Startseite » Sicherheit » Verkehrssicherheit »

„Brennholz ist kein Grünschnitt!“

Interview mit Michael Girbes zum Thema Ladungssicherung
„Brennholz ist kein Grünschnitt!“

Anzeige
Ungesicherte und falsch gesicherte Ladegüter bedro­hen die Sicher­heit im Straßen­verkehr. Das Unfall­risiko ist all­ge­gen­wär­tig, bestätigt die Polizei. Michael Girbes, Trans­port-Sachver­ständi­ger und Aus­bilder für Ladungssicherung, verdeut­licht im Gespräch seine fach­liche und per­sön­liche Mei­n­ung zu dieser Problematik.

Das Inter­view führte Markus Tischendorf.

Herr Girbes, Sie sind Trans­port-Sachver­ständi­ger und zer­ti­fiziert­er DVR-Mod­er­a­tor für Ladungssicherung. Warum ist Ihnen dieses The­ma so wichtig?

Ich gehe davon aus, dass etwa 80 bis 90 Prozent aller Trans­porte auf deutschen Straßen nicht oder nur teil­weise gesichert sind. Das bedeutet Gefahr für Men­sch und Umwelt.

Mir ist bewusst, dass ich die Zustände allein nicht ändern kann. Aber ich ver­suche durch meine Arbeit, laufende und zukün­ftige Trans­porte ein Stück sicher­er zu gestalten.

Als Sachver­ständi­ger begleit­en Sie regelmäßig die Polizei bei Verkehrskon­trollen. Welche Erfahrun­gen haben Sie dabei gemacht?

Fehler bei der Ladungssicherung passieren mein­er Mei­n­ung nach auf bei­den Seit­en – sowohl bei den Ver­ladern als auch bei den Fahrzeu­glenkern. Die Ver­lad­er unter­stellen den Lkw-Fahrern häu­fig man­gel­haftes Fach­wis­sen. Das ist teil­weise auch zutr­e­f­fend – lei­der. Bei der let­zten Kon­trolle war beispiel­sweise keines der 28 geprüften Fahrzeuge fehler­frei. Ich frage mich aber auch, warum die ver­ladende Wirtschaft trotz ihrer Ver­ant­wor­tung ungesicherte Fahrzeuge über­haupt auf die Straße lässt.

Häu­fig stellt sich die Frage, ob der Ver­lad­er seine Ver­ant­wor­tung auf den Lkw-Fahrer über­tra­gen kann. Wie lautet Ihre Antwort hierzu?

Nein, das ist nicht zuläs­sig. Die zuständi­gen Gerichte in Deutsch­land haben mehrmals fest­gestellt, dass neben dem Fahrer auch der Ver­lad­er, juris­tisch: Leit­er der Ladear­beit­en, für die Ladungssicherung ver­ant­wortlich ist. Rechts­grund­lage hier­für ist § 22 der Straßen­verkehrsor­d­nung. Auch durch zivil­rechtliche Vere­in­barun­gen kann die Pflicht zur Ladungssicherung nicht voll­ständig auf den Fahrer über­tra­gen werden.

Was sollte ein Arbeit­ge­ber ver­an­lassen, um sichere Trans­porte zu gewährleisten?

Der Arbeit­ge­ber muss geeignete Hil­f­s­mit­tel zur Ladungssicherung in aus­re­ichen­der Anzahl zur Ver­fü­gung stellen. Außer­dem sind im Unternehmen Abfahrt­skon­trollen zu organ­isieren und durchzuführen. Und dann sind da noch die Mitar­beit­er. Für die gilt: Regelmäßig unterweisen!

Was sind eigentlich Ver­ladean­weisun­gen und welchen Nutzen haben sie?

Ver­ladean­weisun­gen ver­helfen dem Fahr- und Lade­per­son­al zu ein­er rechtssicheren Durch­führung der Sicherungs­maß­nah­men. Ich führe die Anweisun­gen gerne in ein­er Bild­sprache aus, damit die Inhalte von den Beschäftigten ein­fach­er ver­standen wer­den. Außer­dem verdeut­lichen Fotos und Bilder auch aus­ländis­chen Fahrern, wie die Ladungssicherung vorzunehmen ist.

Welche Hil­f­s­mit­tel zur Ladungssicherung ste­hen dem Fahrer beziehungsweise Ver­lad­er zur Verfügung?

Es gibt viele ver­schiedene Hil­f­s­mit­tel. Die bekan­ntesten sind sicher­lich Zur­rgurte, Antirutschmat­ten und Kan­ten­schutzwinkel. Darüber hin­aus wer­den aber auch Klemm­bret­ter oder Lade­balken zum Sich­ern der Ladung ver­wen­det. Nicht zulet­zt bieten Zurr- und Abdeck­net­ze die Möglichkeit, Güter auf dem Fahrzeug beziehungsweise Anhänger zu halten.

Von Ihnen stammt der Satz: „Brennholz ist kein Grün­schnitt!“ Was hat es damit auf sich?

