Vom Ziegenlederhandschuh zum Doppelhandschuhindikatorsystem. Die Geschichte des medizinischen Schutzhandschuhs -
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Die Geschichte des medizinischen Schutzhandschuhs

Vom Ziegen­le­der­hand­schuh zum Doppel­hand­schuh­in­di­ka­tor­sys­tem

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Hand­schuhe als Persön­li­che Schutz­aus­rüs­tung werden in vielen Berei­chen einge­setzt, so auch in der Medi­zin. Hier sollen sie Pati­en­ten – vor Infek­tio­nen – und Beschäf­tigte – zusätz­lich vor mecha­ni­scher und chemi­scher Gefähr­dung – schüt­zen. Doch wie kam es dazu? Eine histo­ri­sche Betrach­tung des medi­zi­ni­schen Schutz­hand­schuhs.

Der Schutz Beschäf­tig­ter vor Gefähr­dun­gen bei der Arbeit ist Aufgabe des Arbeit­ge­bers. Die Benut­zung von Persön­li­cher Schutz­aus­rüs­tung (PSA) ist dann als Maßnahme des Arbeits­schut­zes erfor­der­lich, wenn die Gefähr­dun­gen durch tech­ni­sche Lösun­gen oder orga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men nicht vermie­den oder ausrei­chend begrenzt werden können.

Ist PSA zum Schutz der Sicher­heit und Gesund­heit der Beschäf­tig­ten erfor­der­lich, ist diese vom Arbeit­ge­ber zur Verfü­gung zu stel­len. Er darf nur PSA auswäh­len und den Beschäf­tig­ten bereit­stel­len, die den Anfor­de­run­gen der 8. ProdSV, das heißt der Richt­li­nie 89/686 EWG genü­gen und mit dem, bei Kate­go­rie III PSA durch eine benannte Stelle geprüf­ten, CE‐Kennzeichen für PSA bezeich­net sind.1

Hand­schuhe in der Medi­zin, egal ob als Unter­su­chungs­hand­schuhe oder als sterile OP‐Handschuhe ausge­führt, werden aber in der Regel als Medi­zin­pro­dukt bereit­ge­stellt. Sie wurden also in erster Linie zum Schutz des Pati­en­ten vor Infek­tio­nen entwi­ckelt. Dessen unge­ach­tet dienen sie aber zusätz­lich auch dem Schutz der Beschäf­tig­ten.

Hand­schuhe können also je nach Zweck­be­stim­mung bezie­hungs­weise Haupt­wir­kung Medi­zin­pro­dukte oder PSA oder beides sein. Die Verwen­dung geeig­ne­ter Schutz­hand­schuhe zum Schutz des Pati­en­ten vor Infek­tio­nen und auch zum Schutz des Perso­nals gegen Gefähr­dun­gen (Infek­ti­ons­ge­fähr­dung, mecha­ni­sche Gefähr­dung, chemi­sche Gefähr­dung) ist heute eine nicht mehr wegzu­den­kende Basis­maß­nahme im medi­zi­ni­schen Bereich. Vielen Anwen­dern dürfte jedoch nicht bewusst sein, dass diese Form des Schut­zes viel älter ist als gedacht.

Hand­schuhe im 18. Jahr­hun­dert

Die ältes­ten Belege für den Einsatz einer Art Hand­schuh für einen medi­zi­ni­schen Eingriff finden sich in Berich­ten des deut­schen Arztes Johann Walbaum (1724 bis 1799), der im Jahre 1758 die Verwen­dung eines aus gewäs­ser­ten Schafs­där­men den Hand­rü­cken sowie die Mittel‐, Ring‐ und Klein­fin­ger einer Hand bede­cken­den Hand­schuhs bei der Geburts­hilfe beschreibt [1]. Zweck des durch Einfet­ten geschmei­dig gemach­ten Hand­schuh­vor­läu­fers war in erster Linie, die Finger­nä­gel des Arztes zu bede­cken und so zu verhin­dern, dass es zu schmerz­haf­ten Kratz­wun­den im Geburts­ka­nal kam.

Der Wiener Derma­to­lo­gen Joseph Plenk (1739 bis 1807) schlug bereits in der ersten Hälfte des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts die Verwen­dung von Hand­schu­hen aus prophy­lak­ti­schen Grün­den zum Schutze des Arztes vor [2].

