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Vom Ziegenlederhandschuh zum Doppelhandschuhindikatorsystem

Die Geschichte des medizinischen Schutzhandschuhs
Vom Ziegenlederhandschuh zum Doppelhandschuhindikatorsystem

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Hand­schuhe als Per­sön­liche Schutzaus­rüs­tung wer­den in vie­len Bere­ichen einge­set­zt, so auch in der Medi­zin. Hier sollen sie Patien­ten – vor Infek­tio­nen – und Beschäftigte – zusät­zlich vor mech­a­nis­ch­er und chemis­ch­er Gefährdung – schützen. Doch wie kam es dazu? Eine his­torische Betra­ch­tung des medi­zinis­chen Schutzhand­schuhs.

Der Schutz Beschäftigter vor Gefährdun­gen bei der Arbeit ist Auf­gabe des Arbeit­ge­bers. Die Benutzung von Per­sön­lich­er Schutzaus­rüs­tung (PSA) ist dann als Maß­nahme des Arbeitss­chutzes erforder­lich, wenn die Gefährdun­gen durch tech­nis­che Lösun­gen oder organ­isatorische Maß­nah­men nicht ver­mieden oder aus­re­ichend begren­zt wer­den kön­nen.

Ist PSA zum Schutz der Sicher­heit und Gesund­heit der Beschäftigten erforder­lich, ist diese vom Arbeit­ge­ber zur Ver­fü­gung zu stellen. Er darf nur PSA auswählen und den Beschäftigten bere­it­stellen, die den Anforderun­gen der 8. ProdSV, das heißt der Richtlin­ie 89/686 EWG genü­gen und mit dem, bei Kat­e­gorie III PSA durch eine benan­nte Stelle geprüften, CE-Kennze­ichen für PSA beze­ich­net sind.1

Hand­schuhe in der Medi­zin, egal ob als Unter­suchung­shand­schuhe oder als ster­ile OP-Hand­schuhe aus­ge­führt, wer­den aber in der Regel als Medi­z­in­pro­dukt bere­it­gestellt. Sie wur­den also in erster Lin­ie zum Schutz des Patien­ten vor Infek­tio­nen entwick­elt. Dessen ungeachtet dienen sie aber zusät­zlich auch dem Schutz der Beschäftigten.

Hand­schuhe kön­nen also je nach Zweckbes­tim­mung beziehungsweise Hauptwirkung Medi­z­in­pro­duk­te oder PSA oder bei­des sein. Die Ver­wen­dung geeigneter Schutzhand­schuhe zum Schutz des Patien­ten vor Infek­tio­nen und auch zum Schutz des Per­son­als gegen Gefährdun­gen (Infek­tion­s­ge­fährdung, mech­a­nis­che Gefährdung, chemis­che Gefährdung) ist heute eine nicht mehr wegzu­denk­ende Basis­maß­nahme im medi­zinis­chen Bere­ich. Vie­len Anwen­dern dürfte jedoch nicht bewusst sein, dass diese Form des Schutzes viel älter ist als gedacht.

Handschuhe im 18. Jahrhundert

Die ältesten Belege für den Ein­satz ein­er Art Hand­schuh für einen medi­zinis­chen Ein­griff find­en sich in Bericht­en des deutschen Arztes Johann Wal­baum (1724 bis 1799), der im Jahre 1758 die Ver­wen­dung eines aus gewässerten Schafs­där­men den Han­drück­en sowie die Mittel‑, Ring- und Kle­in­fin­ger ein­er Hand bedeck­enden Hand­schuhs bei der Geburtshil­fe beschreibt [1]. Zweck des durch Ein­fet­ten geschmei­dig gemacht­en Hand­schuhvor­läufers war in erster Lin­ie, die Fin­gernägel des Arztes zu bedeck­en und so zu ver­hin­dern, dass es zu schmerzhaften Kratzwun­den im Geburt­skanal kam.

Der Wiener Der­ma­tolo­gen Joseph Plenk (1739 bis 1807) schlug bere­its in der ersten Hälfte des neun­zehn­ten Jahrhun­derts die Ver­wen­dung von Hand­schuhen aus pro­phy­lak­tis­chen Grün­den zum Schutze des Arztes vor [2].

