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Befragungen in sicherheitsrelevanten Kontexten

Ein Unfall. Und wie ist es wirk­lich passiert?

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Im Bereich Arbeitsschutz ist es nötig, sich Informationen zu beschaffen. Hierzu können auch Befragungstechniken genutzt werden, die in der Kriminalistik erfolgreich angewendet werden. Foto: © vege – stock.adobe.com
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Der Einsatz von Befra­gungs­tech­ni­ken hilft, umfang­rei­chere und genauere Anga­ben zu erlan­gen und even­tu­elle Wider­stände seitens der Befrag­ten zu über­win­den. Dabei sind über­trag­bare Erkennt­nisse aus der krimi­na­lis­ti­schen Verneh­mungs­lehre sowie aus der Kommu­ni­ka­ti­ons­psy­cho­lo­gie auch im Bereich Arbeits­schutz nütz­lich und sinn­voll, wie der folgende Beitrag zeigt.

Ein Anla­gen­fah­rer in einer Tech­no­lo­gie­firma star­tet am Montag zu Beginn der Früh­schicht seine Anlage, ohne die vorge­schrie­bene Kontrolle vorzu­neh­men. In der Anlage wird für bestimmte Ferti­gungs­pro­zesse ein groß­vo­lu­mi­ges Vakuum erzeugt. Aufgrund unge­wöhn­li­cher Geräu­sche und gleich darauf erfol­gen­der Warn­an­zei­gen wird dem Anla­gen­fah­rer deut­lich, dass eine Störung vorliegt. Er fährt die Anlage wieder herun­ter und kontrol­liert sie. Dabei stellt er fest, dass sich im Anla­gen­raum ein Stuhl befun­den hat. An der Anlage entstand ein hoher Sach­scha­den. Wie genau konnte es dazu kommen? Wer ist verant­wort­lich?

Wahre Infor­ma­tio­nen

In sicher­heits­re­le­van­ten Berei­chen der Gesell­schaft ist es von beson­de­rer Bedeu­tung, über wahre und präzise Infor­ma­tio­nen zu verfü­gen. Wenn andere Perso­nen Träger oder Träge­rin­nen solcher Infor­ma­tio­nen sind, besteht die Notwen­dig­keit sie zu befra­gen. Derar­tige Befra­gun­gen können – zum Beispiel unter Zeit­druck – kurz und auf das Wesent­lichste beschränkt sein. In ande­ren Fällen ist es nötig Perso­nen ausführ­li­cher zu befra­gen, da es beispiels­weise um die genaue und umfas­sende Rekon­struk­tion von Ereig­nis­sen geht. Bei diesen ausführ­li­chen Befra­gun­gen kann eine Viel­zahl von Proble­men die Arbeit der befra­gen­den Person erschwe­ren. Insbe­son­dere sind hier zu nennen:

  • Verges­sen
  • Unsi­cher­heit über die Wahr­neh­mung bzw. Erin­ne­rung
  • Fehler in der Wahr­neh­mung bzw. Erin­ne­rung
  • mangelnde Aussa­ge­mo­ti­va­tion
  • vorlie­gende Gründe für Falsch­aus­sa­gen

Vor densel­ben Proble­men stehen Poli­zei­beame bei der Verneh­mung von Zeugen und Beschul­dig­ten. Es bietet sich daher an, aus diesem Bereich vorlie­gende Erfah­run­gen und Erkennt­nisse auch für Befra­gun­gen zu nutzen. Der verständ­li­che Einwand, die Poli­zei habe straf­pro­zes­suale Befug­nisse und die Tätig­kei­ten seien daher nur bedingt vergleich­bar, ist nur ober­fläch­lich betrach­tet von Bedeu­tung. Zwar kann die Poli­zei unter bestimm­ten Vor-aussetzungen Zeugen und Beschul­digte verpflich­ten, zu Verneh­mun­gen zu erschei­nen. Auch besteht für Zeugen – mit Ausnah­men – eine gesetz­li­che Aussa­ge­pflicht. Das konkrete jewei­lige Verhal­ten der Aussa­ge­per­son lässt sich dadurch jedoch nur in gerin­gem Maße beein­flus­sen. Hier ist der Verneh­mer genau wie in ande­ren Kontex­ten außer­halb der Poli­zei ermit­telnde Perso­nen auf psycho­lo­gi­sche, vor allem kommu­ni­ka­tive Fähig­kei­ten ange­wie­sen, um die oben genann­ten Probleme zu bewäl­ti­gen und wahr­heits­ge­mäße Aussa­gen zu erlan­gen.

