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Handschuhe zum Schutz gegen chemische Gefährdungen

Wie Sie den Rich­ti­gen finden

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Foto: Honeywell Industrial Safety
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In den beiden voran­ge­gan­ge­nen Arti­keln dieser Serie wurde einge­hend auf die Entwick­lung medi­zi­ni­scher Schutz­hand­schuhe (SI 2/2018) und die nicht uner­heb­li­chen Probleme bei der rich­ti­gen Auswahl geeig­ne­ter Schutz­hand­schuhe zum Schutz vor mecha­ni­schen Gefähr­dun­gen (SI 3/2018) einge­gan­gen. Nahezu ebenso kompli­ziert stellt sich die rich­tige Auswahl von Schutz­hand­schu­hen zum Schutz vor chemi­schen Gefähr­dun­gen dar.

Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tun­gen (PSA) und somit auch alle Schutz­hand­schuhe werden nach der „alten“ PSA-Richtlinie 89/686/EWG und auch nach der neuen PSA-Verordnung gene­rell in die Kate­go­rien I, II und III einge­ord­net. Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe werden ausnahms­los aus gutem Grund der Kate­go­rie III zuge­ord­net, die eine Baumus­ter­prü­fung mit anschlie­ßen­der regel­mä­ßi­ger Über­wa­chung zwin­gend fordert. Alle Schutz­hand­schuhe für den Umgang mit Chemi­ka­lien müssen die Anfor­de­run­gen der euro­päi­schen Norm EN 374 erfül­len. Diese Norm ist im Jahr 2017 grund­le­gen­den Ände­run­gen unter­zo­gen worden, ausdrück­lich handelt es sich bei den der Norm unter­lie­gen­den Hand­schu­hen nun um „Schutz­hand­schuhe gegen gefähr­li­che Chemi­ka­lien und Mikro­or­ga­nis­men“.

Mate­ria­lien für Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe

Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe werden aus nahezu allen elas­ti­schen Kunst­stof­fen herge­stellt. Neben preis­wer­ten Mate­ria­lien wie Weich-PVC (Vinyl), Natur­kau­tschu­kla­tex und Nitril werden auch hoch­wer­tige und teure Kunst­stoffe wie Poly­iso­pren, Chlor­bu­ta­dien (zum Beispiel Neopren) oder Fluo­re­las­to­mere (zum Beispiel Viton) verwen­det.

Die Preise für die Hand­schuhe können dabei von weni­gen Cent für ein Paar bis hin zu über 100 Euro pro Paar reichen. Dabei ist keine Substanz für alle Gefahr­stoffe als univer­sell geeig­net anzu­se­hen. So wider­steht das sehr teure und hoch hitze­be­stän­dige Viton zwar nahezu allen Säuren, Laugen, Ölen und Kraft­stof­fen, löst sich aber in Ethern und Aceton. Hand­schuhe aus Poly­chlo­ro­pren wiederum schüt­zen in der Regel sehr gut gegen viele Kälte­mit­tel und Wasser, quel­len aber stark bei Kontakt mit Aroma­ten. Latex ist als Hand­schuh­ma­te­rial gut geeig­net zum Schutz vor Säuren und Laugen, verliert aber seine Festig­keit und Elas­ti­zi­tät bei Kontakt mit Fetten und Ölen.

Das für Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe am häufigs­ten einge­setzte Mate­rial ist sicher­lich das preis­werte Nitril­kau­tschuk, das hohe Bestän­dig­keit gegen­über Ölen, Fetten und Kohlen­was­ser­stof­fen und ein güns­ti­ges Alte­rungs­ver­hal­ten bei hoher Abrieb­fes­tig­keit aufweist. Verwen­det wird dieser Acrylnitril-Butadien-Kautschuk mit unter­schied­li­chem Acryl­ni­tri­l­an­teil (18 bis 50 Prozent), der großen Einfluss auf wich­tige Eigen­schaf­ten wie Elas­ti­zi­tät, Quell­be­stän­dig­keit und die Kälte­fle­xi­bi­li­tät hat. Nitril­hand­schuh ist daher nicht gleich Nitril­hand­schuh.

