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Beispiel MAN Diesel & Turbo

Beschäf­tigte nach­hal­tig für siche­res Verhal­ten gewin­nen

Aktive, vorbildliche Mitarbeiter bringen ihre Kollegen sukzessive in den sicheren Bereich des Arbeitsschutzes. Foto: © Photographee.eu – stock.adobe.com
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Die MAN Diesel & Turbo SE stellt Großdiesel- und Gasmo­to­ren sowie Turbo­ma­schi­nen her. Alleine durch Größe und Gewicht der Moto­ren und deren Bauteile erge­ben sich in der Produk­tion erheb­li­che Unfall­ri­si­ken. Der tägli­che Umgang mit ihnen gepaart mit der oft jahr­zehn­te­lan­gen Betriebs­er­fah­rung führt dazu, dass die Mitar­bei­ter das notwen­dige Bewusst­sein für die Gefah­ren verlie­ren und lang­sam, aber stetig mit einer höhe­ren Risi­ko­be­reit­schaft an ihre Arbeit gehen. Wie der Herstel­ler es trotz­dem schaffte, siche­res Verhal­ten nach­hal­tig zu etablie­ren.

Um die Risi­ken zu mini­mie­ren, wurde in den vergan­ge­nen zehn Jahren viel in „klas­si­sche“ Unfall­prä­ven­tion inves­tiert, zum Beispiel in folgende Maßnah­men:

  • Semi­nare der Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten
  • Verstär­kung und Verbes­se­rung der Sicher­heits­un­ter­wei­sun­gen
  • Verstär­kung und Verbes­se­rung der persön­li­chen Schutz­aus­rüs­tung (PSA)
  • Tägli­cher Sicher­heits­im­puls (= anspre­chen von Risi­ken im loka­len Shopf­loor­ma­nage­ment)
  • Arbeits­si­cher­heits­ak­tio­nen (Haut­schutz, Augen­schutz, Hand­schutz etc.)

Trotz der inten­si­ven Beto­nung dieser Thema­tik konn­ten die Unfall­zah­len nicht unter eine Wider­stands­li­nie von circa 80 Unfäl­len pro Jahr (bei 1.600 Produk­ti­ons­mit­ar­bei­tern) gebracht werden. Die regel­mä­ßige Analyse des Unfall­ge­sche­hens ergab, dass für 96 Prozent der Unfälle die Ursa­che im unsi­che­ren Verhal­ten der Mitar­bei­ter zu suchen war. Es musste folg­lich etwas gesche­hen, um die Menschen davon abzu­hal­ten, so bereit­wil­lig unsi­chere Hand­lun­gen zu bege­hen. In diesem Zusam­men­hang stellte sich die Frage: Was muss getan werden, damit die Mitar­bei­ter aus inne­rem Antrieb der siche­ren Arbeits­weise den Vorzug geben?

Zu diesem Zweck hat MAN Diesel & Turbo SE in der Monta­ge­ab­tei­lung ein Projekt mit dem Titel „Verhal­tens­ba­sier­ter Arbeits­schutz“ (Beha­viour Based Safety/BBS) initi­iert. Mit Unter­stüt­zung durch HRP Heinze Consul­ting wurde ein Pilot-Programm zur flächen­de­cken­den Einbin­dung aller 240 Mitar­bei­ter der Montage aufge­legt. Das Ziel war klar defi­niert: Etablie­rung einer geleb­ten, allge­mein­gül­ti­gen Sicher­heits­kul­tur, die keine unsi­che­ren Hand­lun­gen mehr tole­riert. Alle Mitar­bei­ter soll­ten dafür sensi­bi­li­siert werden, aus inne­rem Antrieb ihre Arbei­ten sicher auszu­füh­ren und aktiv gegen unsi­chere Hand­lun­gen vorzu­ge­hen.

Das Verhal­ten steht im Mittel­punkt

Unfälle entste­hen zum über­wie­gen­den Teil durch unsi­chere Hand­lun­gen. Die Ursa­chen der unsi­che­ren Zustände und Hand­lun­gen liegen stets im Verhal­ten der Menschen. Für die Redu­zie­rung der Unfall­zah­len ist folg­lich das Verhal­ten der Menschen der ausschlag­ge­bende Faktor.

Bei der brei­ten Masse der Mitar­bei­ter muss also ein Umden­ken erreicht werden, um Verbes­se­run­gen im Arbeits­schutz zu erzie­len.

Es gilt,

  • unsi­chere Zustände zu erken­nen,
  • sichere Verhal­tens­wei­sen zu defi­nie­ren,
  • das Verhal­ten aller Betei­lig­ten anzu­pas­sen,
  • Fehl­ver­hal­ten konse­quent anzu­spre­chen und
  • siche­res Verhal­ten zu verstär­ken.

Nur dann ist es möglich, eine umfas­sende Sicher­heits­kul­tur zu etablie­ren.