Die ersten wirk­lich flüs­sig­keits­dich­ten Hand­schuhe, die für den medi­zi­ni­schen Einsatz geeig­net waren, wurden aus Gutta­per­cha herge­stellt. Gutta­per­cha ist der einge­trock­nete Milch­saft des im malai­ischen Raum heimi­schen Gutta­percha­baums (Palaquium gutta), der chemisch dem Kautschuk nahe steht. Bei Raum­tem­pe­ra­tur ist Gutta­per­cha härter und nicht so elas­tisch, wird aber bei circa 50 °C weich und knet­bar. Derar­tige Hand­schuhe wurden von deut­schen und engli­schen Patho­lo­gen zum Schutz vor Schnit­ten bei der Obduk­tion getra­gen [4, 5].

Mit der Entde­ckung der Vulka­ni­sa­tion von Gummi durch den Ameri­ka­ner Charles Nelson Goodyear (1800 bis 1860) im Jahr 1839 eröff­ne­ten sich neue Möglich­kei­ten der Hand­schuh­her­stel­lung aus diesem Mate­rial. Aller­dings wurden die ersten Hand­schuhe von den Chir­ur­gen vor allem deswe­gen abge­lehnt, weil sie sehr dick­wan­dig und unfle­xi­bel waren. Im Jahr 1878 bekam ein gewis­ser Thomas Fors­ter aus Streat­ham in England das Patent zur „Herstel­lung von Hand­schu­hen für chir­ur­gi­sche Opera­tio­nen“ aus Latex zuer­kannt [6,7].

Gummi­hand­schuh für Opera­tio­nen

Vermut­lich als Erster führte der ameri­ka­ni­sche Chir­urg William Stewart Halsted, der Neue­run­gen gegen­über stets aufge­schlos­sen war, um das Jahr 1890 den Gummi­hand­schuh als Stan­dard beim Operie­ren ein. Halstedt gilt fälsch­li­cher­weise oft als Erfin­der des OP‐Handschuhs, er ist aber einer der Wegbe­rei­ter der Lokal­an­äs­the­sie.

Hinter­grund dieser Inno­va­tion im OP‐Betrieb war, dass die ihm damals zuar­bei­tende Kran­ken­schwes­ter und spätere Ehefrau Caro­line Hamp­ton das damals gebräuch­li­che Händ­e­des­in­fek­ti­ons­mit­tel „Carbo­li­neum“, eine Lösung der Carbol­säure (Phenol), nicht mehr vertrug.2 Auf Grund­lage von Arbei­ten Sir Joseph Listers wurde fünf­pro­zen­tige Phenol­lö­sung seit 1865 als Anti­sep­ti­kum bei der Wund­des­in­fek­tion einge­setzt, da diese damals nahezu das einzig verfüg­bare Mittel gegen Wund­in­fek­tio­nen war. Wegen seiner haut­ir­ri­tie­ren­den Neben­wir­kung wurde es aber rasch durch andere Anti­sep­tika ersetzt. Heute gilt Halstedt als Vater der US‐amerikanischen Chir­ur­gie und ebenso als Vater der chir­ur­gi­schen Gummi­hand­schuhe.

Halstedts Assis­tenz­arzt Joseph Colt Blood­good stat­tete dann ab 1897 das ganze OP‐Personal des Johns Hopkins Hospi­tals in Balti­more mit den Hand­schu­hen der Firma Goodyear aus und konnte später über einen Rück­gang der Wund­in­fek­ti­ons­rate bei Pati­en­ten von knapp 30 Prozent auf drei Prozent berich­ten [8, 9].

Der deutsch‐baltische Chir­urg und Gene­ral­stabs­arzt Werner Zoege von Manteuf­fel (1857 bis 1926) kam ihm jedoch mit einer Veröf­fent­li­chung zuvor. Er empfahl bereits 1897 Gummi­hand­schuhe in der chir­ur­gi­schen Praxis zur Minde­rung der Infek­ti­ons­ge­fähr­dung bei Pati­en­ten. In seiner Veröf­fent­li­chung verweist er darauf, dass die in der Vergan­gen­heit bei Opera­tio­nen getra­ge­nen seide­nen oder baum­wol­le­nen Produkte sich anders als die von ihm genutz­ten Latex­hand­schuhe unmög­lich steri­li­sie­ren ließen. Außer­dem sah er als großen Vorteil der Hand­schuhe die Tatsa­che an, dass der Zeit­raum für das Desin­fi­zie­ren der Hände dras­tisch verkürzt werden könne [10].