Hand­schuhe mit 18 Prozent Acryl­ni­tri­l­an­teil besit­zen beispiels­weise eine sehr gute Tieftemperatur-Flexibilität bis circa –38 °C bei mäßi­ger Öl- und Kraft­stoff­be­stän­dig­keit; ein solcher mit 50 Prozent Acryl­ni­tri­l­an­teil kann hinge­gen mit einer Tieftemperatur-Flexibilität nur bis circa −3 °C aufwar­ten, dafür aber mit einer opti­ma­len Öl- und Kraft­stoff­be­stän­dig­keit.

Eigen­schaf­ten von Schutz­hand­schu­hen

Eine der wich­tigs­ten Eigen­schaf­ten eines Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhs ist seine Fähig­keit, dem Durch­drin­gen gefähr­li­cher Substan­zen Wider­stand entge­gen zu brin­gen – man spricht von der soge­nann­ten Permea­ti­ons­be­stän­dig­keit. Diese hängt neben der Ferti­gungs­qua­li­tät, dem Mate­rial des Schutz­hand­schuhs und der Mate­ri­al­stärke auch ganz entschei­dend von der Substanz ab, mit der umge­gan­gen werden soll. In Frage kommen wie gesagt grob alle der mindes­tens 17.000 indus­tri­ell verwen­de­ten Substan­zen. Alle denk­ba­ren Kombi­na­tio­nen von Hand­schu­hen und Chemi­ka­lien zu testen ist mithin also unmög­lich.

Schutz­hand­schuhe werden regu­lär in ihrer Permea­ti­ons­be­stän­dig­keit gegen­über ausge­wähl­ten, häufig vorkom­men­den Leit­sub­stan­zen geprüft. Eine bedingte Aussage zur Bestän­dig­keit gegen­über ähnli­chen Substan­zen der glei­chen Klasse ist damit möglich. Abso­lute Sicher­heit setzt aber voraus, dass die Bestän­dig­keit gegen­über der tatsäch­lich einge­setz­ten Substanz im Test nach­ge­wie­sen wird.

Hinweise auf die geeig­ne­ten Schutz­hand­schuhe findet der Anwen­der unter ande­rem im Sicher­heits­da­ten­blatt, in dem die Herstel­ler Auskunft zu den geeig­ne­ten Schutz­hand­schu­hen liefern. Aller­dings muss der Herstel­ler nicht für alle rele­van­ten Erzeug­nisse Sicher­heits­da­ten­blät­ter zur Verfü­gung stel­len; so sind Sicher­heits­da­ten­blät­ter beispiels­weise für Arznei­mit­tel und Medi­zin­pro­dukte nicht in jedem Fall erhält­lich, da diese nicht nach den Vorschrif­ten von REACH zuge­las­sen werden müssen.

Mit der Norm­än­de­rung 2017 wurde die Anzahl der mögli­chen Prüf­che­mi­ka­lien von zwölf auf immer­hin 18 erhöht (siehe Tabelle 1). Außer­dem wurde die bisher anzu­tref­fende Kenn­zeich­nung mit einem Becher­glas für Schutz­hand­schuhe, die für kurze Zeit gegen ledig­lich eine Substanz einen Schutz boten, abge­schafft. Dieser Typ des einfa­chen Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhs wird nun durch die neue „Klasse C“ reprä­sen­tiert; Kenn­zei­chen ist wie nun bei allen Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schu­hen das Symbol eines Erlen­mey­er­kol­bens.

Die schon bisher mit dem Erlen­mey­er­kol­ben gekenn­zeich­ne­ten Hand­schuhe werden nun in zwei Typen unter­teilt:

  • Ist der Hand­schuh gegen mindes­tens drei Prüf­che­mi­ka­lien für mindes­tens 30 Minu­ten bestän­dig, fällte er unter die „Klasse B“.
  • Ist er gegen sechs Substan­zen der Liste für mindes­tens 30 Minu­ten bestän­dig, fällt der Hand­schuh unter die Klasse A.