Der Verän­de­rungs­pro­zess

Der Umstieg von der „klas­si­schen“ Arbeits­si­cher­heit hin zum verhal­tens­ba­sier­ten Arbeits­schutz stellt einen grund­le­gen­den Verän­de­rungs­pro­zess dar. Es muss ein Wandel vom konser­va­ti­ven, auf Sicher­heits­vor­schrif­ten basie­ren­den System hin zu einer etablier­ten umfas­sen­den Sicher­heits­kul­tur voll­zo­gen werden, die keine unsi­che­ren Hand­lun­gen mehr duldet. Folgende Grund­sätze sind in diesem Zusam­men­hang zu beach­ten:

  1. Die Verän­de­rung erfolgt von oben nach unten.
  2. Alle Mitar­bei­ter müssen einge­bun­den werden.
  3. Arbeits­si­cher­heit muss als allge­mein­gül­ti­ges, attrak­ti­ves Ziel etabliert werden.
  4. Sichere Verhal­tens­wei­sen müssen im tägli­chen Arbeits­le­ben nach­hal­tig veran­kert werden.

Vorbe­rei­tun­gen

Zuerst bedarf es der Erar­bei­tung von verbind­li­chen Arbeits­schutz­zie­len und/oder einer Arbeitsschutz-Vision. Die Ziele und die Vision müssen dabei so attrak­tiv für alle Betei­lig­ten sein, dass sie den Aufwand für den notwen­di­gen Verän­de­rungs­pro­zess mehr als aufwie­gen. Arbeits­schutz darf nicht mehr als notwen­di­ges Übel wahr­ge­nom­men werden, sondern muss sich als fester Bestand­teil der tägli­chen Arbeit etablie­ren.

Semi­nar­reihe zur Einstellungs- und Verhal­tens­än­de­rung

Im ersten Schritt müssen alle Mitar­bei­ter zur Thema­tik abge­holt werden. Dies geschieht in hierarchisch-kaskadierten Semi­na­ren mit klei­nen Grup­pen von maxi­mal zwölf Mitar­bei­tern. Die Kaskade wird von oben nach unten ange­sto­ßen, also zuerst vom Bereichs­lei­ter zu den Abtei­lungs­lei­tern, danach vom Abtei­lungs­lei­ter zu den Meis­tern und darauf folgend vom Meis­ter zu den Mitar­bei­tern.

Im ersten Teil jedes Semi­nars werden attrak­tive Arbeits­schutz­ziele und, falls vorhan­den, eine Arbeits­schutz­vi­sion vermit­telt, die im Vorfeld erar­bei­tet wurde. Maßge­bend für den Erfolg ist, wie gut es gelingt, die Mitar­bei­ter emotio­nal abzu­ho­len. Es muss jedem Mitar­bei­ter klar werden, welche extre­men Folgen aus einem Arbeits­un­fall für jeden persön­lich und im priva­ten Umfeld erwach­sen könn­ten. Darüber hinaus müssen sich die Mitar­bei­ter ihrer Verant­wor­tung gegen­über den Kolle­gen bewusst werden. Unsi­che­ren Hand­lun­gen von Kolle­gen dürfen nicht länger still­schwei­gend hinge­nom­men werden.

Im zwei­ten Teil des Semi­nars erfolgt eine aktu­elle Bestands­auf­nahme, wie es um den Arbeits­schutz im Unter­neh­men bestellt ist. Darauf aufbau­end erar­bei­ten die einzel­nen Mitar­bei­ter persön­li­che Beiträge, um den Arbeits­schutz zu verbes­sern. Auf diese Weise kann jeder Mitar­bei­ter in seinem Arbeits­be­reich die eige­nen Hand­lun­gen aktiv verän­dern und so seinen Beitrag zur Umset­zung der Arbeits­schutz­vi­sion leis­ten.

So erhält man über alle Hier­ar­chie­ebe­nen hinweg Beiträge aller Mitar­bei­ter, die die Verän­de­rung hin zu einer geleb­ten Sicher­heits­kul­tur unter­stüt­zen. Während des Verän­de­rungs­pro­zes­ses kann in den Sicher­heits­ge­sprä­chen auf diese Beiträge zurück­ge­grif­fen werden, um bei Abwei­chun­gen vom gewünsch­ten siche­ren Verhal­ten die verein­bar­ten vorbild­li­chen und selbst erar­bei­te­ten Verhal­tens­wei­sen einzu­for­dern.

Am Ende des Semi­nars werden die erar­bei­te­ten gewünsch­ten Verhal­tens­wei­sen in einer Selbst­ver­pflich­tungs­er­klä­rung fest­ge­hal­ten und sowohl vom Vorge­setz­ten als auch vom Mitar­bei­ter unter­zeich­net. Mit diesem Schritt wird die Verbind­lich­keit der gemein­sam erar­bei­te­ten Beiträge zur geleb­ten Sicher­heits­kul­tur fest­ge­hal­ten.