Wie beschrie­ben, waren die ersten für die Chir­ur­gie genutz­ten Latex­hand­schuhe Mehr­weg­hand­schuhe. Diese konn­ten durch ausrei­chend langes Kochen in Wasser annä­hernd von Keimen befreit werden. Aller­dings eignet sich das Mate­rial nicht für eine Steri­li­sa­tion in den übli­chen Dampf­ste­ri­li­sa­to­ren, die regu­lär bei dreibar Druck im gesät­tig­ten Wasser­dampf bei 134 °C inner­halb von 5 Minu­ten erfolgt.

Mit Einfüh­rung der ersten mit Hilfe von Gamma­strah­len steri­li­sier­ten „Einmal‐ OP‐Handschuhe“ im Jahr 1964 durch die Firma Ansell war die Entwick­lung der medi­zi­ni­schen Hand­schuhe zunächst abge­schlos­sen.

Die Verwen­dung der aus dem Natur­ma­te­rial Latex herge­stell­ten Hand­schuhe hatte jedoch auch nega­tive Folgen. Vor allem seit­dem Hand­schuhe trocken steri­li­siert werden konn­ten war es notwen­dig, das Verkle­ben der Hand­schuhe beim Steri­li­sa­ti­ons­pro­zess zu verhin­dern. Zunächst genutzte Puder aus Talkum (Magne­si­um­si­li­kat) oder Lyko­po­dium (Bärlapp­spo­ren) führ­ten bei Pati­en­ten zu Wund­hei­lungs­stö­run­gen wie dem peri­to­nea­len Talk­um­gra­nu­lom, insbe­son­dere bei Eingrif­fen in die Bauch­höhle [11].

Probleme durch Aller­gien

Aber auch bei Trägern der Hand­schuhe wurden schon in den 1930er Jahren irri­ta­tive Haut­er­kran­kun­gen beob­ach­tet [12].

Abhilfe brachte ab 1947 die Verwen­dung modi­fi­zier­ter Mais­stärke als Hand­schuh­pu­der. Die Verwen­dung dieser medi­zi­ni­schen Schutz­hand­schuhe aus mit modi­fi­zier­ter Mais­stärke gepu­der­tem Natur­kau­tschu­kla­tex war in der Folge­zeit jedoch Ursa­che für eine extrem hohe Sensi­bi­li­sie­rungs­quote bei den Beschäf­tig­ten [13,14]. Der erste Bericht über Latex­all­er­gie wurde aber erst 1979 im „British Jour­nal of Derma­to­logy“ veröf­fent­licht [15]. Es verwun­dert eben­falls, dass über den ersten Fall einer auf Latex­hand­schuhe zurück­zu­füh­ren­den Aller­gie in den Verei­nig­ten Staa­ten von Amerika erst im Jahr 1989 berich­tet wurde [16].

In den 1980er Jahren stieg die Verwen­dung von Latex­hand­schu­hen exor­bi­tant an, da die 1981 als eigen­stän­dige Infek­ti­ons­krank­heit erkannte Immun­schwä­che­krank­heit AIDS zu deut­lich gestei­ger­ter Verwen­dung von Latex­hand­schu­hen auch im nicht chir­ur­gi­schen Bereich führte. In Folge der Diskus­sion über die mögli­chen Anste­ckungs­ge­fah­ren beim Kontakt mit Blut und ande­ren Körper­flüs­sig­kei­ten wurde dann 1987 medi­zi­ni­sche Schutz­hand­schuhe verpflich­ten­der Bestand­teil der KFZ‐Verbandkästen nach DIN 13164. Es bestand sogar eine Verpflich­tung, derar­tige Hand­schuhe in vorhan­de­nen Verband­käs­ten nach­zu­rüs­ten. Eine Über­sicht über wich­tige Daten zur Evolu­tion der Hand­schuhe zeigt Tabelle 1.

