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Einsatz und Funktion von Personen-Notsignal-Anlagen

Einsatz und Funk­tion von Personen-Notsignal-Anlagen

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Die verän­derte Arbeits­welt führt zu einer zuneh­men­den Anzahl von Einzel­ar­beits­plät­zen in der Indus­trie und im Dienst­leis­tungs­sek­tor. Dies wirft Fragen auf – vor allem danach, unter welchen Bedin­gun­gen Allein­ar­beit zuläs­sig ist und wie in diesem Fall eine funk­tio­nie­rende Rettungs­kette sicher­ge­stellt wird. Als tech­ni­sches Binde­glied können Personen-Notsignal-Anlagen dienen.

Allein­ar­beit liegt vor, wenn eine Person allein – das heißt außer­halb von Ruf- und Sicht­weite zu ande­ren Perso­nen – Arbei­ten ausführt. Eine zeit­li­che Kompo­nente ist in der Defi­ni­tion nicht enthal­ten; inso­fern handelt es sich bei jegli­chen Tätig­kei­ten in Abwe­sen­heit einer ande­ren Person um Allein­ar­beit. Diese kommt im Arbeits­all­tag in verschie­de­nen Bran­chen und Arbeits­be­rei­chen vor, so etwa in der Bauwirt­schaft, im Transport- und Logis­tik­ge­werbe, in Labo­ren oder der Metall­in­dus­trie. Sie ist auch grund­sätz­lich zuläs­sig, sofern staat­li­che Rege­lun­gen oder Vorschrif­ten der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger die Einrich­tung von konkre­ten Einzel­ar­beits­plät­zen nicht unter­sa­gen (siehe Kasten „Nicht im Allein­gang“).

Rettung im Notfall

Dem Arbeit­ge­ber obliegt im Rahmen der Fürsorge und des Arbeits­schut­zes unter ande­rem die Orga­ni­sa­tion der Ersten Hilfe. Er hat dafür zu sorgen, dass nach einem Unfall unver­züg­lich Erste Hilfe geleis­tet und eine erfor­der­li­che ärzt­li­che Versor­gung veran­lasst wird. Kurz gesagt, er ist für eine funk­tio­nie­rende Rettungs­kette verant­wort­lich. Ein Glied dieser Rettungs­kette ist der Notruf. Um im Notfall einen Notruf abset­zen zu können, sind am Ort der Allein­ar­beit Notruf­mög­lich­kei­ten vorzu­se­hen (siehe DGUV Infor­ma­tion 212–139 „Notruf­mög­lich­kei­ten für allein arbei­tende Perso­nen“). Notruf­mög­lich­kei­ten in diesem Sinne sind zum Beispiel Festnetz- und Mobil­te­le­fone oder Personen-Notsignal-Anlagen (PNA).

Von haupt­säch­li­cher Bedeu­tung ist die Frage nach der Gefähr­dung bei der Allein­ar­beit. Wird eine gefähr­li­che Arbeit von einer Person allein ausge­führt, so hat der Arbeit­ge­ber über die allge­mei­nen Schutz­maß­nah­men hinaus für geeig­nete tech­ni­sche oder orga­ni­sa­to­ri­sche Perso­nen­schutz­maß­nah­men zu sorgen. Grund­sätz­lich sollte eine „gefähr­li­che Arbeit“ nicht von einer Person allein ausge­führt werden!

Pflicht zur Über­wa­chung

Ausnahms­weise kann es aus betrieb­li­chen Gege­ben­hei­ten aber notwen­dig sein, eine Person allein mit einer „gefähr­li­chen Arbeit“ zu beauf­tra­gen. In diesem Fall hat der Arbeit­ge­ber in Abhän­gig­keit von der Gefähr­dung an Einzel­ar­beits­plät­zen geeig­nete Maßnah­men zur Über­wa­chung zu tref­fen. Diese Über­wa­chung kann durch tech­ni­sche oder orga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men umge­setzt werden. Zu den tech­ni­schen Maßnah­men gehört zum Beispiel die Verwen­dung geeig­ne­ter PNA (siehe DGUV Regel 112–139 „Einsatz von Personen-Notsignal-Anlagen“). Zu den orga­ni­sa­to­ri­schen Maßnah­men zählen Kontroll­gänge einer zwei­ten Person oder zeit­lich abge­stimmte Tele­fon bezie­hungs­weise Funk­mel­de­sys­teme.

Die DGUV Regel 112–139 beschreibt Maßnah­men zur Sicher­stel­lung einer Hilfe­leis­tung bei gefähr­li­chen Allein­ar­bei­ten durch den Einsatz von PNA gemäß der Produkt­norm DIN VDE V 0825–1. Grund­le­gend für den Einsatz einer PNA sind die Gefähr­dungs­er­mitt­lung und die Beur­tei­lung der Arbeits­be­din­gun­gen am jewei­li­gen Arbeits­platz. Die Risi­ko­be­ur­tei­lung umfasst dabei:

  • das Maß der Gefähr­dung bei der zu verrich­ten­den Arbeit,
  • die Wahr­schein­lich­keit eines Notfalls (bezo­gen auf die auszu­übende Tätig­keit) und
  • den Zeit­raum bis zum Beginn der Erst­ver­sor­gung.