Die ersten wirk­lich flüs­sigkeits­dicht­en Hand­schuhe, die für den medi­zinis­chen Ein­satz geeignet waren, wur­den aus Gut­ta­per­cha hergestellt. Gut­ta­per­cha ist der eingetrock­nete Milch­saft des im malai­is­chen Raum heimis­chen Gut­ta­perch­abaums (Palaquium gut­ta), der chemisch dem Kautschuk nahe ste­ht. Bei Raumtem­per­atur ist Gut­ta­per­cha härter und nicht so elastisch, wird aber bei cir­ca 50 °C weich und knet­bar. Der­ar­tige Hand­schuhe wur­den von deutschen und englis­chen Patholo­gen zum Schutz vor Schnit­ten bei der Obduk­tion getra­gen [4, 5].

Mit der Ent­deck­ung der Vulka­ni­sa­tion von Gum­mi durch den Amerikan­er Charles Nel­son Goodyear (1800 bis 1860) im Jahr 1839 eröffneten sich neue Möglichkeit­en der Hand­schuh­her­stel­lung aus diesem Mate­r­i­al. Allerd­ings wur­den die ersten Hand­schuhe von den Chirur­gen vor allem deswe­gen abgelehnt, weil sie sehr dick­wandig und unflex­i­bel waren. Im Jahr 1878 bekam ein gewiss­er Thomas Forster aus Streatham in Eng­land das Patent zur „Her­stel­lung von Hand­schuhen für chirur­gis­che Oper­a­tio­nen“ aus Latex zuerkan­nt [6,7].

Gummihandschuh für Operationen

Ver­mut­lich als Erster führte der amerikanis­che Chirurg William Stew­art Hal­st­ed, der Neuerun­gen gegenüber stets aufgeschlossen war, um das Jahr 1890 den Gum­mi­hand­schuh als Stan­dard beim Operieren ein. Hal­st­edt gilt fälschlicher­weise oft als Erfind­er des OP-Hand­schuhs, er ist aber ein­er der Weg­bere­it­er der Lokalanäs­the­sie.

Hin­ter­grund dieser Inno­va­tion im OP-Betrieb war, dass die ihm damals zuar­bei­t­ende Kranken­schwest­er und spätere Ehe­frau Car­o­line Hamp­ton das damals gebräuch­liche Händ­edesin­fek­tion­s­mit­tel „Car­bo­lineum“, eine Lösung der Car­bol­säure (Phe­nol), nicht mehr vertrug.2 Auf Grund­lage von Arbeit­en Sir Joseph Lis­ters wurde fünf­prozentige Phe­nol­lö­sung seit 1865 als Anti­sep­tikum bei der Wund­desin­fek­tion einge­set­zt, da diese damals nahezu das einzig ver­füg­bare Mit­tel gegen Wund­in­fek­tio­nen war. Wegen sein­er hau­tir­ri­tieren­den Neben­wirkung wurde es aber rasch durch andere Anti­sep­ti­ka erset­zt. Heute gilt Hal­st­edt als Vater der US-amerikanis­chen Chirurgie und eben­so als Vater der chirur­gis­chen Gum­mi­hand­schuhe.

Hal­st­edts Assis­ten­zarzt Joseph Colt Blood­good stat­tete dann ab 1897 das ganze OP-Per­son­al des Johns Hop­kins Hos­pi­tals in Bal­ti­more mit den Hand­schuhen der Fir­ma Goodyear aus und kon­nte später über einen Rück­gang der Wund­in­fek­tion­srate bei Patien­ten von knapp 30 Prozent auf drei Prozent bericht­en [8, 9].

Der deutsch-baltische Chirurg und Gen­er­al­stab­sarzt Wern­er Zoege von Man­teuf­fel (1857 bis 1926) kam ihm jedoch mit ein­er Veröf­fentlichung zuvor. Er emp­fahl bere­its 1897 Gum­mi­hand­schuhe in der chirur­gis­chen Prax­is zur Min­derung der Infek­tion­s­ge­fährdung bei Patien­ten. In sein­er Veröf­fentlichung ver­weist er darauf, dass die in der Ver­gan­gen­heit bei Oper­a­tio­nen getra­ge­nen sei­de­nen oder baum­wol­lenen Pro­duk­te sich anders als die von ihm genutzten Latex­hand­schuhe unmöglich ster­il­isieren ließen. Außer­dem sah er als großen Vorteil der Hand­schuhe die Tat­sache an, dass der Zeitraum für das Desin­fizieren der Hände drastisch verkürzt wer­den könne [10].