Mein Nach­bar wollte neulich mit einem ein­fachen Abdeck­netz Baum­stämme trans­portieren. Ich hat­te ihm zuvor erk­lärt, dass man hier­mit leichte Mate­ri­alien wie Grün­schnitt gegen Ver­we­hen schützen kann. Seine Aus­sage daraufhin lautete: „Brennholz ist doch auch Grün­schnitt!“ Das hat mich spon­tan zu ein­er Klarstel­lung auf mein­er Inter­net­seite veranlasst.

Welche Kuriositäten beziehungsweise Fehlein­schätzun­gen sind Ihnen bei Ihrer Arbeit noch untergekommen?

So einiges und defin­i­tiv zu viel, um das hier alles aufzählen zu kön­nen. Es sind auf allen Seit­en Kuriositäten aufge­treten. So hat beispiel­sweise ein Anwen­der einen Swim­ming­pool auf einem Anhänger hin­ter dem Klein­trans­porter hochkant trans­portiert. Ein franzö­sis­ch­er Fahrer wiederum hat­te bei einem Kun­den einen verzink­ten Zaun abge­holt, der nach dem Aufladen etwa einen Meter zur Seite her­aus­ragte. Darauf ange­sprochen erk­lärte der Fahrer, dass er den Zaun bewusst auf der recht­en Seite über­ste­hen lassen hat, da auf der linken Seite ja Lkw über­holen kön­nten. Man kann es sich kaum aus­denken, auf was die Leute alles kommen.

Auf der Grund­lage der Betrieb­ssicher­heitsverord­nung sind Zur­rmit­tel regelmäßig zu prüfen. Wer darf diese Prü­fung durch­führen und wie oft muss sie erfolgen?

Zur­rmit­tel müssen regelmäßig von ein­er befähigten Per­son, also einem Sachkundi­gen, geprüft wer­den. Die Prü­fung erfol­gt in der Regel in einem Abstand von läng­stens zwölf Monat­en. Befähigte Per­so­n­en kön­nen externe Prüfer oder eigene Mitar­beit­er sein, die entsprechend geschult sind.

Welche Maß­nah­men wären auf­grund Ihrer Erfahrun­gen sin­nvoll, um eine Verbesserung im Bere­ich der Ladungssicherung herbeizuführen?

Das The­ma müsste stärk­er als bish­er in den Mit­telpunkt der Arbeits- und Verkehrssicher­heit gestellt wer­den. Auch konkrete Regeln kön­nten an der einen oder anderen Stelle helfen, vorhan­dene Unklarheit­en zu beseit­i­gen. Derzeit darf lei­der jed­er zum The­ma Ladungssicherung referieren, wobei gele­gentlich viel Blödsinn erzählt wird. Eine rechtlich verbindliche Aus­bildereig­nung und Zer­ti­fizierung wären daher sinnvoll.

Abschließend noch ein paar Tipps für jed­er­mann: Worauf ist zu acht­en, wenn man mit dem eige­nen, voll­gepack­ten Auto unter­wegs ist – zum Beispiel auf dem Weg in den Urlaub?

Kurz gesagt: Jedes Pack­stück muss gesichert sein. Beim Ver­stauen des Mate­ri­als darf das Fahrzeug nicht über­laden wer­den. Bei der Ver­wen­dung von Dachträgern auch hier auf die max­i­male Zuladung acht­en. Zudem sollte jedem bewusst sein, dass durch das zusät­zliche Dachgepäck die Anfäl­ligkeit für Seit­en­wind steigt.

Herr Girbes, vie­len Dank für das inter­es­sante Gespräch und weit­er­hin viel Erfolg bei Ihrer Tätigkeit als Sachverständiger!


Netze

Zur­r­net­ze sind gekennze­ich­nete Hil­f­s­mit­tel zur Sicherung von Ladegütern auf Straßen­fahrzeu­gen. Sie beste­hen aus ein­er flächi­gen Maschenkon­struk­tion und geeigneten Spann- oder Verbindungse­le­menten, um eine Verbindung zum Fahrzeu­gauf­bau herzustellen. Mögliche Aus­führun­gen sind beispiel­sweise Abdeck­net­ze, Gurt­band­net­ze, Trennnet­ze sowie geknotete oder gewirk­te Netze.
Weit­ere Infor­ma­tio­nen enthält die VDI-Richtlin­ie 2700 Blatt 3.3 „Net­ze zur Ladungs‧sicherung“, erschienen im Beuth-Ver­lag, Berlin.


Zur Person

Michael Girbes bei ein­er Demon­stra­tion zum The­ma Ladungssicher­heit. Foto: M. Sche­ich, Willich

Michael Girbes ist Sachver­ständi­ger und zer­ti­fiziert­er DVR-Mod­er­a­tor für Ladungssicherung aus Alpen (Nieder­rhein).

Auf der Web­seite www.michael-girbes.de hat der Sachver­ständi­ge Infor­ma­tio­nen zu Beratungs- und Schu­lungs­the­men zusam­mengestellt. Darüber hin­aus betreibt er auf der Seite einen Blog, der regelmäßig mit neuen Beiträ­gen zu den The­men Qual­itäts­man­age­ment, Ladungssicherung und Gefahrgut fort­geschrieben wird.


 

Anzeige
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Webinar
Meistgelesen
Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 5
Ausgabe
5.2021
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 5
Ausgabe
5.2021
ABO
Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de