Vorbe­rei­tung

Viele erfah­rene Verneh­mer benen­nen sehr klar, dass der Erfolg einer Verneh­mung in star­kem Maße von einer ausrei­chend gründ­li­chen Vorbe­rei­tung abhängt. Dies dürfte für Befra­gun­gen in glei­cher Weise zutref­fen. Zu unter­schei­den sind

  • die inhalt­li­che Vorbe­rei­tung
  • die Vorbe­rei­tung auf die Person und
  • die orga­ni­sa­to­ri­sche Vorbe­rei­tung.

Die zentra­len Fragen für die inhalt­li­che Vorbe­rei­tung lauten: „Welche Infor­ma­tio­nen benö­tige ich? Über welche dieser Infor­ma­tio­nen verfügt die zu befra­gende Person?“ Für Befra­gun­gen zu komple­xen Sach­ver­hal­ten empfiehlt es sich, einen schrift­li­chen Befra­gungs­plan zu erstel­len und zu nutzen. Basis eines solchen Planes sind die berühm­ten W‑Fragen: Was, wann, wo, wie, wer, warum, womit? Dabei sind die W‑Fragen als eine Art Hilfs­kon­struk­tion zu betrach­ten. Abhän­gig vom konkre­ten Sach­ver­halt ist genau zu über­le­gen, welche Fragen im Einzel­nen zu stel­len sind.

Bezo­gen auf den eingangs geschil­der­ten Fall würde es die Gren­zen dieses Arti­kels spren­gen, wollte man alle hierzu zu stel­len­den Fragen auflis­ten. Beispiel­haft soll nur auf einige der Wer-Fragen einge­gan­gen werden. Während unstrit­tig ist, wer die Anlage hoch­ge­fah­ren hat, drängt sich die Frage auf, wer den Stuhl in die Anlage gestellt hat (und natür­lich auch wann und warum). Weiter­hin ist danach zu fragen, welche Perso­nen even­tu­ell Zeugen sowohl des Stuhl­hin­ein­stel­lens als auch des Anla­ge­hoch­fah­rens waren. Dann gibt es Perso­nen, die als letz­tes die Anlage ohne Fehl­funk­tion bedien­ten und herun­ter­fuh­ren, even­tu­ell Perso­nen, die zwischen diesem Zeit­punkt und Montag­mor­gen die Anlage besich­tigt haben und – mögli­cher­weise – Perso­nen, die von dem Hinein­stel­len des Stuh­les wuss­ten. Auch ist, nicht zuletzt mit Bezug zur arbeits- und zivil­recht­li­chen Verant­wort­lich­keit, aber auch zur Vorbeu­gung ähnli­cher Vorkomm­nisse, nach Perso­nen zu suchen, die Aussa­gen über die allge­meine Arbeits­weise der Anla­gen­fah­rer – insbe­son­dere zur Einhal­tung der vorge­schrie­be­nen Kontrol­len – tref­fen können (Arbeits­kol­le­gen, Vorge­setzte). Schließ­lich können Fragen zu weite­ren Perso­nen auftau­chen, wenn ermit­telt wurde, wer für das Hinein­stel­len des Stuhls verant­wort­lich ist.

An diesem Beispiel sollte deut­lich gewor­den sein, dass die W‑Fragen ledig­lich ein allge­mei­ner Anhalt für das Ausar­bei­ten konkre­ter Frage­stel­lun­gen sind. Hinzu soll­ten in der inhalt­li­chen Vorbe­rei­tung Über­le­gun­gen zur Befra­gungs­tak­tik treten. Für das genannte Beispiel muss damit gerech­net werden, dass die Aussa­ge­mo­ti­va­tion des Anla­gen­fah­rers einge­schränkt sein könnte. Wie wäre dem zu begeg­nen? Dies an dieser Stelle näher zu disku­tie­ren ist ohne Kennt­nis der Persön­lich­keit des Anla­gen­fah­rers kaum möglich und würde den Rahmen dieses Arti­kels spren­gen. Wer mehr dazu erfah­ren möchte, kann dies in Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen tun.