Heute werden in der S1‐Leitlinie zur Hygiene in Klink und Praxis die Anfor­de­run­gen an Hand­schuhe zur Infek­ti­ons­pro­phy­laxe fest­ge­legt und beschrie­ben. Dort heißt es, dass medi­zi­ni­sche Schutz­hand­schuhe nach der hygie­ni­schen Händ­e­des­in­fek­tion zu den wich­tigs­ten infek­ti­ons­pro­phy­lak­ti­schen Maßnah­men in Klinik und Praxis gehö­ren. Hinge­wie­sen wird darauf, dass medi­zi­ni­sche Schutz­hand­schuhe heute dabei ganz unter­schied­li­che Anfor­de­run­gen erfül­len müssen:

Neben dem Schutz vor Reinigungs‐ und Desin­fek­ti­ons­mit­teln sowie Labor­che­mi­ka­lien und ande­ren Gefahr­stof­fen (z.B. Zyto­sta­tika) sind sie zur Abwen­dung einer Infek­ti­ons­ge­fähr­dung erfor­der­lich, vor allem durch blut­über­trag­bare Infek­ti­ons­krank­hei­ten z.B. Hepa­ti­tis B, Hepa­ti­tis C und HIV, aber auch Schmier­in­fek­tio­nen. Bei nicht­ste­ri­len („unste­ri­len“) Hand­schu­hen steht der Perso­nal­schutz eindeu­tig im Vorder­grund; sie sollen den Anwen­der vor dem Kontakt mit infek­tiö­sem Mate­rial oder Gefahr­stof­fen (z.B. Zyto­sta­tika) schüt­zen. Sterile Schutz­hand­schuhe dienen dem Schutz des Perso­nals und der Pati­en­ten vor Infek­tio­nen.“ [17]

Weiter­hin empfiehlt die S1‐Leitlinie für den OP‐Bereich den Einsatz puder­freier OP‐Handschuhe aus Natur­la­tex, da derzeit von keinem ande­ren Mate­rial gleich­wer­tige Eigen­schaf­ten hinsicht­lich Trage­kom­fort, Pass­ge­nau­ig­keit, Grif­fig­keit und mecha­ni­scher Belast­bar­keit erreicht würden. Daher müssen opera­tive Abtei­lun­gen intern fest­le­gen, wann doppelte Hand­schuhe oder Hand­schuhe mit einem Perfo­ra­ti­ons­in­di­ka­tor­sys­tem getra­gen werden sollen. Letz­te­res kann, so die Leit­li­nie, sinn­voll sein bei mehr­stün­di­gen opera­ti­ven Eingrif­fen sowie Eingrif­fen mit beson­ders hohem Perfo­ra­ti­ons­ri­siko (zum Beispiel bei trau­ma­to­lo­gi­schen oder ortho­pä­di­schen Eingrif­fen) bezie­hungs­weise spezi­fi­schem Infek­ti­ons­ri­siko (zum Beispiel AIDS).

Für sons­tige klini­sche Berei­che empfiehlt die Leit­li­nie mindes­tens drei verschie­dene Arten flüs­sig­keits­dich­ter Hand­schuhe zur Verfü­gung zu stel­len:

  • Für nicht‐klinische Tätig­kei­ten, zum Beispiel in der Küche, im tech­ni­schen Dienst oder bei der Reini­gung (sofern nicht mit infek­tiö­sen Mate­ria­lien umge­gan­gen wird), können PVC‐ oder Poly­ethy­len­hand­schuhe verwen­det werden; medi­zi­ni­sche Schutz­hand­schuhe (nach DIN EN 455 geprüft) sollen nicht einge­setzt werden.
  • Für einfa­che Tätig­kei­ten am Pati­en­ten ohne Erfor­der­nis einer hohen Tast­ge­nau­ig­keit und Grif­fig­keit können Hand­schuhe aus synthe­ti­schen Mate­ria­lien wie PVC oder PE ausge­wählt werden.
  • Alle Tätig­kei­ten, die mit einer erhöh­ten mecha­ni­schen Belas­tung oder einem verlän­ger­ten Trage­inter­vall einher­ge­hen, soll­ten dage­gen vorzugs­weise mit Latex­hand­schu­hen verrich­tet werden. Für Aufga­ben, bei denen ein hohes Maß an Tast­sen­si­bi­li­tät und Griff­si­cher­heit erfor­der­lich ist, sind Latex­hand­schuhe für gewöhn­lich unver­zicht­bar.

Doppelte Hand­schuhe – doppel­ter Schutz?

