bar.
  • Thema­ti­sie­ren Sie das Thema im Rahmen von Unter­wei­sun­gen und Sicher­heits­kurz­ge­sprä­chen und tragen so dazu bei, dass sich rich­ti­ges Verhal­ten einprägt und durch­setzt.

Regel­werk

  • Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung
  • Tech­ni­sche Regel zur Betriebs­si­cher­heit 1111 „Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung“ (TRBS 1111)
  • Tech­ni­sche Regel zur Betriebs­si­cher­heit 1201 „Prüfun­gen von Arbeits­mit­teln und über­wa­chungs­be­dürf­ti­gen Anla­gen“ (TRBS 1201)
  • Tech­ni­sche Regel zur Betriebs­si­cher­heit 1201 Teil 2 „Prüfung bei Gefähr­dung durch Dampf und Druck“ (TRBS 1202 Teil 2)
  • Tech­ni­sche Regel zur Betriebs­si­cher­heit 2141 „Gefähr­dun­gen durch Dampf und Druck – Allge­meine Anfor­de­run­gen“ (TRBS 2141)

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