Da durch die nun für die Norm­prü­fung zuge­las­se­nen 18 Prüf­sub­stan­zen etli­che Dopp­lun­gen bei den Subs­tanz­klas­sen möglich sind, werden Schutz­hand­schuhe, die nach der neuen Norm in den Handel gelan­gen, meist gegen sechs Substan­zen geprüft und als „Klasse A“ Hand­schuh zerti­fi­ziert

Neue Norm – besse­rer Schutz?

Inwie­fern mit den Ände­run­gen der Norm zur Prüfung der Permea­tion auch ein besse­rer Schutz der Beschäf­tig­ten einher­geht, darf bezwei­felt werden. Auch Marken­her­stel­ler von Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schu­hen spre­chen offen darüber, dass der prak­ti­sche Nutzen der Ände­run­gen für die Anwen­der eher gering sei – nicht jedoch der Nutzen für akkre­di­tierte Prüf­stel­len (benannte Stel­len), bei den selbst­ver­ständ­lich auch in Zukunft alle Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe – nun gegen­über (mindes­tens) sechs Prüf­sub­stan­zen mindes­tens einer Baumus­ter­prü­fung unter­zo­gen werden müssen:

Fach­leute sind sich hinsicht­lich der neuen Klas­si­fi­zie­rung bereits einig: die drei neuen Typen­klas­sen werden kaum neue Unter­schei­dun­gen zwischen den am Markt befind­li­chen Produkt­ka­te­go­rien hervor­brin­gen. Die meis­ten Schutz­hand­schuhe gegen chemi­sche Risi­ken werden der Typen­klasse A zuge­ord­net werden können, ledig­lich dünne Einweg­schutz­hand­schuhe werden den ande­ren beiden Typen B und C zuge­ord­net werden. Der prak­ti­sche Nutzen für den Anwen­der ist frag­lich.“1

Aller­dings sieht die Norm EN ISO 374 nun erst­mals vor, dass Hand­schuhe auch auf weitere Mate­ri­al­ver­än­de­run­gen (Degra­da­tion) durch die chemi­schen Stoffe unter­sucht werden müssen. Degra­da­tion kann beispiels­weise zu Versprödung, Quel­lung oder Schrump­fung des poly­me­ren Mate­ri­als führen. Dies ist gleich­be­deu­tend mit einer sich verän­dern­den Barrie­re­funk­tion gegen die Chemi­ka­lie. Die Norm legt nun erst­mals ein stan­dar­di­sier­tes Mess­ver­fah­ren für Degra­da­tion fest.

Zwin­gend zu beach­ten ist auch, dass die Schutz­dauer eines Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhs bei vielen Substan­zen zeit­lich begrenzt ist. Die Herstel­ler geben in der Regel Mindest­per­mea­ti­ons­zei­ten bis zu 480 Minu­ten an – also verein­facht gesagt die Zeit, die vergeht, bis eine außen auf den Hand­schuh aufge­brachte Substanz innen am Hand­schuh nach­weis­bar ist. Für einen Schutz­hand­schuh beginnt also mit dem ersten Kontakt zur Chemi­ka­lie, gegen die er schüt­zen soll, die Uhr zu laufen – ein weite­rer Einsatz der Hand­schuhe, beispiels­weise am nächs­ten Arbeits­tag ist daher nicht durch die Ergeb­nisse der Norm­prü­fun­gen abge­deckt und bei Mehr­weg­hand­schu­hen nur vertret­bar, wenn eindeu­tige Aussa­gen der Herstel­ler zur wieder­hol­ten Verwen­dung vorlie­gen.

Auswahl geeig­ne­ter Schutz­hand­schuhe in der Praxis

Im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung muss der konkrete Schutz­be­darf unter Berück­sich­ti­gung der tatsäch­li­chen Tätig­kei­ten und der spezi­fi­schen Einsatz­be­din­gun­gen ermit­telt werden. Neben den einge­setz­ten Chemi­ka­lien müssen auch Rahmen­be­din­gun­gen wie die geplante Einsatz­dauer und vorherr­schende Tempe­ra­tur bekannt sein. Hinzu kommen weitere Gefähr­dun­gen, die zusätz­lich zur chemi­schen Gefähr­dung eine Rolle spie­len können, neben der mecha­ni­schen Gefähr­dung sei hier auch auf die Gefah­ren durch Hitze und Kälte hinge­wie­sen, die ihrer­seits in Kombi­na­tion mit den chemi­schen Eigen­schaf­ten neue Gefähr­dun­gen hervor­brin­gen können.