Eine immer wieder empfoh­lene Maßnahme zur Verbes­se­rung des Infek­ti­ons­schut­zes besteht darin, zwei Hand­schuhe über­ein­an­der zu tragen. Der Nutzen der doppel­ten Behand­sch­uhung zur Vermei­dung von Blut­kon­tak­ten wurde durch viele Unter­su­chun­gen bestä­tigt. US‐amerikanische Autoren [18,19] ermit­tel­ten, dass doppelte Hand­schuhe das Blut­kon­tak­tri­siko um den Faktor 10 senken können. In zwei weite­ren Unter­su­chun­gen wurde durch das Tragen zweier Paar Hand­schuhe über­ein­an­der die Blut­kon­ta­mi­na­ti­ons­häu­fig­keit der Hände von Chir­ur­gen von 70 Prozent bezie­hungs­weise von 13 Prozent auf zwei Prozent redu­ziert [20, 21]. Die Blut­kon­takte werden hier­bei dadurch mini­miert, dass trotz einer Perfo­ra­tion des Außen­hand­schuhs der innere Hand­schuh in bis zu 82 Prozent der Fälle immer noch intakt bleibt [22, 23, 24].

Der Infek­ti­ons­schutz kann durch die Verwen­dung doppel­ter Hand­schuhe mit Indi­ka­tor­sys­tem (zum Beispiel Möln­ly­cke Biogel Indi­ca­tor) noch gestei­gert werden. Dieses Hand­schuh­sys­tem besteht aus einem farbi­gen Unter­zieh­hand­schuh und einem neutral­far­be­nen Außen­hand­schuh. Wird der äußere Hand­schuh (HS) bei der Opera­tion perfo­riert, so sorgt die bei jedem Eingriff vorhan­dene Flüs­sig­keit dafür, dass ein gut sicht­ba­rer Fleck entsteht. Bemerkt ein Ange­hö­ri­ger aus dem OP‐Team einen solchen Fleck, wird der Hand­schuh gewech­selt und so die Gefahr einer Infek­ti­ons­über­tra­gung mini­miert.

Bei den bislang durch­ge­führ­ten Studien zur früh­zei­ti­gen Entde­ckung von HS‐Perforationen während opera­ti­ver Eingriffe haben sich Indi­ka­tor­hand­schuhe als sehr effek­tiv erwie­sen: Im Gegen­satz zu aufwän­di­gen elek­tro­ni­schen Indi­ka­ti­ons­sys­te­men, die sehr häufig auch
bei Verän­de­run­gen der Leit­fä­hig­keit der Latex­hand­schuhe Alarm schlu­gen [25], konn­ten mit Indi­ka­tor­hand­schu­hen bis zu 100 Prozent der Perfo­ra­tio­nen unmit­tel­bar nach ihrer Entste­hung entdeckt werden [26, 27].

Wie effi­zi­ent das System arbei­ten kann, wurde deut­lich, als alle welt­weit durch­ge­führ­ten Studien zur Hand­schuh­si­cher­heit im Rahmen einer Meta‐Analyse mitein­an­der vergli­chen wurden: Bei der Analyse von 376 Perfo­ra­tio­nen wurden bei der Verwen­dung herkömm­li­cher doppel­ter Opera­ti­ons­hand­schuhe drei­mal weni­ger (tatsäch­lich vorhan­dene) Löcher vom Perso­nal während der Arbeit entdeckt als bei der Nutzung von Indi­ka­tor­hand­schu­hen. Dage­gen konnte im Vergleich zu einfach getra­ge­nen Hand­schu­hen keine Häufung von Perfo­ra­tio­nen am Außen­hand­schuh fest­ge­stellt werden, die etwa auf eine Beein­träch­ti­gung von Hände­sen­si­bi­li­tät und Geschick­lich­keit hindeu­ten würde [28].