Risi­ko­be­rech­nung

In der DGUV Regel 112–139 werden Gefähr­dungs­stu­fen und eine Berech­nungs­vor­schrift zur Risi­ko­be­ur­tei­lung fest­ge­legt. Bereits aus der Eintei­lung in die Gefähr­dungs­stu­fen können sich Konse­quen­zen für eine Über­wa­chung des Einzel­ar­beits­plat­zes erge­ben. Für ein akzep­ta­bles Risiko darf R einen Wert von 30 nicht über­schrei­ten. Bei Über­schrei­tung dieses Wertes sind zusätz­li­che tech­ni­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men zur Risi­ko­mi­ni­mie­rung zu tref­fen, sodass sich die Gefähr­dungs­zif­fer oder die Notfall­wahr­schein­lich­keit zuver­läs­sig verrin­gern. Sind Maßnah­men zur Risi­ko­mi­ni­mie­rung nicht möglich und ist R 30, ist Allein­ar­beit auch unter Verwen­dung einer PNA nicht zuläs­sig! Allein­ar­beit ist eben­falls nicht zuläs­sig, wenn beim Vorlie­gen einer kriti­schen Gefähr­dung die Wahr­schein­lich­keit eines Notfalls als hoch einge­stuft werden muss.

Notruf­mög­lich­kei­ten

Sofern die Gefähr­dungs­er­mitt­lung und die Beur­tei­lung der Arbeits­be­din­gun­gen des Einzel­ar­beits­plat­zes nach DGUV Regel 112–139 erge­ben haben, dass die Tätig­kei­ten mit der Gefähr­dungs­stufe „gering“ zu bewer­ten sind, reicht als Notruf­mög­lich­keit ein leitungs­ge­bun­de­nes Tele­fon am Arbeits­platz aus. Wenn ein Mitar­bei­ter völlig allein im Werk arbei­ten soll, also keine weite­ren Personen/Ersthelfer auf dem Gelände anwe­send sind, ist das Tele­fon mit Zugang zum öffent­li­chen Tele­fon­netz auszu­stat­ten (Amts­lei­tung). Ein vom Mitar­bei­ter mitge­führ­tes Mobil­te­le­fon (Handy) ist als mindes­tens gleich­wer­tig anzu­se­hen, sofern auf dem Gelände ausrei­chend gute Netz­ab­de­ckung gege­ben ist. Bereits bei „erhöh­ter“ Gefähr­dungs­stufe und gleich­zei­tig vorlie­gen­der hoher Notfall­wahr­schein­lich­keit ist eine Über­wa­chung mittels PNA erfor­der­lich!

Personen-Notsignal-Anlagen

PNA können nicht vor einem Unfall­ereig­nis oder einer Notsi­tua­tion schüt­zen! Vorran­gig sind deshalb alle Möglich­kei­ten der Risi­ko­mi­ni­mie­rung nach dem STOP-Prinzip auszu­schöp­fen. Erst wenn nicht mehr zu mini­mie­rende Rest­ge­fähr­dun­gen verblei­ben, sollte die Verwen­dung einer PNA in Betracht gezo­gen werden.

PNA sind tech­ni­sche Einrich­tun­gen, mit denen die Rettungs­kette in Gang gesetzt werden kann. Sie bestehen aus einem oder mehre­ren Personen-Notsignalgeräten (PNG), die von den zu über­wa­chen­den Perso­nen getra­gen werden. Die Befes­ti­gung erfolgt beispiels­weise durch einen Gürtel­klipp. Hinzu kommen die Funk­in­fra­struk­tur zur Signal­über­tra­gung und eine besetzte Stelle, bei der die Alarme ange­zeigt und bear­bei­tet werden, die soge­nannte Personen-Notsignal-Empfangszentrale (PNEZ).

Funk­ti­ons­weise

Nach Eintritt eines Notfalls wird der Notruf vom PNG auto­ma­tisch ausge­löst, die Alarm­mel­dung über die Funk­ver­bin­dung zur PNEZ über­tra­gen und dort ange­zeigt. Sofern notwen­dig, wird auch die Posi­tion der in Not gera­te­nen Person an der PNEZ ange­zeigt und gege­be­nen­falls in einer hinter­leg­ten Karte darge­stellt.

PNG müssen neben dem willens­ab­hän­gi­gen Perso­nen­alarm (Notsi­gnal­taste) mindes­tens einen willens­un­ab­hän­gi­gen Perso­nen­alarm unter­stüt­zen, zum Beispiel einen

  • Ruhe­alarm (spricht bei ausblei­ben­der Bewe­gung an),
  • Lage­alarm (spricht bei Über­schrei­tung eines vorge­ge­be­nen Winkels an),
  • Zeit­al­arm (spricht bei ausblei­ben­der Quit­tie­rung an).