In jedem Fall müssen die Empfeh­lun­gen des Sicher­heits­da­ten­blatts der einge­setz­ten Chemi­ka­lien berück­sich­tigt werden. Schwie­rig wird es jedoch, wenn im Rahmen der Tätig­keit zeit­gleich mit mehre­ren Chemi­ka­lien umge­gan­gen werden soll und sich die Empfeh­lun­gen zu den zu verwen­den­den Hand­schu­hen wider­spre­chen.

Entspre­chend kommt der Anwen­dungs­be­ra­tung durch die Herstel­ler bezie­hungs­weise Liefe­ran­ten eine große Bedeu­tung zu. Die indi­vi­du­el­len Anfor­de­run­gen soll­ten die Anwen­der bezie­hungs­weise die zustän­di­gen Arbeits­si­cher­heits­ex­per­ten im Rahmen der Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung möglichst genau defi­nie­ren und die konkrete Schutz­leis­tung der Schutz­hand­schuhe beim Herstel­ler erfra­gen.

Die großen Marken­her­stel­ler bieten heute im Inter­net gut nutz­bare Platt­for­men, die auch zur Recher­che indi­vi­du­el­ler Permea­ti­ons­zei­ten genutzt werden können. Bei sehr exoti­schen Chemi­ka­lien wird aber manch­mal kein ande­rer Weg möglich sein, als die Permea­ti­ons­zei­ten und die Degra­da­tion des Hand­schuhs durch den Herstel­ler im Einzel­fall über­prü­fen zu lassen.

Um sicher­zu­stel­len, dass die Mitar­bei­ter die geeig­ne­ten Schutz­hand­schuhe verwen­den, empfiehlt sich ein Hand­schuh­plan bezie­hungs­weise eine Betriebs­an­wei­sung sowie die regel­mä­ßige Schu­lung und Unter­wei­sung der Mitar­bei­ter in der rich­ti­gen Nutzung der Hand­schuhe entspre­chend der Vorschrif­ten der PSA-Benutzungsverordnung.


Lesen Sie auch:


1 Verlaut­ba­rung des Herstel­lers Uvex auf https://www.uvex-safety.com/blog/de/2017–03–14/normaenderung-chemikalienschutzhandschuhe-en-374/, abge­ru­fen am 25. Januar 2018


Autor: Priv. Doz. Dr.-Ing. habil. Andreas Witt­mann
Sicher­heits­in­ge­nieur, Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit, GEDORE GmbH, Remscheid

Foto: F. v. Heyden, Univer­si­tät Wupper­tal

Bei der euro­päi­schen Behörde für Chemi­ka­lien (ECHA) wurden bis zum 25. Januar 2018 im REACH Verfah­ren 17.488 chemi­sche Substan­zen regis­triert (https://echa.europa.eu/de/information-on-chemicals/registered-substances, abge­ru­fen am 25. Januar 2018), die poten­zi­ell eine Gefähr­dung für Perso­nen mit sich brin­gen könn­ten, die einen Schutz durch Hand­schuhe erfor­der­lich machen.


Achtung: Alle Chemi­ka­li­en­schutz­hand­schuhe sind per se flüs­sig­keits­dicht. Daher müssen die Vorschrif­ten zur arbeits­me­di­zi­ni­schen Vorsorge (ArbmedVV) beach­tet werden. Konkret bedeu­tet dies, dass Mitar­bei­tern, die Hand­schuhe über einen Zeit­raum von mehr als zwei Stun­den pro Arbeits­tag nutzen, die ArbmedVV „Feucht­ar­beit“ anzu­bie­ten ist. Werden Hand­schuhe mehr als vier Stun­den pro Tag getra­gen, ist dieses sogar eine Pflicht­vor­sorge gemäß der ArbmedVV.

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