Vor Beginn einer Befra­gung soll­ten Infor­ma­tio­nen über die zu befra­gende Person vorlie­gen. Das erhöht die Erfolgs­aus­sich­ten in der Befra­gung. Es lassen sich Über­le­gun­gen anstel­len, mit welchem Verhal­ten gerech­net werden kann und wie damit umzu­ge­hen ist. Kennt der oder die Befra­gende die zu befra­gende Person bereits näher, gelingt dies einfa­cher, als wenn nur der Name und zum Beispiel die Abtei­lung, in der die Person arbei­tet, bekannt sind. Hier können weitere Recher­chen helfen sich besser vorbe­rei­tet zu fühlen. Bei den im Vorfeld gewon­ne­nen Infor­ma­tio­nen ist es wich­tig, zwischen Fakten und Bewer­tun­gen zu unter­schei­den um zu vermei­den, dass sich beim Befra­ger Vorur­teile ausprä­gen. Bei den weite­ren Darstel­lun­gen in diesem Arti­kel wird davon ausge­gan­gen, dass der Befra­ger die zu befra­gende Person nicht näher kennt, da dies kommu­ni­ka­tiv die größere Heraus­for­de­rung ist. Bei Bekann­ten lässt sich gut an Vorhe­ri­ges anknüp­fen.

Für die orga­ni­sa­to­ri­sche Vorbe­rei­tung ist zunächst zu über­le­gen, wann die Befra­gung statt­fin­den soll. Neben orga­ni­sa­ti­ons­be­ding­ten und persön­li­chen Belan­gen ist für die Entschei­dung vor allem zu beach­ten, dass einer­seits die Zeit oft gegen den Ermitt­ler „arbei­tet“ (Verges­sens­fak­tor, Beein­flus­sun­gen, Verschwin­den von Bewei­sen), es ande­rer­seits für eine erfolg­rei­che Befra­gung oft aber auch erst einmal eines gewis­sen Erkennt­nis­stan­des und hier­für nöti­ger Ermitt­lun­gen bedarf. Für die Planung ausführ­li­cher Befra­gun­gen ist weiter­hin unbe­dingt zu berück­sich­ti­gen, dass kein Zeit­druck entsteht. Oft lässt sich im Vorfeld nicht sagen, wie lange es dauert, ehe man an die rele­van­ten Infor­ma­tio­nen gelangt. Besteht Zeit­druck, steigt das Risiko in der Befra­gung seitens des Befra­gers etwas zu verges­sen oder seitens des Befrag­ten sich nicht oder aber fehler­haft zu erin­nern, mit Ausflüch­ten durch­zu­kom­men und ande­res mehr.

Zu den orga­ni­sa­to­ri­schen Fragen zählt weiter­hin, welche Perso­nen außer dem Befra­ger und dem Befrag­ten dabei sein könn­ten oder müss­ten. Zu denken wäre zum Beispiel an Vorge­setzte, Sach­kun­dige oder Mitglie­der des Betriebs­rats. Schließ­lich ist ein geeig­ne­ter Raum zu suchen. Aus krimi­na­lis­ti­scher und psycho­lo­gi­scher Sicht eignen sich am besten Räume, die unge­stört sind und wenig Ablen­kung, aber auch eine ange­nehme, kulti­vierte Atmo­sphäre aufwei­sen.

Am Anfang entschei­det sich viel

Begeg­nen sich zwei Menschen, die dann länger mitein­an­der zu tun haben, sind die ersten Momente von beson­de­rer Bedeu­tung. Der Befra­ger kann versu­chen, durch eine bewusste Gestal­tung dieser Momente „die Weichen in die rich­tige Rich­tung zu stel­len“, also auf die zu befra­gende Person dahin­ge­hend Einfluss zu nehmen, dass sich deren Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft und Aussa­ge­mo­ti­va­tion möglichst erhö­hen. Hilf­reich dabei sind:

  • freundlich-offene Mimik
  • höfli­che Begrü­ßung – nöti­gen­falls Vorstel­lung
  • Hand geben
  • etwas Small Talk (z.B. „Hatten Sie heute einen anstren­gen­den Tag?“),
  • moti­vie­ren­der Ausblick auf den Gesprächs­ver­lauf (z.B. „… Sie wissen sicher­lich, dass ich die Hava­rie vom letz­ten Montag unter­su­che. Dazu möchte ich Ihnen einige Fragen stel­len. Ich bin sicher, dass Sie mir helfen können. Das Gespräch wird etwa eine Stunde dauern. Bitte sagen Sie mir doch am Anfang, …“).