Auch eine Unter­bre­chung der Signal­ver­bin­dung zwischen PNG und PNEZ führt zum tech­ni­schen Alarm. Weiter­hin müssen PNG das Auffin­den der in Not gera­te­nen Person erleich­tern, zum Bespiel durch einen lauten Alarm­ton oder die Über­tra­gung von GPS-Koordinaten bezie­hungs­weise Balken­in­for­ma­tio­nen.

Binde­glied Empfangs­zen­trale

Der Mitar­bei­ter an der PNEZ ist für die weitere Alarm­be­ar­bei­tung zustän­dig, beispiels­weise für die Alar­mie­rung und Koor­di­nie­rung der Erst­hel­fer oder profes­sio­nel­len Rettungs­kräfte und gege­be­nen­falls für die Infor­ma­tion weite­rer Perso­nen. Die PNEZ muss die Möglich­keit bieten, alle rele­van­ten Akti­vi­tä­ten, wie zum Beispiel Perso­nen­alarme und tech­ni­sche Alarme sowie deren Bear­bei­tung einschließ­lich Rück­set­zung zu proto­kol­lie­ren.

Verschie­dene Modelle im Handel

Derzeit sind PNA mit unter­schied­li­chen Über­tra­gungs­tech­no­lo­gien am Markt verfüg­bar, zum Beispiel VHF-/UHF-Funk, DECT, TETRA und WLAN. Damit sind Anla­gen sowohl zur Absi­che­rung einzel­ner Arbeits­plätze als auch groß­flä­chi­ger Areale reali­sier­bar. Anla­gen mit der Möglich­keit zur Sprach­kom­mu­ni­ka­tion werden als PNAS bezeich­net. Personen-Notsignal-Anlagen, die zur Signal­über­tra­gung öffent­lich zugäng­li­che Netze, so etwa Mobil­funk­netze, verwen­den, werden als PNA11 bezeich­net.

Fazit

PNA können ein Unfall­ereig­nis oder eine Notsi­tua­tion nicht verhin­dern. Vorran­gig sind deshalb Schutz­maß­nah­men nach dem STOP-Prinzip anzu­wen­den. Bei nicht mehr zu mini­mie­ren­den Rest­ge­fähr­dun­gen und verblei­ben­dem akzep­ta­blen Risiko (R ≤ 30) kann bei Allein­ar­beit die Rettungs­kette durch Einsatz einer PNA sicher in Gang gesetzt werden. PNA bestehen aus von der zu über­wa­chen­den Person getra­ge­nen Personen-Notsignalgeräten, dem Funk­über­tra­gungs­sys­tem und einer beset­zen Stelle, der soge­nann­ten Personen-Notsignal-Empfangszentrale (PNEZ).


Autor: Tilo Tiegs

Leiter des Sach­ge­biets
Personen-Notsignal-Anlagen
im DGUV-Fachbereich PSA

Foto: DGUV

Nicht im Allein­gang!

Allein­ar­beit ist unter ande­rem nicht zuläs­sig bei folgen­den Tätig­kei­ten:

  • Einstei­gen und Einfah­ren in Silos
  • Arbei­ten in Behäl­tern und engen Räumen
  • Arbei­ten von Hand in oder vor Abraum- und Abbau­wän­den
  • Arbei­ten im Gleis­be­reich
  • Spreng­ar­bei­ten

Regel­werk zum Thema PNA

  • DGUV Regel 112–139: Einsatz von Personen-Notsignal-Anlagen
  • DGUV Infor­ma­tion 212–139: Notruf­mög­lich­kei­ten für allein arbei­tende Perso­nen
  • DIN VDE V 0825–1: Über­wa­chungs­an­la­gen – Draht­lose Personen-Notsignal-Anlagen für gefähr­li­che Allein­ar­bei­ten Teil 1: Geräte- und Prüfan­for­de­run­gen
  • DIN VDE V 0825–11: Über­wa­chungs­an­la­gen – Draht­lose Personen-Notsignal-Anlagen für gefähr­li­che Allein­ar­bei­ten Teil 11: Geräte- und Prüfan­for­de­run­gen für Personen-Notsignal-Anlagen unter Nutzung öffent­li­cher Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­netze

Praxis-Tipps

  • Grund­sätz­lich ist die Verwen­dung geprüf­ter und zerti­fi­zier­ter PNA zu empfeh­len. Eine Über­sicht von Herstel­lern von geprüf­ten und zerti­fi­zier­ten Personen-Notsignal-Anlagen ist hier zu finden http://zzmweb.dguv.de (unter Produkt­be­zeich­nung den Such­be­griff „Personen-Notsignal-Anlage“ einge­ben).
  • Weitere Infor­ma­tio­nen stehen auf der Home­page des Sach­ge­bie­tes „Personen-Notsignal-Anlagen“ bereit: www.dguv.de (Webcode d35669)
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