Wie beschrieben, waren die ersten für die Chirurgie genutzten Latex­hand­schuhe Mehrweghand­schuhe. Diese kon­nten durch aus­re­ichend langes Kochen in Wass­er annäh­ernd von Keimen befre­it wer­den. Allerd­ings eignet sich das Mate­r­i­al nicht für eine Ster­il­i­sa­tion in den üblichen Dampf­s­ter­il­isatoren, die reg­ulär bei dreibar Druck im gesät­tigten Wasser­dampf bei 134 °C inner­halb von 5 Minuten erfol­gt.

Mit Ein­führung der ersten mit Hil­fe von Gam­mas­trahlen ster­il­isierten „Ein­mal- OP-Hand­schuhe“ im Jahr 1964 durch die Fir­ma Ansell war die Entwick­lung der medi­zinis­chen Hand­schuhe zunächst abgeschlossen.

Die Ver­wen­dung der aus dem Natur­ma­te­r­i­al Latex hergestell­ten Hand­schuhe hat­te jedoch auch neg­a­tive Fol­gen. Vor allem seit­dem Hand­schuhe trock­en ster­il­isiert wer­den kon­nten war es notwendig, das Verkleben der Hand­schuhe beim Ster­il­i­sa­tion­sprozess zu ver­hin­dern. Zunächst genutzte Pud­er aus Talkum (Mag­ne­sium­si­likat) oder Lykopodi­um (Bär­lapp­sporen) führten bei Patien­ten zu Wund­heilungsstörun­gen wie dem peri­tonealen Talkum­gran­u­lom, ins­beson­dere bei Ein­grif­f­en in die Bauch­höh­le [11].

Probleme durch Allergien

Aber auch bei Trägern der Hand­schuhe wur­den schon in den 1930er Jahren irri­ta­tive Hauterkrankun­gen beobachtet [12].

Abhil­fe brachte ab 1947 die Ver­wen­dung mod­i­fiziert­er Mais­stärke als Hand­schuh­pud­er. Die Ver­wen­dung dieser medi­zinis­chen Schutzhand­schuhe aus mit mod­i­fiziert­er Mais­stärke gepud­ertem Naturkautschuk­la­tex war in der Fol­gezeit jedoch Ursache für eine extrem hohe Sen­si­bil­isierungsquote bei den Beschäftigten [13,14]. Der erste Bericht über Latex­al­lergie wurde aber erst 1979 im „British Jour­nal of Der­ma­tol­ogy“ veröf­fentlicht [15]. Es ver­wun­dert eben­falls, dass über den ersten Fall ein­er auf Latex­hand­schuhe zurück­zuführen­den Allergie in den Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka erst im Jahr 1989 berichtet wurde [16].

In den 1980er Jahren stieg die Ver­wen­dung von Latex­hand­schuhen exor­bi­tant an, da die 1981 als eigen­ständi­ge Infek­tion­skrankheit erkan­nte Immun­schwächekrankheit AIDS zu deut­lich gesteigert­er Ver­wen­dung von Latex­hand­schuhen auch im nicht chirur­gis­chen Bere­ich führte. In Folge der Diskus­sion über die möglichen Ansteck­ungs­ge­fahren beim Kon­takt mit Blut und anderen Kör­per­flüs­sigkeit­en wurde dann 1987 medi­zinis­che Schutzhand­schuhe verpflich­t­en­der Bestandteil der KFZ-Ver­band­kästen nach DIN 13164. Es bestand sog­ar eine Verpflich­tung, der­ar­tige Hand­schuhe in vorhan­de­nen Ver­band­kästen nachzurüsten. Eine Über­sicht über wichtige Dat­en zur Evo­lu­tion der Hand­schuhe zeigt Tabelle 1.