Doppel­hand­schuh­sys­teme und der Tast­sinn

Obwohl die Schutz­wir­kung doppel­ter Hand­schuh­sys­teme sehr einleuch­tend ist, werden sie noch nicht routi­ne­mä­ßig einge­setzt. Der Haupt­grund dafür ist die vermeint­li­che Einschrän­kung der Geschick­lich­keit und des Tast­sinns durch die doppelte Latex­schicht sowie die höhe­ren Kosten. In einer an der Univer­si­tät Wupper­tal durch­ge­führ­ten Studie konnte bei den Proban­den mittels eines stan­dar­di­sier­ten neuro­lo­gi­schen „Zwei‐Punkte‐Diskriminationstests“ und eines „Würfel­tests“, bei dem die Augen­zahl verschie­den großer Würfel mit verbun­de­nen Augen ertas­tet werden musste, keine signi­fi­kante Tast­sinn­ein­schrän­kung durch das Tragen von zwei Paar Hand­schu­hen fest­ge­stellt werden [29]. In einer US‐amerikanischen Studie, bei der neben den Tast­sinn­un­ter­su­chun­gen auch die Geschick­lich­keit getes­tet wurde, konn­ten Beein­träch­ti­gun­gen nur bei den Chir­ur­gen fest­ge­stellt werden, die auch in ihrem Alltag nur mit einfach getra­ge­nen Hand­schu­hen operie­ren; sie konn­ten sich aber schon nach einer kurzen Zeit an die doppel­ten Hand­schuhe gewöh­nen [30].

Zur Verwen­dung von Doppel­hand­schuh­sys­te­men erschei­nen bis heute immer wieder Über­sichts­ar­bei­ten, die durch­ge­hend den Erfolg dieser Schutz­maß­nahme im Vergleich zu einfach getra­ge­nen Hand­schu­hen bele­gen [31]. Verbes­sert werden kann der Schutz durch doppelte Hand­schuhe noch dadurch, dass der Innen­hand­schuh farbig ist, der Außen­hand­schuh weiter­hin transparent‐opak. Dringt nun bei einer Opera­tion nach einer Perfo­ra­tion des Außen­hand­schuhs Flüs­sig­keit zwischen die beiden Hand­schuh­la­gen, können Perfo­ra­tio­nen schnell und zuver­läs­sig erkannt werden (siehe Abbil­dung 3) und durch ein unver­züg­li­ches Wech­seln des Außen­hand­schuhs wieder eine sichere Barriere zwischen Pati­ent und Perso­nal herge­stellt werden kann. Dies verbes­sert den Schutz der Beschäf­tig­ten entschei­dend [32]. Belegt werden konnte auch, dass neben einer Verrin­ge­rung der Anzahl der Nadel­stich­ver­let­zun­gen auch eine deut­li­che Redu­zie­rung des über­tra­ge­nen Blut­vo­lu­mens erfolgt, soll­ten beide Hand­schuhe durch­sto­chen werden [33, 34].


Lesen Sie auch:


Lite­ra­tur

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  33. Witt­mann A, J. Köver, N. Kralj, K. Gast­haus, H. Lerch, F. Hofmann (2010): Compa­ri­son of 4 Diffe­rent Types of Surgi­cal Gloves Used for Preven­ting Blood Contact, Infect Control Hosp Epide­miol 2010;31:498–502
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  35. 1 Die bevor­ste­hen­den Ände­run­gen durch die PSA‐Verordnung auf EU‐Ebene wurden in dieser Arbeit noch nicht berück­sich­tigt, da die Über­gangs­fris­ten mehrere Jahre betra­gen werden. Gemäß der Richt­li­nie 89/686/EWG ausge­stellte EG‐Baumusterprüfbescheinigungen und Zulas­sun­gen gelten bis zum 21. April 2023.
  36. 2 Ande­ren Quel­len nach handelte es sich um Queck­sil­ber (II) Chlo­rid (HgCl2) –Lösung, die eben­falls damals zur Desin­fek­tion einge­setzt wurde.

1 Die bevor­ste­hen­den Ände­run­gen durch die PSA‐Verordnung auf EU‐Ebene wurden in dieser Arbeit noch nicht berück­sich­tigt, da die Über­gangs­fris­ten mehrere Jahre betra­gen werden. Gemäß der Richt‧linie 89/686/EWG ausge­stellte EG‐Baumusterprüfbescheinigungen und Zulas­sun­gen gelten bis zum 21. April 2023.
2 Ande­ren Quel­len nach handelte es sich um Queck­sil­ber (II) Chlo­rid (HgCl2) –Lösung, die eben­falls ‧damals zur Desin­fek­tion einge­setzt wurde.


Autor: Priv. Doz. Dr.-Ing. habil. Andreas Witt­mann

Sicher­heits­in­ge­nieur, Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit, RMS GmbH

Foto: F. v. Heyden, Univer­si­tät Wupper­tal

 

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