Bezie­hungs­auf­bau

Für den weite­ren Befra­gungs­ver­lauf ist es lohnens­wert, sich einige Erkennt­nisse der Kommu­ni­ka­ti­ons­psy­cho­lo­gie bewusst zu machen. Einer der wich­tigs­ten Wissen­schaft­ler auf diesem Gebiet war Paul Watz­la­wick. Ihm verdan­ken wir die so genann­ten Axiome der Kommu­ni­ka­tion, essen­ti­elle Grund­sätze. Einer dieser Grund­sätze besagt, dass jede Kommu­ni­ka­tion einen Sach- und einen Bezie­hungs­as­pekt hat. Der Bezie­hungs­as­pekt beein­flusst dabei die Sach­seite oft sehr stark. Ein einfa­ches Beispiel verdeut­licht dies: Kann man jeman­den nicht leiden, mag man mit ihm nicht oder nur das Nötigste reden. Dieser Grund­satz findet seine Entspre­chung in den Erfah­run­gen erfolg­rei­cher poli­zei­li­cher Verneh­me­rin­nen und Verneh­mer: Immer wieder schil­dern diese, nach dem Geheim­nis ihres Erfolgs befragt, dass sie es schaf­fen, zu der vernom­me­nen Person „einen Draht“ zu finden. Dies gilt auch und sogar beson­ders, wenn es sich um Beschul­digte schwe­rer Straf­ta­ten handelt.

Es erscheint also lohnens­wert, in die Bezie­hung zur zu befra­gen­den Person zu „inves­tie­ren“. Dies lässt sich vor allem dadurch bewerk­stel­li­gen, dass der Befra­ger gegen­über der befrag­ten Person eine akzep­tie­rende und wohl­wol­lende Grund­hal­tung einnimmt. Er sollte Gele­gen­hei­ten suchen und nutzen, um ihr Aner­ken­nung und Wert­schät­zung zu vermit­teln, zum Beispiel bezo­gen auf deren Arbeit, ihre Kennt­nisse, Kompe­ten­zen, Erfolge usw. Gelingt dies, werden damit auch bei jedem Menschen vorhan­dene Bedürf­nisse befrie­digt. Außer­dem kann so beim Befrag­ten infolge des Grund­sat­zes der Rezi­pro­zi­tät das Bedürf­nis entste­hen, dem Befra­ger oder der Befra­ge­rin etwas „zurück­zu­ge­ben“ – idea­ler­weise die benö­tig­ten Infor­ma­tio­nen.

Akti­ves Zuhö­ren

Eine weitere Möglich­keit zum Bezie­hungs­auf­bau besteht darin, dass der Befra­ger Inter­esse und Verständ­nis zeigt, letz­te­res insbe­son­dere für Problem­la­gen des Befrag­ten. Eine bewährte Tech­nik, dies zu reali­sie­ren, ist das aktive Zuhö­ren. Der Befra­ger nimmt sich Zeit für die Sicht­wei­sen und Probleme des Befrag­ten, auch wenn diese vom eigent­li­chen Gegen­stand der Befra­gung abwei­chen. Er signa­li­siert durch seine Körper­spra­che, dass er genau zuhört, stellt Fragen, die zum Weiter­erzäh­len ermun­tern, fasst Verstan­de­nes gele­gent­lich mit eige­nen Worten zusam­men und klei­det beim Befrag­ten wahr­ge­nom­mene Gefühle in Worte (zum Beispiel „Sie wirken sehr bedrückt.“) Er enthält sich in dieser Phase der Befra­gung mora­li­scher Wertun­gen und länge­rer Mono­loge.