Heute wer­den in der S1-Leitlin­ie zur Hygiene in Klink und Prax­is die Anforderun­gen an Hand­schuhe zur Infek­tion­spro­phy­laxe fest­gelegt und beschrieben. Dort heißt es, dass medi­zinis­che Schutzhand­schuhe nach der hygien­is­chen Händ­edesin­fek­tion zu den wichtig­sten infek­tion­spro­phy­lak­tis­chen Maß­nah­men in Klinik und Prax­is gehören. Hingewiesen wird darauf, dass medi­zinis­che Schutzhand­schuhe heute dabei ganz unter­schiedliche Anforderun­gen erfüllen müssen:

„Neben dem Schutz vor Reini­gungs- und Desin­fek­tion­s­mit­teln sowie Labor­chemikalien und anderen Gefahrstof­fen (z.B. Zyto­sta­ti­ka) sind sie zur Abwen­dung ein­er Infek­tion­s­ge­fährdung erforder­lich, vor allem durch blutüber­trag­bare Infek­tion­skrankheit­en z.B. Hepati­tis B, Hepati­tis C und HIV, aber auch Schmier­in­fek­tio­nen. Bei nicht­ster­ilen („unster­ilen“) Hand­schuhen ste­ht der Per­son­alschutz ein­deutig im Vorder­grund; sie sollen den Anwen­der vor dem Kon­takt mit infek­tiösem Mate­r­i­al oder Gefahrstof­fen (z.B. Zyto­sta­ti­ka) schützen. Ster­ile Schutzhand­schuhe dienen dem Schutz des Per­son­als und der Patien­ten vor Infek­tio­nen.“ [17]

Weit­er­hin emp­fiehlt die S1-Leitlin­ie für den OP-Bere­ich den Ein­satz pud­er­freier OP-Hand­schuhe aus Naturla­tex, da derzeit von keinem anderen Mate­r­i­al gle­ich­w­er­tige Eigen­schaften hin­sichtlich Tragekom­fort, Pass­ge­nauigkeit, Grif­figkeit und mech­a­nis­ch­er Belast­barkeit erre­icht wür­den. Daher müssen oper­a­tive Abteilun­gen intern fes­tle­gen, wann dop­pelte Hand­schuhe oder Hand­schuhe mit einem Per­fo­ra­tionsindika­torsys­tem getra­gen wer­den sollen. Let­zteres kann, so die Leitlin­ie, sin­nvoll sein bei mehrstündi­gen oper­a­tiv­en Ein­grif­f­en sowie Ein­grif­f­en mit beson­ders hohem Per­fo­ra­tionsrisiko (zum Beispiel bei trau­ma­tol­o­gis­chen oder orthopädis­chen Ein­grif­f­en) beziehungsweise spez­i­fis­chem Infek­tion­srisiko (zum Beispiel AIDS).

Für son­stige klin­is­che Bere­iche emp­fiehlt die Leitlin­ie min­destens drei ver­schiedene Arten flüs­sigkeits­dichter Hand­schuhe zur Ver­fü­gung zu stellen:

  • Für nicht-klin­is­che Tätigkeit­en, zum Beispiel in der Küche, im tech­nis­chen Dienst oder bei der Reini­gung (sofern nicht mit infek­tiösen Mate­ri­alien umge­gan­gen wird), kön­nen PVC- oder Poly­ethylen­hand­schuhe ver­wen­det wer­den; medi­zinis­che Schutzhand­schuhe (nach DIN EN 455 geprüft) sollen nicht einge­set­zt wer­den.
  • Für ein­fache Tätigkeit­en am Patien­ten ohne Erforder­nis ein­er hohen Tast­ge­nauigkeit und Grif­figkeit kön­nen Hand­schuhe aus syn­thetis­chen Mate­ri­alien wie PVC oder PE aus­gewählt wer­den.
  • Alle Tätigkeit­en, die mit ein­er erhöht­en mech­a­nis­chen Belas­tung oder einem ver­längerten Tragein­ter­vall ein­herge­hen, soll­ten dage­gen vorzugsweise mit Latex­hand­schuhen ver­richtet wer­den. Für Auf­gaben, bei denen ein hohes Maß an Tast­sen­si­bil­ität und Griff­sicher­heit erforder­lich ist, sind Latex­hand­schuhe für gewöhn­lich unverzicht­bar.

Doppelte Handschuhe – doppelter Schutz?

