Herbert Streibel. Nach-gefragt -
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Nach-gefragt

Herbert Streibel

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Seit rund 100 Jahren betreibt die Berg­wacht Bayern den Rettungs­dienst in den baye­ri­schen Alpen. Herbert Streibel, Refe­rent für Sicher­heit und Ausbil­dung bei der tradi­ti­ons­rei­chen Orga­ni­sa­tion, findet es grund­sätz­lich posi­tiv, dass es immer mehr Menschen ins Gebirge zieht – trotz der erhöh­ten Unfall­zah­len: Etwa die Hälfte der 12.000 Einsätze jähr­lich betref­fen den Rettungs­dienst, Tendenz stei­gend.

Herr Streibel, wie bewah­ren Sie bei Rettungs­ein­sät­zen einen kühlen Kopf – schließ­lich sind nicht selten Menschen­le­ben in Gefahr, wenn die Berg­wacht alar­miert wird?

Hier helfen unsere neue­ren, stan­dar­di­sier­ten Rettungs­ver­fah­ren, sie nehmen den Stress beim Einsatz. Um vor Ort nicht impro­vi­sie­ren zu müssen, sind die Vorge­hens­wei­sen immer gleich. Die Verfah­ren werden zudem regel­mä­ßig einge­übt und trai­niert.

Bege­ben Sie sich mitun­ter selbst in Gefahr, um Verun­glückte zu bergen?

In der Basis­aus­bil­dung wird zum einen das Gefah­ren­be­wusst­sein geschult, zum ande­ren gibt es ein Risi­ko­ma­nage­ment für die Berg­ret­tung. Das heißt, wir setzen ein etwas erhöh­tes Risiko ein, wenn noch Leben zu retten ist. Ist dies nicht der Fall, gehen wir kein erhöh­tes Risiko ein. Je nach­dem, welches Gefah­ren­po­ten­zial vorherrscht, macht das Risiko‐Management hier ganz klare Vorga­ben.

Im Winter, bei Lawi­nen­ge­fahr, ist das Risiko natür­lich beson­ders hoch. Bei einem Gefah­ren­po­ten­zial der inter­na­tio­na­len Gefah­ren­stu­fen vier und fünf rücken wir nicht aus. Dieses Gefah­ren­po­ten­zial muss aber auch vor Ort gege­ben sein, das heißt der Lage­be­richt muss dahin­ge­hend über­prüft werden, ob er auch lokal zutrifft. Wenn nicht, erfolgt eine eigene Gefah­ren­be­ur­tei­lung, die wir anhand einer Matrix vorneh­men. Bei Gefah­ren­po­ten­zial der Stufe drei, also wenn eine Person an Steil­hän­gen über 30 Grad poten­zi­ell eine Lawine auslö­sen kann, ergän­zen wir die normale Notfall­aus­rüs­tung durch ein Verschüt­te­ten­such­ge­rät, eine Schau­fel und einen ABS‐Rucksack, der aufschwimmt und somit eine Verschüt­tung verhin­dern kann.

Wenn es um Absturz­si­che­rung geht, orien­tie­ren wir uns an der Sicher­heits­for­schung für das Berg­stei­gen. Die Anfor­de­run­gen im Indus­trie­be­reich sind hier noch einmal etwas anders gela­gert.

Wie wich­tig sind – neben den sicher­heits­tech­ni­schen Vorkeh­run­gen – Erfah­rung und persön­li­che Verfas­sung?

Ganz entschei­dend! Es ist Aufgabe des Einsatz­lei­ters im jewei­li­gen Führungs­kreis, die rich­tige Person mit der rich­ti­gen Ausrüs­tung zum rich­ti­gen Ort zu brin­gen. Für die akti­ven Einsatz­kräfte haben wir eine einheit­li­che Prüfungs­ord­nung, die mit dem Eignungs­test Sommer und Winter beginnt. Bei diesem Test werden die berg­stei­ge­ri­schen Fähig­kei­ten und die kondi­tio­nel­len Fähig­kei­ten über­prüft, also Klet­ter­kön­nen, Skitech­nik, alpi­nes Gefah­ren­be­wusst­sein, Umgang mit Lawi­nen­ge­fahr, Siche­rungs­tech­nik im Fels und bei Schnee und Eis. Erst dann kommen die Rettungs­lehr­gänge aufbau­end hinzu: Rettungs­ver­fah­ren Sommer, Rettungs­ver­fah­ren Winter, Notfall­me­di­zin und Luft­ret­tung. Darüber hinaus ist Natur­schutz ein Thema. Erst wenn all diese Prüfun­gen bestan­den sind, gilt die Person als aktive Einsatz­kraft. Natür­lich schlie­ßen sich jähr­li­che Fort­bil­dun­gen und Trai­nings an. Wir legen beson­de­ren Wert auf die Förde­rung prak­ti­scher Hand­lungs­kom­pe­tenz – neben dem theo­re­ti­schen Wissen, auf das sich Unter­wei­sun­gen meis­tens beschrän­ken.

Immer mehr Touris­ten stür­men per Seil­bahn die Gipfel, Trend­sport­ar­ten verlo­cken dazu, in unbe­rührte Berg­re­gio­nen vorzu­drin­gen. Ärgern Sie sich manch­mal über die Sorg­lo­sig­keit der Leute?

Nein, so denke ich nicht. Wir haben in Bayern den offi­zi­el­len Auftrag, den Rettungs­dienst im alpi­nen unweg­sa­men Gelände sicher­zu­stel­len. Wir sind dabei abso­lut neutral. Das heißt, wir verur­tei­len niemand, der verun­fallt und werden immer versu­chen, Verun­glückte best­mög­lich zu retten und notfall­me­di­zi­nisch zu versor­gen. Als Berg­füh­rer bin ich inzwi­schen seit drei­ßig Jahren haupt­be­ruf­lich im Gebirge unter­wegs. Ich verstehe, dass es die Menschen in die Berge zieht, das macht Spaß und ist auch gut so. Letzt­end­lich ist es
siche­rer und gesün­der als sich nicht zu bewe­gen!

Aber natür­lich bekom­men wir das neue Frei­zeit­ver­hal­ten zu spüren: Früher hatten wir haupt­säch­lich am Wochen­ende zu tun, mitt­ler­weile gibt es keinen Unter­schied mehr zwischen Wochen­ende oder Wochen­tag. Die Outdoor‐Sportarten haben zuge­nom­men und es sind auch ganz andere Bevöl­ke­rungs­grup­pen im alpi­nen, unweg­sa­men Gelände unter­wegs.

Summa summa­rum regis­trie­ren wir eine Viel­falt an Akti­vi­tä­ten, die es vor vier­zig Jahren noch gar nicht gege­ben hat. Durch die Trend­sport­art Gleit­schirm­flie­gen haben wir zum Beispiel zuneh­mend mit Perso­nen zu tun, die in Bäumen hängen­blei­ben. Dafür hat die Berg­wacht Bayern nun auch ein stan­dar­di­sier­tes Rettungs­ver­fah­ren entwi­ckelt. Also wir gehen mit der Zeit und reagie­ren auf die Anfor­de­run­gen, die an uns gestellt werden.


Steck­brief

  • gebo­ren 1954 in Garmisch‐Partenkirchen
  • Beruf: Seit über 30 Jahren staat­lich geprüf­ter Berg‐ und Skifüh­rer
  • Refe­rent für Sicher­heit und Ausbil­dung bei der Berg­wacht Bayern
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