Schließ­lich sei am Ende dieses Abschnitts noch­mals Watz­la­wick erwähnt. In seinem fünf­ten Axiom sagt er, mensch­li­che Kommu­ni­ka­tion sei entwe­der symme­trisch oder komple­men­tär. Bei Befra­gun­gen ist in der Regel von einer komple­men­tä­ren Kommu­ni­ka­tion auszu­ge­hen, da der Befra­ger durch seine Kompe­tenz, die andere Person zu befra­gen, eine über­le­gene Posi­tion inne­hat. Für den Bezie­hungs­auf­bau kann es hilf­reich sein, dies in den Hinter­grund zu rücken. Das lässt sich errei­chen, indem der Befra­ger nach Gemein­sam­kei­ten und Verbin­den­dem zwischen ihm und der befrag­ten Person sucht und das Gespräch darauf lenkt. Dies können beispiels­weise beruf­li­che Statio­nen sein, die sowohl der Befra­ger wie auch der Befragte durch­lau­fen haben, der gemein­same Wohn­ort oder die Tatsa­che, dass beide Hunde­hal­ter sind.

Sach­be­zo­gene Befra­gung

War der Bezie­hungs­auf­bau erfolg­reich, kommt es nunmehr „nur noch“ darauf an, die Infor­ma­tio­nen, die man benö­tigt, von der befrag­ten Person zu gewin­nen. Die Heraus­for­de­rung ist nun darin zu sehen, umfas­sende, möglichst wahre und ausrei­chend genaue Infor­ma­tio­nen zu erlan­gen. Auch hier­für kann man sich verschie­de­ner Takti­ken und Vorge­hens­wei­sen aus dem Verneh­mungs­be­reich bedie­nen. In den meis­ten Fällen sollte am Beginn die Auffor­de­rung zu einem freien Bericht stehen. So würde man den Anla­gen­fah­rer aus dem Eingangs­bei­spiel zunächst bitten, den Ablauf des Montag­mor­gen, begin­nend mit dem Betre­ten des Betrie­bes, zu schil­dern.

Fällt die Schil­de­rung zu kurz oder zu unge­nau aus, bittet der Befra­ger um einen detail­lier­te­ren Bericht. Dieser Bericht sollte nicht durch Fragen unter­bro­chen werden. Außer­dem hat es sich bewährt, am Ende der Schil­de­rung noch einen Moment still zu sein, um damit dem Befrag­ten zu signa­li­sie­ren, dass er noch Ergän­zun­gen vorneh­men kann. Eine ähnli­che Funk­tion erfüllt die Frage: „Fällt Ihnen noch etwas ein?“ Es schlie­ßen sich ergän­zende Fragen zur freien Schil­de­rung an. Dann werden die weite­ren Themen in Form einer so genann­ten trich­ter­för­mige Befra­gung eruiert. Sie beginnt mit offe­nen Fragen. Das Stel­len offe­ner Fragen kann für die sach­be­zo­gene Befra­gung als „A und O“ ange­se­hen werden. Sie ermög­li­chen es dem Befrag­ten ohne weitere Vorga­ben seine eige­nen gespei­cher­ten Infor­ma­tio­nen
abzu­ru­fen. Offene Fragen werden durch die oben erwähn­ten „W‘s“ gene­riert (wer, was, wann usw.). Oftmals hindern Vorwis­sen und eigene Hypo­the­sen, wie sich etwas zuge­tra­gen hat, den Befra­ger an offe­nen Fragen. Er formu­liert seine Vorstel­lun­gen als Voraus­set­zun­gen in
geschlos­sene Fragen, wirkt auf diese Weise sugges­tiv und erhält unter Umstän­den falsche Bestä­ti­gun­gen. So ist bezo­gen auf das Eingangs­bei­spiel die Frage „Nehmen Sie jeden Morgen tatsäch­lich die vorge­schrie­bene Kontrolle der Anlage vor?“ wenig erfolg­ver­spre­chend – ein schlich­tes „Ja, natür­lich – nur dieses Mal leider nicht“ liegt nahe. Statt­des­sen könnte man den Anla­gen­fah­rer bitten, sich an den Frei­tag zuvor zu erin­nern und den Verlauf des Arbeits­ta­ges zu schil­dern.