Eine immer wieder emp­foh­lene Maß­nahme zur Verbesserung des Infek­tion­ss­chutzes beste­ht darin, zwei Hand­schuhe übere­inan­der zu tra­gen. Der Nutzen der dop­pel­ten Behand­schuhung zur Ver­mei­dung von Blutkon­tak­ten wurde durch viele Unter­suchun­gen bestätigt. US-amerikanis­che Autoren [18,19] ermit­tel­ten, dass dop­pelte Hand­schuhe das Blutkon­tak­trisiko um den Fak­tor 10 senken kön­nen. In zwei weit­eren Unter­suchun­gen wurde durch das Tra­gen zweier Paar Hand­schuhe übere­inan­der die Blutkon­t­a­m­i­na­tion­shäu­figkeit der Hände von Chirur­gen von 70 Prozent beziehungsweise von 13 Prozent auf zwei Prozent reduziert [20, 21]. Die Blutkon­tak­te wer­den hier­bei dadurch min­imiert, dass trotz ein­er Per­fo­ra­tion des Außen­hand­schuhs der innere Hand­schuh in bis zu 82 Prozent der Fälle immer noch intakt bleibt [22, 23, 24].

Der Infek­tion­ss­chutz kann durch die Ver­wen­dung dop­pel­ter Hand­schuhe mit Indika­torsys­tem (zum Beispiel Mölnly­cke Bio­gel Indi­ca­tor) noch gesteigert wer­den. Dieses Hand­schuh­sys­tem beste­ht aus einem far­bigen Unterziehhand­schuh und einem neu­tral­far­be­nen Außen­hand­schuh. Wird der äußere Hand­schuh (HS) bei der Oper­a­tion per­fori­ert, so sorgt die bei jedem Ein­griff vorhan­dene Flüs­sigkeit dafür, dass ein gut sicht­bar­er Fleck entste­ht. Bemerkt ein Ange­höriger aus dem OP-Team einen solchen Fleck, wird der Hand­schuh gewech­selt und so die Gefahr ein­er Infek­tion­süber­tra­gung min­imiert.

Bei den bis­lang durchge­führten Stu­di­en zur frühzeit­i­gen Ent­deck­ung von HS-Per­fo­ra­tio­nen während oper­a­tiv­er Ein­griffe haben sich Indika­torhand­schuhe als sehr effek­tiv erwiesen: Im Gegen­satz zu aufwändi­gen elek­tro­n­is­chen Indika­tion­ssys­te­men, die sehr häu­fig auch
bei Verän­derun­gen der Leit­fähigkeit der Latex­hand­schuhe Alarm schlu­gen [25], kon­nten mit Indika­torhand­schuhen bis zu 100 Prozent der Per­fo­ra­tio­nen unmit­tel­bar nach ihrer Entste­hung ent­deckt wer­den [26, 27].

Wie effizient das Sys­tem arbeit­en kann, wurde deut­lich, als alle weltweit durchge­führten Stu­di­en zur Hand­schuh­sicher­heit im Rah­men ein­er Meta-Analyse miteinan­der ver­glichen wur­den: Bei der Analyse von 376 Per­fo­ra­tio­nen wur­den bei der Ver­wen­dung herkömm­lich­er dop­pel­ter Oper­a­tionshand­schuhe dreimal weniger (tat­säch­lich vorhan­dene) Löch­er vom Per­son­al während der Arbeit ent­deckt als bei der Nutzung von Indika­torhand­schuhen. Dage­gen kon­nte im Ver­gle­ich zu ein­fach getra­ge­nen Hand­schuhen keine Häu­fung von Per­fo­ra­tio­nen am Außen­hand­schuh fest­gestellt wer­den, die etwa auf eine Beein­träch­ti­gung von Hän­de­sen­si­bil­ität und Geschick­lichkeit hin­deuten würde [28].