Semi­nar­reihe zur Etablie­rung der gewünsch­ten Sicher­heits­kul­tur

In einer weite­ren Semi­nar­reihe werden Mitar­bei­ter, die den Verän­de­rungs­pro­zess bereits vorbild­lich unter­stüt­zen, zu „Botschaf­tern“ des Arbeits­schut­zes ausge­bil­det. Im Semi­nar erhal­ten sie ein Beobachtungs- und Gesprächs­trai­ning mit dem Ziel, Themen des Arbeits­schut­zes im tägli­chen Umgang mit den Kolle­gen aktiv anzu­spre­chen und einen posi­ti­ven Sicher­heits­dia­log in Gang zu setzen. Diese Gesprä­che dürfen keines­falls einen ermah­nen­den oder beleh­ren­den Charak­ter haben. Viel­mehr sollen posi­tive Verhal­tens­wei­sen bestärkt, Fehl­ver­hal­ten konstruk­tiv bespro­chen und unsi­che­ren Zustände elimi­niert werden. Bei einem beob­ach­te­ten Fehl­ver­hal­ten ist der Hinweis auf die Semi­nar­reihe zur Einstellungs- und Verhal­tens­än­de­rung im Arbeits­schutz hilf­reich, da die Mitar­bei­ter in diesem Rahmen die posi­ti­ven Aspekte des Arbeits­schut­zes selbst erar­bei­tet haben.

Die Sicher­heits­ge­sprä­che werden im Nach­gang in einem stan­dar­di­sier­ten Gesprächs­for­mu­lar doku­men­tiert und in einer Daten­bank erfasst, um eine syste­ma­ti­sche Auswer­tung zu ermög­li­chen. Die gesam­mel­ten Daten geben Rück­schlüsse auf die Hand­lungs­schwer­punkte zur Verbes­se­rung des Arbeits­schut­zes, die von den Vorge­setz­ten aufge­grif­fen und bear­bei­tet werden müssen.

Auf diese Weise unter­liegt der Arbeits­schutz einem konti­nu­ier­li­chen Verbes­se­rungs­pro­zess, die Arbeits­schutz­the­men sind im Tages­ge­sche­hen stets präsent und werden aktiv ange­spro­chen. Durch diese Vorge­hens­weise entwi­ckelt sich eine Sicher­heits­kul­tur, in der die akti­ven, vorbild­li­chen Mitar­bei­ter ihre Kolle­gen sukzes­sive in den siche­ren Bereich des Arbeits­schut­zes brin­gen. Am Ende des Verän­de­rungs­pro­zes­ses sollte die große Mehr­heit der Beleg­schaft im siche­ren Arbeits­schutz ange­kom­men sein. Sobald dieser fest veran­kert ist, werden unsi­chere Hand­lun­gen nicht mehr tole­riert und von allen Mitar­bei­tern offen ange­spro­chen.

Die gelebte Sicher­heits­kul­tur

Das große Ziel des verhal­tens­ba­sier­ten Arbeits­schut­zes ist eine gelebte Sicher­heits­kul­tur, in der sich alle Betei­lig­ten vorbild­lich verhal­ten, auf ihre Kolle­gen achten und Miss­stände unge­ach­tet der Hier­ar­chien umge­hend anspre­chen und sofort besei­ti­gen. Es herrscht eine einheit­li­che Auffas­sung von Arbeits­schutz auf hohem Niveau und alle über­neh­men die „Sicherheits-Verantwortung“ für sich selbst und ihre Kolle­gen. Unsi­chere Hand­lun­gen werden in der gesam­ten Orga­ni­sa­tion nicht länger gedul­det.

Fazit

Der Schlüs­sel zu einem hohen Stan­dard im Arbeits­schutz liegt im Verhal­ten aller Beschäf­tig­ten. Grund­lage hier­für ist die Veran­ke­rung des Arbeits­schut­zes bei allen Betei­lig­ten über alle Hier­ar­chie­stu­fen hinweg und aus eige­nem inne­rem Antrieb heraus. Das Ziel ist die Etablie­rung einer geleb­ten Sicher­heits­kul­tur, in der unsi­chere Hand­lun­gen keine Chan­cen mehr haben.

Abb. 1: Das Verhal­ten steht im Mittel­punkt
Abb. 2: Der Verän­de­rungs­pro­zess

 

 

Autor: Josef Fischer

Abtei­lungs­lei­ter Moto­ren­mon­tage und Lackie­rung,

MAN Diesel & Turbo, Augs­burg

Foto: privat

MAN Diesel & Turbo SE

Die MAN Diesel & Turbo SE ist welt­weit führen­der Anbie­ter von Großdiesel- und Gasmo­to­ren sowie von Turbo­ma­schi­nen. Am Stamm­sitz in Augs­burg befin­den sich Entwick­lung und Produk­tion der großen Vier­takt­mo­to­ren für mari­time und statio­näre Anwen­dun­gen. Der größte Diesel­mo­tor aus Augs­burg hat ein Gewicht von circa 240 Tonnen und eine Größe von circa 13 x 5 x 5 Metern (L x B x H).

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