Führen offene Fragen nicht zum Ziel, soll­ten Auswahl­fra­gen gestellt werden. Eine Möglich­keit ist es dabei, die als wahr­schein­lich ange­se­hene Vari­ante nicht in die Frage aufzu­neh­men, so dass die Vari­an­ten nur den Sinn der Frage verdeut­li­chen. Ergänzt nun die befragte Person in ihrer Antwort die fehlende Vari­ante, kann mit höhe­rer Wahr­schein­lich­keit von einer wahren Infor­ma­tion ausge­gan­gen werden. Nur wenn der Befra­ger mit den bisher genann­ten Frage­for­men nicht zum Ziel kommen, soll­ten geschlos­sene Fragen gestellt werden, jedoch auch diese möglichst so, dass die befragte Person weitere Ergän­zun­gen vornimmt.

Das kogni­tive Inter­view

Abschlie­ßend sei noch eine Verneh­mungs­tech­nik erwähnt, die beson­ders gut geeig­net ist, sowohl die Quan­ti­tät wie auch die Genau­ig­keit und Sicher­heit gewon­ne­ner Infor­ma­tio­nen zu stei­gern. Sie ließe sich also beson­ders dort gut einset­zen, wo es auf Details bestimm­ter Abläufe, die rich­tige Reihen­folge oder auch auf genaue Personen- oder Zustands­be­schrei­bun­gen ankommt. Es handelt sich hier­bei um das so genannte kogni­tive Inter­view. Die befragte Person (die koope­ra­ti­ons­be­reit sein muss!) wird in den Wahr­neh­mungs­kon­text der betref­fen­den Situa­tion zurück­ver­setzt. Dann werden ihr spezi­fi­sche Fragen gestellt. Dies hier detail­lier­ter zu erläu­tern würde erneut die Gren­zen dieses Arti­kels spren­gen. Die Wirk­sam­keit des kogni­ti­ven Inter­views ist durch verschie­dene Studien erwie­sen. Die Methode ist auch geeig­net, länger zurück­lie­gende Ereig­nisse möglichst genau und umfas­send zu rekon­stru­ie­ren.

In diesem Arti­kel konnte ledig­lich auf einige grund­le­gende Vorge­hens­wei­sen für eine gute Befra­gung einge­gan­gen werden. Für weitere Infor­ma­tio­nen sei auf die einschlä­gige Fach­li­te­ra­tur sowie auf entspre­chende Bildungs­an­ge­bote verwie­sen.

Lite­ra­tur:

  • Habschick, Klaus 2012: Erfolg­reich verneh­men. Heidel­berg: Krimi­na­lis­tik Verlag.
  • Schicht, Günter 1996: Lehr- und Studi­en­briefe Krimi­na­lis­tik Band 20 – Einbruchs­dieb­stahl. Hilden: Verlag Deut­sche Poli­zei­li­te­ra­tur.
  • Schicht, Günter (Hrsg.) 2012: Das Erfolgs­ge­heim­nis guter Verneh­me­rin­nen und Verneh­mer. Beiträge aus dem Fach­be­reich Poli­zei und Sicher­heits­ma­nage­ment Nr. 10/2012. Berlin: Hoch­schule für Wirt­schaft und Recht.
  • Steg­bauer, Chris­tian 2011: Rezi­pro­zi­tät. Einfüh­rung in soziale Formen der Gegen­sei­tig­keit. Wies­ba­den: VS Verlag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Schwie­rige Befra­gungs­si­tua­tio­nen meis­tern

Das IAG in Dres­den bietet in Zusam­men­ar­beit mit Günter Schicht Semi­nare zum Thema „Von der Krimi­nal­po­li­zei lernen: – Befra­gungs­tech­ni­ken für Ermitt­lun­gen zu Berufs­krank­hei­ten und Arbeits­un­fäl­len“ an. Infor­ma­tio­nen zu den Termi­nen in 2019 finden Sie auf:
www.dguv.de/iag


Der Erfolg einer Befra­gung hängt in star­kem Maße von einer ausrei­chend gründ­li­chen Vorbe­rei­tung ab.


Foto: privat

Autor: Günter Schicht

Diplom-Kriminalist

Frei­be­ruf­li­cher Sozi­al­wis­sen­schaft­ler, Dozent und Bera­ter

E‑Mail: Guenter.Schicht@web.de

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