Doppelhandschuhsysteme und der Tastsinn

Obwohl die Schutzwirkung dop­pel­ter Hand­schuh­sys­teme sehr ein­leuch­t­end ist, wer­den sie noch nicht rou­tinemäßig einge­set­zt. Der Haupt­grund dafür ist die ver­meintliche Ein­schränkung der Geschick­lichkeit und des Tastsinns durch die dop­pelte Latexschicht sowie die höheren Kosten. In ein­er an der Uni­ver­sität Wup­per­tal durchge­führten Studie kon­nte bei den Proban­den mit­tels eines stan­dar­d­isierten neu­rol­o­gis­chen „Zwei-Punk­te-Diskrim­i­na­tion­stests“ und eines „Wür­fel­tests“, bei dem die Augen­zahl ver­schieden großer Wür­fel mit ver­bun­de­nen Augen ertastet wer­den musste, keine sig­nifikante Tastsin­nein­schränkung durch das Tra­gen von zwei Paar Hand­schuhen fest­gestellt wer­den [29]. In ein­er US-amerikanis­chen Studie, bei der neben den Tastsin­nun­ter­suchun­gen auch die Geschick­lichkeit getestet wurde, kon­nten Beein­träch­ti­gun­gen nur bei den Chirur­gen fest­gestellt wer­den, die auch in ihrem All­t­ag nur mit ein­fach getra­ge­nen Hand­schuhen operieren; sie kon­nten sich aber schon nach ein­er kurzen Zeit an die dop­pel­ten Hand­schuhe gewöh­nen [30].

Zur Ver­wen­dung von Dop­pel­hand­schuh­sys­te­men erscheinen bis heute immer wieder Über­sicht­sar­beit­en, die durchge­hend den Erfolg dieser Schutz­maß­nahme im Ver­gle­ich zu ein­fach getra­ge­nen Hand­schuhen bele­gen [31]. Verbessert wer­den kann der Schutz durch dop­pelte Hand­schuhe noch dadurch, dass der Innen­hand­schuh far­big ist, der Außen­hand­schuh weit­er­hin trans­par­ent-opak. Dringt nun bei ein­er Oper­a­tion nach ein­er Per­fo­ra­tion des Außen­hand­schuhs Flüs­sigkeit zwis­chen die bei­den Hand­schuh­la­gen, kön­nen Per­fo­ra­tio­nen schnell und zuver­läs­sig erkan­nt wer­den (siehe Abbil­dung 3) und durch ein unverzüglich­es Wech­seln des Außen­hand­schuhs wieder eine sichere Bar­riere zwis­chen Patient und Per­son­al hergestellt wer­den kann. Dies verbessert den Schutz der Beschäftigten entschei­dend [32]. Belegt wer­den kon­nte auch, dass neben ein­er Ver­ringerung der Anzahl der Nadel­stichver­let­zun­gen auch eine deut­liche Reduzierung des über­tra­ge­nen Blutvol­u­mens erfol­gt, soll­ten bei­de Hand­schuhe durch­stochen wer­den [33, 34].


Lesen Sie auch:


Lit­er­atur

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  34. Wittmann A, J. Köver, N. Kralj, K. Gasthaus, F. Hof­mann (2008). Study of blood con­tact in sim­u­lat­ed sur­gi­cal needle­stick injuries with sin­gle or dou­ble latex glov­ing. Infect Con­trol Hosp Epi­demi­ol. 2009 Jan;30(1):53–6
  35. 1 Die bevorste­hen­den Änderun­gen durch die PSA-Verord­nung auf EU-Ebene wur­den in dieser Arbeit noch nicht berück­sichtigt, da die Über­gangs­fris­ten mehrere Jahre betra­gen wer­den. Gemäß der Richtlin­ie 89/686/EWG aus­gestellte EG-Bau­muster­prüf­bescheini­gun­gen und Zulas­sun­gen gel­ten bis zum 21. April 2023.
  36. 2 Anderen Quellen nach han­delte es sich um Queck­sil­ber (II) Chlo­rid (HgCl2) –Lösung, die eben­falls damals zur Desin­fek­tion einge­set­zt wurde.

1 Die bevorste­hen­den Änderun­gen durch die PSA-Verord­nung auf EU-Ebene wur­den in dieser Arbeit noch nicht berück­sichtigt, da die Über­gangs­fris­ten mehrere Jahre betra­gen wer­den. Gemäß der Richt‧linie 89/686/EWG aus­gestellte EG-Bau­muster­prüf­bescheini­gun­gen und Zulas­sun­gen gel­ten bis zum 21. April 2023.
2 Anderen Quellen nach han­delte es sich um Queck­sil­ber (II) Chlo­rid (HgCl2) –Lösung, die eben­falls ‧damals zur Desin­fek­tion einge­set­zt wurde.


Autor: Priv. Doz. Dr.-Ing. habil. Andreas Wittmann

Sicher­heitsin­ge­nieur, Fachkraft für Arbeitssicher­heit, RMS GmbH

Foto: F. v. Hey­den, Uni­ver­sität Wup­per­tal

 

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