1 Monat GRATIS testen, danach für nur 3,90€/Monat!
Startseite » Sicherheitsbeauftragter »

Arbeitsunfall im Mutterkuhstall

Sicherer Umgang mit Nutztieren
Arbeitsunfall im Mutterkuhstall

Unfälle mit Tieren kön­nen spek­takulär sein, wenn es sich um Wildtiere oder gefährliche Exoten im Zoo han­delt. Aber auch ver­meintlich zahme Haus- und Nutztiere kön­nen bei Kon­takt mit dem Men­schen zu schw­eren Unfällen beitragen.

Haus- und Nutztiere haben in der Regel einen lan­gen und inten­siv­en Kon­takt mit dem Men­schen. Deshalb wer­den im Umgang mit ihnen bisweilen die notwendi­ge Vor­sicht und Rück­sicht­nahme auf das Tier und sein Ver­hal­ten ver­nach­läs­sigt. Im fol­gen­den Unfall­beispiel geht es um eine Tätigkeit in einem Rinder­stall, genauer gesagt in einem Mut­terkuh­stall. Dort wollte eine Beschäftigte ein Kalb nach der Geburt ver­sor­gen. Dabei wurde sie von der Mut­terkuh ange­grif­f­en und fiel rück­wärts auf den Stall­bo­den. Bei dem Sturz ver­let­zte sie sich die Wirbel im Bere­ich der Lenden­wirbel­säule und war mehrere Wochen arbeitsunfähig.

Erfahrene Tierpflegerin

Was führte zu dem Angriff der Mut­terkuh auf die Beschäftigte? Zuerst muss fest­gestellt wer­den, dass die Verun­fallte aus­ge­bildete Tierpflegerin für Nutztiere ist und langjährig in dem Unternehmen beschäftigt war. Sie führte auch nicht zum ersten Mal die Ver­sorgung von neuge­bore­nen Käl­bern in der Box der jew­eili­gen Mut­terkuh aus. Auch diese Kuh, die noch nie ein aggres­sives Ver­hal­ten gegenüber Men­schen oder anderen Kühen gezeigt hat­te, kan­nte die Beschäftigte seit langem. Die zu ver­rich­t­en­den Tätigkeit­en wie das Über­prüfen der Vital­funk­tio­nen und die Unter­stützung des Kalbes sowie die Kon­trolle der Vital­funk­tio­nen der Mut­terkuh hat­te sie auch bei ihr bere­its mehrfach aus­ge­führt. Die Tierpflegerin hat­te fol­glich nicht mit dem uner­wartet aggres­siv­en Ver­hal­ten des Tieres gerechnet.

Situation am Unfallort

Die Abkalb­box war in einem Lauf­stall unterge­bracht und als soge­nan­nte Grup­pen­abkalb­box aus­gelegt. Zum Zeit­punkt des Angriffs befan­den sich ins­ge­samt drei Mut­terkühe in der Box, von denen zwei noch trächtig waren. Die bei­den anderen Kühe ver­hiel­ten sich zum Zeit­punkt des Unfalls passiv.

Lei­der kon­nten wed­er durch die Mitar­bei­t­erin noch durch andere im Stall tätige Beschäftigte des Unternehmens Angaben über mögliche andere Ein­flüsse wie erhöht­en Lärm, Fahrtätigkeit­en oder Ähn­lich­es gemacht wer­den. Somit wird die Ursache für den plöt­zlichen Angriff der Kuh auf die Pflegerin nicht aufk­lär­bar sein. Möglich ist, dass die Pflegerin aus Verse­hen zu weit in den Sicher­heits­bere­ich der Mut­terkuh einge­drun­gen ist oder diese die Hand­lun­gen am Kalb als gefährlich wahrgenom­men hat.

Unfallschwerpunkt Arbeit mit Rindern

Nach der Unfall­sta­tis­tik der Sozialver­sicherung für Land­wirtschaft, Forsten und Garten­bau (SVLFG) ereigneten sich im Jahr 2020 die meis­ten Unfälle in der Tier­hal­tung bei der Arbeit mit Rindern: Neben sechs Todes­fällen verze­ich­nete sie 5.083 meldepflichtige Unfälle durch direk­ten Tierkon­takt. Das sind fast 60 Prozent aller der SVLFG gemelde­ten Unfälle mit Tieren.

Wenn Men­schen mit Tieren arbeit­en wollen oder müssen, ist immer Vor­sicht und Umsicht geboten. Tiere han­deln nach ihren eige­nen Sicher­heits­bedürfnis­sen. Daher ist es notwendig, das Ver­hal­ten und vor allem die Wahrnehmung der Umwelt durch das Tier zu ken­nen und in das eigene Ver­hal­ten einzubeziehen. Bei Rindern beste­ht das Prob­lem, dass diese Tiere zwar ein sehr großes Sehfeld von cir­ca 330 Grad haben, aber nur schlecht Ent­fer­nun­gen und Tiefen­wirkun­gen ein­schätzen kön­nen. Zudem reagieren Rinder sehr schreck­haft, wenn sich ihnen eine Per­son von hin­ten annähert.

Hohe Geräuschempfindlichkeit

Hören kön­nen Rinder sehr gut, weswe­gen sie sehr sen­si­bel gegenüber laut­en und schrillen Geräuschen sind. So reicht schon eine zuschla­gende Gat­tertür oder das Klap­pern eines Gegen­standes, um ihre Aufmerk­samkeit zu erre­gen und gegebe­nen­falls einen Flucht- oder Abwehrreflex auszulösen. Bei Mut­terkühen sind diese Reak­tio­nen nochmals ver­stärkt, da sie ihre Käl­ber schützen wollen und müssen.

Rinder sind Her­den- und Flucht­tiere. Kleinigkeit­en kön­nen bere­its zu unkon­trol­lierten Reak­tio­nen führen. Es ist deshalb wichtig, ihre art­typ­is­chen Ver­hal­tensweisen genau zu ken­nen. Die Rinder­train­er der SVLFG unter­richt­en nach dem Prinzip des Zonenkonzepts, das anzeigt, ab welch­er Dis­tanz mit welchen Reak­tio­nen der Tiere zu rech­nen ist: Wer sich einem Rind nähert, sollte seine Beobachtungs‑, Bewe­gungs- sowie Flucht- beziehungsweise Angriff­s­zone berück­sichti­gen und dieses Wis­sen für eine gefahre­n­arme Tätigkeit mit dem Tier nutzen (Abbil­dung oben). Zudem bietet die SVLFG weit­er­führende Infor­ma­tio­nen zur sicheren Arbeit im Rinderstall.


Foto: © Foto­stu­dio City Col­or Mun­schke, Weimar

Autor: Dipl.-Ing. Ulf‑J. Schappmann

Sicher­heitsin­ge­nieur VDSI

SIMEBU Thürin­gen GmbH


Weiterführende Informationen

  • Unfal­lver­hü­tungsvorschrift der SVLFG:  VSG 4.1 Tier­hal­tung, Aus­gabe April 2021. Die Vorschriften für Sicher­heit und Gesund­heitss­chutz (VSG) der SVLFG sind für alle Ver­sicherten bindend.
  • SVLFG Broschüre B20 „Aktuelles zu Sicher­heit und Gesund­heitss­chutz Rinderhaltung“
  • SVLFG Fly­er F08 „sich­er & gesund – Arbeit­en im Rinderstall“
  • Links zu diesen Mate­ri­alien sowie weit­ere Infor­ma­tio­nen gibt es unter www.svlfg.de/rinderhaltung

Veranstaltungsreihe
Veranstaltungsreihe PSA erleben
Newsletter

Jet­zt unseren Newslet­ter abonnieren

Jobs
Sicherheitsbeauftragter
Titelbild Sicherheitsbeauftragter 8
Ausgabe
8.2022
ABO
Sicherheitsingenieur
Titelbild Sicherheitsingenieur 7
Ausgabe
7.2022
ABO

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de